Neuevangelisierung                                                                                                                                                    (5.9.2015)

Ein Leserbrief von Professor Dr. Walter Hoeres

Die Leserbriefe zum Interview mit Herrn Bischof Algermissen sind gewiss sehr anregend und bedenkenswert, aber es fehlt  m.E. ein wichtiger Hinweis.

 Auf vielen theologischen Lehrstühlen wird das, was die Kirche zu glauben vorstellt, nicht mehr vertreten. Die Folge ist, dass die angehenden Priester, Pastoralassistenten usw. im Studium zutiefst verunsichert werden. Und das wirkt sich wiederum auf die spätere Verkündigung aus, die dann  oft in einem flachen, von allen Ecken, Kanten und allem Glanz  entleerten, humanistisch getönten Christentum endet, das sich mit der Botschaft begnügt, dass Gott uns so annimmt, wie wir nun einmal sind und „Himmel bei Gott sein“ ist.

In der Tagespost vom 30. Mai 2009 kommt Kardinal Brandmüller zu dem erschütternden Ergebnis: „Es genügt etwa, die Werke der meisten zeitgenössischen katholischen Neutestamentler mit der Konzilskonstitution ‚Dei verbum‘ über die göttliche Offenbarung zu vergleichen, um zwischen beiden große Widersprüche festzustellen. Eine nicht geringe Anzahl von Neutestamentlern ist davon überzeugt, dass Joseph der Vater Jesu ist und dass das leere Grab am Ostermorgen ein Interpretament und keineswegs eine historische Tatsache ist. Gleiches gilt von den im Neuen Testament berichteten Wundern Jesu. Und nach der wesenhaften Gottessohnschaft Jesu Christi befragt, würden nicht wenige ausweichende Antworten geben.“  Zeitgleich bezieht sich der bekannte katholische Exeget Klaus Berger in der Tagespost unter Berufung auf einen Sammelbericht der „Herder-Korrespondenz“ 2007 ebenfalls auf den Tiefstand der Exegese: „Alternativlos und damit positiv wird Jesu Mahlwunder als ‚narrative Ausgestaltung einer Massenspeisung‘ dargestellt. Die Frage danach, woher denn das viele Brot für die Massen kam, wird offenbar als ‚narrative Ausgestaltung‘ gedacht…..Die Verklärung sei eine ‚Jüngervision‘, also ohne Grundlage in wirklicher Geschichte. Und ebenfalls ohne Protest kann die ‚Jungfrauengeburt‘ als theologische Konstruktion durchgehen.“

Weithin wird die Gottessohnschaft Christi damit erklärt, dass seine Jünger so „fasziniert“ von ihm waren, dass sie ihm solche Hoheitstitel gaben. Dass Christus sich am Kreuz zur Sühne für unsere Sünden hingegeben und uns so erlöst hat, wird ebenso häufig als Ausgeburt einer längst überholten „Anselmschen Satisfaktionstheorie“ bestritten. Denn welcher Vater, so heißt es immer wieder, lasse seinen Sohn auf so schrecklicher Weise für die Sünden anderer leiden. Und so werden wir  schlicht und einfach mit der Angabe abgespeist, dass „Jesus“ als Solidarität mit uns diesen Tod erlitten hat. Der Trick, der hier angewandt wird, besteht darin, die unendlich heilige und anbetungswürdige Majestät Gottes mit einem menschlichen Vater gleichzusetzen. Davon, dass die heilige Messe auch ein Sühnopfer ist, wird schon lange nicht mehr gesprochen und deshalb ist die allgemeine Ersetzung des Begriffs „Messopfer“ durch den der „Eucharistiefeier“ in den Gottesdienst-Anzeigen alles andere als ein Zufall. Gewiss sagen uns manche Oberhirten immer wieder, wie gut und angemessen es sei, zu beichten. Aber dass die Beichte einfach heilsnotwendig ist, wenn man eine schwere Sünde begangen hat und dann zur Kommunion gehen will, das kommt nirgends mehr klar zum Ausdruck. Im Zusammenhang damit besteht eine tiefe Rechtsunsicherheit, was im Hinblick auf das 6. Gebot erlaubt ist und wo hier die schwere Sünde anfängt. Und das auf einem Gebiet, das doch praktisch jeden betrifft ! Betrachtet man zudem die neueren Veröffentlichungen zur Eschatologie, d.h. zur Lehre von den letzten Dingen, dann ist es bedenklich unklar, was nach dem Tode von uns bleibt.

Hinzu kommt, dass im Religionsunterricht der weiterführenden Schulen zwar relativ viel an religionskundlichen Informationen vermittelt wird. Aber es fehlt eine gründliche systematische Einführung in die Gottes- und Gnadenlehre, in die  Christologie, die Lehre von der Kirche als dem mystischen Leib Christi, die Lehre von den Sakramenten und nicht zuletzt die Mariologie. Das ist tief bedauerlich, weil angesichts des Priestermangels alles auf die Eltern und Erzieher ankommt, die in der Lage sein müssen, den Glauben unverfälscht und unverkürzt weiterzugeben. Aber davon kann leider schon lange keine Rede mehr sein!

Es ist mehr als befremdlich, dass bei der endlosen Debatte über die Neuevangelisierung von diesen Dingen kaum geredet wird.

Erstveröffentlichung des Leserbriefes am 18.8.2015 in der Tagespost