Beichte und Gnadenlehre      (20.06.2014)

In einem Augenblick, in dem die  Beichte immer mehr zum verlorenen Sakrament wird, kann man der ‚Tagespost‘ nur dankbar sein, dass sie ihr als Geschenk der Erneuerung und Versöhnung mit Gott in der Pfingstausgabe eine ausführliche Beilage gewidmet hat. Die wertvollen Ausführungen können aber noch durch den Aufweis ergänzt werden, dass sie nicht nur das Sakrament der Versöhnung mit Gott ist und somit diese „subjektive“ und „persönliche“ Seite hat, sondern uns auch objektiv wieder in den Gnadenstand versetzt, den wir durch die schwere Sünde, die eben deshalb  „Todsünde“ genannt wird, verloren haben. Nicht zufällig spricht die hl. Kirche davon, dass wir – eben in diesen Fällen – durch das Bußsakrament wieder  d i s p o n i e r t werden, zur hl. Kommunion zu gehen. Denn mit der Disposition ist eben die Wiederherstellung jener heiligmachenden Gnade gemeint, die unserer Seele und damit uns selbst jene übernatürliche Ähnlichkeit mit Gott verleiht, die es uns allererst möglich macht und erlaubt, den Leib des Herrn zu empfangen.

Diese „ontologische“, die Gnade nicht nur irgendwie als gutes Verhältnis zu Gott, sondern auch als übernatürliche Verklärung und damit ‚Vergöttlichung‘ unserer Seele und damit unseres ganzen Seins betrachtende Auffassung ist heute mit der ganzen überlieferten Gnadenlehre aus der Mode gekommen und damit auch das Verständnis des Bußsakramentes als Wiederherstellung der notwendigen seinsgerechten Disposition und Beschaffenheit zum Empfang der hl. Kommunion. Gerade hier zeigt sich, dass alle Momente der heutigen Glaubenskrise miteinander zusammenhängen. Mit dem Abschied von der Scholastik, den das Konzil weder gewollt noch urgiert hat und dem tiefen Affekt gegen das Tridentinum, den wir bei so vielen Theologen feststellen, hat man auch den Sinn dafür verloren, dass die heiligmachende Gnade, wie z.B. der hl. Thomas von Aquin so schön sagt  (u.a. in S. theol. I-II q. 110 art 4 ad 1),  aus den Tiefen der Seele in die einzelnen Seelenfähigkeiten des Verstandes und des Willens emporsteigt, wo sie uns als Glaubenslicht und übernatürliche Liebe zu Gott hinbewegt

In diesem Sinne unterscheiden schon die Kirchenväter die natürliche Gottebenbildlichkeit, die jeder Mensch – ob getauft oder nicht – als geistbestimmtes Wesen besitzt, von der übernatürlichen Ähnlichkeit mit Gott, die uns in der Taufe verliehen wird und, um es nochmals zu sagen, eine reale übernatürliche Beschaffenheit ist, die uns nicht nur der Absicht nach, sondern wirklich zu Kindern Gottes macht. Diese Zusammenhänge werden auch heute deshalb wenig beachtet, weil viele Theologen die Glaubenswahrheit, dass der Mensch aus Leib und Geistseele besteht, welche die prägende Form des Leibes ist und nach dem Tode als getrennte Seele  überdauert, als „platonisches“ oder „hellenisches“ Gedankengut ablehnen. Dass sich diese Ablehnung bereits im Kirchenvolk eingebürgert hat, zeigen die vielen „Auferstehungsfeiern“, die heute nach dem Tode eines Angehörigen begangen werden und das alte „Requiem“, das es ohnehin nicht mehr gibt, ersetzt haben. So aber erhebt sich die Frage, wohin  die Gnade, wenn man sie nach wie vor als reale übernatürliche Beschaffenheit verstehen will, eingegossen wird und wo sie ihren Sitz hat, wenn es keine Geistseele mehr gibt.

All diese Unklarheiten mit dafür verantwortlich dass in der Kirche, wie dies neulich Guido Horst in einem entlarvenden Artikel in der ‚Tagespost“ formulierte, „ein flächendeckendes Wischiwaschi“ herrscht, „was Sakrament, Kommunion, Sündenvergebung und Bekehrung angeht –und das in zweiter, dritter Generation“.

Prof. Dr. Walter Hoeres                  60431 Frankfurt am Main