Daneben geschossen!

Eine Antwort auf Daniel Deckers F.A.Z.- Leitartikel „Die Revolution der Kardinale“ (F.A.Z. vom 6.2.2013)

 

Daniel Deckers benutzt die Affäre um eine vergewaltigte Frau in Köln zu gleich  mehreren Breitseiten gegen die Sexualmoral der Katholischen Kirche. Hinter seinen Attacken steckt offensichtig der Frust über die Zwielicht, in dem die „Königsteiner Erklärung“ der Deutschen Bischofskonferenz zur künstlichen Empfängnisverhütung stehen geblieben ist und über die Zwecklosigkeit des Widerstandes einiger prominenter deutscher Bischöfe gegen das vatikanische „Nein“ zum Beratungsschein bei der Schwangerschaftskonfliktberatung.

 

Ausgerechnet der lehramtlich so korrekte Kölner Kardinal Meisner soll nun dafür herhalten, diejenigen in der Kirche ins Recht zu setzen, die seit Jahr und Tag dabei sind, das Zeugnis dieser Kirche für einen gottgefälligen und deshalb menschenwürdigen Umgang mit Sexualität, Schwangerschaft und ungeborenen Kindern zu verdunkeln.

 

Deckers schreibt vor einer „Revolution des Kardinals“ in Sachen Empfängnisverhütung. Von einer solchen kann indes keine Rede sein. Wenn Meisner es für vertretbar hält, nach einer Vergewaltigung dem Opfer ein Medikament zu geben, das eine Empfängnis verhütet, ohne ein schon entstandenes menschliches Leben anzutasten, bewegt er sich auf sicherem lehramtlichem Terrain.

 

Was ist schließlich die Ratio jedweder kirchlichen Sexualmoral? Es ist die Einheit von Natur und Kultur. Das sei in der Folge ein wenig ausgefaltet.

Jede geschlechtliche Vereinigung hat zunächst von der Natur her den Zweck, Nachkommenschaft zu erzeugen und damit die Spezies zu erhalten. Der Sexualtrieb dient schlicht dazu, immer wieder diese Artenhaltung durch Fortpflanzung zu stimulieren. Und diese Seite der Natur ist allen Lebewesen gemeint und hat physiologisch bei Tier und Mensch sehr verwandte Ausprägungen.

 

In Unterschied zum Tier ist der Mensch allerdings ein Leib- Seelen- Wesen und deshalb der liebevollen Zuwendung zum anderen, die eine Erfüllung des Triebes übersteigt, fähig. So kommt bei ihm zum Zweck der Artenhaltung etwas anderes hinzu: die Begegnung mit einem geliebten Menschen, der dann allerdings Achtung und Ehrfurcht auch bei solcher Begegnung beanspruchen darf.

 

Daraus folgt die moralische Anfechtbarkeit allen Tuns, bei dem Natur und Kultur auseinanderdriften oder –fallen:

Homosexualität ist Kultur ohne Natur.

Vergewaltigung ist Natur ohne Kultur.

Kultur ohne Natur ist auch eine heterosexuelle Beziehung, in der durch künstliche Mittel die Weitergabe des Lebens ausgeschlossen wird.

 

Wenn nun bei einer notzüchtig erzwungenen Vereinigung die dem Menschen eigene personale Zuwendung ins Gegenteil verkehrt wird, ist die Umsetzung des menschlichen Sexualaktes von solcher Seins- Unordnung, dass sie nicht mehr jenes Schutzes bedarf, den die Natur normalerweise verdient. Und so erklärt es sich schon aus der Logik, dass hier das Verbot künstlich- empfängnisverhütender Mittel nicht gilt.

Nichts anderes aber hat der Kölner Kardinal gesagt. Es bleibt noch eine Ungewissheit, die aber nicht Theologen oder Ethiker, sondern nur Ärzte und Physiologen beheben können: Gibt es in der Tat eine „Pille danach“, die Empfängnis verhütet, ohne in irgendeiner Weise empfangenes Leben abzutöten.

 

Bernhard Mihm