(28.6.2017)

Zum Thema „Ehe für Alle“

Die Axt an der Wurzel

 

 Bei der Ehe handele es sich doch „um etwas sehr Individuelles“, so wird die Bundeskanzlerin in der Presse zitiert, wenn es um die Öffnung der Union für die „Ehe für alle“ geht. Wieder einmal führt eine falsche Philosophie zu falscher Politik. Die Ehe ist gerade  n i c h t  etwas „sehr Individuelles“. Wäre es so, dürfte sich ein freiheitlicher Rechtsstaat für diese Lebensform gar nicht interessieren: er müßte das alles sehr den Individuen überlassen.

 Nicht ohne Grund schützt Artikel 6 unseres Grundgesetzes die Ehe „Verschränkt mit der Familie“, um Paul Kirchhoff zu zitieren. Dabei geht es nicht um die Ehe als Ort der Erfüllung personalen Glücks, erotischer Vollendung oder gar sexueller Befriedigung. „Verschränkt“ (Paul Kirchhoff) mit der Familie ist sie „Keimzelle der Gesellschaft“, um ein viel gebrauchtes anderes Wort aufzugreifen. Nur darum darf und muß die staatliche Gemeinschaft der Ehe ihre Aufmerksamkeit geben und sie rechtlich beordnen. Wie sehr das Grundgesetz von dieser Sichtweise erfüllt ist, zeigt die Konstruktion jenes Artikels 6.  Nach der Aussage über den „besonderen  Schutz“ für Ehe und Familie kommen Aussagen über die Rechte und Pflichten der Eltern im Hinblick auf Pflege und Erziehung der Kinder. Dass Ehen schicksalhaft kinderlos bleiben können, ändert an dieser Einsicht nichts. Und diese Sichtweise teilt das Grundgesetz mit allen menschlichen Kulturen zu allen geschichtlichen Zeiten.

 Zu allen geschichtlichen Zeiten? Vielleicht muß man das Heute ausnehmen. Wir Heutigen steigen aus einer jahrtausende Jahre alten bewährten Tradition aus. Warum ?   Weil wir alles nur mehr „sehr individuell“ sehen. Individualisierung ist ein Merkmal der Postmoderne. In jeder Konsequenz. Auch die Genderideologie steht dafür. Niemand soll mehr gruppenbezogen eingeordnet werden: von allen anderen Zuordnungen ganz abgesehen. Zu „den Männern“ oder „den Frauen“ gehören. Jeder für sich selbst soll das nach Gusto selbst entscheiden, oder für irgendetwas dazwischen.

 Das wird dann jeden dieser Einzelnen letztlich sehr einsam werden lassen. Vor allem aber ist es gegen die Natur. Biologisch gibt es den Menschen, wie übrigens fast alle Lebewesen im Tierreich, als Mann oder als Frau – ob der Einzelne das so will oder nicht. Und wenn aus der Polarität männlich/weiblich Vereinigung wird, entsteht Nachwuchs. Wer sich davon abkoppelt, leugnet Realität. Diese Realität gehört übrigens grundlegend zu jenem „christlichen Menschenbild“, zu dem sich CDU und CSU bekennen.

Und nun davon abfallen sollen?

 Das wäre nicht nur ein theoretischer Sündenfall, sondern einer mit höchst praktischen Wirkungen. Es geht um die Zukunft. Wo bleibt der rechtlich zu schützende und zu wahrende Raum für die „Keimzelle der Gesellschaft“? Oder machen wir uns auf den Weg aus dem Pluralismus vieles „sehr Individuellen“ ins Nichts ?

D e k a d e n z   muß man das nennen.

 

Bernhard Mihm, Jurist

Stadtverordnetenvorsteher a.D. in Frankfurt/Main