Die Menschenwürde als eine Forderung christlicher Politik (14.05.2013)

1.    Vorbemerkung

 

Am 1. August 1975 unterzeichneten 35 Staaten die Schlussakte von Helsinki.

Aufgrund eines fehlenden Friedensabkommens nach dem Ende des zweiten Weltkrieges vereinbarten die Unterzeichnerstaaten 10 allen gemeinsame Prinzipien.  Das siebte Prinzip hatte für den Vatikan besondere Bedeutung. Es beinhaltete die Menschenrechte und die grundlegenden Freiheitsrechte unter Einschluss der Gedanken- Religions- und Glaubensfreiheit. Neben dem Vatikan und den freien Ländern des Westens gehörten mit Ausnahme von Albanien auch alle Ostblockländer zu den Unterzeichnerstaaten. Am 16. 10. 1978  wurde Johannes Paul II zum Papst gewählt. Als Pole hatte  er die Unterdrückung der grundlegenden Menschenrechte und die Entwürdigung des Menschen durch die Regierungen des Ostens und  das System des dialektischen Materialismus direkt selbst erfahren. Nach seiner Wahl erinnerte er immer an den Inhalt der  Schlussakte von Helsinki und forderte die Regierungen des Ostens auf, die Freiheit und Würde der Person zu respektieren. Menschenrecht und – Würde sind  dabei nicht nur ein Anspruch, sondern Staat und das gesellschaftliche System schulden die Erfüllung allein aus der Tatsache, dass es Menschen sind.

Kaum mehr als zehn Jahre später brach das System trotz der militärischen Legionen, auf das es sich stützte, zusammen.  Stalin, der zynisch nach den Legionen des Vatikans fragte, war von der Geschichte eingeholt.

Johannes Paul II hatte mit seiner Forderung nach Einhaltung der Menschenrechte maßgeblichen Anteil am Transformationsprozess in Osteuropa. Zugleich hat er mit der Frage nach der Würde des Menschen die Grundanforderung gezeigt, die jedes   gesellschaftliche System den Menschen schuldet. 

 

2.    Menschenwürde und – Rechte in der christlichen Tradition

 

Im Alten Testament begründet sich die Lehre von der  Würde des Menschen aus die Lehre von der Gottebenbildlichkeit des Menschen (Gen. 1.27). Paulus beschreibt die Menschenwürde  im Galaterbrief (3,28) für die von ihm vertretene Lehre Christi: „ Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau;  denn ihr alle seid einer in Christus Jesus“.

 

Papst Paul III hat mit seiner  Bulle Sublimis Deus am 2.7.1537 als Erster - vor den Aufklärern - die Menschenrechte und speziell das Recht auf Freiheit und Eigentum  für alle Menschen unabhängig auch von der Farbe und Rasse als allgemein gültig einfordert. Seine Forderung stand im vollen Einklang mit 1500 Jahren kirchlicher Geschichte und Lehre.

Auf der Basis dieser Bulle fordert der Dominikaner und spätere Bischof Bartholome de las Casas 1552 die Freiheit von der Sklaverei für die peruanischen Ureinwohner. Er spricht dabei von den „Prinzipien der Rechte des Menschen

Am 13.11.866 –also im tiefsten Mittelalter -schrieb Papst Nikolaus I  in einem Brief an die neu bekehrten Bulgaren, dass er als maßgebliche Autorität den Missionaren eingeschärft habe: “Das Geständnis eines Verbrechens darf nicht durch Folter erpresst werden. Dieses lässt weder das göttliche noch das menschliche Gesetz in irgendeiner Weise zu.” Damit bekannte er sich zu den Menschenrechten als Naturrecht.

Ganz in dem Sinne seiner Vorgänger sagte Benedikt XVI in seiner Regensburger Rede, dass Glaubensverbreitung durch Gewalt widersinnig ist und weiter, Gott hat keinen Gefallen am Blut.  

Dieses sind konkrete Beispiele für den von den Päpsten eingeforderten Menschenrechten beim Umgang mit Andersgläubigen.  

Die Achtung des freien Willens war und ist immer Teil der christlichen Menschenwürde und damit Teil der Verkündigung durch das Lehramt.

 

Kardinal Bertone fasste auf einer Pressekonferenz der spanischen Bischofskonferenz anlässlich der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte durch die Un-Generalversammlung 1948 die Lehre der katholischen Kirche über die Menschenrechte zusammen und erinnerte damit  zugleich   die Ansprachen der Päpste Paul VI., Johannes Paul II. und Benedikt XVI. vor der Hauptversammlung der Vereinten Nationen in New York.:

„Wenn die Menschen heute „ein Recht verteidigen, bitten sie nicht um einen Gefallen, sondern beanspruchen etwas, was ihnen aus der einfachen Tatsache geschuldet wird, dass sie Menschen sind“. Deshalb spreche man vom „Naturrecht, das unverletzlich und unveränderbar ist, da es direkt dem Menschen eingeschrieben ist“, so Bertone. Zentrale Botschaft sei daher, dass „die Menschenrechte vor und über jedwedem positiven Recht stehen“. Daraus ergebe sich, dass „die öffentliche Gewalt ihrerseits der moralischen Ordnung unterworfen ist, in die sich die Menschenrechte einreihen. “Der Kardinal nannte dabei ausdrücklich „die Rechte der Familie, der Kinder und der Frauen“. „Keine politische Minderheit oder Mehrheit kann aber die Rechte der Verwundbarsten der Gesellschaft oder die der menschlichen Person selbst innewohnenden Menschenrechte ändern“, so Bertone mit Blick auf das vielfach bedrohte Lebensrecht. Der Einsatz der Kirche für die Menschenrechte sei in Wirklichkeit „kein Zeichen ihrer Verweltlichung“, sondern – woran bereits die Päpste Paul VI., Johannes Paul II. und Benedikt XVI. erinnerten – „integraler Bestandteil ihrer ureigensten Mission“.

Vor diesem Hintergrund ist die Forderung nach Einhaltung der Menschenwürde und der Menschenrechte eine Urchristliche. Sie ist verbunden mit dem Verkündungsauftrag der Kirche

3.    Menschenwürde in der Antike

 

Der Kyros – Zylinder (nach 538) mit dem Erlass des altpersischen Herrschers Kyros stellt in der Antike eine erste Aufzeichnung von Menschenrechten dar.

Kyros gibt in seinem Edikt den Auftrag zum Wiederaufbau des salomonischen Tempels und gestattet den Juden die Rückkehr in ihr Land. Damit schenkt  er  den Juden in Babylon die persönliche Freiheit und die Religionsfreiheit.

Die griechisch – römische Antike ist zwar eine von den drei Säulen unseres abendländischen Denkens, aber die direkte Frage nach der grundsätzlichen Würde, die einem Menschen als Mensch unabhängig von seiner sozialen Stellung zusteht, hat sie nicht gestellt.

Die griechischen Philosophen (Vorsokratiker, Sokrates/Platon und Aristoteles) entwickelten zwar die Ethik. Würde aber besaß der Mensch nicht deswegen zu, weil er Mensch war. Sie wurde nur in Bezug auf die persönliche Leistung für das Gemeinwesen definiert.

Cicero prägte unter dem Einfluss des römischen Denkens und der mittleren Stoa als Schüler des Poseidonios von Rodos den Begriff der mores. Er sah darin eine dem Staat und/oder dem gesellschaftlichen System  geschuldete Leistung. Das Sklavensystem wurde von ihm befürwortet.

 

Die höchst mögliche menschliche Würde in der  Antike kam den Herrschern zu. So ließ

§  Ptolemaios III  sich als erster Herrscher Euergetes (Wohltäter) nennen

§  Und der Seleukide Antiochos I und seine Nachfolger wurden als Soter (Retter)  geehrt

§  Die Römer divinifizierten sowohl Caesar als auch Augustus nach ihrem Tode aufgrund ihrer Verdienste. Der Senat stand ihnen göttliche Ehren zu. Es wurden  Tempel zu Ehren der Caesaren errichtet und dort regelmäßig Opfer dargebracht (so in u.a. Caesaraia Maritima und Caesaraia Philippi). Kaiser Tiberius wurde der Ehrentitel „Filius divi Augusti“ zuerkannt.

 

Vorläufer einer gemeinsamen Auffassung von Menschenwürde sind in der Antike einmal in der Lehre von der Unsterblichkeit der menschlichen Seele (Platon), sowie zum anderen in der aristotelischen Lehre von der Vernunft, die allen Menschen gemeinsam ist und den Menschen vom Tier unterscheidet, zu finden.

 

4.    Menschenrechte in der Aufklärung

 

Durch die Aufklärung erhielten die Menschenrechte Verfassungsrang.

 

§  1776 Virginia Declaration of right´s „ Alle Menschen sind von Natur aus in gleicher Weise frei und unabhängig und besitzen bestimmte angeborene Rechte, welche sie ihrer Nachkommenschaft durch keinen Vertrag rauben oder entziehen können“……..(Art.1)

§  1776 Declaration of Independence vom 04.Juli 1776 “ Alle Menschen sind gleich geschaffen“, „der Schöpfer hat ihnen bestimmte unveräußerliche Rechte verliehen“…. Wichtig ist hier der Bezug auf Gott und das Naturrecht.

§  1789 Declation des droits de l´homme durch die französische Nationalversammlung am 26. August 1789 (Die Menschen werden frei und gleich an Rechten geboren und bleiben es.“….. (Art. 1)

§  1948  Allgemeine Erklärung der Menschenrechte durch die Un-Generalversammlung am 10. Dezember 1948.

 

5.    Menschenwürde als Verfassungsrang

 

Die Väter des deutschen Grundgesetzes haben die Achtung der Menschenwürde in Art. 1 Abs. 1 GG  festgeschrieben:

„ Die Würde des Menschen ist unantastbar . Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“

Menschliches Leben und  menschliche Würde genießen damit den höchsten verfassungsrechtlichen Schutz. Das Leben als solches darf nicht qualifiziert werden etwa  als lebenswert oder unwert. Die Würde endet auch nicht postmortal. Ab welchem Zeitpunkt dem Menschen das Schutzrecht dieser Würde zukommt, ist im Gesetz nicht festgelegt. Nach der Logik der Naturwissenschaften gilt eindeutig der Zeitpunkt, ab dem der Mensch als Mensch in seiner Individualität genetische determiniert ist. Alles, was danach geschieht, ist nur mehr  menschliches Wachstum verbunden mit einer erkennbaren  Zunahme an menschlicher Sinnesempfindung.

Dem naturwissenschaftlich– logischen  Zeitbegriff für die Würde des Menschen wird von den Kritikern das „cogito, ergo sum“ (Descartes) entgegengesetzt. Damit wird nicht nur der Zeitbegriff sowohl für den Beginn als auch für das Ende der menschlichen Würde sondern die Menschenwürde selbst beliebig und der Diktatur des modernen Relativismus (Benedikt XVI) unterworfen. Auf diese fatale Irrlehre muss  die kirchliche Verkündigung immer wieder hinweisen. Im Sinne der Glaubhaftigkeit ihrer Lehre  und Sendung  ist es Aufgabe der Kirche für das Schutzrecht der Ungeborenen und Schwachen, die noch nicht oder nicht mehr die volle Erkenntnis haben,  einzutreten.

 

Neben Deutschland hat die Menschenwürde heute in vielen anderen Ländern    Verfassungsrang.

Die europäische Verfassung sieht in Art. I-2 als Werte der Union folgende Regelung vor:

„Die Werte auf die sich die Union begründet, sind die Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und Wahrung der Menschenrechte einschließlich der Personen, die Minderheiten angehören. Die Werte sind allen Mitgliedsstaaten in einer Gesellschaft gemeinsam, die sich durch Pluralismus, Nichtdiskriminierung, Toleranz, Gerechtigkeit, Solidarität und die Gleichheit von Frauen und Männern auszeichnet.“   Die Regelung fehlt leider die Kürze und Prägnanz des Art. I Abs. 1 des GG. Kritisch betrachtet, legt die Union in dem Entwurf ein  Sammelsurium an Werten vor, die in sich nicht eindeutig sind und  der   Diktatur des Relativismus in Europa Vorschub leisten.

 

 

6.    Die Menschenwürde in der Perversion von Politikern

 

Die von der europäischen Union vorgelegte Definition ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Menschenwürde durch politische und gesellschaftliche Entwicklungen bedroht wird.

Ein konkretes Beispiel soll diese Bedrohung beleuchten. Die 13 Minuten dauernde Rede mit der sich Claudia Roth um die erneute Wahl als Parteivorsitzende der Grünen aus dem letztjährigen Parteitag bewarb, endete mit dem Schlachtruf: „Die Würde der schwul-lesbischen Liebe ist unantastbar!  Das sei die Version der Grünen von Artikel 1 des Grundgesetzes, so Roth. Ignoranter, brutaler und rücksichtsloser kann ein Politiker nicht mit Artikel 1 des Grundgesetzes umgehen.

Er wird zum erschreckenden Schlachtruf einer sich neofaschistisch definierenden Ideologie, der nicht nur Intoleranz gegenüber anderen Wertvorstellungen zeigt, sondern zugleich den Grundkonsens des Grundgesetzes an einem entscheidenden Punkt aufhebt und die eigenen Wertvorstellungen zum höchsten Gut macht. (Rupert Lay).  Es lässt für die zukünftige Akzeptanz der Menschenrechte in unserer Gesellschaft fürchten, dass weder die Politik noch die Öffentlichkeit diese eklatante Überschreitung der Schamgrenze zur Kenntnis genommen haben. 

7.    Zusammenfassung und Folgerungen

Die Forderung nach Erfüllung der Menschenrechte und Menschenwürde ist eine urchristliche und ergibt sich aus dem christlichen Menschenbild. Papst Johannes Paul II hat diese Frage erfolgreich als politisches Werkzeug genutzt. Dadurch hatte er  einen wesentlichen Anteil am politischen Transformationsprozess Osteuropas.

Eine wesentliche Ursache seines Erfolges war, dass er die Definition von Menschenwürde und Menschenrecht vorgegeben hat und sie damit zu einer „Bringschuld“ politischen Handelns erklärt hat. Er befreite die Frage der Menschenwürde von der Beliebigkeit. Nicht der, der die Einhaltung der Menschenwürde fordert, muss sich dafür rechtfertigen, sondern der politisch Handelnde hat die Pflicht sie als Bringschuld zu berücksichtigen.

Psychologisch beginnt die Verletzung der Menschenwürde dort, wo die Schamgrenze des Einzelnen überschritten wird. Da diese Grenze eine Schutzgrenze darstellt  reagiert der Mensch auf eine drohende  Verletzung  wesentlich sensibler als auf moralische oder ethische Forderungen.

Daher wird vorgeschlagen aus dem „Erbe“ Johannes Paul II zu lernen und unsere aus dem christlichen Menschenbild sich ergebenden berechtigten Forderungen an Staat und Gesellschaft immer mit der Grundsatzfrage nach der Menschenwürde zu verbinden.   Dieses betrifft sowohl Forderungen, die die Außenpolitik als auch die Innenpolitik betreffen. Leider müssen wir aber auch feststellen, dass innerhalb der kirchlichen Gremien und Organisationen kein Gespür mehr für die Würde des Menschen vorhanden ist. Beispielhaft darf ich anführen:

§  Beim Umgang der Bischöfe mit dem  Weltbildverlag fehlt jegliche Schamgrenze.

§  Das Ergebnis einer  Beratung des von  Gremienkatholiken gegründeten  und betriebenen „Donum vitae“ würde oft besser donum mortis genannt.

§  Moderner Sexualkundeunterricht zerstört das Schamgefühl der zukünftigen Generationen.

§  Die Entsakralisierung von Kirchen verletzt das Schamgefühl von vielen Christen. Ihnen wird das genommen, was ihnen „Heilig“ war.

§  etc.

 

Gerade in diesen Punkten werden wir, als Arbeitskreis  katholischer Christen, zur Verteidigung der Grundlagen unserer christlichen Überzeugung in Zukunft immer häufiger und klarer öffentlich die Frage nach der Verletzung der Würde von Menschen stellen müssen – und zwar ohne Rücksicht auf das Ansehen der dahinter stehenden Person(en) oder Organisation(en).

 

Dieter Fasen