Ein aufschlussreiches Interview des Kardinal Marx         (07.10.2014)

 

Kardinal Marx hat in der FAZ vom 5. September 2014 in einem Interview sehr Aufschlussreiches zur Sterbehilfe und  zum Umgang der Kirche mit wiederverheirateten Geschiedenen gesagt und seine Strategie erläutert, wie er der Abkehr der Katholiken von der Kirche begegnen will. 

 

Dazu schreibt der bekannte Hamburger Chirurg Professor Dr. Eberhard Gross.

Das Interview ist aufschlussreich, weil es in seiner soziologischen Argumentation ein Dokument einer neuen gleichsam utilitaristischen  Ethik  ist, das folgerichtig  auch den Glauben und damit das Streben des Menschen nach Vervollkommnung im Sinne des Glaubens völlig ausblendet. Diese Ethik orientiert sich nicht daran, wie der Mensch leben soll, sondern wie er tatsächlich lebt.

    Wäre  nicht in einer seiner Antworten   vom Sakrament der Ehe und in einer anderen vom Wort Jesu von der Unauflöslichkeit der Ehe, an das die  Kirche gebunden ist, die Rede , könnte man das Interview unter Überlegungen des Vorstandsvorsitzenden eines Sozialkonzerns einordnen, sein Unternehmen endlich zum  Erfolg zu führen. So meint er  zur Sterbehilfe: „Selbst eng umgrenzte Regelungen liefen im Ergebnis darauf hinaus, ein angebliches menschenwürdiges Töten zu organisieren. Mir geht es um ein menschenwürdiges Sterben. Wenn diese Differenz verwischt wird, dann ist eine abschüssige Bahn betreten, auf der es kein Halten mehr gibt“. Hier hat der Kardinal zweifellos recht mit Blick auf Holland  und insbesondere Belgien, in dem die Altersgrenze für gesetzlich erlaubte  Patiententötung mittlerweile aufgehoben ist, und mit Blick auf die säkularisierte  Gesellschaft  und mit Recht beruft er sich auch auf den Präsidenten der Bundesärztekammer,  einen Verteidiger des Hippokratischen Eides, indem es  u. a. sehr klar  heißt:

 …Ich werde ärztliche Verordnungen treffen zum Nutzen der Kranken nach meiner Fähigkeit und meinem Urteil, hüten aber werde ich mich davor, sie zum Schaden und in unrechter Weise anzuwenden.

Auch werde ich niemandem ein tödliches Gift geben, auch nicht, wenn ich darum gebeten werde, und ich werde auch niemanden dabei beraten; ….

Doch warum nennt der Kardinal nicht auch das 5. Gebot und die Folgen der Übertretung dieses Gebotes nach der Lehre Christi und argumentiert nur mit der schiefen Ebene? Glaubt er, dass er über das 5. Gebot nicht mehr sprechen kann, weil es nicht mehr verstanden wird oder wagt er nicht den öffentlichen Meinungskorridor zu verlassen oder sieht er selbst eine Grauzone, gleichsam eine Hintertür? Was meint er, wenn er sagt, dass es „Situationen gibt, in denen die ärztliche Kunst an ihre Grenzen stößt“, und dass „schmerzlindernde Therapien mitunter im Sterbeprozess lebensverkürzend wirken“? Beides ist  so wahr wie trivial. Will er damit sagen, dass die Tötung durch Ärzte zuweilen unvermeidbar ist, wo doch die Grenze, wie er weiter meint, zwischen aktiver und passiver Sterbehilfe sich nicht genau festlegen ließe?

    Sein Plädoyer für eine Palliativmedizin und effektive Schmerzbekämpfung kann man nur unterstützen; aber das Plädoyer verengt die Aufgabe der Kirche (Christi) zu sehr nur auf das Diakonische. Wenn er dann noch sagt: „Gebt uns (den Kirchen mit ihren Einrichtungen) die Sterbenden, denn wir sind ganz besonders für die Leidenden und Sterbenden da. Wir kümmern uns. Wir tun alles, was in unserer Macht steht, dafür, dass Menschen nicht allein und mit Schmerzen sterben,…Das sollte auch unser Angebot sein“, schimmert da nicht bei einer Kirche mit ihren vielen sozialen Einrichtungen ein ökonomischer Aspekt hindurch? Wird in dem Plädoyer nicht in Konkurrenz mit anderen Einrichtungen um ein bestimmtes Klientel geworben? Was berechtigt zu einer solchen Botschaft? Behandeln die katholischen Einrichtungen die Patienten professioneller? Denn Schmerzbekämpfung ist unbestritten eine Profession. Oder mit besonderer Empathie? Das darf bezweifelt werden; denn katholisch steht ohne Substanz nur noch für den Namen und die Trägerschaft. Und was ist mit dem Seelenheil? Das ist nicht nur längst aus dem Blick geraten, sondern es ist geradezu obsolet darüber zu sprechen.

    Verwirrende  Satzgirlanden windet der Kardinal um die katholische Auffassung von der Ehe als Sakrament und von der Unauflösbarkeit der Ehe, um sie eigentlich zu verneinen, indem er sagt, dass andere Formen der Anerkennung einer solchen neuen Bindung, also Wiederverheiratung nach Scheidung, als die sakramentale Anerkennung  noch nicht genügend bedacht worden sind; denn so meint er: „die Unauflöslichkeit ist eine Verheißung und keine Norm, die zu erfüllen ist“. Die Lebenswirklichkeit wird so zur  Norm und die viel beschworene Barmherzigkeit wird zur Straße, auf der die Lebenswirklichkeit wie ein breiter Verkehrsstrom an den lehramtlichen Verkehrsschildern achtlos vorbeifließt.

Dazu sollen lehramtliche Texte zur Legitimation  demoskopisch unterfüttert werden, fordert er doch, dass stärker hingehört und hingeschaut werden muss; denn dieser kommunikative Prozess sollte bei der Verkündigung der Kirche ein größeres  Gewicht haben. Werden Inhalte von  Lehramtstexten nun eine Angelegenheit der Marktforschung?

    Dass der Kardinal sich als Manager eines Sozialkonzerns sieht, dem es um den Erfolg seines Unternehmens nach weltlichen Maßstäben geht, macht seine Strategie deutlich, mit der er die Kirchensteuerkatholiken überzeugen will nicht aus der Kirchensteuerkirche  auszutreten: mit einer Qualitätsoffensive in der Arbeit der Seelsorge, in der Caritas, in der Kultur der Gottesdienste, in den Schulen und im Umgang mit Leid und Tod in den Krankenhäusern. Hier hat der Kardinal seine Lektionen in der Ökonomie so gelernt, dass diese vor nichts haltmacht: So ist die Seelsorge, wozu auch die Spendung von Sakramenten gehört, für ihn offenkundig eine betriebswirtschaftliche Größe; denn was hätte Qualität und  Arbeit sonst mit Sakramentenspendung zu tun. Dann möchte er mit einer passenden Corporate Identity eine möglichst große Akzeptanz bei  möglichst vielen  Steuerzahlern erreichen, sodass diese, wie er entlarvend sagt, zu dieser starken Truppe dazugehören und mitgehen wollen. Ob die Kalkulation des Managers Marx  wohl aufgeht? Die Glaubenstreuen können sich von einer solchen Kirche nur abwenden, in die innere Emigration gehen oder Zuflucht suchen auf den wenigen Inseln des katholischen Glaubens, und die Kirchensteuerkatholiken werden nicht mehr  einsehen, dass der Sozialkonzern, der für seine  Leistungen bezahlt wird wie jede andere soziale Einrichtung, seine Aufgaben besser erfüllt  als andere.