Zur ‚Woche für das Leben’ (13. -20. April)

Abtreibung gilt nur noch als Kavaliersdelikt – wie zu schnelles Fahren   (17.04.2013)

Die Aktion  ‚Woche für das Leben’ hatte ursprünglich das katholische Engagement für das Recht auf Leben und den Schutz der ungeborenen Kinder zum Inhalt. Inzwischen ist die ökumenische Aktionswoche zu einem Sammelsurium von allgemeinen Sozial- und Lebensthemen geworden.

Nach einer kürzlich durchgeführten Allensbach-Umfrage sind 72 Prozent der Befragten der Ansicht, dass man unter keinen Umständen Müll im Freien abladen darf. Abtreibung dagegen halten 87 Prozent für tolerierbar. Die Tötung eines ungeborenen Kindes gilt nur mehr als Kavaliersdelikt - wie zu schnelles Autofahren (85 Prozent).

In diesen Daten kommt eine erschreckende Werte-Verschiebung zum Ausdruck. Die Achtung vor dem Leben steht unter einem skandalösen Werteverfall. Das 5. Gebot: „Du sollst nicht töten!“ scheint auch bei den meisten Katholiken für ungeborene Kinder nicht mehr zu gelten.

Tabuisierung von Abtreibung auch in der Kirche

Angesichts dieser verbreiteten Gewissenlosigkeit in einer Frage um Leben und Tod sollten bei der Kirche die Alarmglocken schrillen. Die Sorge um den Schutz des Lebens müsste die Kirche als Anwältin der schutzlosen Ungeborenen ganz oben auf die Agenda setzen. In Wirklichkeit beteiligt sich die Kirche daran, den Skandal von hunderttausend vorgeburtlichen Kindstötungen zu vertuschen und das Thema Abtreibung zu tabuisieren. Die sogenannte  „Woche für das Leben“ bietet für diese Ablenkungsstrategie die Kommunikationsdrehscheibe. Unter dem diesjährigen Motto: „Engagiert für das Leben. Zusammenhalt gestalten“ kommen weder die grausamen Kindstötungen an Ungeborenen zur Sprache noch wird das grundrechtlich verbriefte ‚Recht auf Leben von Anfang an’ in den Vordergrund gestellt.

Ursprüngliche Ansprüche und Herausforderungen

Bei der erstmalig 1991 veranstalteten ‚Woche für das Leben’ ging es tatsächlich in Wort und Wirklichkeit um den „Schutz des ungeborenen Lebens“. Dieses Motto der ersten Veranstaltungswoche entsprach wirklich dem Pro-life-Engagement von Bischöfen und Laienvertretungen jener Jahre. Die Initiative für die Lebensschutzwoche ging von der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) und dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) aus.  

1991 konnte die Kirche auf einen zwanzigjährigen Kampf für das Recht und den Schutz des ungeborenen Lebens zurückblicken. Die Anwaltschaft der Kirche für die ungeborenen Kinder war von mächtigen Kräften aus Politik und Medien herausgefordert worden: Im Juni 1971 berichtete der ‚stern’ von einer barbarischen Demonstration: Knapp 300 Frauen, davon viele Karriere- und Wohlstandsverwöhnte, präsentierten mit blutbespritzten Kitteln ein makaberes Bekenntnis zur Tötung ihrer eigenen Kinder: „Wir haben abgetrieben.“

Staatlich erlaubte Fristentötung nach lebensfeindlichem Wohlstandskalkül

Drei Jahre später peitschte die damalige sozial-liberale Koalition ein Gesetz zur Fristenreglung durch den Bundestag, das die Kultur des Todes in Westdeutschland kodifizieren sollte, wie sie in der eingemauerten Schieß- und Stasi-Republik der DDR schon seit 1968 bestand: In den ersten drei Monaten sollte das Leben der ungeborenen Kinder zum beliebigen Abbruch freigegeben werden. Auf die Kritik der Kirchen hin veranlasste die CDU eine Klage beim Bundesverfassungsgericht, die dieses Fristentötungsgesetz kippte. Bald danach setzte der Bundestag die Indikationsregelung des Paragraph 218a in Kraft, nach der die Ärzte mit ziemlich beliebigen Begründungen (Indikationen) Abtreibungen verordnen konnten. Die Kirche kritisierte daran, dass der Staat die vorgeburtliche Kindstötung als „nicht rechtswidrig“ erlaubte und die Krankenkassen dafür zahlten.

Beratung als „Alibifunktion“ vor rechtswidriger Abtreibung.

Im Einigungsvertrag von 1990 war die schrankenlose Abtreibungspraxis der DDR im Wesentlichen weiter erlaubt worden – mit der Maßgabe, dass nach zwei Jahren eine einheitliche Reglung für ganz Deutschland gefunden werden müsste. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken kritisierte damals sowohl die Fortführung der „menschenverachtenden“ Fristentötung in der ehemaligen DDR als auch das westdeutsche Indikationsmodell als „archaisches Tötungsritual“ (Hans Maier) aus lebensfeindlichem „Wohlstandskalkül“. Mit einer deutlichen „Erklärung für den Lebensschutz der ungeborenen Kinder in Deutschland“ vom November 1990 bekräftigte die katholische Laienversammlung „das Lebensrecht der ungeborenen Kinder“: „Der Gesetzgeber darf die Entscheidung über Leben und Tod eines Menschen, der sich nicht einmal verteidigen kann, nicht von der Zumutbarkeit seiner Existenz für andere abhängen lassen oder in das Belieben eines anderen stellen.“ Die deutschen Bischöfe kritisierten die bald darauf einsetzende Propagierung des Beratungsmodells für Abtreibungen durch die politische Linksfront: Angesichts der generellen Preisgabe des Lebensschutzes in den ersten zwölf Lebenswochen habe die staatliche verordnete Beratung nur eine „Alibifunktion“ zur Kaschierung der rechtswidrigen Abtreibung.

Die fatale ethisch-politische Wende von Bischof Lehmann

Mit diesen klaren Vorgaben für das Recht auf Leben von Anfang an und gegen die Todespropagandisten von Gewerkschaften, Linken und Grünen brachten die Deutsche Bischofskonferenz gemeinsam mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken die „Woche für das Leben“ an den Start.

Wie kam es nun dazu, dass innerhalb von zwei Jahren die Deutsche Bischofskonferenz und in deren Gefolgschaft auch das ZK der Laienversammlung eine ethisch-politische Kehrtwende machten?

Der Hauptverantwortliche dafür war der damalige Vorsitzende der Bischofskonferenz, Bischof Karl Lehmann. Mit einer programmatischen Rede auf der Herbstvollversammlung in Fulda stimmte er die Mitbischöfe auf eine opportunistische Wendepolitik zum Paragraph 218 ein. Der Hegelianer Lehmann benutzte dazu die Dialektik des ‚Einerseits-Andererseits’ von Strafandrohung und Beratung, um später diese angebliche Widersprüchlichkeit in eine vermeintliche, aber demagogische  Eindeutigkeit aufzulösen: Helfen statt Strafen, Beraten statt Protestieren.

Paradigmenwechsel durch das Bundesverfassungsgericht

Im Mai 1993 bestätigte das Bundesverfassungsgericht den schon länger propagierten Paradigmenwechsel vom strafrechtlichen Schutz des ungeborenen Lebens  zum Beratungskonzept mit seiner Letztverantwortlichkeit von Seiten der Schwangeren. Damit war eine fundamentale Stütze des modernen Verfassungsstaates eingerissen worden: Das Gericht empfahl in einer Frage um Leben und Tod die staatliche Monopolisierung der Gewalt aufzugeben und eine Tötungsentscheidung in das Belieben von Privatpersonen zu stellen. „Die Schwanger sollte nach einer Beratung selbst entscheiden können, das Kind in ihrem Schoß eigenmächtig, geplant, direkt und vorsätzlich zu töten“ – so die Stellungnahme der Juristenvereinigung Lebensrecht.

War der Mainzer Kirchenfürst mit Blindheit geschlagen?

Wie mit Blindheit geschlagen, nannte Bischof Lehmann das Verfassungsgerichtsurteil euphorisch eine „historische und wegweisende Entscheidung“. Er legte den ständigen Rat der DBK schon drei Wochen nach dem Urteil auf die Unterstützung des Beratungsmodells fest: Der Beratungsschein dokumentiere eine lebensschützende Hilfe und Zuwendung zu der in Konflikt stehenden Schwangeren. Bischof Lehmanns Fokussierung auf die Beratungssituation blendete die frühere Erkenntnis aus, dass dieser Zwischenschritt nur eine „Alibi-Funktion“ hatte für die staatliche Freigabe des Lebensrechts an die Entscheidung einer Privatperson. Der von den Beraterinnen ausgestellte ‚Schein’ verwandelte sich in den Händen der Schwangeren zu einer ‚Lizenz um Töten’.

Vertreter der Fristenreglung gegen Lebensschützer

Bischof Lehmann sucht seine problematische Wende-Ethik zu kaschieren, indem er davor warnte, das Beratungsmodell mit dem Begriff der „Fristenregelung“ zu assoziieren. Die Warnung ging ausdrücklich an die „Lebensschützer“. Diese linguistischen Direktiven zeigten ein Doppeltes: Der Mainzer Kirchenfürst hatte sich mit der kirchlichen Selbsteinbindung in die staatliche Fristentötungspolitik von einem wirklichen Lebensschutz verabschiedet, so dass die innerkirchlichen Kritiker dieser Regelung als einzige Lebensschützer verblieben.

Bischof Dyba blieb bei der katholischen Lehre und Praxis

Nur Erzbischof Johannes Dyba bewahrte damals sein klares katholisches Urteil: Beratungsscheine, die „zur staatlich zugestandenen Tötung ungeborener Kinder“ erforderlich seien, durften ab September 1993 im Bistum Fulda nicht mehr ausgegeben werden, die Schwangerenberatung ohne Scheinvergabe sollte dagegen intensiviert werden. Auch Erzbischof Joachim Meisner ließ 1994 eine kritische Stellungnahme zu der unzureichenden „Fristenreglung“ verbreiten, aber er zog daraus - wie einige andere reservierte Bischöfe auch - nicht die Konsequenzen, aus der Mitbeteiligung am Prozess der staatlich legitimierten und regulierten Massenabtreibung auszusteigen.

Sozial-ethische Kaschierung der Abwendung vom Lebensschutz

Nach dieser ethisch-politischen Wende der Deutschen Bischofskonferenz wurde auch die ‚Woche für das Leben’ neu ausgerichtet: Nicht mehr das Recht auf Leben des Ungeborenen stand im Vordergrund, sondern das Recht der Schwangeren auf Beratung sowie ihr Recht, letztendlich allein und ohne Rechenschaft über Leben und Tod ihres Kindes zu entscheiden. Diese nackten Wahrheiten wurden allerdings mit ethisch-pathetischen Wortwülsten kaschiert: Engagement für Frauen in Not, bedingungslose Zuwendung zu Schwangeren in Konflikten, Beratungskompetenz, Hilfe für soziale Notlagen etc.

Die EKD steigt ein – zur weiteren Verwässerung

Die Abwendung vom echten Lebensschutz durch Überformung mit anderen Themen machte die „Woche für das Leben“ auch für die protestantischen Kirchengemeinschaften interessant. 1994 stieg die EKD in das Veranstaltungskonzept ein und damit wurde das Lebensschutz-Prinzip noch weiter verwässert. Die evangelisch-kirchlichen Landesgemeinschaften  hatten sich schon bei der Indikationsregelung in den staatlich legitimierten Abtreibungsprozesse eingeordnet – erkennbar in den Beihilfevorschriften für ihre Pfarrer, denen bei Abtreibungen nach § 218a Beihilfe gewährt wurde. In einer ökumenischen Versammlung zu „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ von 1988 war nur noch verschwommen von der „belastenden Praxis der Schwangerschaftsabbrüche“ die Rede.

Die „Woche für das Leben“ wurde in den letzten 20 Jahren immer mehr zu einer Veranstaltungsreihe, in der ein breites Spektrum von „Lebensthemen“ behandelt wurde. Die Seite der DBK führt dazu aus: „Die Palette der Themen ist dabei so vielfältig wie das Leben selbst: Es geht um die Wertschätzung des Lebens im Alter, um den Umgang mit behinderten, kranken oder pflegebedürftigen Menschen, um den Einsatz für eine kinderfreundliche Gesellschaft, um Fragen der Bioethik, um Chancen und Grenzen der modernen Medizin, um die Bewahrung der Schöpfung oder den Schutz von Ehe und Familie.“ Der “besonderen Schutz ungeborenen Lebens“ kommt auch noch am Rande vor.

Es geht um alles – und damit um nichts

Das Schwerpunktthema in diesem Jahr zeigt besonders deutlich, wie weit sich die Kirche und die Konstrukteure der Lebenswoche vom Lebensschutz für die Ungeborenen entfernt haben: „Engagiert für das Leben. Zusammenhalt gestalten“. Da kommen sogar die Kirchenzeitung für die nordwestdeutschen Bistümer Zweifel: „Die Woche für das Leben hat sich überlebt.“ An einem Satz des Einführungstextes zeigt „Der Sonntag“ die verschwurbelte Irrelvanz der Aktionswoche auf: „Zusammenhalt muss mit der Veränderung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen immer neu aktiv gestaltet werden.“ Kommentar von irritierten Chefredakteur Ulrich Waschki: „Worum geht es eigentlich? Irgendwie um alles. Und damit auch wieder um nichts. “

Das Frankfurter ‚Haus am Dom’ geht mit seiner Verallgemeinerung des diesjährigen Mottos zu einem Allerweltsthema noch weiter: „Um die Weltverantwortung, die sich aus dem Glauben ergibt, geht es auch in der Soirée am Dom (…) in der "Woche für das Leben". Namhafte Vertreter des öffentlichen Lebens in der Rhein-Main-Metropole (….) werden an diesem Abend über ihre Erwartungen an den Weltdienst der Kirche sprechen.“

In der Tat: Die Woche für das Leben hat sich in dieser Form überlebt.

(Literatur: Manfred Spieker: Kirche und Abtreibung in Deutschland. Ursachen und Verlauf eines Konflikts, Schöningh-Verlag 2000)

Nächste Woche: Der Schriftsteller Max Frisch als früher Todespropagandist der Abtreibung