Papstbesuch in Deutschland - Gedanken zur Ökumene  (Oktober 2011)

 

Bei der anlässlich des Papstbesuches geführten gesellschaftlichen Debatte um die Ökumene fällt auf, dass fortwährend von der katholischen Kirche irgendwelche Bringschulden eingefordert werden, während der Protestantismus völlig “ungeschoren” bleibt: die katholische Kirche soll protestantisch werden! Das mag insoweit einleuchten, als die katholische Kirche dem Denken und  Lebensstil vieler Zeitgenossen sperrig im Wege steht, während die evangelische Seite als “Kirche für alle Jahreszeiten” willkommen ist. So war sie ja auch zur wilhelminischen  Kaiserzeit stramm schwarz-weiß-rot und ab 1933 jedenfalls zu großen Teilen braun, um sich nach 1945 nachhaltig zu sozialdemokratisieren. Und von der katholischen Kirche Abrisse zu verlangen, ist intellektuell viel einfacher als beim Protestantismus Wiederaufbaubedarf zu definieren.

 

Das alles mag beispielhaft am Thema “Kirche oder kirchliche Gemeinschaft” dargetan werden. Wenn unter dem damaligen Kardinal Ratzinger in der Erklärung der Glaubenskongregation “Dominus Jesus” erörtert wurde, warum es im Protestantismus keine “Kirche”, sondern nur “kirchliche Gemeinschaften” gebe, zog man nur eine Linie aus, die vom II. Vatikanischen Konzil gezeichnet worden war. Dass dies für den Protestantismus etwa beleidigend sein könne, war gar nicht zu erwarten. Denn seit Martin Luther hatte man selbst zur Begrifflichkeit “Kirche” Distanz eingenommen und stattdessen lieber von “Gemeinde” gesprochen.

 

Ganz abgesehen davon, dürfte man die evangelischen Partner einmal fragen dürfen, was sie selbst dazu tun könnten, um den theologischen Maßstäben der Katholiken für “Kirche” zu entsprechen. Solche Frage wäre umso legitimer, als es im Protestantismus selbst bereits angehoben hatte. Ich meine die zwar quantitativ kleinen qualitativ aber beachtenswerten Gruppen der “hochkirchlichen Bewegung”. Sie war aus der Einsicht entstanden, dass dem Protestantismus genau das fehle, was nach dem II. Vatikanum und “Dominus Jesus” konstitutiv für “Kirche” ist: In apostolischer Sukzession stehende Bischöfe und von solchen Bischöfen geweihte Priester. So ließen sich einige Protagonisten dieser Bewegung von zwar schismatischen, aber gültig bestellten Bischöfen ihrerseits als Bischöfe konsekrieren, um dann bisherige evangelische Pfarrer zu wirklichen Priestern zu weihen. Denn sie hatten eingesehen, dass der Pfarrer im Sinne des Mainstreams im Protestantismus nichts weiter ist als theologischer Experte und qualifizierter Vorbeter und Prediger.

Warum greift niemand, auch niemand unter uns Bischöfen, diese Erfahrung auf, um klarzumachen, dass ökumenisches Entgegenkommen keine Einbahnstraße sein kann.

 

Bernhard Mihm Stadtrat a.D.