War Altbischof Kamphaus besonders papsttreu?  – Sonderwege im Bistum Limburg (1)                                                                                       (11.2.2016)

Das Bistum Limburg soll Ende 2016 einen neuen Bischof bekommen. In dieser Situation werden von interessierter Seite Legenden über die beiden letzten Bischöfe Kamphaus und Tebartz-van Elst gestrickt.

An den beiden Weihnachtstagen 2015 strahlte der Hessische Rundfunk ein Interview mit Erzbischof Georg Gänswein aus. Dabei wies der deutsche Kurien-Prälat erneut darauf hin, dass es bei den Angriffen auf den damaligen Bischof Tebartz-van Elst auch um einen Richtungsstreit gegangen sei. Bekanntlich galt der ehemalige Limburger Bischof als konservativ, glaubens- und papsttreu. Genau deshalb wurde er schon kurz nach Beginn seiner Bischofszeit von modernistischen Kräften attackiert. Der Bischof musste später aufgrund seiner  Fehler und Verstöße gegen Kirchenrecht und praktische Vernunft zurücktreten, sodass seine Gegner zunächst triumphieren konnten. Bis heute schwelt daher der Richtungsstreit weiter, den Erzbischof Gänswein auf die Frage zuspitzte:

Bleibt das Bistum Limburg ein Teil der (römisch-katholischen Welt-) Kirche oder verfolgt man einen sogenannten Limburger Sonderweg?

Gegen diese Einschätzung stellte sich in einem Leserbrief an die Frankfurter Neue Presse der Pfarrer von Oberursel, Reinhold Kalteier. Der war in der Amtszeit Bischof Tebartz-van Elst’ Sprecher des Priesterrats. Als solcher stand er in den ersten Jahren der Amtszeit des Bischofs  an seiner Seite und verteidigte ihn - etwa gegen die hässliche Brandbrief-Kampagne des SPIEGELS. Später wandte er sich ab. Heute versucht er über den Bischof und seine Amtszeit Legenden zu verbreiten.

In seinem Leserbrief behauptet er, Bischof Tebartz-van Elst sei nicht wegen seiner konservativen Grundhaltung angegriffen worden. Die bestand vor allem in dessen Loyalität zum damaligen Papst Benedikt und seiner Treue zur überlieferten Lehre der Kirche. Kalteier behauptet nun: Diese Haltung der Papsttreue wäre doch schon immer die Limburger Tradition gewesen.  Die Bischöfe Kempf und Kamphaus wären dem Papst in Treue zugetan gewesen. Es hätte keinen Limburger Sonderweg gegeben. Man reibt sich die Augen: Bischof Kamphaus als ein besonders treuer Anhänger von Papst Johannes Paul II.?

Altbischof Kamphaus - dem Papst in Treue zugetan?

Kalteier stellt die Fakten auf den Kopf. Die Presse jedenfalls feierte Kamphaus in den Jahren nach 2000 als Rebell gegen Rom. Auch wenn Bischof Kamphaus eine solche plakative Einordnung nicht mochte – er gab diesem Eindruck durchaus Nahrung durch sein Handeln. Nach dem Ausstieg der deutschen Bischöfe aus dem tödlichen Programm der staatlichen Abtreibungsscheinberatung  stellte sich Kamphaus in Trotz gegen Rom, um in seinem Bistum weiterhin an dieser Scheinberatungspraxis festzuhalten.

Dem Papst gegenüber stellte er damals die Alternative, entweder seine Entscheidung zu akzeptieren oder ihn als Bischof abzusetzen. Rom wies diese taktische Erpressung als unwürdiges Schwarze-Peter-Spiel zurück.

In Verhandlungen mit Kardinal Ratzinger und dem Leiter der Bischofskongregation wurde Kamphaus im Januar 2001 eine Übergangsfrist von einem Jahr zugestanden. In dieser Zeit sollte der Limburger Bischof seine Entscheidung überprüfen, indem er sich mit den moraltheologischen Argumenten des päpstlichen Lehramtes auseinandersetzte und zu einer eines Bischofs würdigen Entscheidung käme.  

Der Papst hatte durch seinen Kardinalstaatssekretär Sodano erklären lassen: Durch die kirchliche Mitwirkung an dem staatlichen Verfahren zur (rechtswidrigen) Abtreibung werde die  Lehre der Kirche zum Lebensschutz verdunkelt. Denn durch die Ausstellung des Beratungsscheines sei eine Legitimation erstellt, die allein der Tötung von Ungeborenen diene. Deshalb dürfe eine kirchliche Stelle daran nicht mitwirken.  In dieser Frage von Leben und Tod könne nicht der Vorhalt einer moraltheologischen Güterabwägung gesetzt werden, nach dem die abgetriebenen Kinder mit der Zahl der vermutlich geretteten Kinder aufzurechnen seien.  Es gehe auch nicht um einen Eingriff in die pastorale Kompetenz eines Bischofs, sondern um eine zwingende moraltheologische Norm, bei der die Weisung des Papstes lehrmäßiger Natur sei.

Eine öffentliche Stellungnahme zu dieser lehramtlichen Argumentation hat Bischof Kamphaus nie abgegeben. Stattdessen berief er sich bei seiner Entscheidung zur Fortführung der Abtreibungsscheinberatung einfach auf seine persönliche Gewissensentscheidung – ohne weitere moraltheologische Begründung.  

Nach Ablauf der Frist im Januar 2002 bekam Kamphaus nach einem Gespräch in Rom noch einmal sechs Wochen Bedenkzeit, die der Limburger Bischof verstreichen ließ. Als dann im März 2002 die endgültige, lehramtliche Weisung von Rom kam, stellte sich Bischof Kamphaus als Gewissens-Martyrer dar. Damit hatte er eine weitere Legende etabliert, die die Medien gerne kolportierten. Auch Kalteier verbreitet diese heroische Version, dass Kamphaus entgegen seinem Gewissen auf Geheiß von Rom aus der Schwangerenkonfliktberatung ausgestiegen sei. In diesem Satz sind mehrere Fehler enthalten.

Legenden um den Ausstieg und ein letzter Affront gegen den Papst

▪ Zum Ersten ging es nicht um die Beendigung der Schwangerenkonfliktberatung, sondern um den kirchlichen Ausstieg aus einem staatlichen Programm, bei dem straffreie, aber rechtswidrige Tötungen von Ungeborenen durch die Beratungsscheinvergabe legitimiert werden. Die Schwangerenberatung mit vierzig haupt- und ehrenamtliche Helferinnen im Bistum wurde nach 2002 fortgeführt.
▪ Des Weiteren war der diesbezügliche Ausstiegsbeschluss der deutschen Bischöfe nicht Ergebnis eines autoritären Geheißes von Rom. Papst und Kurie hatten vorher in einem dreijährigen, geduldigen Beratungsprozess durch Schreiben, gemeinsame Konferenzen und Einzelgespräche um die kirchlich-moraltheologische Frage gerungen, wie die Kirche glaubwürdig das Evangelium des Lebens gegen die grassierende Kultur des Todes bezeugen könne.
▪ Wenn Kamphaus diese Frage auf eine individuelle Gewissensentscheidung zwischen ihm und dem Papst reduzierte, so unterschlug er sowohl den kirchlichen Beratungsprozess mit den deutschen Bischöfen, die weltkirchlich-theologische Relevanz des Problems wie auch den lehramtlichen Charakter der päpstlichen Entscheidung. Die Frage nach dem moraltheologischen Einsatz der Abtreibungsscheinberatung konnte genauso wenig im Alleingang des individuellen Gewissens entschieden werden wie eine Ungeborenen-Tötung durch die Gewissensentscheidung einer schwangeren Mutter.
 Daher kann es auch nicht als Beweis für Kamphaus’ angebliche Papsttreue ausgelegt werden, dass der Limburger Bischof sogar entgegen seinem Gewissen gehandelt habe, wie Kalteier meint. Im Gegenteil war Kamphaus’ Reduktion auf zwei gegensätzliche Gewissensentscheidungen ein subtiler Kunstgriff, um den Papst ins Unrecht zu setzten und ihm faktisch autoritäres Gehabe zu unterstellen. Denn bei echten Gewissensfragen darf niemals ein anderer - und sei es der Papst - sein Gewissen als höherstehend  und damit folgeleistend hinstellen.
▪ Schließlich unterspülte Kamphaus mit seinem Rückzug auf sein Gewissen das Lehr- und Hirtenamt des Papstes in moraltheologischen Fragen sowie die Einheit der Bischöfe untereinander und mit dem Papst. Der Konflikt war längst zu einem Disziplinarfall geworden. Im Klerus des Bistum Limburg war damals zu hören, ein Priester hätte schon längst mit Sanktionen zu rechnen, verhielte er sich dauerhaft ungehorsam gegenüber dem Bischof.
▪ Kamphaus selbst hatte einige Jahre vorher Frankfurter Klerikern mit Disziplinarverfahren gedroht, wenn sie entgegen seiner Weisung an einem protestantischen Feierabendmahl mit Mazzen und Trauben teilnähmen. In seinem Fall praktizierte er selbst Ungehorsam gegenüber der lehramtlichen Weisung des Papstes.  

Affront gegen die Papstkirche   

Mit diesem letzten Affront gegen den Papst hatte Kamphaus all jene Kräfte im Bistum ermutigt, die schon immer gegen Rom Stimmung gemacht hatten. Noch im gleichen Jahr 2002 nutzte der Präsident der Diözesanversammlung die Gelegenheit beim 175jährigen Bistumsjubiläum, in einer umstrittenen Rede gegen die autoritäre, absolutistische oder gar totalitäre Papstkirche zu poltern. Auch nach Kritik von vielen Seiten nahm Dr. Röther nichts von seiner Rede zurück. Im Gegenteil: Auf einer Fachtagung im Frühjahr 2003 mit Prof. Medard Kehl SJ und Bischof Kamphaus wurden seine Thesen sogar noch theologisch gestützt. Weihbischof Gerhard Pieschl kam zu dem Urteil, dass Limburg die klaren Linien der Konzilkirche verlassen und erneut einen Sonderweg zu dem Modell einer anderen Kirche gehen wolle.
Mit den Worten: Ich gehe diesen Weg nicht mehr mit trat der Bischofsvikar für die synodalen Gremien von seinem Amt zurück.

Ein weiteres Beispiel für Kamphaus’ Hintertreibung von päpstlich-weltkirchlicher Vorgaben: In den Jahren vor 2005 war der Bischof dafür verantwortlich, dass die bischöfliche Jugendabteilung das noch von Papst Johannes Paul II. vorgegebene Motto des Weltjugendtages in Köln: Wir sind gekommen, um anzubeten komplett boykottierte.

Bischof Tebartz-van Elst beendet die Sonderrolle des Bistums Limburg (FNP 2008)

Bischof Kamphaus hatte bis zu seinem altersbedingten Rücktritt in Ordinariat, Priesterschaft und unter Laien die liberal-antirömischen Affekte geduldet und gefördert. Als bald nach dem Antritt Tebartz-van Elst’ die Protagonisten der Kamphauskirche merkten – so der SPIEGEL –, dass der neue Bischof den Kurs seines Vorgängers korrigierte, lancierten sie eine erste Medienattacke gegen den neuen Bischof: Am 6. September 2008 titelte die Frankfurter Neue Presse: Der Statthalter Roms. Der neue Bischof beendet die Sonderrolle des Bistums Limburg. Im weiteren Text hieß es: Bischof Tebartz-van Elst sei ein getreuer Jünger Papst Benedikt XVI., der die Amtskirche restauriert. Kamphaus war Bischof von Limburg, Tebartz-van Elst ist ein Beamter Roms. Später setzte Daniel Deckers (FAZ) noch eins drauf : Der Limburger Bischof sei eine reaktionäre Kreatur, der sich an Rom-Unterwürfigkeit von niemandem übertreffen lasse.

Modernisten und Medien bekämpften von Anfang an den Kurs des neuen Bischofs

Laut FNP-Artikel befürchteten einige Kirchenverantwortliche damals, dass es unter dem neuen Bischof bald vorbei sein könnte mit den bistümlichen Sonderrechten, die Kamphaus geduldet hatte. Sie meinten damit die eingefahrenen Abweichungen von dem vorgegebenen Weg der Amtskirche – wie z. B. Einladung von evangelischen Christen zur Kommunion oder die Vergabe der Kommunion an Wiederverheiratete und andere liberale Praktiken im Limburger Klerus.   

Die öffentlich bekannten Fakten erweisen Kalteiers Erzählungen, es habe nie einen Limburger Sonderweg gegeben, und: Der Bischof sei nicht wegen seiner konservativen Grundhaltung bekämpft worden,  als Legendenstrickerei. Bischof Tebartz-van Elst zog sich die erbitterte Feindschaft von Modernisten und Medien zu, weil er in seiner konservativen, papst- und glaubenstreuen Grundhaltung Limburger Sonderwege beendete. Nach seinem Rücktritt und dem Triumph seiner Gegner schwelt dieser Richtungsstreit noch weiter, wie Erzbischof Gänswein fragend anmerkt.

Dabei sollte man aber festhalten, dass die derzeitige Bistumsleitung, Weihbischof Manfred Grothe und sein Stellvertreter Wolfgang Rösch, seit Beginn ihrer Amtszeit  versucht haben, die aufgerissenen Gräben zu überwinden – so die Worte des noch von Tebartz-van Elst als Generalvikar eingesetzten Rösch’. Unterhalb der Leitungsebene sind aber immer noch  Kräfte am Werk, die Sonderwege im Bistum Limburg – so die zutreffende Formulierung – als Agenda betreiben.

Hubert Hecker