(26.1.2016)

Offener Brief

an Michael Boddenberg,

Vorsitzender der CDU-Fraktion im hessischen Landtag,

zum neuen hessischen Sexualerziehungslehrplan

 

Sehr geehrter Herr Boddenberg,

für Ihren Antwortbrief auf mein Schreiben vom 26. 10. bedanke ich mich. Sie bemerken, dass Sie Verständnis hätten für meine „geäußerten Sorgen“ im Zusammenhang mit dem neuen Sexualerziehungsplan. Sie würden daher „gerne auf die geäußerten Bedenken eingehen“.

Tatsächlich sind Sie in den folgenden zwei Seiten mit keiner Zeile auf meine konkreten Bedenken eingegangen. Sie haben sich nur zu allgemein kritisierten Punkten am neuen Erlass geäußert, indem Sie ein Schreiben des Kultusministers  an seine Kritiker leicht verändert als Ihren Antwortbrief an mich ausgegeben haben.

Damit erweisen sich Ihre eingangs benutzten Worte und Wendungen vom ‚Verständnis für Sorgen’ und dem ‚Eingehen auf Bedenken’ als populistischer „Wohlsprech“. Mit einem solchen Vorgehen verstärken Sie das Unbehagen der Bürger an den herrschenden Politikern. Auch Ihre inhaltlichen Aussagen zum Lehrplan sind vielfach postfaktische Sprechblasen:

1. Keine staatschulische Berücksichtigung der Elternrechte

Im ersten Punkt Ihres Schreibens gehen Sie auf die Elternrechte ein. Ihr besonderes Anliegen sei „das natürliche Recht der Eltern auf Pflege und Erziehung ihrer Kinder nach Art. 6 (2) Grundgesetz“. Laut Bundesverfassungsgericht muss das Erziehungsrecht der Eltern auch in der  Schule beachtet werden – etwa bei der „ganz persönlichen Einstellung zur Sexualität“ ihrer Kinder.

Doch Ihr Lehrplan hält sich nicht daran. Eine irgendwie geartete Berücksichtigung der elterlichen Sorgen und Anliegen ist nicht vorgesehen. Nachdem die Themen-Empfehlungen des alten Lehrplans zu „verbindlichen Inhalten“ erklärt wurden, ist eine verhandelnde Aussprache mit den Lehrern nicht mehr möglich. Die Eltern werden zu reinen Informationsempfängern degradiert. Ihr „besonderes Anliegen“ ist eine hohle Ankündigung.

2. Frühsexualisierung in der Grundschule

Sie weisen den „oftmals erhobenen Vorwurf zurück, dass nach dem neuen Lehrplan eine Frühsexualisierung stattfinde“. Dazu zählen Sie einige verbindliche Themen aus dem Grundschullehrplan auf. Es ist allerdings verräterisch, dass Sie das entscheidende Thema unter den Tisch fallen lassen: „kindliches Sexualverhalten“.

Auch die ständige Wiederholung macht die folgende Behauptung nicht richtiger: Kinder hätten vom Kleinkindalter bis zum Ende der Latenzzeit sexuelle Bedürfnisse und Triebkräfte, die sich in kindlichem Sexualverhalten ausdrücken würden. Diese These ist von dem umstrittenen Autor A. Charles Kinsey vor 60 Jahren aufgebracht worden. Doch seine ‚wissenschaftlichen’ Ergebnisse wie z. B. Orgasmusfähigkeit von vorpubertären Kindern hat er durch Missbrauchsmanipulationen von Pädophilen erzeugt.

Es ist weder im Sinne der Eltern noch sachlogisch oder wissenschaftlich begründet, wenn in die Handlungen von Kindern vor der Pubertät „kindliches Sexualverhalten“ hineingedeutet wird bzw. den Kindern sexuelle Interessen eingeredet werden.

3. Die skandalöse Eliminierung von Ehe und Familie aus dem Lehrplan

Auch zum nächsten Punkt machen Sie leere Versprechungen ohne irgendeinen Realisierungsgehalt. Sie zitieren eine Vorgabe aus dem Einleitungskapitel des Lehrplans: „Sexualerziehung soll (…) die grundlegende Bedeutung von Ehe und Familie vermitteln.“ Diese Direktive erweist sich als postfaktische Sprechblase ohne Bedeutung. Denn nichts davon wird im späteren 3. Kapitel bei den 29 unterrichtsrelevanten Themen und Inhalten eingelöst.

Obwohl das hessische Schulgesetz (Paragraph 7) die Schule ausdrücklich zu dieser Themenbehandlung verpflichtet, ist sie in keiner der vier Altersstufen vorgesehen. Während der gesamten Schulzeit vom 6. bis zum 19. Lebensjahr sollen die Schüler nichts von Ehe und Familie erfahren. Die nach Grundgesetz und der hessischen Verfassung herausragende Bedeutung dieser Institution wird unterschlagen. Erst recht geschieht in der Schule keine Werteerziehung mit der Perspektive auf Ehe und Familie, Liebe und Treue hin. Diese Verdrängung einer zentralen, grundgesetzlich verankerten Wertinstitution wie Ehe und Familie aus dem Sexualerziehungslehrplan ist das besonders Skandalöse an diesem CDU-Lehrplan. Das komplette Wertesystem von bipolarer Ehe, Elternschaft und Familie soll durch das genderorientierte Konzept von Sexualität der Vielfalt ersetzt werden.

4. Genderorientierte Vielfalt von Geschlechts- und Sexualitätsvarianten

Sie behaupten in Ihrem Schreiben, „dass der neue Lehrplan an keiner einzigen Stelle einer wie auch immer gearteten ‚Gender-Ideologie’ das Wort redet“. Tatsächlich kommt das Wort ‚Gender’ nicht vor - aber dessen Inhalt. Denn die Lehrplanziele von der Vielfalt der Geschlechter, sexuellen Orientierungen und Partnerschaftsformen ist reine Genderideologie.

Mit der acht Mal vorkommenden Begrifflichkeit „Vielfalt der Geschlechtsidentitäten“ wird den Lehrern und Kindern schon sprachlich suggeriert, dass es neben der geschlechtlichen Dualität von männlich/weiblich eine Vielzahl von weiteren Geschlechtern gäbe. Doch diese angeblich regenbogenbunte Geschlechter-Pluralität ist ein fake der Gendertheorie.

Der Sache nach geht es um Anomalien von der natürlichen Zweigeschlechtlichkeit. Im Promille-Bereich kommen trans- und intersexuelle Menschen vor, die physisch oder psychologisch uneindeutige oder „gestörte geschlechtliche Identitäten“ haben (WHO). Insofern ist die Formel von der „Vielfalt der geschlechtlichen Identitäten“ schon begrifflich eine Zumutung. Daneben ist es eine irreführende Charakterisierung, das quantitative Promille-Verhältnis zwischen Regel und Ausnahme als „Vielfalt“ zu bezeichnen.

Bei der angeblichen „Vielfalt der sexuellen Orientierungen“ schreibt der Lehrplan ebenfalls eine verzerrte Sicht auf die Wirklichkeit vor. Denn bei 1,9 Prozent erwachsenen Homosexuellen – so eine Emnid-Befragung von 2000 -, also einem Größenverhältnis von 98 zu 2, von „Vielfalt“ zu sprechen ist unsinnig.

In Deutschland leben knapp 18 Millionen Paare in der ehelichen Lebensform. Dazu stehen die 43.000 eingetragenen gleichgeschlechtlichen Partnerschaften im Promillebereich von 0,2 Prozent. Die Vermittlung dieser statistischen Verhältnisse als „Vielfalt der Partnerschaftsformen“ ist ebenfalls eine absurd verzerrte Abbildung der Realität.

In dem norwegischen Film: „Gehirnwäsche – das Gleichstellungsparadox“ entlarvt der Autor Harald Eia die Theoriegespinste der Genderideologie. Der Film mit Untertiteln ist aufrufbar unter: https://www.youtube.com/watch?v=3OfoZR8aZt4.

Auch schulische Geschlechtererziehung darf sich nicht auf ideologische Konstrukte stützen, sondern muss auf wissenschaftlich fundierten und empirisch abgesicherten Ansätzen aufbauen. In diesem Fall heißt die Evidenzbasis: Männliche und weibliche Menschen sind physisch und psychisch lebenslang durch ihr Geburtsgeschlecht geprägt.

5. Ethische Bevormundung durch indoktrinierenden Gesinnungslehrplan

Sie gehen in Ihrem Schreiben auf einen Streitpunkt ein. Sowohl die Mehrheit im Landeselternbeirat wie auch die Vertretung der katholischen Bischöfe haben sich für die Haltung der Toleranz gegenüber verschiedenen Wertvorstellungen im Bereich der Sexualität ausgesprochen. Nach der gesetzlich vorgegebenen Toleranzvorgabe dürfen die Eltern erwarten, dass Schule und Lehrer sich bei verschiedenen Wertvorstellungen zu Sexualitätsfragen tolerant und neutral verhalten.

Der hessische Kultusminister lehnt das Toleranzgebot für die staatliche Schule ab und damit auch die Neutralitätsauflage bei strittigen Themen.  In einseitiger Fokussierung stehen nur die umstrittenen Theorien der genderorientierten Geschlechtervielfalt und der Vielzahl von sexuellen Orientierungen auf dem Programm.

Auch das zivilgesellschaftliche Toleranz-Gebot soll nicht mehr gelehrt und gelernt werden. Grundrechtlich ist die entsprechende Maxime substantiell, nach der die Menschen die jeweils anderen Meinungen, Wertvorstellungen und Lebensweisen als individuelle Rechte achten, ohne sie billigen zu müssen.

Stattdessen verpflichtet der Lehrplan die Lehrpersonen dazu, von den Schülern wertschätzende Urteile  für Theorie und Praxis der ‚sexuellen Vielfalt’ einzufordern. Die Kinder und Jugendlichen sollen dahingehend gelenkt werden, unter dem Leitbegriff ‚wertschätzende Akzeptanz’ verschiedene adulten Sexualitätsvariationen von Minderheiten gut zu finden. Damit greift die staatliche Pflichtschule ein in „Persönlichkeitsaspekte, die zutiefst privat sind und primär in den elterlichen Erziehungsbereich gehören“ – so der Vorsitzende des Hessischen Philologenverbandes.

Der Kultusminister betreibt eine moralische Bevormundung in Fragen der Sexualität. Er will der heterosexuellen Mehrheit von Schülern und Eltern vorschreiben, welche Meinungen sie zu den Minderheiten-Sexualitäten haben sollen. Der neo-paternalistische Staat greift mit diesem Gesinnungslehrplan in das Freiheitsrecht der Menschen ein, eine „ganz persönliche Einstellung zur Sexualität“ zu haben.

2015 hatte die Schwulenstolzparade Hamburg die Parole ausgegeben: „Akzeptanz ist schulreif. Vielfalt auf den Stundenplan“. Der hessische Kultusminister machte dieses Lobby-Programm flugs zum verbindlichen Ziel der schulischen Sexualerziehung für alle.

Wie lange lässt sich die Mehrheitsgesellschaft durch die fake-Parolen der Minderheiten-Lobby irre machen? Wann erkennen die Medien, dass sie mit der sexuellen Vielfalts-Agenda einen sexualpolitischen Extremismus fördern? Wenn sich die CDU-Führung weiterhin vor den grünen Karren homosexueller Interessengruppen spannen lässt auf Kosten von Ehe und Familie, wird das der ehemaligen Familien-Partei viele Stammwähler-Stimmen kosten.

Als Resümee meiner Lehrplananalyse kann ich Ihnen und Ihrer Fraktion, Herr Boddenberg, nur dringend empfehlen, sich für eine baldige Revision der Richtlinie einzusetzen.

Mit freundlichen Grüßen

Hubert Hecker, OStR a. D.                                               65599 Dornburg, 20. 1. 2017