Zu Laienpredigt und dogmatischen Streitfragen in St. Georgen                                                                                                                          (6.8.2015)

Unter den Professoren der Frankfurter Jesuiten-Hochschule soll Meinungspluralismus herrschen, gegenüber ihren Kritikern nicht. Eine Glosse.

Die drei Jahrzehnte nach Abschluss des Konzils gelten als die wilden Zeiten der Liturgie-Experimente. Eine der Fehlentwicklungen war die Laienpredigt in der hl. Messe. In zahlreichen Pfarreien sparten sich die Pfarrer die Predigtvorbereitung und überließen einem Laien die Auslegung des Evangeliums. Diese Praxis war auch ein Effekt der anti-römischen Strömungen damals, denn nach der Vorschrift des Kirchenrechts war (und ist) die Predigt ein integrierter Teil der priesterlichen Liturgie und daher nur geweihten Personen vorbehalten. Die vatikanische Instruktion der Kongregation für Gottesdienst vom Jahre 2004 „erinnerte“ noch einmal daran, dass die Homilie als besondere Form von Predigten „Teil der Liturgie selbst ist und dem Priester oder Diakon vorbehalten wird“.

Bis heute berichten Teilnehmer von katholischen Foren, dass in Diözesen mit modernistischen Bischöfen die Laienpredigt immer noch verbreitet ist. Von einigen Bischöfen werden die Predigten von Pastoralassistentinnen, Gemeindereferenten oder Gremienkatholiken geduldet, manchmal sogar Ermunterungen dazu ausgesprochen. (Dazu unsere Glosse vom 29. 11. 2014: „Stefan hat es erlaubt“.)

Erneuter Versuch, die Laienpredigt schmackhaft zu machen

Der Rektor der jesuitengeführten Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen in Frankfurt hat kürzlich einen erneuten Versuch gestartet, das kirchliche Predigtverbot für Laien zu unterlaufen. Dieser Akt des kirchlichen Ungehorsams kommt auf ganz leisen Sohlen daher mit solchen einschmeichelnden Formulierungen wie „Verlebendigung der Verkündigung“ und Suche „nach offenen Formen der Predigten“. Pater Ansgar Wucherpfennig SJ beherrscht offenbar die Methode der hohlen Überredung, wenn er seine Einlassungen in die rhetorische Frage münden lässt: „Warum soll ein Familienvater und Professor nicht nach dem Evangelium die Schrift auslegen können?“ Ja, warum eigentlich nicht? – kann man als Echo der St. Georgener  Studenten erahnen. Schließlich werden doch neuerdings die gesellschaftlichen Erfahrungen (z. B. eines Familienvaters) als dritte Offenbarungsquelle neben Schrift und Tradition gehandelt!

Im kath.net-Leserforum hat es heftige Diskussionen um diesen Vorstoß des Frankfurter Hochschulrektors gegeben. Ein Teilnehmer meinte: „An der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen wird alles gelehrt, nur nicht die katholische Glaubenslehre. Insofern ist es wenig bedeutend, ob nun ein Laie gegen die Lehre predigt oder ein Priester.“ Diese Äußerung ist allerdings deutlich überzogen, insofern pauschal allen Professoren in St. Georgen Abweichung von der katholischen Glaubenslehre unterstellt wird. Gleichwohl steckt in der Ansage ein Korn Wahrheit.

Persiflage des Evangeliums

Laut Auskunft eines Studenten von St. Georgen ergibt sich aus den Vorlesungen von mindestens drei Hochschullehrern, dass sie nicht an die Gottessohnschaft Jesu Christi glauben.  Einer von ihnen dürfte Prof. Dr. lic. in re. bibl. Dieter Boehler SJ sein. Bei einem Vortrag in einem der IK-Kreise verbreitete er vor einigen Jahren seine These, dass die Gottessohnschaft Jesu eine Zuschreibung späterer Autoren sei. Jesus selbst habe sich nicht als göttlich verstanden, wie das die Evangelisten berichten. Ein Hörer des Vortrags protestierte bei der anschließenden Diskussion gegen diese Darstellung, wurde aber zum Schweigen gebracht.

In einer Vorlesung einige Tage später machte sich Prof. Boehler lustig über den Vorfall: Ein Hörer seines Vortrags habe ihm widersprochen, indem der das göttlichen Selbstbewusstsein Jesu Christi behauptete. Er unterstellte ihm die Bemerkung: „Jesus saß im Sandkasten und hat gerufen: ‚Ich bin Gottes Sohn! Ich bin Gottes Sohn’.“ Großes Gelächter der Studenten ob solcher Naivität von tumben Gläubigen. Mit dieser Persiflage des Evangeliums sollten offensichtlich alle glaubenstreue Katholiken lächerlich gemacht werden, die am biblischen Zeugnis der Evangelien und den dogmatischen Aussagen der frühen Kirche festhalten.

Meinungsfreiheit über alles

▪ Der Lächerlichgemachte schrieb daraufhin an den damaligen Rektor der Jesuiten-Hochschule und bat darum, dass Prof. Boehler bei einer Gegenüberstellung mit dem Betroffenen seine Lachnummer vom Hörsaal wiederholen sollte.
▪ Dazu war der Hochschullehrer natürlich zu feige und auch der Rektor  wollte gegen die beleidigenden Abfälligkeiten nichts unternehmen.
▪ Auch nicht gegen die offensichtliche Abweichung von der Lehre der Kirche?
▪ Nein, beschied der Rektor. Das sei die Freiheit der Lehre, dass die Professoren gegenüber den Studenten ihre Meinung sagen dürften – auch zu der Infragestellung der Gottessohnschaft Jesu Christi.

Natürlich dürfen die Professoren ihren Studenten die Meinung sagen, so der Einwand – etwa bei Freizeitbegegnungen. Aber als Hochschullehrer sind die Professoren nicht nach ihrer Privatmeinung gefragt, sondern von der Kirche beauftragt sowie von (Kirchen-) Steuern dafür bezahlt,  die kirchliche Lehre zu vermitteln.

Den professoralen Meinungspluralismus in die homiletische Verkündigung einbringen

Das ist doch auch wieder nur eine Meinung! – könnten die Anhänger solcher Jesuiten entgegnen, die alle biblischen und dogmatischen Wahrheitsaussagen in Meinungsäußerungen auflösen wollen. Aus diesem Ansatz folgt dann logisch die Wertschätzung des Meinungspluralismus’ auch für die Homilie. Demnach könnten beliebige Prediger zur „Verlebendigung der Verkündigung“ beitragen. Auf der Suche „nach offenen Formen der Predigten“ würde man bald auch ein homiletisches Streitgespräch in der Hochschul-Kapelle ansetzen – etwa zu der Frage: Jesus Christus – wahrhaft Gott und Mensch oder nur nachträgliche Fiktion? Dabei könnte dann ein Familienvater zu dieser Frage seine Erfahrungen gesellschaftlicher Realität als dritte Offenbarungsquelle einbringen. Auch die studentischen Zuhörer sollten sich einbringen können. Im Sinne der aktiv-tätigen Beteiligung an der Liturgie dürften sie mit Nachfragen, Zwischenrufen und Beifallsäußerungen zur weiteren Verlebendigung der Verkündigung beitragen.

Irgendwie hat man bei diesen Überlegungen und Vorschlägen eine kirchliche Déjà-vu-Erfahrung: Pater Ansgar Wucherpfennig sieht anscheinend die Zukunft der kirchlichen Verkündigung in den wilden Zeiten liturgischer Experimente der vergangenen Jahrzehnte nach dem Konzil.    

Hubert Hecker