Günther Jauch spielt den Kasper        (01.10.2013)

Eine Medienanalyse zu  dem sogenannten Klinik-Skandal von Köln ergibt, dass  die Medien von Kölner Stadtanzeiger über den Tagesspiegel bis hin zum  SPIEGEL mit Lügen und  Verdrehungen eine anti-kirchliche Rufmord-Kampagne orchestriert haben. Besonders zu kritisieren ist die Rolle von Günther Jauch, der in der gleichnamigen Sendung knapp drei Wochen nach der Erst-(Falsch)Meldung den angeblichen Skandal wider besseren Wissens noch einmal aufblähte.  Der renommierte Moderator verstieß in seiner Sendung mehrfach gegen die journalistischen Qualitätskriterien der ARD-Richtlinien. 

Vorab die Tatsachen:

Am 16. Dezember 2012 wurde eine vermutlich vergewaltigte Frau in einer Kölner Notfallambulanz erstbetreut. Die diensthabende Ärztin stellt ihr nach Notfall-Erstversorgung und Beratung ein Rezept für die‚Pille danach’ aus. Anschließend suchte sie telephonisch nach einem Krankenhaus, wo eine gerichtsverwertbare Spuren-Sicherung vorgenommen werden könnte.

Es gibt in Köln fünf Kliniken, in denen forensische Untersuchungen zur  sogenannte „Anonyme Spuren-Sicherung“ vorgenommen werden. Bei solchen gynäkologischen ASS-Untersuchungen werden alle kriminologisch relevanten Daten dokumentiert und archiviert, ohne dass das Opfer sofort Anzeige erstatten muss. Da der Betreiber des ASS-Netzwerkes, der Verein „Frauen gegen Gewalt“, verlangt, dass die entsprechenden Krankenhäuser auch die Abtreibungspille danach verschreiben, mussten die beiden kirchlichen Häuser Vinzenz-Hospital und Hl. Geist im Sommer 2012 die Spurensicherungs-Praxis aufgeben. Die ASS-Untersuchungssets wurden aus den beiden Krankenhäusern abgeholt.

Für Vergewaltigte gewährleisten kirchliche Krankenhäuser Heilbehandlung und notwendige Untersuchungen ….

Die beiden kirchlichen Kliniken haben am 7. November 2012 eine Richtlinie verabschiedet, nach der alle Präparate mit abtreibender Wirkung (wie die Pille danach) nicht verabreicht werden dürfen, da der Mensch von Anfang an ein Recht auf Lebensschutz hat. Alle anderen Heilbehandlungen und medizinischen Untersuchungen werden gewährleistet.  Unter dem Prinzip der „Autonomie“ sollen  Patientinnen nach Wunsch auch zur ‚Pille danach’ beraten werden, aber sie wird eben nicht verschrieben. So war die offizielle Beschlusslage in den beiden kirchlichen Krankenhäusern.

Zur Verschreibung der Abtreibungs-Pille danach gibt es weder eine gesetzliche noch ethische Pflicht. Auch eine Notfallhilfepflicht der Klinik war im vorliegenden Fall nicht angezeigt, da die Frau schon in der Notfallambulanz versorgt worden war.

…aber für eine forensische Untersuchung war die Klinik weder befugt noch ausgerüstet

Als die Notärztin am 16. 12. in der gynäkologischen Abteilung des Vinzenz-Krankenhauses anrief, verwies die Klinik sie auf die ASS-Krankenhäuser, da das Haus weder technisch in der Lage war, die forensische Spurensicherung durchzuführen, noch dazu von Seiten des Trägervereins die Befugnis hatte. Wenn die Patientin ins Vinzenz-Hospital für eine gynäkologische Untersuchung aufgenommen worden wäre, hätte sie anschließend noch einmal die Prozedur in einem ASS-Krankenhaus über sich ergehen lassen müssen. Vor dieser unnötigen Doppeluntersuchung wollte die Klinik die Patientin verschonen – so der Klinik-Direktor Prof. Dr. Dietmar Pennig in der WDR-Sendung ‚Lokalzeit’ am 22. 1. 2013.

Es gab weder einen Skandal noch Anlass für Empörung

Die telefonisch kontaktierte Klinikärztin von St. Vinzenz handelte also korrekt, als sie der Notfallärztin mitteilte, dass das Vinzenz-Hospital nicht die richtige Anlaufstelle für eine forensische Spurensicherungsuntersuchung sei und auf die zuständigen ASS-Krankenhäuser verwies. Sie gab allerdings eine mehrfach falsche Begründung dazu ab, dass das Haus auch aus ethischen Gründen keine eigene Behandlung vornehmen dürfte. Diese Aussagen – auch von einer zweiten Klinik gleichen Trägers – entsprachen nicht den Richtlinien der katholischen Krankenhausträger.

Zu ergänzen ist: Die Hälfte aller Notfallpatienten in NRW werden in Einrichtungen mit katholischer Trägerschaft behandelt.

Da stellt sich die Frage: Wo ist da ein Skandal zu entdecken? Wo besteht ein Ansatz zur Empörung?

Voraussetzungen für die anti-kirchliche Medien-Kampagne

Der für antikatholische Kampagnen bekannte Kölner Stadtanzeiger brauchte vier Wochen, um aus dieser transparenten, schlüssigen und gesetzeskonformen Konstellation eine Skandalgeschichte über die Kirche zu drechseln. Dazu brauchte er erstens
♦ ein Notärztin, die anscheinend ihre Dienstobliegenheiten vernachlässigte (keine Kenntnisse der aktuellen ASS-Kliniken) und die aus ihren Vorurteilen gegen die Kirche kein Hehl machte: Das Lebensschutzkonzept der Kirche nannte sie „mittelalterlich“. Zweitens brauchte man
♦ einen Redakteur, der Sachlage und Worte so im kirchenfeindlichen Sinne verdrehen konnte, dass in der Leserschaft Erregung und Empörung gegen die Kirche geschürt wurde.

Der Kölner Stadtanzeiger baut seine Kampagne auf grundfalsche Aussagen

Der kampagnenauslösende Artikel im Kölner Stadtanzeiger (KStA) vom 16. 1. unter der Schlagzeile „Hilfe nach Vergewaltigung. Kirche setzt Ärzte unter Druck“ 2013 enthält eine Reihe von Fehlern:
• Gleich der erste Satz ist eine Falschbehauptung, die im Widerspruch zur Klinik-Richtlinie steht (s. o.): „
Katholische Krankenhäuser dürfen Vergewaltigungsopfer nicht über die Pille danach aufklären.
• Unsinnig ist die Behauptung, das angebliche Beratungsverbot zur Pille danach sei der Grund für die Nichtdurchführung der forensischen ASS-Untersuchung.
• Ebenfalls ist nicht zutreffend, dass die Ethik-Kommission sich in dieser Frage mit Joachim Kardinal Meisner „zusammengesetzt“ hätte.
• Völlig aus der Luft gegriffen ist die These: „Beweissicherung und gynäkologische Untersuchung seien unter Androhung der fristlosen Kündigung untersagt.“
• Schließlich entspricht es nicht den Tatsachen, dass einer Klinik-Ärztin „wegen des Übergehens dieser Dienstanweisung bereits gekündigt worden“ sei. Zum einen gibt es die Dienstanweisung in dieser Form gar nicht, zum andern korrigierte der Klinik-Direktor die Kündigungsthese in der WDR-Sendung „Lokalzeit“ vom 22. 1.

Der KStA löst ein Medienrascheln im Blätterwald aus

Ein seriöser Journalist würde alle diese vagen Mitteilung und gewagten Thesen der Notärztin gegenprüfen – etwa im Kontakt mit den Gynäkologen des Vinzenz-Hospitals. Nicht so der KStA-Redakteur, der die Kontroll-Recherche vermeidet, um seinen Skandal-Ansatz zu retten. Bei seiner voreingenommenen Recherche und Skandalwitterung geht der Kölner Redakteur mit unlauteren journalistischen Methoden vor. Er stellt die ungeprüften Thesen als Tatsachenbehauptung sogar in die Überschrift: „Kirche setzt Ärzte unter Druck“. Weiterhin vermittelt er den falschen Eindruck, dass die Kirche „Hilfe nach Vergewaltigung“ verweigert hätte.

Skandal-Artikel sind für die Boulevardpresse geschäftsfördernd und daher von den Redakteuren erwünscht. Meist schon am nächsten Tag bringt die Konkurrenz Aufgüsse der Geschichte– mit Verweisen auf das Medium, das zuerst den Skandal aufgewirbelt hat.
Aber ein Bericht über einen anderen Bericht ist langweilig. Daher würzen die Sekundär-Journalisten den Skandal aus zweiter Hand mit Verschärfungen. In diesem Fall wird aus dem Telefonkontakt von zwei Ärztinnen und dem Verweis auf andere Zuständigkeiten ein Hilfe-Verweigerungsdrama konstruiert: „Katholische Krankenhäuser lehnen Vergewaltigungsopfer ab“ so der ‚Tagesspiegel’ am 17. 1., „Katholische Ärzte weisen Vergewaltigte ab“ (Mitteldeutsche Zeitung). Die Redakteure wollen bei der Leserschaft gezielt den falschen Eindruck evozieren, als wenn das Opfer mit der Notärztin vor den Türen katholische Kliniken gestanden hätte und gnadenlos abgewiesen worden wäre. Zu dieser Leser-Manipulation gehört auch die dramatisierende Schilderung, dass die Patientin „aufgelöst, mit verschmutzter Straßenkleidung, seelisch verletzt, erschüttert, weinend, vermutlich betäubt und vergewaltigt“ dagestanden hätte. Als der SPIEGEL am Tag danach die Skandalgeschichte aufkochte, da spritzten die Fett-Wörter der Überschrift gleich bis in den Himmel: „Abweisung in Gottes Namen“.

Kommentare von inkompetenten Nicht-Wissern

Das Fatale an diesen Sekundär-Berichten ist, dass keiner der Sekundär-Journalisten die Ursprungsthesen und –behauptungen in Zweifel zieht oder selbst überprüft, sondern sie den Lesern als solide Tatsachen vermitteln. So breiten sich die primären Lügen und Falschbehauptungen potenziert aus. Bei der dritten und vierten Berichtswelle werden die Kommentare von inkompetenten Nicht-Wissern abgeladen: SPD-Kirchenbeauftragte Kerstin Griese warf den beiden Klinken „unterlassene Hilfeleistung“ vor. Der Katholikenausschuss in Köln hat die Witterung einer „Atmosphäre der Angst“ aufgenommen, die er „im Umgang mit Opfern sexueller Gewalt“ zu erschnuppern glaubte. Frau MdB Ursula Heinen-Esser (CDU) findet den Skandal geradezu „skandalös, dass der Frau die Untersuchung verweigert wurde“.

Die Medien bereiten das Feld für die nachtretenden Ideologen

Schließlich kommen die Ideologen zu Wort, die die künstlich erzeugte Empörung über einen angeblichen Skandal auf ihre Mühlen umleiten wollen: Die Grünen im Bundestag forderten als Konsequenz aus dem Kölner Vorfall, das kirchliche Arbeitsrecht auf den Prüfstand zu stellen. Der Beratungs- und Abtreibungsverband ‚pro familia’ meinte schlitzohrig, „die Pille danach sei gar keine ‚Abbruchmethode’, sondern eine ‚Nachverhütung’“. Die SPD-Bundestagsabgeordnete Mechthild Rawert fordert die Rezeptfreiheit für die Pille danach. Die NRW-Landesvorsitzende vom Beratungsscheinverband „Donum vitae“ stichelt: „Die rigide Haltung der katholischen Kirche zur Pille danach könne sie nicht nachvollziehen.“ (Dazu ein Blogger: Das ist doch einfach nachvollziehbar, denn die Pille danach beendet beginnendes Leben. Das ist jedenfalls die aktuelle Einschätzung und auch medizinisch begründbar.)

Die Medienkonzerne an Günther Jauch: Übernehmen Sie!

Mehr als zwei Wochen nach der ersten Presse-Berichten  griff Günther Jauch in seiner Sonntagabendsendung vom 3. Februar das von den Medien aufgewirbelte Thema auf. In seinem Einleitungsstatement bezog sich der Moderator ausdrücklich auf das Medienereignis ‚Kölner Klinik-Skandal’, indem er auf die entsprechenden „Schlagzeilen“ (gegen die Kirche) hinwies. Der Titel „In Gottes Namen…“ war vom SPIEGEL übernommen. Der zweite Teil der Titelzeile „…wie gnadenlos ist der Konzern Kirche?“ zeigte die Richtung an, wie Jauch hart und unfair über die Kirche herfallen wollte: Es sollte nicht das Pro und Kontra erörtert werden, ob oder inwieweit die Kirche vereinzelt gnadenlos vorgehen würde. Das Vor-Urteil über kirchliche Gnadenlosigkeit war schon vor der Sendung gesprochen. Die Talk-Show sollte sich laut Titel nur noch um das ‚Wie?’ drehen, also um den Grad der vermeintlichen Gnadenlosigkeit der Kirche. Es sollte ein Medien-Tribunal gegen die Kirche werden. In diesem Sinne war die Jauch-Sendung zugleich Höhepunkt und Abschluss der vorhergehenden Medienkampagne, die die Kirche in ihrer angeblichen Herz- und Hilflosigkeit schon ausführlich plattgetreten hatte.

Mit Emotionen Empörung schüren gegen die Kirche

Als Kronzeugin der Anklage gegen die Kirche wurde zu Beginn der Sendung wieder die Notfall-Ärztin aufgeboten, die am 16. 12. 2012 die mutmaßlich Vergewaltigte betreut hatte. In den Kernaussagen war die bei Jauch erzählte Geschichte der Ärztin identisch mit dem Zeitungsartikel des Kölner Stadtanzeigers vom 16. 1. Aber ein Filmbericht kann noch eine ganz andere Suggestionswirkung entfalten: Indem die Notfallärztin Sachaussagen mit emotionaler Betroffenheit und persönlichen Wertungen vermischte, wurden die Zuschauer von vornherein distanzlos und unreflektiert für eine Empörungshaltung gegen die vermeintlich gnadenlose Kirche vereinnahmt – beziehungsweise dahingehend manipuliert. 

Die Jauch-Redaktion schludert bei der Recherche

Während man dem KStA-Journalisten mangelnde Kontroll-Recherche vorwerfen muss, war beim Sendetermin knapp drei Wochen nach der Erstveröffentlichung schon durch die Medien selbst bekannt, dass die Version der Notärztin nach Aussagen und Wertungen in verschiedenen Punkten nicht stimmen konnte. Günther Jauch und seine Redaktion machten sich aber nicht die pflichtmäßige Mühe, die tatsächlichen Hintergründe des Vorfalls zu recherchieren – etwa das System und die Kliniken der „Anonymen Spuren-Sicherung“ (ASS). Nicht einmal die einschlägigen Berichte in den Medien nahm Jauch zur Kenntnis – z. B. das aufschlussreiche Interview im WDR mit dem Direktor des betroffenen Vinzenz-Krankenhauses. Offensichtlich passten diese kritischen Informationen nicht in Jauchs Konzept eines Tribunalisierungsjournalismus’.

Ein Medien-Tribunal auf dem Niveau der Regenbogenpresse

Der Moderator konnte oder wollte nicht nachfragen, als die Notärztin „erschüttert und fassungslos“ von dem damaligen Telefongespräch mit der Klinik-Ärztin erzählte. Auch ihre Wertungen mit den üblichen Empörungsformeln wie „menschenunwürdig“ und „diskriminierend“ konnte sie unhinterfragt dem Millionenpublikum ins Gemüt setzen. Ebenso ließ Jauch die Stimmungsmache der Medizinerin gegen die Kirche mit dem pauschalen „Gefühl wie im Mittelalter“ auf die Zuschauer einwirken. Schließlich verstieg sich die Ärztin zu Folgerungen und Spekulationen über die Gefühlslage der Ärztin am anderen Ende der Leitung: „Die Kollegin war sehr unsicher. Ich hatte das Gefühl, sie hätte gerne die Untersuchung durchgeführt. Sie sah sich aber in der Bredouille, da von Arbeitsgeberseite die Untersuchungen verboten waren. Sie hatte wohl auch Angst um ihren Arbeitsplatz.“

Es ist schier unglaublich, dass Günther Jauch auf der Basis einer Einzelerfahrung, die im Stil einer dramatisierten Emotionsgeschichte nach dem Muster von Arztromanen oder der Regenbogenpresse vorgeführt wurde, ernsthaft einen gesellschaftlichen Konflikt debattieren wollte.

Aber auch die vorgetragenen Tatsachenbehauptung der Notärztin, etwa dass der Klinik-Arbeitgeber die Untersuchungen von Vergewaltigten verboten hätte, war definitiv falsch – wie einige andere Aussagen in dem Interview auch (siehe die Tatsachendarstellung im ersten Teil).

Jauch stellt eine Suggestivfrage zur Verfestigung von  Vorurteilen

Aber Jauch vernachlässigte nicht nur seine journalistische Pflicht zum kritischen Nachfragen zu der unstimmigen Erzählung der Notärztin sowie den Umständen des Vorfalls. Der Star-Journalist verfestigte sogar die vorurteilsbehaften Folgerungen der Interviewten, indem er ihr eine unzulässige – in diesem Fall erwiesen falsche – Verallgemeinerung in den Mund legte: „Weil zwei Kliniken identisch reagieren, spricht das nach Ihrer Meinung für eine klare Weisung von oben, hier generell so zu handeln?“

Ein mieses Spiel

Jauch führt hier vor Millionen Zuschauern ein falsches Spiel auf, um es drastisch auszudrücken: Die Talkschau-Redaktion musste aus mehren Zeitungsveröffentlichungen schon ab dem 17. 1. wissen, dass es von Seiten des Erzbistums Köln „keine einheitliche Richtlinien über den Umgang mit Vergewaltigungsopfern in kirchlichen Häuser“ (KNA vom 17. 1.) gab und gibt. Die ethischen Weisungen der beiden betroffenen Krankenhäuser dagegen enthalten genau das Gegenteil von dem, was Jauch mit seiner Suggestivfrage aus der Notärztin herauskitzeln wollte: Die hauseigene Handlungsempfehlung sieht neben den notwendigen gynäkologischen Untersuchungen und entsprechenden Heilbehandlungen auch eine weitere Beratung über die Pille danach vor, wenn es die Patientin wünscht. Die ‚klare Weisung’ von Seiten der Krankenhausleitung bestand also darin, gerade nicht so zu reagieren, wie die beiden von der Notfallärztin kontaktierten Klinik-Kolleginnen ihre Absage begründeten. Das bestätigt auch das nordrhein-westfälische Sozialministerium laut dpa-Meldung vom 23. 1.: „Der Krankenhausträger konnte zwischenzeitlich unter anderem durch Vorlage einer internen ethischen Bewertung vom 7. November 2012 deutlich machen, dass die Ablehnung der Aufnahme der Frau auch dem Selbstverständnis des Trägers widerspricht.“

Der Skandal war vom Tisch – nicht so bei Jauch

Aus den Medienberichten über die ethische Richtlinie der Klinik wie auch aus den verschiedenen Darstellungen von kirchlichem und klinischen Leitungspersonen geht eindeutig hervor, dass die beiden telefonischen Abweisungen von Untersuchungen auf fehlerhafte Entscheidungen von Einzelpersonen in den Kliniken zurückgingen, die entgegen den klaren Weisungen der Klinikleitung handelten. Diese Einzelfälle eigneten sich also nicht für eine Verallgemeinerung und erst recht nicht für eine Skandalisierung der Kirche.

Wie die Skandalisierungsregie funktioniert

Doch genau zu diesem Skandalisierungszweck war die Notfallärztin in die Sendung eingeladen worden. Da man aber aus erwiesenen Ausnahmefällen oder Zuwiderhandeln von Einzelpersonen keinen Strick gegen Kirche und Kirchenleitung drehen kann, musste man die Sache anders hindeichseln. Die Jauch-Redaktion ignorierte einfach die Meldungen zur Entlastung der Kirche und insistierte auf die unzulässige Verallgemeinerung der beiden Ausnahmefälle.

Günther Jauch setzte dabei sein ganzes Renommee aufs Spiel, als er seine Suggestivfrage mit der von ihm gewohnten seriösen Stimmführung und scheinkritischen Frageform verkleidete, um eine Falschaussage in den Raum zu stellen. Da die Jauch-Redaktion wusste, dass die Notfallärztin den Verallgemeinerungsverdacht schon mehrfach geäußert hatte, wurde der Kronzeugin die Rolle zugeteilt, die anklagende Behauptung gegen die „mittelalterliche“ Kirche zu wiederholen.
Es ist der Ärztin positiv anzurechnen, dass sie auf diese suggestive Gesprächsregie nicht einging und die angeblich „klaren Weisungen von oben“ nicht bestätigte, sondern nur die vage Vermutung murmelte, dass hinter den Einzelfällen „mehr stecken“ könnte.

Spielt Jauch nur den Kasper an den Fäden der Redaktion?

Für diese manipulative Gesprächsführung trägt Günther Jauch die Verantwortung. Aber irgendwie traut man dem Moderator mit dem Habitus des ehrlichen Meinungs- und Medienmaklers solche journalistischen Tricksereien gar nicht zu. Zu dem Katholiken Jauch, dessen Vater im kirchlichen Dienst für die Katholische Nachrichtenagentur (KNA) tätig war, passen auch nicht Schlagzeile und Richtung der Sendung im Stil des extrem kirchenfeindlichen SPIEGELS.
Es muss also gefragt werden, welchen Part die Hintergrund-Redaktion spielt. Die mangelnde Recherche oder das gezielte Wegdrücken von Entlastungsbelegen für die Kirche ist jedenfalls der Redaktion anzulasten, denn die ist für die sorgfältige Recherche des Falls zuständig. Aus einer redaktionellen Vorurteilshaltung gegen die Kirche könnte dann das einseitige Regie-Konzept der Sendung erwachsen sein. Somit würde auch die Gesprächsstrategie mit der Zuspitzung auf die oben genannte suggestive  Verallgemeinerungsfrage auf die Regie der Redaktion zurückgehen. Dem Moderator wäre dann die entsprechend frisierte Frage-Karte in die Hand gedrückt worden.

Stimmungsmache gegen die Kirche

Jauchs entscheidend taktischer Schritt bei seiner Gesprächsstrategie, mit der Verallgemeinerungsfrage an die Ärztin die Gnadenlosigkeit der Institution Kirche darzustellen, war im Grund gescheitert, als die Notärztin seine Suggestiv-Frage nicht bestätigte. Doch kaum ein Zuschauer wird’s gemerkt haben. Denn die breite Fall-Darstellung mit emotionalisierten Betroffenheitsworten  und Empörungsgesten hatte bei den Zuschauern schon seine Zielwirkung getan - Stimmung gegen die Kirche zu machen. 

Gesprächsstrategie zweiter Teil: Lohmann als Hau-den-Lukas

Somit konnte sich Jauch den Gästen der Gesprächsrunde zuwenden. Mit Martin Lohmann und Prälat Peter Neher waren zwei kirchennahe Personen eingeladen, denen drei kirchendistanzierte Gesprächsgegner gegenübersaßen. Der Prälat, zu den vorgespielten Kölner Vorfällen befragt, spielte dabei seine zugewiesene kirchenkritische Rolle, indem er bedauerte, hin- und zurückwies sowie der Hoffnung Ausdruck gab, dass man sich in Kirche und Caritas zukünftig bemühen  werde, solche Anlässe für Medienskandale zu vermeiden.

Martin Lohmann, dem Direktor eines glaubenstreuen katholischen Senders, wurde die Rolle des „Fundamentalkatholiken“ – so der SPIEGEL – zugewiesen, gegen den sich die Zuschauer empören sollten. Lohman wies in mehreren gut begründeten Beiträgen darauf hin, dass die Erklärung von Kardinal Meisner zur Vergabe der Pille danach bei Vergewaltigungen moraltheologisch korrekt, aber praktisch nur Verwirrung stifte, da es die rein verhütend wirkende Pille nicht gebe. In dieser Einschätzung wurde Lohmann später vom Frauenarzt Werner Harlfinger, Verbandsvorsitzender der rheinland-pfälzischen Gynäkologen, bestätigt. Der eloquente Lohmann verteidigte das vorrangige Grundrecht auf Leben der Ungeborenen von Anfang an und auch bei Vergewaltigungen.

Ein Totschlagargument für den Einsatz der Tötungspille

Lohmann hatte bei dieser Argumentation keinen echten Widerpart in der Gesprächsrunde, der ihm argumentativ das Wasser reichen konnte, und so glaubte der unparteiische Moderator,  diesen parteiischen Part übernehmen zu müssen. Jauch legte seine Stirn in Falten, setzte seinen strengen Blick auf - und brachte ein Extrembeispiel als Totschlagargument gegen Lohmann in Stellung: Ob der nach einer Vergewaltigung seiner 13jährigen (!) Tochter wirklich die ‚Pille danach’ verweigern würde?

Dieser Beitrag des Moderators war in mehrfacher Hinsicht ein journalistischer Fauxpas von Günther Jauch:
• Bei einer Streitfrage im Gesprächsforum (‚Ist es erlaubt, nach einer Vergewaltigung ein Medikament mit möglicherweise Abtreibungswirkung zu verschreiben?’) sollte ein Moderator nicht Partei ergreifen für eine Seite, was Jauch jedoch ausdrücklich tat.
• Bei seiner Gegenrede zu Lohmann setzte Jauch nicht Sachargumente ein, sondern versuchte mit einem Hinweis auf die Privatsphäre seines Talkshow-Gastes diesen zu düpieren.
• Jauchs parteinehmende Stellungnahme, wonach die Verabreichung der ‚Pille danach’ bedenkenlos zu gewährleisten sei, geht nicht mit der deutschen Gesetzeslage konform, nach der eine Abtreibung oder Abtreibungspille nur nach ausdrücklicher ärztlicher Indikation und nur bei festgestellter Vergewaltigung verschrieben werden darf (§219 StGB).
• Nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs vom Oktober 2010 ist dem Embryo vom ersten Tag seiner Existenz  Menschenwürde zu eigen – und damit das Recht auf Leben. Von einem seriösen Moderator im Öffentlich-rechtlichen Fernsehen sollte  man erwarten, dass er in der entsprechenden Problemerörterung auf diesen einschlägigen Rechtstatbestand hinweist – statt sich zum Verfechter von Medikamenten mit möglicher Abtreibungswirkung zu machen.


Journalistische  Parteilichkeit zum Schaden der Kirche

Aus der medienkritischen Analyse der am 3. 2. 2013 ausgestrahlten Sendung ‚Günther Jauch’ mit dem Titel: „In Gottes Namen - wie gnadenlos ist der Konzern Kirche?“ ergibt sich, dass der für die Sendung verantwortlich ARD-Mitarbeiter Günter Jauch mehrfach gegen die ARD-Leitlinien 2013/14 verstoßen hat, insbesondere gegen die ‚maßgeblichen Qualitätskriterien des Genre Information’: Danach sind die Journalisten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu einer „unabhängigen Berichterstattung in Ausgewogenheit und Unparteilichkeit“ verpflichtet.

In der betreffenden Sendung war aber von ausgewogener Berichterstattung nichts zu spüren – in dem Sinne, dass neben den Meinungen und Anklagen der Ärztin auch ‚die andere Seite’ gehört wurde  und zu Wort gekommen wäre, also die Klinikleitung und Vertreter des Kölner Kardinals. Von den geforderten Kriterien wie „investigative Recherche“, „journalistische Eigenleistung“ oder gar „Darlegung von Hintergründen“ trat in der Sendung ebenfalls nichts zu Tage – im  Gegenteil: Die Jauch-Redaktion hat offensichtlich nicht einmal alle relevanten Pressemeldungen zur Kenntnis genommen, sondern in einseitiger Weise nur diejenigen berücksichtigt, die die Erstversion des Kölner Stadtanzeigers bzw. der Notfallärztin stützten. Die Redaktion machte sich auch nicht die pflichtmäßige Mühe, die tatsächlichen Hintergründe des Vorfalls zu recherchieren – etwa das System und die Kliniken der „Anonymen Spuren-Sicherung“ (ASS) bei Vergewaltigungen. Im Ergebnis können der Recherche zu dem Vorgang weder  „Professionalität“ bescheinigt werden, noch in der Darstellung des Vorfalls „Richtigkeit“.

Zu der Gesprächsrunde ist festzustellen, dass der Moderator Jauch in eklatanter Weise  gegen „journalistische Fairness“ (und Anstand) verstoßen hat, als er seinen Talkshow-Gast Martin Lohmann vor einem Millionenpublikum düpierte: Statt Sachargumente für seine Meinung vorzutragen, stellte der Moderator seinen Gast bloß, indem er ihn mit der Privatsphären-Konstellation ‚Vergewaltigung dessen 13jähriger Tochter’ und ‚väterliche Entscheidung’ konfrontierte.
Auch die Suggestiv-Fragen an die Notfallärztin entsprechen nicht einer professionellen Fragestellung bzw. Erörterung eines Themas.

Keine ergebnisoffene Debatte

Als Resümee dieser Darstellung ergibt sich folgende Einschätzung  zur Talkshow von Günther Jauch bei diesem kirchenkritischen Thema:
Die Form der Gesprächsrunde täuschte eine ‚harte, aber faire’ Themenerörterung vor, bei der Jauch als unparteiischer Moderator zwischen den  gleich verteilten Pro- und Kontra-Teilnehmern eine ergebnisoffene Debatte simulieren würde. In Wirklichkeit wurden mit den beiden emotionalisierenden Eingangsbeiträgen (Film und Gespräch mit der Notfallärztin) die vorverurteilende Stimmungsfront für die folgende Gäste-Diskussion so eingerichtet, dass die Kirche bzw. Kirchenvertreter sich wie bei einem Medientribunal auf der Anklageseite wiederfanden und die Würdigung ihrer Argumentationen bei dem auf diese Weise vor-eingenommenen Zuschauer-Publikum keine faire Chancen hatte.