(13.5.2017)

Klärende Worte über die Sprache Luthers

In dem Artikel „Exkrementierfreudig“ beschreibt der FAZ-Autor Krischke eine Entwicklung seit den 80er Jahren, mit der „Fäkalsprache in den Raum der öffentlichen Kommunikation gespült“ wurde. Mit Luthers derber Sprache werde die Lizenz zum Pöbeln herbeizitiert, Der These, dass Luthers öffentliche Vulgarität „ein Rückfall in die vorbürgerlichen Kommunikationssitten seiner Tage“ gewesen wäre, muss allerdings widersprochen werden. Seit dem Hochmittelalter war die allseitige Kultivierung der raubeinigen Ritterschaft zur „Höfischkeit“ das epochale Kulturprogramm der damaligen Eliten. Auch das Bürgertum in den Städten orientierte sich später an der ritterlichen Zivilisierung von „Maßvollen“, d.h. angemessenen Sprach- und Umgangsformen sowohl im privaten wie im öffentlichen Bereich. Erst mit dem Aufkommen von Raubrittern ab dem 15. Jahrhundert hielt der Grobianismus wieder Einzug in die Gesellschaft. Nicht von ungefähr charakterisierte Goethe den nicht-edlen Götz von Berlichingen mit einem Fäkal-Zitat. Seit Anfang des 16. Jahrhunderts gingen zudem Brutalworte von Landsknechten und deren Latrinensprache in die öffentlichen Auseinandersetzungen ein. Aus diesen gesellschaftlichen Segmenten sind Luthers Sprachderbheiten eher zu erklären. Der spezifische Beitrag des Reformators zur „Verderbtheit“ des Sprachverhaltens besteht aber wohl darin, dass er die öffentliche Kampfrhetorik auch auf die Ebene der akademischen Auseinandersetzungen einführte. Er durchbrach die damaligen Spielregeln der scholastischen Debattenkultur, indem er seine Gegenredner mit unflätigen Pöbeleien überzog. Mit den Schriften seiner Gegner würde er sich „den H… abwischen“. Im Anschluss an den Austausch der Streitschriften um den freien Willen klotzte Luther mit zahlreichen Schmähreden und maßlosen Verteufelungen gegen den feinsinnigen Humanisten Erasmus von Rotterdam. Er steigerte sich dabei in niederträchtige Gewaltphantasien: „Wer den Erasmus zerdrückt, der würget eine Wanze, und diese stinkt noch tot mehr als lebendig“. Thomas Mann charakterisierte Luther als „stiernackigen Gottesbarbar“.

Leserbrief, FAZ am 5.5.2017

 

Hubert Hecker