Trierer Bischof Stephan Ackermann sieht Veränderungsbedarf in der Moral und Sexualethik der Katholischen Kirche        (23.02.2014)

 

Im Gespräch mit der in Mainz erscheinenden Allgemeinen Zeitung nahm Bischof Ackermann Stellung zu den Ergebnissen einer Umfrage, die der Vatikan unter katholischen Gläubigen in den deutschen Bistümern durchführte. Nach Ackermann besagen die Resultate, dass die Morallehre der Katholischen Kirche von den Gläubigen überwiegend als "Verbotsmoral" und "lebensfern" angesehen wird.

 

Dazu  führte er weiter aus:

"Wir müssen das Verantwortungsbewusstsein der Menschen stärken, ihre Gewissensentscheidung dann aber auch respektieren", so Ackermann.

Es sei  nicht mehr zeitgemäß,

§  eine neue Ehe nach einer Scheidung als dauernde Todsünde anzusehen und Wiederverheirateten keine Möglichkeit zu eröffnen, jemals wieder zu den Sakramenten zugelassen zu werden. "Wir werden da Vorschläge machen", so der Bischof.

§  Auch sei es nicht haltbar, jede Art von vorehelichem Sex als schwere Sünde zu bewerten. "Wir können die katholische Lehre nicht völlig verändern, aber Kriterien erarbeiten, anhand derer wir sagen: In diesem und diesem konkreten Fall ist es verantwortbar“.

§   Es geht nicht an, dass es nur das Ideal auf der einen und die Verurteilung auf der anderen Seite gibt."

 

§  Zum Thema Familienplanung und Verhütung erklärte der Bischof: "Die Unterscheidung nach natürlicher und künstlicher Verhütung ist auch irgendwie künstlich. Ich fürchte, das versteht niemand mehr."

 

§  Wie bei allen Fragen der Sexualmoral müsse die Kirche auch beim Thema Homosexualität an das Verantwortungsbewusstsein des Einzelnen appellieren.  "Das christliche Menschenbild geht von der Polarität der Geschlechter aus, aber wir dürfen nicht einfach sagen, Homosexualität sei widernatürlich." Homosexualität dürfe aber nicht in Promiskuität und Triebbefriedigung ausgelebt werden.

 

Mit diesen Aussagen löst sich der Bischof von der seit Gründung der Kirche gültigen Morallehre und ersetzt sie durch eigene Fabeleien. Dabei verkennt er wesentliche Punkte. So hat er  das Problem der Verhütung nicht erkannt. Die Frage der Zulässigkeit  einer Verhütungsmethode stellt sich dem 5. nicht nach dem 6. Gebot und lautet, wie viel Manipulation mit seinem Körper ist nach dem  5. Gebot erlaubt und wann ist eine Manipulation erlaubt und wann nicht. Danach steht die Frage in einem großen Kontext. So hat die Frage aber nur Kardinal Ratzinger diskutiert. Offensichtlich hat bei diesem wichtigen Thema ihm niemand zugehört, auch Ackermann nicht.

Er lässt auch offen, was eigentlich zeitgemäß ist und wer darüber bestimmt, was zeitgemäß ist? Meint er damit die Anpassung an den Zeitgeist? Selbst, wenn dem so sei, sollen dann etwa alle Gebote einschließlich unseres Gottesbildes diesem Geist unterstellt werden?

 

 Zu den Aussagen des Trierer Bischofs schrieb der ehemalige Stadtverordnetenvorsteher der Stadt Frankfurt am Main,  Bernhard Mihm, folgenden  Brief. Da dieser Brief von Bischof Ackermann bisher unbeantwortet  blieb, hat der Autor den Text  zur Veröffentlichung freigegeben.

Der Text lautet:

 

Sehr geehrter Herr  Bischof Ackermann,

 

Früher habe ich öfter gesagt, wenn ich denn schon nicht an die katholische Kirche

glauben würde, wäre ich fasziniert von der Logik ihres Denkens,

 

Diesen Vorzug gibt Ackermann auf.

 

Im Jahre 1992 hatte ich Herrn Augustinus Graf Henckel von Donnersmarck OPraem. zu einem Vortrag in Frankfurt/Main eingeladen. Dieser erregte die Aufmerksamkeit weiterer Kreise. Der Vortrag fand im Festsaal der IHK vor prominentem Publikum statt. Und der Referent sagte u.a. und wurde damit auch in der Presse zitiert: „Über Ethik kann man diskutieren. Moral ist unerschütterlich.“ Sind Bischöfe nun philosophische Ethik-Denker oder Verkünder einer geoffenbarten Moral? Daran entscheidet sich das Dictum Ackermanns.

 

Die Kirche hat bisher immer gelehrt, zu respektieren sei die ernste Entscheidung des geschulten Gewissens. Dies ist auch richtig. Denn das Gewissen ist eine menschliche Anlage, nämlich die, die gut und böse voneinander unterscheidet, eine Anlage, die inhaltlich gefüllt wurde und in ihrer Realisierung geschult, eingeübt werden muss. Ich habe meinen Kindern immer eingeschärft, sehr selbstkritisch mit der Annahme eines Gewissensspruches umzugehen: „ Wenn eine Entscheidung eines  Gewissensspruches angenehm ist, seid vorsichtig, ob es denn ein Gewissensspruch war. Ist sie euch zuwider, dann wisst Ihr, dass das Gewissen gesprochen hat“.

 

Bisher hat die Kirche die Ausübung der Sexualität außerhalb einer gültigen Ehe stets als objektiv schwere Sünde angesehen. Das gilt auch heute noch, wenn man ins Bordell geht. Ein vereinzelter Bordellbesuch ist aber – vom äußeren Hergang her – weniger als ein nichteheliches geschlechtliches Zusammenleben auf (Lebensabschnitte beschränkte) Dauer. Die Ackermann´sche Position ist aber nur mit der weitverbreiteten moraltheologischen Abirrung zu erklären, nach der es keine in sich unsittlichen Handlungen gibt, sondern jede menschliche Handlung von ihrer Zwecksetzung zu bewerten ist. Das ist für mich schon als  STRAFJURIST  kaum nachvollziehbar.

 

Die möglicherweise von Ackermann herangezogene Morallehre stellt alles auf den Kopf.

 

Grundsätzlich gilt das eben gesagte. Ich erinnere mich an einen Vortrag des damaligen Generalvikars Tilmann vor katholischen Studentenverbindungen: Wenn zwei ohne Trauschein zusammenlebten, etwa junge Leute, die zusammenzögen, könne man darüber nicht urteilen. Denn es könnte ja die Ehe sein, die die beiden sich versprochen hätten. Ich warf damals ein, genau um die Unklarheiten zu beseitigen, habe das Tridentinum Formpflichten für die Ehe eingeführt, weil bis dahin eben nicht hinreichend klar gewesen sei, ob in jedem Einzelfall ein gültige Ehe vorliege oder nicht. Tilmann meinte darauf, eine bloße kirchenrechtliche Vorschrift könne die Kirche ja wieder abändern. Ich erwiderte damals meinerseits, eine solche Abänderung sei  zumindest sehr unklug und sei auch lieblos gegenüber den Gläubigen. Ein solcher Rückfall hinter Trient  sei nur dazu geeignet, die Dinge wieder zu verwirren.  Ich erinnere in diesem Kontext an die Würdigung Karls des Großen in der Biographie von Weinfurter mit der Heraushebung der Politik der „Vereindeutigung“. Weinfurter schreibt dort auch, im heutigen Zeitgeist herrsche die gegenläufige Tendenz. Zeitgeist ist es, was Ackermann predigt. Seine Gegenüberstellung von „Ideal“ und „Verurteilung“ ist eine feige Flucht vor der Entscheidung zwischen „Richtig“ und „Falsch“ zwischen „Gut“ und „Böse“.

Ackermann steht damit nicht alleine da. Ich weiß auch von anderen Bischöfen mit solchen Dicta.

 

Ehe ist mehr als Realisierung von Treue und Verantwortung. Sie ist eine gottgestiftete Institution zur Weitergabe menschlichen Lebens. Das fehlt der Homosexualität. Und so können homosexuelle Verbindungen bei aller Realisierung solcher Haltungen nie „Ehe“ sein. Das vergisst Ackermann.

Er folgt der katastrophal–irrigen, prinzipiellen Entkopplung von Sexualität und Fortpflanzung. Das ist ein grundlegender Paradigmenwechsel, dessen Folgen Ackermann offensichtlich nicht überblickt.

 

Soweit einige Gedanken zu den Ackermann-Dicta.

 

Ihr Bernhard Mihm