‚Das Erste’ verschaukelt Millionen Zuschauer

Die Kirchenberichterstattung der ‚Tagesschau’ ist nicht  seriös. Ein Beschwerdebrief an den ARD-Verantwortlichen:

Arbeitskreis von Katholiken im Raum Frankfurt

Werner Rothenberger                               60388 Frankfurt a. M., 7. März 2013

An die Programmdirektion
Erstes Deutsches Fernsehen
Arnulfstr. 42
80335 München

 

Beschwerde zur ‚Tagesschau’

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir legen Beschwerde ein zu dem Tatbestand, dass Sie innerhalb von sechs Wochen drei Mal den Sprecher der Gruppe „Wir sind Kirche“, Herrn Christian Weisner, jeweils in der 20 Uhr-Tagesschau mit verzerrenden Kommentaren zu kirchlichen Themen zu Wort kommen ließen. Die entsprechende Termine waren der 9. Januar sowie der 11. und 21. Februar 2013.

Die Mini-Gruppe WsK ist kirchlich irrelevant

Die Laiengruppe „Wir sind Kirche“ ist quantitativ eine äußerst kleine Gruppierung. Gemessen an den ca. 25 Millionen Katholiken ist die Gruppe mit einigen hundert Mitgliedern winzig und in ihrer Bedeutung für die katholische Kirche völlig irrelevant.

Aber auch relativ zu anderen katholischen Laienvereinigungen hat die Gruppe WsK keinerlei Relevanz- und Repräsentanzbedeutung für die Laien in der Kirche wie auch für die Institution Kirche.

Wirkliche Repräsentanten für die kirchlich organisierten Laien

♦ Institutionell sind die Laien in der Kirche synodal organisiert: In etwa 10.000 Pfarrgemeinderäten in Deutschland wirken jeweils sechs bis zwölf gewählte Vertreter der Katholiken einer Gemeinde, die die sich aktiv in die Gestaltung des kirchlichen Gemeindelebens einbringen. Die Pfarrgemeinderäte wiederum wählen aus ihrem Kreis Delegierte für Bezirks- und Bistums-Synodalräte. Die jeweiligen Bistumsversammlungssprecher/innen in den 27 deutschen Diözesen sind die repräsentativen Vertreter der kirchlich aktiven Laien in den Kirchengremien.
♦ Das kirchliche Vereinswesen ist in der deutschen Kirche besonders stark ausgeprägt: Millionen Katholiken sind in Jugendgruppen, bei Pfadfindern, Kirchenchören, in Familien- und Kolpingvereinen, Helfer- und Caritaskreisen, Aktionszirkeln für die Dritte Welt, Berufsgruppen etc organisiert. Die gewählten Bundesvorsitzenden dieser katholischen Verbände sind legitime Repräsentanten für  jeweils hunderttausende Katholiken.
♦ Die Vertreter der institutionellen wie formellen Laienvereinigungen sind zusammengefasst im Zentralkomitee der Katholiken, das somit Millionen Katholiken repräsentiert und für sie spricht.

Die Anmaßungsgruppe WsK steht außerhalb der Kirche

Die Gruppe „Wir sind Kirche“ dagegen gehört weder institutionell zu einer wahl-legitimierten Laiengremiengruppe noch zu einem anerkannten formellen Laienverband innerhalb der Kirche. Sie ist eine Katholikengruppe bürgerlichen Rechts außerhalb der katholischen Kirche – ähnlich wie die Katholikengruppe „Donum vitae“, deren Vereinszweck ausdrücklich gegen die katholische Sittenlehre und die Weisungen von Papst und Bischöfen gerichtet ist.

Ähnlich verhält es sich mit den inhaltlichen Aussagen und Zielen der Gruppe „Wir sind Kirche“: Deren Positionen zu Abtreibung und Ehescheidung, Frauenpriestertum und priesterlose Messen – um nur einige zu nennen -, bewegen sich außerhalb des Rahmens einer von der Institution Kirche tolerierten Interpretation der kirchlichen Glaubens- und Sittenlehre. Natürlich hat die WsK-Gruppe das bürgerliche Recht, jede beliebige außer- und antikirchliche These zu vertreten, aber sie kann sich dann nicht anmaßen, als Teil der Kirche agieren zu wollen und wahrgenommen zu werden. Auch die Medien sollten ihren Zuschauern nicht vorgaukeln, dass die Gruppe mit dem anmaßenden Namen „Wir sind Kirche“ ein legitimer Teil der katholischen Kirche wäre. Erst recht dürfte von den öffentlich-rechtlichen Anstalten die WsK-Gruppe nicht als Repräsentanz von kirchlichen Laien-Katholiken den ahnungslosen Zuschauern vorgestellt werden.

Die ARD setzt auf irrelevante Personen und Gruppe

Genau diese Anmaßung bzw. den falschen Repräsentanzanspruch fördert aber die ARD, indem sie die Sprecher der WsK-Gruppe bei kirchlichen Themen bevorzugt ins Rampenlicht der Medienscheinwerfer stellt und ihnen den Anschein von legitimer kirchlichen Repräsentanz gibt.

Besonders unpassend und ungehörig war die Positionierung des WsK-Sprechers Christian Weisner in der 20 Uhr-Tagesschau-Sendung am 11. Februar. Damals war die Top-Meldung die Ankündigung des Rücktritts von Papst Benedikt XVI. Unter dem Titel: Reaktionen auf die Rücktrittsankündigung ließen die Tagesschauredakteure die Spitzenvertreter von Staat und Kirche zu Wort kommen lassen, nämlich Bundeskanzlerin Merkel, Bundespräsident Gauck, Kardinal Marx von München für die katholische Kirche und den scheidenden EKD-Ratspräsident Schneider für die Protestanten. Danach ließ die Tagesschau den irrelvanten und irrepräsentativen  Weisner auftreten. Auch durch Art und Inhalt seiner schnoddrigen Bemerkungen fiel Weisner deutlich aus der Reihe, denn im Gegensatz zu den anderen prominenten Kommentatoren und zur Ankündigung des Tagesschausprechers war er der einzige, der nicht mit „Respekt“ von Person und Amt des Papstes sprach, sondern einen mehr oder weniger abfälligen Kommentar zum Oberhaupt der katholischen Kirche abließ.

Fehlender Anstand und beleidigende Äußerungen

Solche Ablästerungen sind keine Ausnahmen bei der außer- und anti-kirchlichen Gruppe mit dem Hybris-Namen „Wir sind Kirche“, die schon mehrfach durch fehlenden Anstand und beleidigende Äußerungen aufgefallen ist. So bezeichnete kürzlich das WsK-Mitglied Pfarrer a.D. Hubertus Janssen  aus Limburg seinen Ortsbischof als „labile Persönlichkeit“, dessen Verlautbarungen nur aus „Sprechblasen“ bestünden. Es müsste der ARD eigentlich peinlich sein, dass sie solche Leute mit ihren unqualifizierten und ungehörigen Kommentaren dem Millionenpublikum der Tagesschau präsentiert. Die Tagesschau beschädigt mit dieserart Beiträgen ihren Ruf als seriöse Sendung.

Die ARD täuscht Millionen Zuschauer

Noch ärgerlichen aber war die Tatsache, dass die Tagesschau-Redaktion den Sprecher der außerkirchlichen WsK-Mini-Gruppe als Repräsentant der Laien in der Kirche präsentierte. Dieser Eindruck wurde den Millionen Zuschauern insbesondere dadurch vermittelt, dass die beiden amtskirchlichen Spitzenvertreter Marx und Schneider in den kirchlichen Amtstrachten sowie im Kontext von offiziellen Presseterminen erkennbar als Amtsvertreter vor den Kameras standen, Weisner dagegen in Zivil und in seinen privaten Räumen deutlich als Laie auftrat.

Wie oben dargelegt, gibt es in der Kirche in Deutschland genügend Spitzenvertreter der Gremien und katholischer Verbände, die gewählt und befugt sind, für die Laien in der katholischen Kirche zu sprechen -  und die auch die Kompetenz für qualifizierte Kommentare haben. Es ist zumindest ein schlechter publizistischer Stil, die befugten Repräsentanten der deutschen Laien-Katholiken zu übergehen und dafür einen randständigen Sprecher einer marginalen Mini-Gruppe außerhalb der Kirche als Vertreter der kirchlichen Laien zu präsentierten. Dieses Vorgehen läuft auch auf eine Täuschung der Zuschauer hinaus, denen der Eindruck vermittelt wird, als wenn die Mehrheit der Katholiken in Deutschland oder auch nur große Teile so ähnlich denken und sich so abfällig äußern würden wie der überhebliche „Wir-sind-Kirche“-Katholik Christian Weisner.

Die Tagesschau stellt unzutreffende und unwahre Behauptungen auf

Der Auftritt Weisners wurde von der Tagesschau eingeleitet mit: „die katholische Reformbewegung ‚Wir sind Kirche’“. Auch diese Ankündigung ist in mehrfacher Hinsicht unzutreffend und damit unwahr: Die Minigruppe WsK ist weder „die“ katholische Reformbewegung, sondern höchstens ‚eine’ der Kräfte, die eine völlig andere Kirche wollen  als die römisch-katholische - und dazu noch eine der unbedeutendsten und unseriösesten Gruppen. Darüber hinaus agiert die Weisner-Gruppe hinsichtlich ihres verbandlichen und inhaltliche Status nicht innerhalb der Kirche und stellt daher auch keine Basisbewegung der Kirche dar, wie die Tagesschau-Nennung des anmaßenden Namens suggeriert. Außerdem erweist sich die Ankündigung „Reformbewegung“ als Luftnummer hinsichtlich der nachfolgenden Äußerungen Weisners, die keinerlei Reformvorschlage enthielten. Schließlich ist auch die Ankündigung einer „kritischen“ Äußerung Weisners unzutreffend, denn der WsK-Sprecher redet abfällig von der „Persönlichkeit“ des Papstes, die er pauschal als „schwache Führungspersönlichkeit“ abgehalftert sieht.

‚Das Erste’ macht sich lächerlich

Schließlich haften der Tagesschau-Präsentierung des Christian Weisner zur Ankündigung des Papst-Rücktritts gewisse  Züge der Lächerlichkeit an:
♦ Das greise Oberhaupt von 1,2 Milliarden Katholiken weltweit überlässt altersbedingt die Verantwortung einem Jüngeren – und wird von einem Gernegroß einer katholischen Splittergruppe als Führungsschwächling abgewatscht.
♦ Der inzwischen 85jährige Papst hat es in seiner knapp achtjährigen Amtszeit in schwieriger Lage mit vielbeachteten Reden, weitreichenden Entscheidungen und innerkirchlichen Zurechtweisungen (z. B. der irischen Bischöfe bzgl. der Missbrauchsfälle) zu respektablem Ansehen in und außerhalb der Kirche gebracht, was von zahlreichen staatlichen und kirchlichen Oberhäuptern gewürdigt wird – und die Tagesschau stellt einen kleinen Nörgler vor, der vom Sofa seines Arbeitszimmer aus dem Papst eine „schwache Führungsposition“ um die Ohren haut.
♦ Ein deutscher Papst erstmals wieder nach 500 Jahren, der nach anfänglichen Gehässigkeiten von der internationalen Presse mit seinen klugen Reden (z. B. in London und Berlin) Respekt für sich und sein Amt verschaffen konnte – und die ARD lässt einen kleinkarierten Provinzkritiker antanzen, der mit einer schlacksigen Bemerkung die historische Größe dieses Papstes wegwischen will.
♦ Eine päpstliche Rücktrittsankündigung, die es seit 700 Jahren nicht mehr gegeben hat – und das ‚Erste’ glaubt seinen neun Millionen Tagesschau-Zuschauern die unqualifizierte und irrelevante Meinung eines randständigen Minigruppen-Sprechers präsentieren zu müssen, dessen Bedeutung im kirchlichen Bereich etwa vergleichbar wäre mit der Position des Oppositionsführers im Gemeindeparlament von Hintertupfing im politischen Bereich, dessen Meinung zum Rücktritt eines Bundespräsidenten etwa die Tagesschau nicht im Traum einfallen würde zu senden.

Weiß die ARD, was sie will?

Es bleibt die Frage: Warum macht die ARD das? Warum lässt Das Erste zu hochwichtigen kirchlichen Fragen vielfach – in den letzten acht Wochen drei Mal – einen Mann auftreten, von dem kaum qualifizierte und sachorientierte Beiträge zu erwarten sind? Warum holt die Tagesschau als Stimme der katholischen Laien nicht die Spitzenvertreter der katholischen Verbände und Gremien vor die Kamera? Warum lässt die öffentlich-rechtliche Medienanstalt nicht besonnen-kritische Stimmen im innerkirchlichen Diskurs zu Wort kommen, warum täuscht sie einen randständigen Nörgler mit Positionen außerhalb des Rahmens der Kirche als Repräsentanten der kirchlichen Laien vor?

Ideologische Parteilichkeit gegen Lehre und Institution Kirche

Bei der Berichterstattung über andere Religionsgemeinschaften ist diese journalistische Einseitigkeit und Voreingenommenheit zu Ungunsten der Institution nicht zu beobachten: Bei Darstellungen von Personen, Ereignissen oder Missständen der protestantischen Kirchengemeinschaften wird nicht ständig die irrelevante Meinung eines evangelischen Splittergrüppchens eingeholt. Bei Berichten über Moslem- und Juden-Gemeinden werden erst recht nicht die Äußerungen der offiziellen Religionsvertreter ständig mit Stimmen der reformorientierten und kritischen Gruppen und Gemeinden dieser Religionsgemeinschaften konterkariert.

Die Praxis der ARD legt den Eindruck nahe, dass die Öffentlich-rechtliche Anstalt von einer ideologischen Parteilichkeit gegen die Lehre und Institution Kirche getrieben ist, indem sie durch die offensichtliche Förderung von Kräften randständiger bis außerkirchlicher Positionen anscheinend selbst eine Art Kirchenpolitik betreiben will. Durch die Nachrichten-Arrangierung wird bei den Zuschauern vielfach der bewertende Eindruck einer angeblich verstockt-reaktionären Kirche vermittelt und daraus folgend eine öffentliche Stimmungslage erzeugt, die durchaus auf eine Vorstufe zu einer „Katholikenphobie“ hinausläuft, wie der Kölner Kardinal Joachim Meisner es ausdrückte.

Die ARD verstößt gegen ihren öffentlich-rechtlichen Anspruch und Auftrag

Eine ideologische Parteilichkeit in der Medien-Sicht auf die Kirche sowie kirchenpolitische Einseitigkeiten  widersprechen aber eindeutig dem Auftrag und der Grundverpflichtung der zwangsgebührenfinanzierten Öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt. Laut ARD-Leitlinien 2013/14 ist die Anstalt zu einer „unabhängigen Berichterstattung in Ausgewogenheit und Unparteilichkeit“ verpflichtet. Die „journalistische Fairness“ gehört zum gebotenen Verhaltenskodex der ARD-Redakteure. Bei der Auswahl von Themen und Gesprächen sollte auf die „Relevanz“ geachtet werden - auch der Personen. Diese Kriterien sehen wir bei der Kirchenberichterstattung erkennbar vernachlässigt und deshalb sollten die verantwortlichen Programm- und Nachrichten-Redakteuren erneut darauf verpflichtet werden.

Weisner ist keine publizistischen Allzweckwaffe‚ eher ein Rohrkrepierer

Der Vollständigkeit halber sei auch noch auf die beiden anderen Auftritte von Christian Weisner in den Tagesschausendungen der letzten Zeit eingegangen:
In der 20 Uhr-Tagesschausendung am 9. 1. 2013 ging es um die Beendigung der Zusammenarbeit zwischen der Deutschen Bischofskonferenz und dem Kriminologischen Institut Hannover bei einem Projekt um die umfassende Erforschung von Missbrauchsfällen im Bereich der Kirche. Eingeleitet wurde dieser Beitrag von der Tagesschausprecherin korrekt mit der Bemerkung, dass diese Studie „vorerst gescheitert“ sei. Denn in der ebenfalls zutreffenden Schlussbemerkung wird ausgesagt: „Die Bischofskonferenz hat angekündigt, die Studie mit einem anderen Partner fortzusetzen.“

Nachdem die beiden Protagonisten der Vertragsparteien, Bischof Ackermann und Prof. Pfeiffer, ihre naturgemäß gegensätzlichen Einschätzungen zum Ende der Zusammenarbeit abgegeben hatten und die Justizministerin ein kurzes Statement  getätigt hatte, spielte die Tagesschau einen Kommentar von Christian Weisner ein.

Der Wir-sind-Kirche-Sprecher skandalisiert und lügt

Weisner wird von der Tagesschau wieder mal als Repräsentant für „die katholischen Reformer“ vorgestellt, was – wie oben schon mal dargelegt – gleichermaßen anmaßend wie falsch ist. Auch bei der Charakterisierung der Reformer-Reaktionen mit dem Wort: „sind enttäuscht“ lassen die Tagesschau-Redakteure die nötige journalistische Formulierungssorgfalt vermissen. Denn in der folgenden Aussage von Weisner kommt nicht Enttäuschung zum Ausdruck, sondern prinzipielles Misstrauen:
Zunächst skandalisiert Weisner das ‚vorläufige Scheitern’ der Studie als „katastrophale Meldung“. In seiner Hauptaussage zieht der Interviewte aus dem Vorfall eine erkennbar wahrheitswidrige Folgerung, wenn er sagt, die Meldung zeige, „dass es der katholischen Kirche, der Kirchenleitung, um die wirkliche Ursachenforschung in der Aufklärung nicht geht“.
Auf dem Hintergrund, dass Weisner zum Interviewzeitpunkt schon wusste, dass die kath. Kirchenleitung die Aufklärungs-Studie auf jeden Fall mit einem anderen Partner fortsetzen will, muss die Folgerung des WsK-Sprechers als bewusste und gezielte Verleumdung der Deutschen Bischofskonferenz gewertet werden. Und die Tagesschau macht sich mit der Verbreitung dieser Unwahrheit vor Millionen Zuschauer zur Medien-Hehlerin für diese Verleumdung der katholischen Bischofskonferenz.

Die Tagesschau-Redakteure haben Sprach- und Ausdrucksprobleme

Der dritte und bisher letzte Auftritt des Christian Weisner in der 20 Uhr-Tagesschau während der letzten Wochen datiert zum 21. 2. Das Erste berichtete über die abschließende Pressekonferenz der Frühjahrstagung der deutschen Bischöfe in Trier. Das Hauptthema bei dem Medientermin - wie auch in der Tagesschaudarstellung -  war die sogenannte ‚Pille danach’. Die Tagesschau-Redaktion ließ auch hier die Formulierungssorgfalt vermissen, wenn sie einleitend behauptet, nach bischöflicher Beratung und Lehre der Kirche sei die Pille danach „grundsätzlich erlaubt“, um dann in den Worten des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz das Gegenteil zu belegen, dass die Pille danach nur in „bestimmten Fällen“ und im Einzelnen nur für den Fall erlaubt sei, „insofern sie eine verhütende, aber nicht eine abortive Wirkung hat. Medizinisch-pharmazeutische Methoden, die den Tod eines Embryos bewirken, dürfen weiterhin nicht angewendet werden“ – so Erzbischof Robert Zollitsch. In der Schluss-Sequenz des Tagesschau-Beitrags wird die Einschätzung der erlaubten Ausnahme und nicht der grundsätzlichen Erlaubnis der ‚Pille danach’ bestätigt: Nach Ansicht eines Mediziners ist eine nicht-abortive Wirkung der zwei auf dem Markt befindlichen Präparate nur in seltenen Fällen gegeben. Die Tagesschauaussage von der generellen Erlaubtheit der ‚Pille danach’ wäre demnach eine journalistische Desorientierung der Zuschauer bzgl. der sachlichen Gegebenheit wie auch der ethischen Lehraussage der deutschen Bischöfe.

Mehr Journalisten als Demonstranten

Nach dieser Darstellung der bischöflichen Aussagen von der Pressekonferenz räumt die Tagesschau für „die Kirchenkritiker“ wieder langen und breiten Senderaum ein. Es wird eine Demonstration mit Plakaten und Transparenten gezeigt – von vorne und von hinten und aus solchen Perspektiven, die den Zuschauern den Eindruck einer größeren Menschenansammlung vermittelt. Dieser Eindruck wird verstärkt durch den Wortbeitrag, dass „die Kirchenkritiker vier Tage lang in Trier auf sich aufmerksam“ gemacht hätten. In Wirklichkeit war diese Demonstration ein Fehlschlag, so das Eingeständnis der Organisatoren von „Wir sind Kirche“ nach einem Bericht des Trierer Volksfreundes vom 20. 2. 2013 unter der Überschrift „Proteststurm gegen Bischöfe bleibt ein laues Lüftchen“: Den acht Organisationen eines Aktionsbündnisses unter der Leitung von WsK war nur eine Mobilisierung von ca. 30 Leutchen gelungen, so dass – wie der TVF berichtete – fast mehr Journalisten als Demonstranten auf dem Domplatz anwesend waren.

Die WsK-Gruppe ist nicht ernstzunehmen

Das „Aktionsbündnis Aufklärung“ hatte sogar einen Karnevalswagen aus dem Düsseldorfer Fastnachtsumzug auf dem Domplatz gezogen, um damit für verschärfte Aufklärung der Missbrauchsfälle in Bereich der Kirche zu demonstrieren. Die Demonstration hatte also gar nichts mit dem angesagten Thema der Deutschen Bischofskonferenz zu tun, wie es auch in der Tagesschau im ersten Berichtsblock vorgestellt wird. Danach aber wird die erwähnte Demonstration zwischen die Presseerklärung des DBK-Vorsitzenden zur Pille danach und dem an dritter Stelle folgende Kommentar des WsK-Sprechers Weisner zum gleichen Thema geschoben, so dass den Zuschauern mit den Bildern der falsche  Eindruck vermittelt wird, dass die Demonstranten gegen die Aussagen der Bischöfe zur Pille danach protestieren würden. Dieser Eindruck wird verstärkt durch den redaktionellen Wortbeitrag, in dem gesagt wird, dass für „die Kirchenkritiker“ die Aussage der Bischöfe zur Pille danach ein „fauler Kompromiss“ sei. 

ARD-Nachrichtenmanipulation in Bild und Wort

Man muss also feststellen, dass die Tagesschau-Redaktion mit diesem eingeschobenen Bild- und Wortbeitrag in zweifacher Weise eine Nachrichten-Manipulation vornimmt: Zum einen wird die kleine und klägliche Demonstration in Wort und Bild zu einer größeren Protestversammlung aufgebauscht und zum anderen wird die tatsächliche Themen-Zielrichtung der Demonstration vertuscht bzw. ein völlig anderes Protestziel unterstellt und den Tagesschau-Zuschauern vermittelt. Warum bringt die Tagesschau-Redaktion einen solchen Einschub, der nichts mit Thema und Sache des Beitrags zu tun hat? Es scheint so, als wenn die Tagesschau-Redakteure jede auch noch so unpassende Gelegenheit nutzen wollten, um dem Ansehen der Kirche zu schaden – nach der ideologischen Maxime: Gegen jede Aussage der Kirche erhebt sich eine breite Protestbewegung. Und wenn keine passende zur Stelle ist, dann wird eine themenfremde dazu umfunktioniert.

Wie kann man der Kirche publizistisch schaden?

Mit den Demonstrationsbildern leiten die TS-Redakteure über zu dem Kommentar von WsK-Sprecher Weisner. Auch diese Überleitung ist journalistisch unsauber bzw. nicht korrekt, wenn die Bewertung der bischöflichen Aussagen durch die „Kirchenkritiker“ bzw. von Weisner mit dem Wort vom „faulen Kompromiss“ charakterisiert wird. Das ist nicht zutreffend, wie im Folgenden gezeigt wird. Es stellt sich daher die Frage, ob der Wortschatz der Tagesschau-Redakteure nicht groß genug ist für zutreffende Bewertungsbegriffe oder ob die Journalisten mit der Negativ-Konnotation der Phrase „fauler Kompromiss“ wieder mal die katholische Kirche gezielt in ein schlechtes Licht stellen wollen.

Weisners wirre Worte verunklaren die eindeutigen Bischofsaussagen

Der Beitrag von Christian Weisner könnte eher mit den Begriffen ‚Verwirrung und Verunklarung’ gekennzeichnet werden:
„Ich glaube, die Bischöfe haben noch große Schwierigkeiten, die Realität zu erkennen. Das ist noch keine Entscheidung, die wirklich auch den Frauen hilft, denn diese Unterscheidung, ob nun nur empfängnisverhütend oder abtreibend, diese Entscheidung ist ja auch medizinisch noch nicht geklärt.“

Wenn man schon beim Lesen dieser Zeilen Schwierigkeiten im Verstehen von Aussage-Sinn und –Absicht hat, wie sollen dann die Tagesschau-Zuschauer diese verschachtelten Gedankengänge und Wort-Rochaden verstehen können? Dabei war die Vorgabe mit den bischöflichen Pressekonferenzaussagen klar und eindeutig:
Erstens die ethische Bewertung: ein empfängnisverhütendes Präparat ist in Vergewaltigungsnotfällen erlaubt, der Einsatz eines Mittels zur Abtreibung dagegen nicht.
Zweitens die medizinische Perspektive: Die Frage, welche Wirkstoffe zu welchem Einnahmezeitpunkt eine der beiden Wirkungen zeitigt, bedarf einer medizinisch-wissenschaftlichen Klärung, in die sich die Kirche nicht einmischt.

Zur Sache nichts beitragen, aber pauschal Verleumdungen ausstreuen

Weisners Verwirrspiel beginnt mit der aus der Luft gegriffenen Behauptung, die Bischöfe hätten ‚Schwierigkeiten mit der Realitätserkenntnis.
Dann spricht Weisner von einer für Frauen wenig hilfreichen „Entscheidung“, die er anschließend mit dem Wort „Unterscheidung“ durcheinanderwirft.
Zum Schluss nennt er die „Unterscheidung“ zwischen verhütenden und abtreibenden Wirkstoffen wieder fälschlich „Entscheidung“, die in der Wissenschaft noch nicht geklärt sei.
Was wollte der Mann eigentlich vermitteln?
Offensichtlich hatte Weisner zur anstehenden Sachfrage sowie der ethischen Bewertung nichts beizutragen. Dafür nutzte er aber die gegebene Chance eines Tagesschau-Auftritts, um der Kirche pauschal Versagen bei der Hilfe für Frauen sowie Realitätserkenntnisschwäche vorzuwerfen. Die Tagesschau-Redaktion wiederum hat diesen verwirrenden und verunklarenden TV-Auftritt vor einem Millionenpublikum ermöglicht und zu verantworten.

Ist Verhütung und Abtreibung ethisch gleich zu bewerten?

Übrigens ist in der letzten Sequenz zum Thema ‚Pille danach’ auch nicht besonders klarstellend. Der Beitrag des Frauenarztes Werner Harlfinger sollte eigentlich die medizinisch-pharmazeutische Wirkweisen von den infragekommenden Präparaten beleuchten. Bei dessen Eingangsthese, dass er keine Studie kenne, die das belegen würde, bleibt unklar, was denn zu belegen wäre. Zum andern schwingt sich Herr Harlfinger mit äußerst schwammigen Begriffen zum moralischen Oberlehrer für die Kirche auf, worin weder sein Part in diesem Interview noch seine Kompetenz als Mediziner besteht: Die Kirche solle doch „vernünftig“ sein und „den Menschen entgegenkommen“ und deshalb ohne Unterscheidung von verhütenden und abortiven Wirkstoffen und Wirkweisen alle auf dem Markt befindlichen ‚Pillen danach’ empfehlen.

Publizistischer Schund

Aus der Analyse des Tagesschaubeitrags zum letztgenannten Thema ‚Pille danach’ ergibt sich folgendes Resümee:
♦ Sowohl der redaktionelle Einleitungsbeitrag wie auch der Presseerklärungsausschnitt zum Thema von Erzbischof Robert Zollitsch vermitteln (bis auf eine Ausnahme) mit hinreichender Klarheit die anstehende ethische Problematik sowie die Aussagen der Kirche dazu.
♦ Der zweite Beitrag zur Demonstration der „Kirchenkritiker“ ist medientechnisch manipulativ gestaltet und die Zielrichtung der Demonstration verfälscht. Insgesamt ist dieser Block thematisch überflüssig, weil er zum Sachthema nichts beiträgt.
♦ Die Aussagen von Chr. Weisner sind teilweise Bischofsbeschimpfungen, sie verwirren und verunklaren die verdeutlichten Ausgangspositionen.
♦ Der vierte Beitrag zur medizinisch-pharmazeutischen Wirkweise der Pille danach ist nur im ersten Teil klärend, die moralisch-oberlehrerhaften Ratschläge des Arztes verwischen wiederum die ethische Problematik.

Sehr geehrte Damen und Herren der Tagesschau-Redaktion, der Programmdirektion und des Aufsichtsgremiums!

Nach der intensiven Beschäftigung mit der Kirchenberichterstattung der Tagesschau in letzter Zeit möchten wir Ihnen folgende Empfehlungen nahe legen, die zu einem höheren Niveau an kommunikativer Klarheit, journalistischer Sachorientierung, ausgewogener Darstellung  und damit zur Qualitätsverbesserung der Berichterstattung über die kath. Kirche beitragen können:

Sachorientierte und ausgewogene Kirchenberichterstattung ist möglich

♦ Wenn der Papst für 1,2 Milliarden Kirchenmitglieder spricht oder die Deutsche Bischofskonferenz für 25 Millionen deutsche Katholiken, dann verschonen Sie uns und sich selbst bitte mit den unqualifizierten, verwirrenden und teilweise beschimpfenden Wortbeiträgen der irrelevanten Vertreter von der Minigruppe  „Wir sind-Kirche“, die für 30 Demonstranten oder höchstens für einige Hundert Mitglieder sprechen können.
♦ Wenn Sie zu Ereignissen und Aussagen der Kirche Kommentare von katholische Laienvertreter einspielen wollen, so können Sie auf ein großes Spektrum gewählter und kirchlich engagierter Laien aus dem Gremien- und Verbandskatholizismus zurückgreifen. Wenn Sie gelegentlich auf kritische Stellungnahmen zur Deutschen Bischofskonferenz Wert legen, können sie auch aus dem Spektrum der konservativ-katholischen Gruppen und Verbände kompetente Stimmen vor die Kamera bekommen – wie z. B. vom ‚Forum deutscher Katholiken’, von der ‚Generation Benedikt’ sowie von kirchlich engagierten  Einzelpersonen wie Regina Einig, Martin Lohmann, Gabriele Kuby, die große Teile der schweigenden Mehrheit der deutschen Katholiken repräsentieren.
♦ Versuchen Sie nicht krampfhaft, bei allen Entscheidungen und Ereignissen in der Kirche Kritikkorinthen  und Protestpersonen zu finden, wie im Fall der Pressekonferenz der DBK-Frühjahrsvollversammlung, was letztlich zu größerer Verwirrung und Unklarheit führte. Beschränken Sie sich doch gelegentlich darauf, Kirchenmeldungen zu erläutern, zu erklären oder Hintergründe zu erörtern, wie sie das bei anderen Religionsgemeinschaften auch tun. Das verbessert die Informations- und Kommunikationsqualität der Nachrichtenbeiträge.
♦ Vielleicht sollte man für einige Redakteure eine Nachschulung in Wortschatzübungen und treffenden Begrifflichkeiten anbieten. Insbesondere bei Bewertungen und Charakterisierungen kirchlicher Gegebenheiten scheint uns eine sprachliche Nachbesserung notwendig zu sein.

Mit freundlichen Grüßen


Kopie dieses Schreibens an:

ARD-Zuschauerredaktion
Postfach 20 06 65
80006 München

 

Herrn Uwe Grund
Vorsitzender der ARD-Gremienvorsitzendenkonferenz
Gremienbüro des NDR
Rothenbaumchaussee 132
20149 Hamburg