Die Entgottung der deutschen Kirche  (22.04.09)

Seit dem letzten Konzil ist der Tabernakel in zahllosen Kirchen in eine vergessene Ecke abgestellt worden. Gesten der Ehrfurcht vor dem Tabernakel sind mehr und mehr verschwunden. Erstkommunionkindern und Firmlingen wird die Bedeutung von Knien und Kniebeugen vor dem Tabernakel gar nicht erst beigebracht. Auf vatikanische Ermahnungen zur eucharistischen Anbetung  reagieren deutsche Bischöfe kaum.

Die reale Gegenwart Christi in der Hostie hat sich in Deutschland zu einer Gedächtnispräsenz verflüchtigt. In modernen Kirchenbauten schauen sich die Menschen von Bank zu Bank, um im menschlichen Gegenüber „Gottesbegegnung“ zu erfahren. Der zeitgeistige Kirchenbau sucht diese neue Art der angeblichen Gotteserfahrung architektonisch umzusetzen.

An dem dünnen Süppchen eines theologischen Panhumanismus kochen Zeitgeisttheologen seit Jahrzehnten. Einer der Köche ist der suspendierte Priester Gotthold Hasenhüttl (74). Er prägte die Formel: Gott ereignet sich in der menschlichen Liebe, er geht darin vollständig auf.

Prof. Hasenhüttl glaubt, daß die Menschen Gott hervorbringen können, wenn sie „anderen Menschen göttliche Liebe schenken“. Somit ist Gott das Ergebnis menschlicher Beziehungsgüte. Den transzendenten Gott außerhalb dieser Beziehungen anzubeten sei gotteslästerlich.

Diese anthropologische Wende hat man bei den Atheisten und Religionskritikern des 19. Jahrhunderts abgekupfert. In seinem Werk „Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland“ schreibt der deutsche Dichter Heinrich Heine (+1856): „Gott offenbart sich in der gesamten belebten Welt. Aber am herrlichsten manifestiert sich Gott im fühlenden und denkenden Menschen.“

Der deutsche Philosoph Ludwig Feuerbach (+1872) glaubte, in Gott eine Projektion des menschlichen Wesens zu erkennen. Der Mensch würde in Gott nur sich selbst verehren. Daraus folgerte er, daß „der einzige Gott des Menschen der Mensch selbst“ sein müsse.

Der Ideologe Karl Marx (+1883) baute seine Lehre darauf auf, „daß der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei“.

Alle deutschen Religionskritiker in der Mitte des 19. Jahrhunderts waren von der Dialektik des Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel (+1831) betäubt. Er erklärte, daß der ursprünglich transzendente Geist/Gott in der materiellen Welt – doppeldeutig – „aufgehoben“ sei: Gottes Existenz „an und für sich“ sei beendet.

Doch zugleich existiere Geist/Gott in seiner weltlichen Manifestation und menschlichen Inkarnation weiter. Aus dieser zwiespältigen Theorie resultierte sowohl der Atheismus wie die messianische Überheblichkeit des Kommunismus.

Etwa 100 Jahre nach der Hochzeit von hegelinspirierten Atheismus-Konzepten konstruierte der Jesuitenpater Karl Rahner (+1984) aus Versatzstücken von Hegels Philosophie  eine neue Welttheologie, die pantheistische Züge trägt.

In seinem Spätwerk „Grundkurs des Glaubens“ erklärt er auf Seite 197: „Wir dürfen uns Schöpfung und Menschwerdung in der wirklichen Welt […] als zwei Momente und zwei Phasen eines […] Vorgangs der Selbstentäußerung und Selbstäußerung Gottes denken.“

Damit behauptete Pater Rahner eine evolutive Menschwerdung Gottes, die sowohl die göttliche Selbstentäußerung als auch eine göttliche Selbsteinholung enthält. Für den Jesuiten sind Menschwerdung des Menschen und die Inkarnation Gottes dem Wesen nach gleich. Wir Menschen hätten damit die gleiche Göttlichkeit in uns, die Jesus als göttliche Inspiration erfahren hätte.

Damit kommt Pater Rahner zur Erkenntnis, daß jeder Mensch, der ernsthaft sein Dasein betreibt, ein anonymer Christ sei, weil sich in jedem Menschen das Göttliche manifestiere.

In der Schaumsprache des Jesuiten lautet das so: „Der Gottmensch ist der erste Anfang des endgültigen Gelungenseins, der Bewegung der Selbsttranszendenz von Welt und Menschen in das Geheimnis Gottes hinein.“

Diese hundert Jahre zu spät gekommene verhegelte Theologie hat über die vielen Rahner-Schüler in kirchlich einflussreichen Positionen – an erster Stelle Kardinal Karl Lehmann - die deutsche Kirche befallen und sie in eine oberflächliche, humanistische Kultgemeinschaft mit dünner christlicher Patina verwandelt.

Die Anbetung Gottes ist an den Rand gedrängt. Es grassiert das Bemühen, im Gegenüber eines beliebigen Banknachbarn Gottesbegegnung zu spielen.