Annäherung an Luther ?

Leserbrief an „Die Tagespost“. Oktober 2012

 

     In seiner Dogmatischen Konstitution über die göttliche Offenbarung ermahnt uns das II. Vatikanische Konzil, „Schrift und Überlieferung mit gleicher Kindesgesinnung anzunehmen und zu verehren“. Damit wird in aller nur wünschenswerten  Klarheit zum Ausdruck gebracht, daß man nur dann katholisch ist und dem Gebot des „sentire cum ecclesia“ entspricht, wenn man die Tradition und damit  d a s , was die Kirche immer gelehrt hat, zwar jeweils deutlicher entfalten mag, aber niemals verändern darf, sondern vielmehr unverbrüchlich und ohne jede Umdeutung bewahren muß. Denn diese „Heilige Überlieferung“, so sagt das Konzil an der gleichen Stelle, „gibt das Wort Gottes, das von Christus dem Herrn und vom Heiligen Geist den Aposteln anvertraut worden ist, deren Nachfolgern unversehrt weiter, damit sie es im Lichte des Geistes der Wahrheit in ihrer Verkündigung treu bewahren, erklären und verstehen.“

    Liest man diese Mahnung,  dann kann man nur erstaunt sein, daß neuerdings immer wieder der Versuch gemacht wird, die Piusbruderschaft in die Nähe Luthers zu rücken, wie das jetzt wieder Kardinal Koch in seinem DT Interview getan hat (DT v. 2. Aug. 2012 S. 5).  Er begründet dies damit, daß die „Piusbrüder“ offensichtlich davon ausgingen, daß das Zweite Vatikanische Konzil Fehler gemacht habe und es eine auf Luther zurückgehende Behauptung sei, daß Konzilien auch irren können.

    Wir sehen hier ganz davon ab, daß im Gegensatz zu der Auffassung des Kardinals gar kein Zweifel daran sein kann, daß die Texte des II. Vatikanums höchst verschiedene Verbindlichkeit besitzen, wie das neuerdings wieder Kardinal Brandmüller mit Recht hervorgehoben hat. Auch Kardinal Koch wird der Konzilserklärung „Gaudium et Spes“ und ihrem Fortschrittoptimismus, zu dem sich selbst der Hl. Vater kritisch geäußert hat, nicht dieselbe Verbindlichkeit zuerkennen wie der oben erwähnten Konstitution über die göttliche Offenbarung !  Wesentlicher ist jedoch, daß es gerade Luther und der Protestantismus waren, die mit der Tradition des Glaubens und den sich aus ihm ergebenden Frömmigkeitsformen radikal gebrochen, das Priestertum, das hl. Meßopfer, den katholischen Gnadenbegriff, die Marien- und Heiligenverehrung, die hierarchische Struktur der Kirche radikal abgeschafft haben und diese Liquidierung der Tradition philosophisch durch einen Nominalismus untermauerten , wie er radikaler nicht sein kann.

     Wie man unter diesen Umständen die „Priesterbrüder“, die nun wirklich kein Jota der Tradition aufgeben, in die Nähe Luthers rücken kann, bleibt mehr als schleierhaft.

Umgekehrt kann man sagen, daß der Ökumenismus, wie er nicht nur vom Konzil gefordert, sondern heute praktiziert wird und dazu geführt hat, daß eine evangelische „Bischöfin“ in Münchener Liebfrauendom für die Pille werben konnte, nun wirklich keine Stütze in der Tradition hat. Man erinnere sich nur daran, wie die Kirche    bis zu den Pius-Päpsten immer  die protestantischen Häresien als schwerste Gefährdungen unseres Glaubens und damit unseres Seelenheiles verurteilt haben. Ebenso bedeutet das Dekret „Nostra aetate“ über die nicht-christlichen Religionen und den Wahrheitsgehalt, der in ihnen angeblich enthalten sei, einen radikalen Traditionsbruch. Vor dem Konzil hätte man selbstverständlich darauf hingewiesen, daß die sogenannten Elemente der Wahrheit im Hinduismus, im Islam, im Buddhismus untrennbar mit zerstörerischen Irrlehren verschmolzen seien und  daher keine Rede davon sein könne, daß auch in ihnen der „Geist Christi“ gegenwärtig sei, wie das im Dokument der Internationalen Theologenkommission: „Das Christentum und die anderen Religionen“ vom 30. September 1996 behauptet wird. Ja, man hätte die interreligiösen Assisi-Treffen höchstwahrscheinlich als „Greuel der Verwüstung an hl. Stätte bezeichnet“ (vgl. dazu die Enzyklika Pius XI. „Mortalium animos“, die mit beschwörender Eindringlichkeit vor solchen Zusammenkünften warnt). Und auch die Lehre von der Religionsfreiheit stellt einen radikalen Bruch mit der Tradition dar. Gewiß hat  die Kirche immer gelehrt hat, daß niemand gezwungen werden darf,  eine bestimmte Religion anzunehmen. Aber vor dem Konzil wäre man  gar nicht auf den Gedanken gekommen, die Religionsfreiheit gegen das Königtum Christi über die Gesellschaft auszuspielen.

    Statt groteskerweise die Piusbruderschaft mit Luther zu vergleichen, sollte man lieber mit ihr über den Traditionsbegriff diskutieren, an dem sie festhält und der davon ausgeht, daß eine Tradition – auch wenn sie  „lebendig“ ist - nicht diskontinuierlich sein, geschweige denn aus lauter Brüchen bestehen kann.

Prof. Dr. Walter Hoeres, 60431 Frankfurt am Main