In dem folgenden Beitrag von dem bekannten Chirurgen Professor Dr. med. Eberhard Gross geht es um das Ringen des Selbstverständnisses der katholischen Weltkirche.      (17.10.2013)

Papst Franziskus und  seine Worte –  die kalkulierte Verwirrung

Mit seinen zahlreichen scheinbar spontanen, in Wirklichkeit aber wohl bewusst gesetzten Äußerungen  und seinen Verlautbarungen in Interviews  bedient der Papst ein unterschiedliches  Klientel: Mit den ersten vorwiegend das sog. Kirchenvolk, jene, die noch zur Kirchen gehen, zum großem Teil aber nicht mitbekommen haben, dass die Amtskirche ,d. h. ein großer Teil ihrer Bischöfe und der größte Teil der Priester heute einen anderen Glauben vertreten als die vorkonziliare Kirche. Sie praktizieren bewußt oder unbewußt einen protestantisierten Glauben, den ihnen die Amtskirche seit Jahren predigt. Mit den zweiten bedient er die Medien und die wohl überwiegende Mehrheit der amtskirchlichen Repräsentanten.

Die Sprache seiner fast täglichen Predigten -  hier einige Zitate: „ Es ist unmöglich Jesus zu kennen, ohne sich auf ihn einzulassen.“  Die Demut Gottes besteht darin, dass Jesus den Menschen immer erwartet.“ „ Friede und Freude – die Luft der Kirche“ . „ Immer wenn der Herr in unser Leben kommt, wenn er in unserem Herzen vorübergeht, sagt er dir ein Wort, er sagt uns ein Wort und gibt uns auch diese Verheißung: ‚Geh vorwärts..., hab Mut, fürchte dich nicht, denn du wirst das tun“.“ Der Christ ist ein grundlegend freudiger Mensch. Und daher denke ich an die Hochzeit zu Kana, als sie am Ende des Evangeliums den Wein bringen, als er vom Wein spricht. Und deshalb hat Jesus jenes Wunder vollbracht“ - ist offenkundig die Sprache der heutigen Priester oder besser gesagt Gottesdienstleiter zur Schaffung einer guten Atmosphäre und eines guten Gefühls ohne einen theologischen Bezug zum Lehramt; denn diese Theologie wäre dabei immer störend. Die Fangemeinde von Papst Franziskus  bejubelt diese Predigten  genauso wie seine Kritik an kirchlichem Personal wie z.B. Katecheten, Beichtväter und Kleriker, wobei er mit dem Mittel der Polarisierung bestimmte Mitglieder dieser Gruppen kategorisiert wie den Katecheten, der ruhig ist und so als Statue im Museum endet oder den Beichtvater, der den Beichtstuhl als Folterinstrument gebraucht oder den Kleriker, der das Kind einer ledigen Mutter nicht tauft, nach der Methode: Sündenböcke kommen immer gut an.

Angetan ist das Kirchenvolk und nicht nur dieses besonders von seinem Barmherzigkeits - und Schlichtheitsgestus, baut nun doch endlich ein Papst, der sich den Namen des überkonfessionellen Heiligen gegeben hat, an einer Kirche für die Armen und die Ränder der Gesellschaft, als einer humanitären Organisation mit einem christlichen Logo.                                                                                                                                                                          In den Interviews hingegen verkündet er sein Programm zur Modernisierung der katholischen    Kirche,  einer Kirche sub specie mundi: unwidersprochen von ihm, dass die Jugendarbeitslosigkeit und die Einsamkeit der Alten die größten Übel der Gegenwart sind, unwidersprochen auch, dass das Gewissen die oberste Instanz des Handelns ist, dass jeder seine eigene Vorstellung vom Guten und Bösen hat und dieser folgen soll.

Die neue Kirche zielt auf die Weltverbesserung durch Gemeinwohl; sie soll als Feldlazarett nach der Schlacht die Wunden heilen und die Herzen der Menschen mit Nähe und Verbundenheit wärmen, und aus dem vermeintlichen moralischen Rigorismus der bisherigen  Kirche ausbrechen. Zu dieser neuen Kirche passt das uneingeschränkte Lob des  II. Vaticanums mit seinen „ enormen Früchten“ und der Liturgiereform als Dienst am Volk. Der klassische römische Ritus ist lediglich eine Frage der besonderen Sensibilität einiger Personen, dazu noch  mit dem Risiko der Ideologisierung behaftet.

Der neue Glaubensinhalt fordert auch eine neue Form der Kirche, auf die schon psychologisch vorbereitet wird: So  waren  Kirchenführer im päpstlichen Sprachgebrauch Narzissten und ist der Hof (Vatikan?) die Lepra des Pontifikats. So reflektiert der Papst auch offen über den spezifischen Platz der Frau dort, wo in der Kirche Autorität ausgeübt wird.

Den Medien vorzuwerfen nur die Reizthemen aufzugreifen, würde bedeuten dem Papst zu unterstellen, er hätte die Wirkung seiner Worte nicht bedacht. Die Medien, d.h. der überwiegende Teil der Gesellschaft, wünscht sich eine katholische Kirche, die bestenfalls noch eine diakonische ist, die organisiert und gemanagt wird  wie jede andere Organisation mit humanitärerer Zielsetzung, wobei es, wie der Papst im Zusammenhang mit der Homosexualität sagt,  „ keine spirituelle Einmischung in das persönliche Leben geben darf“ .  In dem neuen Papst sehen die Medien den Mann, der endlich die katholische Kirche mit der Moderne versöhnt. Wundert es da noch, dass die Lehmann - Kirche und die Medien diesen Papst so wohlwollend begleiten und die Medien für diese Aufgabe gebraucht werden?