Rückblick auf  Weihnachten 2012.  Das Gott wird der Kind? (1.1.2013)

Ein Stopp der Verdunstung von Wissen und Glauben zum Weihnachtsfestkreis bzw. das Wiederbeleben einer christlichen Weihnachtskultur muss von der Kirche selbst geleistet werden. Von Hubert Hecker

„Wenn der Trend zur Unwissenheit über den christlichen Ursprung des Weihnachtsfestes weitergeht, werden Kinder in einigen Jahren googeln müssen, warum am 24. Dezember ein Kind in der Krippe liegt“, schrieb die Frankfurter Neue Presse am 22. 12. 2012. Zu ergänzen ist: … falls die Kinder dann überhaupt noch Vorstellungen von Krippe und Stall der Herberge, Maria und Josef, Hirten und Engel haben, denn bildliche Darstellungen von Christi Geburt im Stall von Bethlehem sind heute schon auf Weihnachtskarten selten, in der Geschäfts- und Weihnachtswerbung sowieso tabu. Familienministerin Christina Schröder setzte der verbreiteten Unkenntnis’ bei christlichem Basiswissen noch eins drauf, indem sie zusätzliche Irrungen und Wirrungen stiftete durch eine Äußerung in der ‚ZEIT’. Danach will Mutter Schröder zu ihrer 1 ½jährigen Tochter auch von „das liebe Gott“ sprechen. Einerseits kommt die Familien- und Jugend-Ministerin mit den alternierenden Artikeln für „Gott“ dem genderorientierten Neusprech modernistischer BibelverbesserInnen entgegen, andererseits nähert sie sich mit „das Gott“ dem Neuheidentum der Aufklärer, die (wie Goethe) in Gott nur eine apersonale „Gottheit“ sahen oder (wie Rousseau und Robespierre) ‚das höchste Wesen’ (l'Être suprême) an die Stelle des personalen Gottes stellten.

Der christliche Kern der Weihnachtsgeschichte geht verloren

Man kann Geschäften und Werbeindustrie kaum den Vorwurf machten, dass sie den christlichen Kern der Weihnachtsgeschichte nicht tradieren, denn sie reagieren mit der Reduzierung auf sekundäre Weihnachtssymbole und wintermythische Stimmungselemente nur auf den reduzierten Kunden-Wissensstand über die reale Weihnachtsgeschichte. Man sollte eher fragen, warum die Tradierung der christlichen Botschaft von der Geburt des Erlösers in breiten Bevölkerungskreisen nicht mehr ankommt. Vor allem aber sollten Art und Inhalt der kirchlichen Vermittlung der Advents- und Weihnachtsbotschaften überprüft werden – also die Tradierung des christlichen Glaubensgutes in der kirchlichen Verkündigung, im Religionsunterricht und in der Glaubensweitergabe in der Familie – speziell durch die Mütter.

Fangen wir bei letzterem an: Wenn Bundesfamilienmutter Schröder bei der religiösen Grunderziehung ihres Kindes von ‚der/die/das Gott’ spricht, so ist das als Indiz zu sehen, dass bei dem religiösen Wissensstand der heutigen Müttergeneration einiges im Argen liegt – oder um es mit einem Trendwort zu sagen, dass der Glaube an den personalen Gott und sein Wirken an Welt und Menschen schon verdunstet ist. Daran dürfte im Bereich der katholischen Kirche der Religionsunterricht nicht unschuldig sein:

Der schulische Religionsunterricht verdunstet den Glauben

Seit dem Beschluss der Würzburger Synode von 1974 sollen die kirchlich beauftragten Lehrpersonen für den schulischen Religionsunterricht ausdrücklich nicht die kirchlich-theologische Lehre vermitteln, also vom dreifaltigen Schöpfergott sprechen, von der Inkarnation des Gottessohns in menschliche Natur, vom Heiland und Erlöser, auch nicht von der Knechtschaft der (Erb-) Sünde und der Erlösung davon, Christi Leiden und Sterben soll nicht als freiwilliger Opfertod dargestellt werden und seine leiblichen Auferstehung allenfalls als ein inneres Widerfahrnis vermittelt und verflüchtigt werden; das zugesagte Wirken des Hl. Geistes in der Kirche wird ebenso beiseitegeschoben wie Christi Rede von Wiederkunft und Gericht über Lebende und Tote.
Stattdessen soll der Religionsunterricht Offenheit für eine diffuse Transzendenzerfahrung pflegen, bei der christliche Inhalte allenfalls  als Beispiele für Identitätsfindung und Welterschließung herhalten können. Dabei wird die biblische Geschichte des Alten und Neuen Testaments weitgehend auf ethische, soziale und politische Dimensionen reduziert. Speziell bei der Weihnachts- und Kindheitsgeschichte werden vielfach die göttlich-christlichen Elemente eliminiert - fachterminologisch „entmythologisiert“ - oder  korrelationsdidaktisch ausgefiltert mit der Begründung fehlenden Lebensbezugs der Schüler: Zusätzlich liefert Bultmanns Verdikt, dass die naturwissenschaftlich fest gefügte Welt gegen jeden göttlich-übernatürlichen Eingriff immun sei, eine wohlfeile Argumentation, die biblischen Wunder zu übergehen oder sie einer anthropologischen Wende-Deutung zu unterziehen  – so die Botschaft des Engels an Maria, die Jungfrauengeburt sowieso, das Auftreten der Engel und ihre Verkündigung an die Hirten, dass in Bethlehem der Messias, Heiland und Herr geboren ist.  Statt diesen originären Bibelbotschaften wird den Kindern eine eher säkular-soziale Deutung vermittelt – etwa so: Wie sich der Mensch Jesus um die damaligen Randgruppen wie Zöllner und Sünder gekümmert habe und bei der Weihnachtsgeschichte die sozial geächteten Hirten herausgehoben würden, so sollten Christen sich besonders für die heutigen Randgruppen wie Obdachlose, Bettler und entlassene Strafgefangene engagieren – und nicht nur zur Weihnachtszeit. Bei dieser immanent-sozialpädagogischen  Bibeldeutung wird die Botschaft des Evangelisten unterschlagen, dass die Hirten deshalb als erste Adressaten der göttlichen Worte durch Engelsmund ausgewählt wurden, damit sie als erste die Frohbotschaft von der Herabkunft des Erlösers verkündeten sowie Gott dafür Lob und Ehre erwiesen: „Als die Hirten das Kind in der Krippe und seine Mutter gesehen hatten, verbreiteten sie überall die Worte, die zu ihnen von diesem Kind gesagt worden waren. Und alle, die davon hörten, staunten über das Gesagte. Als die Hirten zu ihren Herden zurückkehrten, lobten und priesen sie Gott für all das, was sie gehört und gesehen hatten, so wie es ihnen gesagt worden war“ (Lk 2,17ff).

Die Weihnachtsgeschichte wird banalisiert zur Streetworkerstory

Diese Ausführungen zur säkularistischen Auslegung der biblischen Kindheitsgeschichte und der entsprechenden religionspädagogischen Trivialisierung zu einer Streetworkerstory sind keine abstrakten oder spekulative Gedankenspiele, sondern beruhen auf schulpädagogischen Mustern, wie sie etwa von Referendaren in Hessen erwartet wurden. Letztlich spiegelt sich darin aber nur der Duktus des Lehrplans für katholische Religion wider. Und der wiederum ist das Konstrukt bzw. Dekonstruktionsergebnis einer verhegelten Theologie, die sich seit dem Konzil insbesondere durch die Rahner-Schule in Deutschland breit gemacht hat. Diese Theologen interpretieren das Zentraldogma der Inkarnation in hegelscher Dialektik, so dass in der Menschwerdung Christi Gott im zweifachen Sinne ‚aufgehoben’ ist: beendet in seiner transzendent-übernatürlichen Seinsweise einerseits und zum anderen seither fortlebend in der Menschheit – insbesondere im Modus der solidarischen  Mitmenschlichkeit.

Rahners verhegelte Inkarnationstheololgie

Rahner argumentiert dazu in seinem Spätwerk „Grundkurs des Glaubens“ auf S. 197 zunächst schöpfungstheologisch: „Wir dürfen uns Schöpfung und Menschwerdung in der wirklichen Welt ... als zwei Momente und zwei Phasen eines ... Vorgangs der Selbstentäußerung und Selbstäußerung Gottes denken.“ -

Im Menschen käme damit der ursprüngliche Geist/Gott an sich über die Entäußerung in die Materialität/Körperlichkeit zu sich selbst. Damit wäre die (evolutive) Menschwerdung sowohl ein Prozess der Selbstentäußerung wie auch ein Moment der Selbsteinholung Gottes. Der vom Gott-Geist eingeflossene  Geist-Mensch würde dann als wahrer Mensch auch wahrhaft göttlich sein bzw. werden.

Für Rahner ist die „Menschwerdung“ des geschöpflichen Menschen und die Inkarnation als Menschwerdung Gottes im Menschen Jesus dem Wesen nach gleich: „Der Gottmensch (Jesus Christus) ist der erste Anfang des endgültigen Gelungenseins, der Bewegung der Selbsttranszendenz der Welt in die absolute Nähe zum Geheimnis Gottes. (...) Von da aus erscheint die Inkarnation als der notwendige, bleibende Anfang der Vergöttlichung der Welt im ganzen“.

Wenn aber diese Welt und die Menschen von Anfang an ein Emanationsergebnis der „Selbstentäußerung“ oder  der „Weltwerdung“ Gottes sind, dann haben in dieser gottenthaltenden Menschenwelt der Sündenfall der Menschheit und die Erbsündlichkeit keinen Platz mehr und entsprechend braucht die Menschheit auch keinen gott-menschlichen Erlöser, der sie von Sünde und Tod befreit. Denn der Mensch kann seine eigene „ausstehende höhere Vollkommenheit aktiv einholen“ (wie es der besondere Mensch Jesus schon vorgänglich und vorbildhaft gezeigt hat),  jedenfalls braucht die Menschheit dafür keinen Erlösungs-Mittler – und auch keine Kirche - als vermittelnde Institution.

Gott ist in der liebenden Mitmenschlichkeit ‚aufgehoben’

Die Rahner-Theologen reduzieren den Satz: ‚Gott wird Mensch’ darauf, dass Gott in die menschliche Natur des neugeborenen Kindes eingeht und auch darin aufgeht. Die Bibel dagegen und die frühchristlichen Dogmen betonen die Doppel-Natur des Christ-Kindes: In der menschlichen Gestalt des Kindes strahlt die göttliche Natur des Herrn und Heilands auf, der als Erlöser die Geschichte der Menschheit zum endgültigen Heil wendet.
Mit dem Rahner-Ansatz, der in Variationen von hunderten Religionslehrer ausbildenden Theologen vertreten wurde und wird, ist die Bedeutung des kirchlichen Weihnachtsfestes auf die Erinnerung an die Geburt des besonderen Menschen Jesu herabgestuft, wenn auch als Beginns der Selbsttranszendierung der Menschheit auf das Göttliche zu. Theologie und Kirche sind es also selbst, die die heilsgeschichtliche Substanz und die herausragenden Bedeutung des christlichen Hochfestes Weihnachten aushöhlen und verflachen.

Der erste weihnachtliche Anbetungsgottesdienst

In der Konfrontation des modernistischen Verständnisses von „Menschwerdung“ Christi mit klassischen Bildern von Christi Geburt fällt der beschriebene Bedeutungsverlust sofort ins Auge.
• Auf beiden untenstehenden Bildern ist das neugeborene Christ-Kind als Lichtquelle im dunklen Stall dargestellt, das bedeutet: Im Christus-Kind offenbart sich der Abglanz des Vaters und: mit der Geburt Christi ist das Licht des Guten in der Welt erschienen, das die Finsternis des Bösen vertreibt.
• Durch die Anbetungsgesten zeigen alle anwesenden Personen ihren Glauben und ihre Ehrfurcht, ehren das Kind also als Gottessohn.
• Der hl. Josef hat eine Kerze angezündet – offensichtlich nicht zur physikalischen Lichtverbreitung, sondern als rituellen Licht-Symbolakt.
• Das Bild stellt den ersten christlichen Anbetungsgottesdienst dar, die erste weihnachtliche Lob- und Dankandacht für die Geburt des göttlichen Erlösers.
• Solche ‚theologische’ Bilder  – und die entsprechenden Lieder – waren und sind zugleich Predigten oder Katechesen, mit denen die Gläubigen aufgefordert sind, es dem heiligen Paar, den Engeln und Hirten gleichzutun: „… kommt lasset uns anbeten den König und Herrn“.
• Hinter die anbetenden Engel hat Cranach die Stalltiere als Vertreter der Geschöpfe so situiert, als wenn sie ebenfalls kniefällig ihrem Schöpfer Lob zollen.


Geburt Christi, von Lucas Cranach (Werkstatt), 1515


Anton Prock: Christi Geburt, Meran, 18. Jh.


Theologische Entleerung der Adventszeit

Wenn an Weihnachten nicht mehr mit der Ankunft des lang erwarteten Messias, Erlösers und Herrn die heilsgeschichtliche Zeitenwende gefeiert wird, dann ist  auch die Adventszeit entwertet. Die traditionelle kirchliche Liturgie vergegenwärtigt im Advent die Zeit des Alten Testaments, als die paradiesvertriebene Menschheit im Schatten des Todes stand – nur getragen von den prophetischen Ankündigungen und Hoffnungen auf den kommenden Messias, der sein Volk aus der Knechtschaft von Sünde und Tod erlösen werde. Mit den Bußrufen der Propheten sowie Johannes des Täufers sollten im damaligen und heutigen Advent der Weg des ankommenden Messias – auch für jeden einzelnen Menschen - bereitet werden. Dieses vergegenwärtigende Nacherleben der alttestamentlichen Erwartung und Sehnsucht sowie die adventliche Bußgesinnung erfahren die Gläubigen im Singen vieler alter Adventslieder, beispielhaft in den Variationen der berühmten adventlichen O-Antiphonen, die  seit dem 7. Jahrhundert im Advent angestimmt werden:
„O komm, o komm Emmanuel, mach frei dein armes Israel. In hartem Elend liegt es hier, in Tränen seufzt es auf zu Dir …
O komm, o komm, Du Licht der Welt, das alle Finsternis erhellt. O komm und führ aus Trug und Wahn dein Israel auf rechte Bahn….
O komm, o komm, Du Gottessohn, zur Erde steig vom Himmelsthron!
Gott, Herr und Heiland, tritt hervor, o komm, schließ auf des Himmels Tor...

Resümee der Überlegungen: Ein Stoppen der Verdunstung von Wissen und Glauben zu Weihnachten bzw. ein Wiederbeleben einer christlichen Weihnachtskultur muss von der Kirche selbst geleistet werden in einem kritischen Prozess der Selbstreinigung von einer säkularistischen Interpretation der weihnachtlichen Inkarnation. Die Vertiefung der christlichen Substanz von Advent, Weihnachten und Epiphanie kann nur in der Rückbesinnung auf den biblisch-theologischen Gehalt der Inkarnation geschehen, wie er in den Kindheitsgeschichten der Evangelisten und im Johannes-Prolog grundgelegt sowie in den frühchristlichen Dogmen (einschließlich der Mariendogmen) ausgefaltet ist. In kirchlich-praktischer Hinsicht kann man auf einen reichen Traditionsschatz von Liedern, Bildern, Gebeten, Traktaten, Geschichten, Rituale und Bräuche zurückgreifen, die die Advents- und Weihnachtstheologie volksnah vermitteln.

Praktische Ideen:
• Bischof Tebartz-van Elst lädt seit einigen Jahren Kinder an verschiedenen Terminen zu der Veranstaltung ein: „Mit dem Bischof an der Krippe“. Die inzwischen auch in vielen Pfarrkirchen installierten Wandelkrippen, die die biblischen Ereignisse des Weihnachtsfestkreises darstellen, bieten anschauliche Szenen und Details, an denen man die Kinder hervorragend an den theologischen Gehalt der biblischen Inkarnations- und Kindheitsgeschichte heranführen kann. Dieses katechetische Modell sollte auf möglichst viele Pfarrkirchen ausgeweitet werden unter dem Motto: „Mit dem Pfarrer an der Krippe“. Natürlich können diese Krippen-Katechese auch Pastoralassistenten halten, aber die Pfarrer sollten das theologische Auslegungsmuster vorgeben, damit der wahre Gehalt der  Advents- und Weihnachtsbotschaften nicht wieder verwässert wird. Die eigentliche Katechese kann eingebettet werden in eine Krippenandacht mit zwei oder drei bekannten Adventsliedern zum Mitsingen für die größeren Kinder und die begleitenden Erwachsenen sowie einer Lichterprozession durch die dunkle Kirche, in der nur die Kerzen des Adventskranz leuchten sowie die Krippe angestrahlt ist (günstige Zeit: ab 16 oder 16,30 Uhr). Der Autor hat ein Konzept für diese Art Krippenandachten entwickelt und 10 Jahre lang gute Erfahrungen damit gemacht.

 Wie schon am Anfang festgestellt, steht es selbst bei den kirchlich engagierten Müttern und Laienkatecheten für Erstkommunion, Familiengottesdienste und Kinderbetreuung während der Gottesdienste nicht gut um ihr Basiswissen zu biblischen, dogmatischen und liturgischen Themen. Zu dem Weihnachtsfestkreis bietet es sich an, dass die Pfarrei im Spätherbst für Laienkatechetinnen (Hauptzielgruppe Mütter) zu einer Fortbildungsveranstaltung einlädt, in der die theologischen Grundlagen der heilsgeschichtlichen Ereignisse des Weihnachtsfestkreises vermittelt werden. Auch bei den Kindergärtnerinnen sollte über eine entsprechende Veranstaltung nachgedacht werden, damit die Heranführung der Kinder an das Weihnachtsgeheimnis nicht nur aus dem Basteln von Papierkerzen besteht oder dem Ausmalen von Mandalas mit weihnachtlichen Stimmungssymbolen.

 Bei den Religionslehrern sollte ebenfalls ein Prozess der theologischen Vertiefung eingeleitet werden, damit der Verflachung und Banalisierung der Advents-, Inkarnations- und Epiphanie-Theologie entgegengewirkt wird. Dazu eignen sich Studienanleitungen und Fortbildungen zum neuen Jesusbuch von Josef Ratzinger / Papst Benedikt.