Erste Gedanken zum Neuen Buch von Reinhard Kardinal Marx:                                                              (21.9.2015)

Kirche überlebt  (Kösel – Verlag,  München, 2015)

Eine Rezension von Herrn Bernhard Mihm, Stadtrat a.D. in Frankfurt/Main

Die Aussagen und Darlegungen des Kardinals lassen sich zunächst in folgenden Punkten zusammenfassen:

1.      Als mystischer Leib des inkarnierten Gottessohnes Jesus Christus ist die Kirche Teil der Geschichte. Sie ist „Weggefährtin“ der Menschen, der Menschen bei deren Gang durch die Geschichte. Kein Zeitalter ist – um meinerseits auf Leopold von Rancke zu sprechen zu kommen – „näher zu Gott“.

2.      Marx plädiert für eine entschlossene Annahme der Moderne durch die Kirche. Der Kampf gegen den Modernismus sei sinnlos gewesen und verloren gegangen. Kirche dürfe nicht derart hinter der Gegenwart herhinken, dass sie als etwas wie ein „Kulturerbe“ wahrgenommen werde.

3.      Der Kardinal erweist sich als Sachwalter und Weiterdenker der Konzilskonstitution „Gaudium et spes“ mit deren positiv-optimistischer Weltsicht. Gern zitiert er die optimistischen Dicta des seligen Papstes Johannes XXIII.

4.      Der Sozialethiker Marx erklärt die Prinzipien der katholischen Soziallehre als uneingeschränkt anwendbar auch auf die Kirche. Da er besonders das Subsidiaritätsprinzip hervorhebt, kommt er zu Forderungen nach Dezentralisation und Synodalisierung.

Es fällt bei der Lektüre des Buches auf, dass sein Verfasser offensichtlich das Böse und vor allem die Aktivitäten des Bösen in der Geschichte entweder nicht kennt oder ausblendet. Dieses geschichtstheologische Manko Manko durchzieht m.E. das ganze Buch. Ich sehe hier die zentrale Problematik dieser Arbeit.

Marx selbst attestiert dem II. Vaticanum Situationsgebundenheit, wenn er etwa schreibt, die beeindruckenden Formulierungen dieses Konzils seien heute vielleicht nicht mehr möglich. Da sich das II. Vaticanum weniger dogmatisch definierend, sondern mehr pastoral verstand, ist  diese  Situationsgebundenheit nicht überraschend. Pastoral ist immer situations-, d.h. zeit-, orts- und anlassbezogen. Dann aber muss er sich fragen und fragen lassen, ob seine Haftung an „Gaudium et spes“ nicht genau jene Charakterisierung als „Kulturerbe“ verdient, vor der er die Kirche bewahrt sehen möchte.

Was das Subsidiaritätsprinzip und die von Marx daraus gefolgerte Dezentralisation der Kirche anbetrifft, kommt er an einer Stelle auf den Einwand zu sprechen, das gefährde die Einheit der Kirche. Marx geht auf diesen Einwand nur unzulänglich ein. Da es nur eine Wahrheit gibt, findet die Regel der Subsidiarität gerade zur Zuständigkeit der Zentrale. Denn verschiedene Zuständigkeitsträger können die eine Wahrheit nicht zuverlässig absichern. Und diese eine Wahrheit findet sich im kirchlichen Raum an vielen Stellen wieder bis hin zu Liturgie und Volksfrömmigkeit. Auch wenn Marx das eigens dementiert, erweckt sein Hantieren mit der Subsidiarität schon wegen seiner Stellung als Bischof und Vorsitzender einer Bischofskonferenz als innerkirchliche Machtverteilungsoption.