Wer wird neuer Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz?

Mediale Personalstrategien zur Positionierung von Kandidaten. Droht Kardinal Lehmann das Ende seiner kirchlichen Karriere?  (21.02.2013)

Der Kirchenredakteur der Frankfurter Allgemeinen, Daniel Deckers, hat wieder mal einen personalpolitischen Kirchen- Parcour geritten. Seinen Bericht vom 28. Januar stellte er unter die reißerische Schlagzeile: „Die katholische Kirche wird wieder durchgeschüttelt“. Im Artikel selbst heißt es sogar: „…abermals heftig durchgeschüttelt“. Aber die aufgebaute Lesererwartung nach erneuter Skandalwitterung in der Kirche entpuppt sich als sensationsheischender Einleitungsbausch für eine normale Abarbeitung von Geschäftsordnungspunkten: Es geht um anstehende Personalentscheidungen.

Frühzeitige Einflussnahme auf die Wahl des DBK-Vorsitzenden

Erzbischof Robert Zollitsch wird zu seinem 75. Geburtstag am 9. August des Jahres beim Papst sein Rücktrittsgesuch einreichen. Dann müsste im Herbst oder spätestens nach Ablauf seiner Amtszeit im nächsten Frühjahr ein neuer Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz gewählt werden.

Deckers zielt mit seinem Artikel auf frühzeitige Einflussnahme bei der Vorsitz-Wahl der DBK durch die deutschen Bischöfe. Er präsentiert zwei Kandidaten: Kardinal Rainer Woelki von Berlin hätte ausnehmend gute Karten, Kardinal Reinhard Marx von München dagegen stehe auf verlorenem Posten.

Wie kommt ein Zeitungsredakteur dazu, über angeblich gute oder schlechte DBK-Kandidaten vorzuurteilen? Was maßt sich Herr Deckers an, den derzeit 66 Diözesan- und Weih-Bischöfen in zukünftige Wahlentscheidung reinzureden oder gar soufflieren zu wollen?

Der Purpurträger aus Mainz als ‚graue Eminenz’?

Auf dem Hintergrund, dass der FAZ-Kirchenredakteur der autorisierte Biograph von Kardinal Karl Lehmann ist und damit beste Kontakte zu dem Großbischof aus Mainz haben dürfte, gelegentlich sogar als dessen mediale Stimme charakterisiert wird, müsste diese Impertinenz von Seiten Deckers dem Mainzer Kirchenfürsten eigentlich peinlich sein.

Oder sollte der Kardinal selbst hinter solchen gezielten Wahlspekulationen stecken?

Zu dem kardinalen Purpurträger aus Mainz kursiert die Einschätzung, dass er zugleich die Funktion einer ‚grauen Eminenz’ in der Kirche in Deutschland ausfülle, indem er aus dem Hintergrund die Fäden zu einem weitverzweigten Netzwerk von Beziehungen und Beeinflussungen spinne und nutze.

So sprechen einige Indizien dafür, dass die Forderung von prominenten Laien-Katholiken nach der Weihe von ‚viri probati’ auf Lehmanns Vorsprache zurückgehen könnte, insbesondere deren nachgeschobene theologische Begründung.

Den Schützling des anderen wegloben

Auch in der kirchlichen Personalpolitik dürfte Kardinal Lehmann nicht untätig sein. Nach seinem krankheitsbedingten Rücktritt als DBK-Vorsitzender vor knapp fünf Jahren vermutete man in Kirchenkreisen folgende personalpolitische Strategieversion: Der Mainzer Kirchenfürst habe Erzbischof Robert Zollitsch als Nachfolger lanciert mit der Argumentation: Dem (aussichtsreichen) Kandidaten Bischof Reinhard Marx, den Deckers als „Schützling“ Kardinal Meisner zuschiebt, sollte man die Chance geben, sich vorerst in seine neue große Diözese einzufinden. Daher wäre der kirchliche Verwaltungsfachmann Bischof Zollitsch aus Freiburg eine ideale Zwischenzeitlösung.

Es ist aber ein offenes Geheimnis, dass der in theologischen und gesellschaftspolitischen Fragen  eher hölzern wirkende Erzbischof von Freiburg als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz auf seinen kirchlichen Ziehvater angewiesen blieb bzw. die ‚graue Eminenz’ ihn aus dem Hintergrund anleitete.

Die Sympathisanten des Gegenkandidaten verunsichern

Nun wird Lehmanns Mann abtreten. Nach der oben angesprochenen Argumentation müsste das (auch) kirchliche Schwergewicht Reinhard Marx nunmehr der logische und natürliche Anwärter auf den DBK-Vorsitz sein. Der Münchener Kardinal aber ist kein Ziehsohn von Lehmann noch wird er sich vom Mainzer Oberhirten reinreden lassen.

In dieser misslichen Situation kommt der Lehmann-Biograph Daniel Deckers ins Spiel mit der fabulierten Voraussage, der Münchener Kardinal wäre als Kandidat schon im Vorfeld durchgefallen: „Er würde derzeit kaum von den vielen gewählt, die vor fünf Jahren Zollitsch den Vorzug gaben, noch von den wenigen, die ihn damals als Schützling des Kölner Kardinals Meisner an der Spitze der Bischofskonferenz sehen wollten“ –so der FAZ-Redakteur. Offensichtlich soll diese erfundene Wahlprognose die große Zahl von Bischöfen, die zu einer Wahl von Kardinal Marx für den DBK-Vorsitz neigen, verunsichern.

Ein liberaler Kandidat aus dem Hut gezaubert

Aber wer könnte denn nun den liberalen DBK-Kandidaten darstellen, der nicht unter dem Einfluss-Schirm des Kölner Gegenspielers steht? In dem FAZ-Artikel wird der Überraschungskandidat Rainer Woelki aus dem Hut gezaubert – einem Hut, der so oder so zu einem strategisch klugen Kopf passt.

Der zunächst als papst- und kirchentreu geltende Berliner Kardinal hat sich in seiner eineinhalbjährigen Amtszeit als Berliner Bischof mit einigen Äußerungen bei den Zeitgeist-Genossen beliebt gemacht. Das wird dann für die mediale Öffentlichkeitsarbeit so aufbereitet, dass er „sein Herz am rechten Fleck“ habe. Insbesondere seine Lanze auf dem Mannheimer Katholikentag zur Aufwertung von „verantwortungsbewussten“ Homopaarungen hat ihm einen Ansehenssprung bei Liberalen aller Provenienz eingebracht. Sogar von der Frankfurter Rundschau bekam er dafür ein wohlwollendes Interview geschenkt.  

Daniel Deckers beschreibt den Wendekreis des Woelki mit windigen Wortwendungen: „Der gebürtige Kölner, der anfangs als eine reaktionäre Kreatur des Kölner Kardinals Meisner verschrien wurde, macht als Erzbischof von Berlin bislang eine ausnehmend gute Figur. Er hat das Herz am rechten Fleck, ohne seine konservative Grundhaltung zu verleugnen.“

Alle wollen Woelki wählen, aber der Kandidat will nicht

Diese überaus euphemistische Wertung soll dem Berliner Kardinal offensichtlich einen medialen Anschub geben, um dem Kandidaten Rainer Woelki einen Ansehens-Vorsprung vor seinem Mitbewerber Reinhard Marx zu verschaffen. Zusätzlich ist die Taktik der sich selbst erfüllenden Prophetie erkennbar – in der steilen Behauptung von Deckers, Woelki wären die Stimmen der meisten Bischöfe sicher:

„Der 56 Jahre alte Kardinal würde nicht nur von denen gewählt, die ihn um seiner selbst willen schätzen. Er erhielte auch viele Stimmen derer, die in Marx nicht den geeigneten Vorsitzenden sehen.“

Aber der Berliner Oberhirte verweigert sich:

Woelki traut sich ein überregionales Leitungsamt bestenfalls auf mittlere Sicht zu. Das personell wie strukturell schwache Erzbistum Berlin, das von der Lausitz bis an die Ostsee reicht, bindet einstweilen seine ganze Kraft.“

Der Widersacher schläft nicht

Es sieht also nicht gut aus mit der betriebenen Personalstrategie. Dazu kommt noch das drohende Ende der kirchlichen Karriere des Mainzer Kardinals. Deckers jammert: „Lehmann begeht im kommenden Oktober den dreißigsten Jahrestag seiner Weihe zum Bischof von Mainz. Dieser Anlass könnte Papst Benedikt wie gerufen kommen, um seinen langjährigen Widersacher (sic!) von der Verantwortung für das Bistum zu entbinden und damit aus der Bischofskonferenz entfernen.“

Dann wirft der FAZ-Redakteur noch zwei Namen in den Kandidatenring: die Erzbischöfe Ludwig Schick (Bamberg) und Hans-Josef  Becker (Paderborn), was wohl nicht ganz ernst gemeint sein dürfte.

Die Kandidatennot zur DBK-Vorsitzendenwahl ist allerdings auch wieder nicht so dramatisch, dass man sogar auf die 50 jährigen Bischöfe zurückgreifen müsste, die Deckers als dritte Kandidatenreihe vorstellt: Stephan Ackermann (Trier), Franz-Josef Overbeck (Essen) und Franz-Peter Tebartz-van Elst (Limburg).

Die FAZ in SPIEGEL-Manier: Der Bischof von Limburg als Feindbild

Zu dem Limburger Bischof gibt Deckers vorneweg eine Negativ-Empfehlung ab, wenn er schreibt: Tebartz-van Elst sei zwar bei seiner Wahl vor fünf Jahren nicht der Schützling von Kardinal Meisner gewesen, also keine „reaktionäre Kreatur“ des Kölner Oberhirten, jedoch habe er sich zu einer solchen entwickelt, indem er sich „an Unterwürfigkeit gegenüber dem Papst nicht einmal von Meisner überbieten“ ließe.

Der FAZ-Kirchenredakteur Daniel Deckers scheint sich an journalistischer Überheblichkeit gegenüber seinem Ortsbischof nicht einmal von seinem Kollegen Stefan Toepfer, dem Kirchenjournalisten für die Region, überbieten zu lassen.