Nacht über Afrika und dem Orient   (12.07.2014)

Unsere Appeaser in Kirche und Welt

Von Walter Hoeres

Si hi tacuerint, lapidesclamabunt. Wenn diese schweigen, werden die Steine schreien. Luk. 19, 40

Exodus nach 2000 Jahren

Das Urteil schockiert, aber überraschend ist es nach der Auslöschung ganzer Christentümer im Orient nicht. In der sudanesischen Hauptstadt Khartoum hat ein Gericht eine junge Christin von 27 Jahren wegen Glaubensabfall zum Tode und zusätzlich gemäß der Scharia zur Folter von 100 Peitschenhieben verurteilt. Und das, obwohl sie glaubhaft bekunden konnte, von ihrer christlichen Mutter  christlich erzogen worden und deshalb  niemals von muslimischen Glauben abgefallen zu sein ! Dass der Kirchenhass des Islam keinem Missverständnis des Koran, sondern seiner genuinen Intention entspricht, hat uns Norbert Clasen in gründlichen Recherchen in diesen Spalten gezeigt. Dass es sich bei  Kirchenverfolgungen des Islam nicht um eine Serie von Betriebsunfällen handelt, beweist die Blut- und Flammenspur, die er in die Geschichte des Abendlandes eingezeichnet hat: angefangen von der Verheerung der einstmals blühenden und schließlich christlichen Regionen Nordafrikas, die zu den reichsten Provinzen des Imperium Romanum gehörten bis zur blutigen Eroberung Konstantinopels 1453 und der Unterwerfung ganz Südosteuropas.[1]

Trotz dieser düsteren Geschichte muss die Frage erlaubt sein, ob der Islam nicht in der jüngsten Vergangenheit eine Radikalisierung durchgemacht hat. Dafür spricht, dass es im Mittelalter  bei den Arabern berühmte philosophische Schulen wie die des Avicenna (980-1037) und die des Averroes (1126-1198) gegeben hat, welche die großen christlichen Philosophen der Hochscholastik tief beeinflusst haben. Ja, man kann mit einiger Übertreibung sagen, dass diese arabische Philosophie eine der großen Schienen gewesen ist, auf der die Ideen von Platon, Aristoteles und vor allem des Neuplatonismus zu uns gekommen sind.[2]Freilich konnten sich jene Philosophen nur halten, weil sie wie besonders der große Avicenna, den der hl. Thomas von Aquin, aber auch der selige Johannes Duns Scotus häufig zitieren, als Ärzte zahlreichen Fürsten dienten und unter ihrem Schutz standen.

Für die These der Radikalisierung spricht auch, dass die unterworfenen Christen der Balkan-Länder nicht ausgerottet, sondern immerhin als „Dhimmis“, als Bürger zweiter Klasse bis zu ihrer Befreiung im 19. Jahrhundert eine Art Heloten-Dasein fristen durften. Heute aber ist es  so, dass es in den Ländern, in denen der Islam herrscht, keine „Dhimmis“, sondern nur noch Märtyrer zu geben scheint ! Es gehört zu den Ironien der jüngsten Geschichte, dass sich die Christen unter dem tyrannischen Regime von Saddam Hussein und in der Diktatur von Assad relativ sicher fühlen konnten, während sie jetzt nach der „Befreiung“ im Irak und seit der Revolution in Syrien  keinen Tag ihres Lebens sicher sein können.

Europas heilige Retter

Neu ist auch das Verhalten der Kirche in dieser apokalyptischen Situation, für die der Irak und Syrien nur zwei besonders makabre Beispiele sind. Einstmals haben die Päpste alles nur Erdenkliche getan, um Europa vor den immer neu anflutenden Janitscharen zu retten. Zwar vermochten es Nikolaus V. und sein rühriger Legat Enea Silvio Piccolomini, der spätere Papst Pius II. trotz aller Bemühungen nicht, das müde gewordene Abendland zur Verteidigung und Entsetzung von Konstantinopel zu mobilisieren. Auf der anderen Seite gelang es den rastlosen Anstrengungen des hl. Papstes Pius V., die spanische und venezianische Flotte zusammen zu führen und so den glänzenden Sieg über die Türken am 7. Oktober 1571 unter der Führung von Juan d’Austria zu ermöglichen: einen Sieg, den der Papst durch die Stiftung des Rosenkranzfestes verherrlichte.

Noch entscheidender für die Verteidigung des Abendlandes war der erfolgreiche Einsatz des seligen Papstes Innozenz XI im Kampf um das äußerst bedrohte Österreich und damit das letzte südöstliche Bollwerk gegen die Türkenflut. Immerhin waren die Türken – v on Ludwig XIV. aufgehetzt – 1683 bis nach Wien vorgestoßen. Doch der Papst brachte ein Bündnis zwischen Kaiser Leopold und dem Polenkönig Johann III. Sobieski zustande und schuf so die Voraussetzungen für den triumphalen Sieg über die osmanischen Invasoren am Kahlenberg, zu dessen Feier er das Fest Mariae Namen stiftete. Aus dem Metall von 180 türkischen Kanonen, die das christliche Heer erbeutete, als das Invasionsheer unter dem Großwesir Mustafa Kara die Belagerung Wiens aufgeben musste, wurde die „Pummerin“ gegossen, die gewaltigste und berühmteste Glocke der Christenheit, deren tiefe und gewaltige Stimme vom Stefansdom seitdem bei allen großen Gelegenheiten als Mahnung für die ganze Christenheit erklang.

Slawen küssen gern

Allgemein anerkannt ist der beispiellose Anteil, den der glühende Bußprediger, der Kapuziner Marcus von Aviano (1631-1699) am Sieg über die Türken hatte. Mit heiliger Begeisterung und der Billigung des Kaisers inspirierte er die Verteidigung der Hauptstadt des hl. Römischen Reiches deutscher Nation. Doch er organisierte nicht nur die Verteidigung Europas vor der Bedrohung durch den Islam, die sich seit der Eroberung Konstantinopels so tief in das Gedächtnis der Völker  eingegraben hatte. Er war auch  als unermüdlicher Wanderprediger, Helfer der Armen und Missionar schon zu Lebzeiten eine Legende. Dennoch ist die ins Auge gefasste Seligsprechung bis heute unterblieben. Sie scheiterte, wie glaubhaft berichtet wurde, an Protesten aus dem evangelischen Lager und aus Kreisen, die an der „interreligiösen Verständigung“ interessiert sind, wo man dem Mönch ein reaktionäres, gegen Protestanten und Türken gerichtetes Europa-Bild vorwirft !

Die schnöde Zurücksetzung des heiligmäßigen Kapuziners, der durchaus zu den großen Rettern des Abendlandes gezählt werden kann, passt ins Bild einer Kirche, die sich im Konzil so stark aus dem Fenster gelehnt hat, um sich für die Welt von heute und die Einheit der Menschheit zu öffnen. Sie passt zu den interreligiösen Gebetstreffen in Assisi, bei denen in widerspruchsvoller Weise getrennt und doch gemeinsam für den Frieden gebetet wurde und die von der säkularen Welt fast zwangsläufig als religiöse Verbrüderungsszenen verstanden wurden. Denkt man an die zahlreichen interreligiösen Feiern, die wir seitdem in katholischen Gotteshäusern erlebten, dann kann man in der Tat von Verbrüderungsszenen sprechen und das mit Leuten, die sich bereits dazu anschickten, in den Ländern, in denen sie an die Macht kamen, das Christentum mit Stumpf und Stiel auszurotten.

In diesem Zusammenhang werden sich manche Leser an die Kontroverse mit Pater Dr. Markus Christoph SJM erinnern, die uns weit über den damaligen Anlass hinaus von bleibender symptomatischer Bedeutung für die Beurteilung der innerkirchlichen Krise zu sein scheint.[3] Denn es ging mir in jener Kontroverse darum, jene unter allen Umständen  betont affirmative Haltung zu den kirchlichen Maßnahmen der Gegenwart darzustellen und zu kritisieren, wie sie jetzt wieder bei dem Jubel über die Heiligsprechung der Päpste Johannes XXIII. und Johannes Paul II. zum Ausdruck kam und nur scheinbar auf einem unbedingten sentire cum ecclesia beruht. In seiner Erwiderung auf meine Kritik an seinem hymnischen Artikel über Johannes Paul II. verteidigte P. Christoph dessen Koran-Kuss, der seinerzeit weltweites Aufsehen erregte,  mit dem ebenso gutgemeinten wie seltsamen Argument, dass „Slaven“ (sic !) gern und eifrig alles küssen – „egal, was es ist“. Und auf meinen auch bei dieser Gelegenheit wiederholten Hinweis, dass eine angemessene und gerechte Würdigung dieses Pontifikates und der Aufforderung des Papstes an die Muselmanen in Nordafrika, gute Muslime zu sein, nur möglich sei, wenn man dabei auch das große Werk von Johannes Dörmann über den theologischen Weg von Johannes Paul II. nach Assisi berücksichtige, antwortete der Pater mit dem merkwürdigen Hinweis, dafür sei in einem Artikel kein Platz und man stelle ja auch an einen Omnibus andere Anforderungen als an einen„Formel-1-Boliden.“

Dabei zeigte gerade der Verlauf der Kontroverse, wie wichtig, ja unentbehrlich die Auseinandersetzung mit Dörmann ist. In einer Generalaudienz von 1998 erklärte Johannes Paul II. ganz in Übereinstimmung mit seiner sonstigen Theologie: „Nicht selten finden wir am Beginn der verschiedenen Religionen Gründer, die mit Hilfe des Heiligen Geistes eine tiefere religiöse Erfahrung gemacht haben. An andere weitergegeben hat diese Erfahrung Form angenommen in den Lehren, den Riten und den Vorschriften der einzelnen Religionen.“ Dazu fiel P. Christoph nicht Besseres als der widerspruchsvolle, aber für das heutige nahezu bedingungslos affirmative und irenistische Klima typische Hinweis ein: „Johannes Paul II. behauptet keineswegs, die anderen Religionen stammten direkt vom Hl. Geist; er spricht wohl von einer tiefen religiösen Erfahrung, die wohl den verschiedenen Religionsgründern vom Hl. Geist geschenkt wurde. Wenn Buddha die vergängliche Gestalt der Welt klar erkannt hat, dann hat er in diesem Punkt tatsächlich etwas Wahres erfasst (freilich vermischt mit sehr viel Irrtümern). Aber woher kommt diese klitze-kleine wahre Einsicht ? Ohne Zweifel vom Hl. Geist.“

Wahres sentire cum ecclesia

Was nun das sentire cum ecclesia betrifft, so ist dies nur um den Preis der absoluten Wahrhaftigkeit und ohne alles beschönigende und beschwichtigende Gerede zu haben und das nicht nur, weil Christus die Wahrheit ist !Vielmehr sollten wir als katholische Christen, die von der Existenz der Papstkirche ausgehen, die Bewältigung der innerkirchlichen Krise und ihres in der westlichen Welt bereits agonalen Zustandes an erster Stelle von Rom erwarten können, zumal auf die Bischöfe als Glaubenskämpfer offenbar immer weniger Verlass ist. Das aber setzt voraus, dass man in Rom endlich und mit aller Entschiedenheit die Gefahren des Irenismus, jener falschen Friedensliebe erkennt, die zuletzt Pius XII. in „Humani generis“ so eindringlich verurteilt hat.

Wie sehr jenes affirmative Denken, das zwischen Jubel und Beschwichtigung oszillierend von solchen Kuren und Voraussetzungen gar nicht spricht, inzwischen Risse bekommen hat, zeigte sich gerade jetzt in einem alarmierend offenen Artikel über die kirchliche Misere in der „Tagespost“, der man nun wirklich keinen Mangel an Begeisterung über die jüngsten Heiligsprechungen und das Pontifikat von Papst Franziskusnachsagen kann, der bei seiner Pilgerfahrt ins Heilige Land die Muslime als „liebe Brüder“ begrüßte. „Lieb“mögen sie in der Tat in der Regel dort sein,  wo sie nicht das Sagen haben, aber das ist eben nicht der Punkt !

Jedenfalls äußerte sich Guido Horst in der „Tagespost“ ziemlich ungeschminkt über ganz grundlegende Aspekte der Krise: „Das Mindeste etwa, das die Kirche von praktizierenden Katholiken erwartet, ist, dass sie an jedem Tag des Herrn zur Sonntagsmesse gehen. Diese Praxis ist zusammengebrochen. Wenn dann an den hohen Feiertagen die Kirchenvoll sind, gehen fast alle zur Kommunion, auch wenn sie Monate oder Jahre nicht mehr in der Messe waren. Und das mit gutem Gewissen. Denn es gibt ja niemanden mehr, der ihnen das Gewissen schärft. Ähnliches gilt für Paare, die vor der Ehe schon zusammenleben. Niemand sagt ihnen, dass sie dann das Sakrament der Eucharistie nicht empfangen können. Gebeichtet wird nicht mehr. Was Sakrament, Gebote, Sündenvergebung und Bekehrung angeht, herrscht in der Kirche ein flächendeckendes Wischiwaschi – und das in zweiter, dritter Generation.“

Natürlich könnte man diese Bestandsaufnahme mühelos ergänzen und man müsste dann von einem völligen Zusammenbruch des kirchlichen Lebens sprechen. Damit meinen wir noch nicht einmal die Infragestellung von allem und jedem im Glauben, die schon vor dem Konzil mit der Verwischung der Grenzen von Natur und Übernatur beginnen hat.[4] Umso verhängnisvoller war die Aufforderung von Johannes XXIII., der eben deshalb „der Gute“ genannt wird, man solle fortan nicht mehr so sehr auf Verurteilungen, sondern vielmehr auf den positiven Aufweis der Schönheit und Wahrheit des Glaubens vertrauen. Denn natürlich kam diese versteckte, aber doch deutliche Kritik der bisherigen Praxis zum genau falschen Zeitpunkt, als sich die Neuinterpreten schon längst angeschickt hatten, die Glaubenswahrheiten mit Hilfe der Kant, Hegel und Heidegger zu „verheutigen“. Doch das ist heute schon Geschichte !

Mit dem Zusammenbruch meinen wir den völligen Ausfall der Seelsorge, der in Frankreich noch katastrophalere Ausmaße erreicht hat als in den pastoralen Großräumen, die man jetzt bei uns etabliert. Man fragt sich, für wie naiv oder gar töricht unsere affirmativen Denker und Pastoralplaner die Gläubigen halten, wenn sie die neuen Großräume  als „echte Chance“ für neu aufblühendes kirchliches Leben preisen. Liegt es doch auf der Hand, dass jede Seelsorge persönliche Zuwendung erfordert, die in den neuen Mammutorganisationen kaum mehr möglich ist, zumal die immer noch intakte, ja äußerst gesunde kirchliche Bürokratie und mehr noch die zahlreichen „demokratischen“ Gremien, denen der Priester Rede und Antwort stehen muss, einen großen Teil seiner verbliebenen Kraft verzehren.

Im Vorraum der Politik

Am Ende stellt sich die Frage, ob man die jahrzehntelange innerkirchliche Verharmlosung des Islam mit dem politischen ‚Appeasement‘ vergleichen kann, das wir im letzten Jahrhundert in immer neuen Auflagen erlebten ? Man verbindet mit diesem Begriff bekanntlich die allzu lange und nachgiebige Haltung der Westmächte gegenüber dem Expansionsdrang Hitlers, die in dem berühmten Wort des englischen Premiers Sir Neville Chamberlain nach der Münchener Konferenz von 1938 zum Ausdruck kam: „Peace in ourtime !“. Deutlicher noch trat diese Appeasement-Haltung in der Blauäugigkeit zutage, mit der die amerikanische Administration unter Roosevelt ganz Ost-, ja Mitteleuropa dem Bolschewismus auslieferte, um dann allerdings ihren, auch für die Vereinigten Staaten lebensgefährlichen Irrtum zu erkennen, sich zu ermannen und die freie Welt entschlossen im kalten Krieg zu verteidigen. Noch penetranter zeigte sich diese Appeasement-Gesinnung in der jahrzehntelangen Obstruktion, mit der die Linken aller Couleur diese Verteidigungsanstrengungen unterliefen: unterstützt von der intellektuellen und liberalen Schickeria, die – gewiss mit Recht ! – die vergangenen Gräuel der Nazi-Zeit anprangerte, über den damals gegenwärtigen Terror im Ostblock und der sogenannten DDR aber geflissentlich hinweg ging.

Nun stellt sich durchaus die Frage, ob man den aus dieser politischen Erfahrung gewonnenen Begriff des „Appeasement“ nahtlos auch auf die kirchlichen Verhältnisse anwenden kann. Die Kirche ist zwar eine vollkommene Gesellschaft, aber doch von anderer Art als die staatliche Gemeinschaft mit ihrem Recht, ja der unbedingten Pflicht zur Selbstverteidigung. Vor uns liegt ein Artikel, den der große katholische Publizist Erik von Kuenelt-Leddihn 1975 zum Thema: „Befürchtungen eines Katholiken“ in der „Zeitbühne“ veröffentlichte.[5] Dieses Organ unter Leitung des ebenfalls legendären Publizisten Willam S. Schlamm war  das Sprachrohr, um das sich viele von denen versammelten, die gegen die breite, ja teilweise tonangebende Verharmlosung der kommunistischen Gefahr durch die Gralshüter der damaligen politicalcorrectness aufbegehrten.[6]Kuehnelt-Leddhin macht in seinen Ausführungen mit Recht auf die Differenz von Kirche und Politik aufmerksam:

„Beginnen wir mit der Feststellung, dass es die primäre Aufgabe der Kirche ist, zu lehren und die Sakramente zu spenden. Um dies zu tun, muss sie oft von ihrem Piedestal heruntersteigen, muss sie mit arroganten Regierungen und tyrannischen Zwingherren verhandeln. Pius XI., wohl kein Freund von Kompromissen, hat klipp und klar erklärt: ‚Um die Seelen unserer Kinder zu retten, würden wir mit dem Teufel in Person verhandeln‘.“  Doch unser Autor sagt dann selbst, dass dies nur die halbe Wahrheit ist. Ob es sinnvoll und legitim ist, dass sich die Kirche aus seelsorgerlichen Gründen nachgiebig gegenüber einem politischen Regime erweist, muss sich in jedem Fallaus der konkreten Situation ergeben.

 Gerade deshalb ist es kein Wunder, dass der prominente katholische Publizist im Blick auf die Ostpolitik Paul VI. und seines unermüdlich die kommunistischen Lande durcheilenden Sekretärs Casaroli, die den rechtmäßigen Primas von Ungarn Kardinal Mindszenty, weltweit respektiertes Symbol heiligmäßigen Widerstandes gegen den atheistischen Kommunismus, nicht nur zum Exodus zwang, sondern auch anschließend in schmählicher Weise kaltstellte, zu einem vernichtenden Urteil kam. Er ging zwar nicht so weit wie der nicht der katholischen Kirche angehörige William S. Schlamm, der  damals in der Zeitbühne schrieb:  „Möge der verratene Kardinal am Throne Gottes für Paul VI bitten. Er wird es nötig haben!“. Doch auchKuehnelt-Leddhin kam zu der Feststellung: „Eine servile Haltung der Kirche würde uns nicht so sehr beunruhigen, wenn sie greifbare Resultate erzielte und (was wichtig ist) ihre Politik dem Sowjetblock gegenüber lediglich auf kaltblütiger Berechnung und nicht auf innerer Überzeugung beruhte.“[7]

Das lehrreiche Beispiel lässt sich ohne weiteres auf die Gegenwart  und den neuen Vernichtungskrieg übertragen, den nun nicht mehr der Kommunismus, sondern der Islamismus gegen das Christentum führt. Damals wie heute war und ist es der euphorische Humanismus, der Glaube an den Fortschritt, an die sich anbahnende Einheit des Menschengeschlechtes, an die gemeinsame Wahrheitssuche  und Friedenssehnsucht aller Religionen und Bekenntnisse, der unsere Oberen immer wieder zu einem Optimismus und zu Verbrüderungsszenen animiert, für die das Urteil: „gänzlich verfehlt“ noch eine milde Untertreibung ist. Mehr denn je wäre es heute angebracht, dass der Heilige Vater so wie einst sein erlauchten und heiligen Vorgänger Pius X. von neuem zu der Erkenntnis kommt, die all sein Handeln inspirieren möge: „Aber man muss gestehen: in diesem verworfenen Zeitalter ist die Zahl der Feinde des Kreuzes Christi ungemein gewachsen“.[8]



[1] Vgl. Roger Crowley: Konstantinopel 1453. Die letzte Schlacht. Stuttgart 2008; Olaf Ihlau. Walter Mayr: Minenfeld Balkan. Der unruhige Hinterhof Europas. München 2009

[2]  Ulrich Rudolph: Islamische Philosophie. Von den Anfängen bis zur Gegenwart (Beck’sche Reihe) München 2004

[3] Vgl. dazu die Una Voce Korrespondenz 41. Jg. 2. Quartal 2011; 4. Quartal 2011; 1. Quartal 2012

[4]  Vgl. dazu Bernhard Lakebrink: Die Wahrheit in Bedrängnis. Kardinal Siri und der neue Glaube. Stein am Rhein 1986

[5] Zeitbühne 1975 Heft 6

[6] Vgl. dazu Susanne Peters: William S. Schlamm. Ideologischer Grenzgänger im 20. Jahrhundert. Berlin-Brandenburg 2013

[7]  Zeitbühne a.a.O.

[8]  Pius X: Apostolisches Rundschreiben: PascendiDominiciGregis vom 8. September 1907