Arbeitskreis von Katholiken im Raum Frankfurt

Hubert Hecker

65599 Dornburg                                                                                                             Dornburg, 4. 9. 2009

 

 

 

An den

Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz

Herrn Erzbischof

Dr. Robert Zollitsch

Kaiserstrasse 161
53113 Bonn

 

 

Hetzschrift gegen die katholische Kirche

 

Sehr geehrter Herr Erzbischof!

Bei der Vorbereitung einer Unterrichtseinheit im Fach kath. Religionslehre – ich bin seit 30 Jahren kath. Religionslehrer an einem Gymnasium – stieß ich kürzlich auf einen Text aus einem älteren Religionsbuch. Es handelt sich bei dem Text um einen Bericht „aus dem Reisetagebuch eines Franziskanermönchs 1509“ – so die Überschrift – in dem kath. Religionsbuch „Wege des Glaubens 7/8“ von Werner Trutwin, Patmos-Verlag, Ausgabe 1988. In dem Schreiben wird eine große Anzahl von ungeheuerlichen Missständen in der vorreformatorischen Kirche aufgelistet (siehe Anlage). Was mich stutzig machte, war die einseitige, übertriebene und tendenziöse Art der Darstellung. Im Buchanhang wird für den Text keine Quelle angegeben, sondern das Stück als „frei gestalteter Text“ bezeichnet, von dem aber behauptet wird, dass darin „historisch sicher überlieferte Einzelheiten der vorreformatorischen Zeit verarbeitet“ worden wären. Für eine historische Darstellung keine Quelle anzugeben, zugleich aber zu behaupten, darin seien ‚historisch sicher überlieferte Einzelheiten’ enthalten, grenzt an Lächerlichkeit – oder Unverfrorenheit. Diese Art von Textpräsentation ist ein historisch und wissenschaftlich völlig inakzeptables Verfahren, denn mit solchem Vorgehen von unbewiesenen und unbelegten Behauptungen kann das Blaue vom Himmel gelogen werden, ohne dass es irgendeine Überprüfungsmöglichkeit gibt. Den Eindruck einer fingierten oder gar frei erfundenen Quelle vermittelt auch die Form des Textes: ein tendenziöses Sammelsurium von Unterstellungen, Behauptungen, Vermutungen, Verurteilungen, Übertreibungen, Verallgemeinerungen über die Missstände der katholischen Kirche um 1500 – und das alles in den düstersten Farben.

Darüber hinaus ist die Zuordnung vom Buchautor falsch, der den Text einem „Franziskanermönch“ zuweist: Die Franziskaner sind bekanntlich keine Mönche – das sollte Herr Trutwin eigentlich wissen. Der dubiose Text wurde auch schon in der Vorgängerausgabe von 1981 verwendet. Bis zur Neuausgabe im Jahre 2001 – also 20 Jahre lang - wurde mit diesem denunziatorischen Pamphlet Tausende von katholischen Schüler/innen im Glauben verwirrt, die Kirche angeschwärzt, Papst, Bischöfe und Priester in den Dreck gezogen.

Ein positives Gegenbeispiel für einen Quellentext mit seriöser Quellenangabe findet sich im Geschichtsbuch „Das waren Zeiten 2“ aus dem Buchnerverlag. Es geht dabei um die gleiche Textgattung wie oben, ein Reisetagebuch, und um das gleiche Thema: Kirche und Frömmigkeit in Deutschland. Der Italiener Antonio de Beatis reiste im April 1517 durch deutsche Lande und gibt ein völlig anderes Bild von Kirche und Katholiken in Deutschland (zitiert aus dem angegebenen Geschichtsbuch S. 202): „Sowohl Frauen als Männer besuchen fleißig die Kirche, in denen jede Familie ihren eigenen Kirchenstuhl hat. … Da spricht man nicht von Geschäften und unterhält sich nicht wie in Italien; man richtet seine Aufmerksamkeit nur auf Messe und Gottesdienst, und beim Gebet knien alle nieder. … Von Trient an pflegt man an allen Straßen in der Nähe der Dörfer und Städte unter freiem Himmel große Kruzifixe aufzustellen, meist mit den Schächern zur Seite, was zugleich Schrecken und Andacht erweckt. Daneben werden überall hölzerne oder steinerne Bildstöcke aufgestellt, auf welchen das Bild des Gekreuzigten mit den beiden Marien oder andere Geheimnisse der heiligsten Passion des Herrn dargestellt befindet. … Es gibt kein noch so kleines Dorf, das nicht wenigstens eine schöne Kirche hätte mit so großen, schönen und kunstreichen Glasfenstern, als man sich nur denken kann. … Dem Gottesdienst und den Kirchen wenden die Deutschen viel Aufmerksamkeit zu, und so viele Kirchen werden neu gebaut, dass ich, wenn ich damit die Pflege des Gottesdienstes in Italien vergleiche und daran denke, wie viele arme Kirchen hier ganz in Verfall geraten, diese Länder nicht wenig beneide und im innersten Herzen Schmerz empfinde über das geringe Maß von Religion, dass man bei uns Italienern findet.“

Dieser nach den Quellenangaben überprüfbare historische Bericht zeigt, dass die im Religionsbuch beschriebenen Zustände und Missstände zumindest nicht so allgemein vorhanden waren und bestärkt den Verdacht, dass die nicht-überprüfbare Religionsbuch-Quelle eher ein konstruiertes oder erfundenes Schmierenstück ist. Es ist peinlich bis unerträglich für ein Schulbuch, dass es als Schlüsseltext – in diesem Fall die entscheidende Begründung für die Notwendigkeit von Reform und Reformation der Kirche – ein dubioses Schriftstück mit möglicherweise frei erfundenen Thesen und Geschichten aus dem Hut zieht. Man muss sich als Religionslehrer im Kollegenkreis regelrecht schämen, dass wir den Schülern ein Buch  mit fingierten Quellen vorgelegt haben bzw. vorlegen, denn teilweise sind die älteren Bücher immer noch im Gebrauch oder die Texte aus diesen Büchern werden noch verwendet.

II. Wenn man sich die neueste Ausgabe von ‚Wege des Glaubens’ anschaut, im Jahre 2001 herausgegeben, und darin das Thema ‚Kirche in der Reformationszeit’ studiert, dann stellt man fest, dass die Kirchendarstellung noch extremer, einseitiger und niederträchtiger ist als in dem alten Buch. Der dubiose Reisebericht ist zwar nicht mehr abgedruckt, aber die Unterstellungen des fingierten Berichtes sind in dem Autorentext des Buches weitgehend übernommen worden und teilweise noch weiter verschärft und übertrieben. (Vgl. dazu die Gegenüberstellung der Textaussagen im Anhang dieses Schreibens.) In dem fingierten Quellentext heißt es z. B.: ‚Viele Menschen knieten vor den Heiligenbildern und Reliquienschreinen.’ Nach dem frei erfundenen Autorentext will Herr Trutwin genau wissen, dass ‚die Leute’ vor 500 Jahren nicht nur gekniet haben, sondern ‚blutende Jesusbilder verehrten’. Der Schulbuchautor begnügt sich nicht damit, die ‚Beteiligung großer Scharen an Wallfahrten’ als Missstand anzuprangern – so der frei gestaltete Quellentext -, sondern glaubt die  Motive und Ziele der wallfahrenden Leute zu kennen, nämlich dass sie ‚Abenteuer auf langen Wallfahrten gesucht’ hätten. „Noch schlimmer soll es in Rom aussehen“, heißt es vorsichtig in dem getürkten Reisebericht. Trutwin stellt das Gerücht als Tatsache hin: ‚Noch schlimmer sah es in Rom bei den Päpsten aus.’ In dem angeblichen Reisebericht wird behauptet, dass ein Franziskanerbruder bei seiner Fahrt nach Rom erkannt hätte, dass sich ‚der Papst und seine Kardinäle fast nur um weltliche Dinge gekümmert’ hätten. Da fragt sich der geneigte Leser schon, wie denn ein einfacher Bruder aus der Pilgerperspektive zu so einem weitreichenden Urteil über die kuriale Kirchenverwaltung des Papstes kommen kann oder es gar belegen könnte. Solche Detailfragen nach historischer Wahrheit und Verifizierung wischt Herr Trutwin souverän zur Seite. Für ihn steht ohne Zweifel fest, dass sich ‚die Päpste zu Beginn des 16. Jahrhunderts nur wenig um die Kirche kümmerten, sondern als Herren des Kirchenstaates Politik machten’. Das vernichtende Gesamturteil über die Päpste lässt sich Herr Trutwin auch nicht durch päpstliche Reformbemühungen aus der Hand nehmen, die sogar in dem Buch selbst wenig später präsentiert werden, indem es heißt, dass im März 1517 ein Reformkonzil in Rom zuende ging. Auch ein abgedrucktes Dürerbild, bei dem Papst Gregor 1511 vor einem Altar kniet und ihm während der hl. Messe Christus erscheint, beeindruckt den Schulbuchautor nicht.

III. Das Schulbuchkapitel über die Kirche im Übergang vom Spätmittelalter zur früher Neuzeit wird unter der Überschrift „Eine Problemzeit für die Kirche“ mit folgendem Satz eingeleitet: „Überall herrschten schreckliche Missstände, an deren Beseitigung kaum gearbeitet wurde.“

Zu den Päpsten in Avignon schreibt der Autor: „Weil das Geld hier für die Päpste knapp wurde, erfanden sie ein Finanzsystem, mit dem sie große Summen aus ganz Europa für sich herauspressten …“

Für das 15. Jahrhundert urteilt das Buch: „Es gab viel zu viele Priester, von denen nicht gerade wenige mit Frauen zusammen wohnten, obwohl sie ehelos leben sollten. Überall lungerten sie herum und lebten von dem bisschen Geld, das ihnen die Leute für das Lesen der Messe gaben.“

„Selbst Ordensleute waren so schlecht ausgebildet, dass sie kaum das Vaterunser und das Glaubensbekenntnis auswendig konnten.“

Zum höheren Klerus behauptet Herr Trutwin, dass alle „Äbte und Bischöfe zugleich weltliche Herrscher waren. … Um die Seelsorge kümmerten sie sich kaum.“ Und im Märchenstil fährt der Schulbuchautor fort: „Sie wohnten in schönen Schlössern, hatten viel Dienstpersonal und machten sich mit ihren Freunden und Freundinnen ein lustiges Leben.“ Von  allen Äbten und Bischöfen weiß der Autor auch, dass sie auf die Jagd gingen und kostbare Kunstwerke sammelten. „Das Geld dazu trieben sie von ihren Untertanen ein.“

„Noch schlimmer sah es zu Beginn des 16. Jahrhunderts in Rom bei den Päpsten aus. ….

Am allerschlimmsten aber sei der Aberglaube im Volk gewesen: „Das Volk selbst war oft nicht mehr auf das Wesentliche ausgerichtet. Die Bibel spielte keine Rolle. Die Sakramente wurden nicht würdig gespendet und empfangen. Nur wenige gingen zur Kommunion. Es kam vor, dass die Hostien im Tabernakel verschimmelten. Die Leute verehrten blutende Jesusbilder, sammelten Reliquien von Heiligen, suchten Abenteuer auf langen Wallfahrten. Der Glaube an Gott und an Jesus Christus trat in den Hintergrund. Stattdessen beherrschte der Glaube an den Teufel, an kuriose Wunder, an Hexen die Szene“ (S. 146).

IV. Bei dieser Religionsbuch-Darstellung der kath. Kirche um 1500 fallen die unzulässigen Verallgemeinerungen sowie die nicht beweisbaren All-Aussagen auf: „Überall herrschten schreckliche Missstände..“. „… in der Kirche brach das totale Chaos aus.“ „Überall lungerten sie (die Priester) herum …“. Alle Äbte und Bischöfe lebten machtbewusst und luxuriös auf Kosten der Untertanen, „Das Volk“ war abergläubisch, sakramentenscheu, wundersüchtig etc. „Die Bibel spielte keine Rolle.“ „Die Leute“ verehrten blutende Jesusbilder … „Die Sakramente wurden nicht würdig gespendet und empfangen.“

Weiterhin stoßen in dieser scheinbaren Sachdarstellung die abwertenden Bemerkungen auf: Die Päpste pressten große Summen an Geld aus ganz Europa für sich heraus. Die Äbte und Bischöfe trieben das Geld für ihr „lustiges Leben“ von den Untertanen ein. Überall lungerten sie (die Priester) herum. „Die Leute … suchten Abenteuer auf langen Wallfahrten.“ Es gab nicht nur Missstände, sondern „schreckliche Missstände“.

Neben diesen unmittelbar sprachlich erkennbaren unzulässigen Verallgemeinerungen und Abwertungen sind weitere inhaltliche Übertreibungen und abwertende Urteile festzustellen: „Es gab viel zu viele Priester …“ „Ordensleute waren so schlecht ausgebildet, dass sie kaum das Vaterunser und das Glaubensbekenntnis auswendig konnten.“ Es wird der Eindruck erweckt, dass alle Äbte und Bischöfe sich nicht um ihre kirchliche Aufgaben kümmerten, sondern ein luxuriöses Lotterleben auf „schönen Schlössern und rauschenden Festen“ führten, mit Freunden und Freundinnen feierten, auf der Jagd gingen und umgeben von „kostbaren Kunstwerken“ das Geld der Untertanen verprassten.

Von den Päpsten wird behauptet, dass sie sich kaum um die kirchlichen Aufgaben gekümmert hätten, sondern wie weltliche Fürsten gekämpft und geprasst hätten. 

Ganz übel und verächtlich wird über „das Volk“ hergezogen, eingeleitet mit dem überheblich-allgemeinen Urteil, dass das Volk nicht „auf das Wesentliche“ (?) ausgerichtet gewesen wäre.  Apodiktisch wird behauptet, dass „die Leute“ auf lange Wallfahrten gegangen wären, um Abenteuer zu suchen. Als Unwesentlich werden das Sammeln von Reliquien und die Verehrung vor Jesusbildern abqualifiziert. Der Autor unterstellt, dass die Leute die Sakramente nicht würdig empfangen hätten. Schließlich weiß Herr Trutwin zu berichten, dass „die Leute“ weniger an Gott und Jesus Christus geglaubt hätten, sondern der Glaube an Teufel und Hexen sowie an kuriose Wunder „die Szene beherrscht“ hätte.

Insgesamt muss man feststellen, dass das kath. Religionsbuch zum Zustand der Kirche um 1500 ausschließlich und einseitig nur negative Seiten und Entwicklungen herausstellt und auflistet, dass diese einzelnen Missstände unzulässig und unbelegt auf alle Gruppen und Ebenen der Kirche verallgemeinert werden und schließlich die gesamte Kirche mit abwertenden Bemerkungen schlecht geredet wird. Die Anforderungen an ein Schulbuch nach sachlich richtiger und ausgewogener Darstellung, Analyse und Bewertung erfüllt dieses Werk nicht ansatzweise. Der untersuchte Text ist eher als eine negative Propagandaschrift zu betrachten oder noch deutlicher als eine Hetzschrift gegen die katholische Kirche des 15./16. Jahrhunderts zu bewerten.

V. Nach dieser Textanalyse auf der Basis von sprachlichen und logischen Kriterien müssen die Aussagen über geschichtliche und kirchliche Zustände auf ihre sachliche Richtigkeit geprüft werden sowie die Urteile nach ihrer Angemessenheit.

Als Historiker und Geschichtslehrer kann ich Ihnen versichern, Herrn Bischof, dass solche Texte in der Art einer Anhäufung von einseitigen, übertriebenen und abwertenden Behauptungen sich kein Geschichtsbuch leistet und leisten kann. Für die Reformationszeit ergibt sich die Möglichkeit des interdisziplinären Schulbuchvergleichs, da dieses Thema auch im Fach Geschichte behandelt wird.

Während das Religionsbuch als Rahmenbedingungen für die Zeit um 1500 pauschal „große Ängste“ der Menschen beschwört, andererseits von einem „neuen Hochgefühl“ eines neuen Zeitalters schwärmt, werden in dem Schulbuch „Das waren Zeiten 2“ aus dem Buchner-Verlag die sozialen und ökonomischen Entwicklung um 1500 sachlich und differenziert entfaltet: Danach führte der  Frühkapitalismus zur Blüte der Städte und zum Aufstieg des Bürgertums, konnte aber die wirtschaftlichen Not der Menschen nicht ganz beseitigen. Auch die Bauern profitierten von dem Aufschwung, aber ihnen wurde mit der territorialstaatlichen Durchdringung viele kommunale und sonstige Nutzungsrechte genommen. Der Humanismus schuf neue Weltsichten. „Auf alle diese Veränderungen reagierten die Menschen je nach Herkunft, Stand, Bildung und Auskommen unterschiedlich. Immer häufiger wurden soziale und politische Wünsche mit der Forderung nach einer Reform der Kirche verknüpft“ (S. 201)

Auf dem Hintergrund des Wohlstands des Bürgertums und auch der meisten Bauern ist die Zeit um 15oo – neben unbestreitbaren einzelnen Missständen – auch eine Zeit der Blüte der kirchlichen Frömmigkeit und des Kirchenbaus, wie das in der oben zitierten Quelle aus der Sicht eines Italieners beschrieben ist. Das kann ich als Lokalhistoriker für die Region des Hadamarer Landes aufzeigen, wo zwischen 1450 und 1520 eine Stadt- und mehrere ‚schöne Dorfkirchen’ gebaut, umgebaut und ausgemalt worden sind. Die Hadamarer Stifts- und Wallfahrtskirche ‚Unserer Lieben Frau im Rosenhag’ hatte eine hervorragende Lateinschule, aus der u. a. Christian Egenolf, der Humanist und erste Drucker von Frankfurt hervorgegangen ist. Auch die Stiftsherren waren sehr gut ausgebildet. Einer der Stiftsherren, Georg Lorich, wurde später ein scharfer protestantischer Kritiker an Martin Luther. – Soweit eine regional belegte Anmerkung zu der allgemeinen These des Religionsbuchs, nach dem der niedere Klerus insgesamt ungebildet war. Das Buchner-Geschichtsbuch geht auch in dieser Frage sachlicher und differenzierter vor: „Rund zwei Drittel der Priester besaßen keine höhere Bildung. Ein Teil der Priester konnte nicht einmal die lateinische Bibel richtig lesen.“

Auch die weiteren kirchlichen Zustände stellt das Geschichtsbuch sachlich und ausgewogen dar – z. B. zu Wallfahrten: „Viele Gläubigen begaben sich auf Wallfahrten, um die verehrten Heiligen als Fürsprecher vor Gott zu gewinnen.“ Das Religionsbuch unterstellt dagegen den gläubigen Wallfahrern, dass sie auf den Wallfahrten nur Abenteuer suchten. Auch die Entwicklung des Ablasswesens stellt das Geschichtsbuch sachlicher und angemessener dar als das katholische Religionsbuch.

Schließlich ist die Behauptung Trutwins zu prüfen, dass ‚der Glaube an Gott und an Jesus Christus in den Hintergrund getreten wäre, stattdessen der Glaube an den Teufel, an kuriose Wunder und an Hexen die Szene beherrscht’ hätte. Aus dem zu Anfang zitierten Reisebericht eines Italieners von 1517 ergibt sich, dass in den deutschen Landen auffällig viele Großkreuze und Bildstöcke im Freien aufgestellt waren, dass also das Passionsgeschehen und die Kreuzigung Christi ‚die Szene beherrschte’. Diese Bilder vom gekreuzigten Herrn würden Andacht erwecken, schreibt der historische Autor. Wenn diese Verehrung des gekreuzigten Erlösers so verbreitet war, dann steht Trutwins These vom Rückzug des Christusglaubens in den Hintergrund auf sehr wackligen Füßen.

Auch der zweite Teil der Behauptung Trutwins ist historisch falsch, dass der Teufels- und Hexenglaube zu Anfang des 16. Jahrhunderts ‚vorherrschend’ gewesen wäre. Es existierte zwar schon das Buch ‚Der Hexenhammer’, aber der Autor wurde – selbst mit päpstlichem Empfehlungsschreiben – von mehreren deutschen Bischöfen abgewiesen bzw. vertrieben. Hexenglaube und –verfolgung war um 1500 nur eine marginale Erscheinung, die erst ab 1570 zu einer mörderischen Bewegung anschwoll – übrigens auch massiv gefördert durch lutherische und calvinistische Prediger.

VI. Von einem kath. Religionsbuch sollte man erwarten, dass es über die richtige Darstellung von historischen und kirchengeschichtlichen Entwicklungen hinaus die Kirche, die kirchliche Lehre und Frömmigkeit auch unter theologischen Gesichtspunkten richtig erklärt, erläutert und bewertet. Dazu eine kritische Analyse der Religionsbuchpassage aus dem Kapitel „Das Volk“. Dort heißt es: „Die Sakramente wurden nicht würdig gespendet und empfangen. Nur wenige gingen zur Kommunion.“ Die geringe Zahl der Kommuniongänger wird – im Zusammenhang mit dem unwürdigen Sakramentenempfang – offensichtlich als Kritik verstanden und als kirchlich-unfromme Nachlässigkeit unterstellt werden. Tatsächlich war der relativ geringe Kommunionempfang im Mittelalter ein Ausdruck von großer Ehrfurcht vor dem Altarssakrament, das man nur nach zeitnaher Beichte und im Stand der Gnade würdig zu empfangen glaubte. Die Kirche musste sogar durch ein Kirchengebot mindestens einmal jährlich die (Oster-) Kommunion und –Beichte vorschreiben. Dann aber gingen fast alle Gläubigen zur Kommunion, wie die Tilemann-Chronik aus Limburg berichtet. Die allgemeine These des Religionsbuchs also, dass „die Sakramente“ – offenbar Beichte und Kommunion – „nicht würdig empfangen wurden“ ist eine böswillige Unterstellung, die der Schulbuchautor nicht belegen kann, weil sie der (kirchen-) geschichtlichen Wahrheit widerspricht. Im Mittelalter waren die Katholiken – vielfach im Gegensatz zu heute – ausgesprochen sakramentenfromm und von Ehrfurcht insbesondere vor dem Altarssakrament erfüllt.

VII. Nachdem die Zustände der katholischen Kirche in diesem Kapitel des katholischen Religionsbuchs ausschließlich negativ dargestellt und schlechtgeredet werden, kann man sich vorstellen, wie anschließend Martin Luther und seine Reformation ins helle Licht gestellt werden: Der Reformator wird in Text und Bildern zu einem religiösen, kirchlichen und politischen Helden hochstilisiert. Typisch dafür ist ein zeitgenössisches Bild von Hans Sebald Beham, in dem Luther im Strahlenkranz als vom Hl. Geist inspirierter neuer Evangelist hochstilisiert wird. In einem zweiten Bild von einem  sogenannten Historienmaler des 19. Jahrhunderts wird „Luther in Worms“ als ein junger, tapferer und überzeugender Held dargestellt wird, der alle Fürsten und den Kaiser beeindruckt. Tatsächlich schildern die historischen Quellen Luthers Auftreten auf dem Reichstag zu Worms als ausgesprochen ängstlich, zurückhaltend, leise, unsicher. Nur auf Drängen von sympathisierenden Fürsten trat er am 2. Tag etwas bestimmter auf.

Alle negativen Seiten von Reformation und Reformator werden weggelassen – so Luthers unflätige und beleidigende Pamphlete, seine Judenhetze, Förderung von Teufelsglauben und Hexenverfolgung, Luthers Aufruf zum Niedermetzeln der Bauern, der Zusammenbruch der kirchlichen Disziplin durch die Reformation, die Einsetzung von weltlichen Fürsten zu Herren der Kirche, der Raub von Kirchengütern und viele andere reformatorischen Missstände: Fehlanzeige. Auch die theologischen Widersprüche in Luthers Lehre werden den Schülern nicht erläutert, insbesondere Luthers gemeinschaftsfremder und kirchenferner Individualismus, seine falsche Bibel/Schriftauffassung - losgelöst von Kirche und Tradition, sein unsakramentaler Kirchenbegriff etc. Stattdessen werden protestantische Propaganda- und Verleumdungsbilder ins Schulbuch kommentarlos eingerückt – so etwa das üble Hetzbild von Lucas Cranach: „Das Abendmahl der Evangelischen und die Höllenfahrt der Katholischen“ (S. 153).

In der Gesamtsicht macht diese Kapitel des Religionsbuchs den Eindruck, dass die katholische Kirche aus einem Saustall von Miss(t)ständen besteht, während in den protestantischen Kirchengemeinschaften die wahre Kirche Christi zu finden wäre, die die Menschen zum Heil führen könnte. Dieser Eindruck ist für die Schüler zweifellos noch stärker, da sie nicht den Wissens- und Beurteilungshintergrund haben, die Unmenge von historischen und theologischen Behauptungen in Frage stellen zu können.

VII. Sehr geehrter Herr Erzbischof, Sie sind als amtierender Bischof für den schulischen Religionsunterricht in Ihrem Bistum inklusive der verwendeten Religionsbücher verantwortlich. Als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz tragen Sie auch oberhirtliche Verantwortung für die „Lehrbuchkommission der Deutschen Bischofskonferenz“, die das untersuchte Lehrbuch für alle deutschen Bistümer geprüft, empfohlen und „zuglassen“ hat, wie es im Impressum der aktuellen Neuausgabe von „Wege des Glaubens“ heißt. Ist es nicht ein Skandal, wenn Tausende von katholischen Schülern mit diesem Religionsbuchkapitel gegen die katholische Kirche aufgehetzt werden? Und diese Praxis läuft schon seit mehr als 30 Jahren.  Nach meiner Ansicht müssten Sie sofort ein Verfahren einleiten, dass diesem Buch die kirchliche Zulassung für den Religionsunterricht entzogen wird, damit zumindest keine Neubestellungen mehr getätigt werden. Die Schulen bzw. Religionslehrer sollten dahingehend informiert und angehalten werden, nicht mehr mit diesem Buchkapitel zu arbeiten. Bei dem Autor und Verlag sollte schleunigst eine Überarbeitung angemahnt werden.

Alle aktuell genehmigten Religionsbücher müssten nach meiner Ansicht überprüft werden. Denn die Trutwin-Religionsbücher gelten noch als die besten Schulreligionsbücher auf dem Markt. Wenn aber in denen schon so viel Unsinn enthalten ist, wie sieht es dann bei den anderen Reli-Büchern aus?

Es schadet sowohl dem Renommee  des Religionsunterrichts als auch dem Ansehen der Religionslehrer, wenn die Religionsbücher mit getürkten Quellen arbeiten, tendenziöse Beschreibungen als historischen Sachstand ausgeben und die Fachthemen in einer ideologischen Schwarz-Weiß-Malerei vermitteln.

Wenn in den letzten 30 Jahren drei verschiedenen Ausgaben der Trutwin-Religionsbücher mit solchen unhaltbaren und unerträglichen Texten und Konzepten von der „Lehrbuchkommission der Deutschen Bischofskonferenz als Unterrichtswerk für den Religionsunterricht zugelassen“ worden sind, dann muss auch dieses Genehmigungsverfahren auf den Prüfstand, die genehmigende Kommission überprüft und das Prüfverfahren gegebenenfalls neu geordnet werden. In diesem Zusammenhang ist es verwunderlich, dass nicht die Bischöfe als verantwortlich für die Zulassung des Religionsbuchs zeichnen, sondern die Oberhirten diese Verantwortung offenbar an eine Unterkommission abgegeben haben – an das „zuständige Team“, wie man heute vielfach in den Ordinariaten zu sagen pflegt.

In den 80er Jahren war im Lehrplan kath. Religion für die 8. Klasse eine Unterrichtseinheit vorgesehen mit dem Thema: Die Wahrheit sagen. Darin wurde u. a. dazu ermahnt, nicht allen Gerüchten zu glauben, das Schlechtreden über andere kritisch zu hinterfragen, abwertende Urteile zu überprüfen und erst recht nicht ungeprüft weiterzusagen. Diese Vermittlung einer christlichen Primärtugend ist inzwischen aus dem Lehrplan gestrichen worden. Ein Grund dafür mag sein, dass sich das Religionsbuch selbst nicht mehr an die christliche Wahrheitsregel hält, sondern im großen Stil Gerüchte, Unterstellungen, Schlechtreden, Aburteilungen und andere ungeprüfte Hetzthesen in die Welt setzt.

Bis vor 10 Jahren etwa habe ich selbst noch mit den Trutwin-Religionsbüchern gearbeitet und die meisten meiner Reli-Kollegen und Kolleginnen tun es bis heute. Wir gingen und gehen davon aus, dass ein kirchlich genehmigtes Religionsbuch wissenschaftlich und theologisch fundiert und geprüft ist. Jetzt stellt sich heraus, dass unser gutgläubiges Vertrauen über mehr als 30 Jahre getäuscht wurde. Das Buch ist – zumindest in diesem Reformationskapitel – sachlich und theologisch völlig unzuverlässig, fehlerhaft und tendenziös. Das Buch trägt also zu einem schwerwiegenden Vertrauensverlust zwischen katholischen Religionslehrern und der bischöflichen Autorität bei.

Bei meiner Analyse habe ich das Schulbuchkapitel „Reformation“ hauptsächlich nach methodischen und wissenschaftlich-sachlichen Kriterien untersucht. Die theologischen Grundlagen, Methoden und Ergebnisse müssten ebenfalls einer eingehenden Prüfung unterzogen werden – orientiert an den Lehren der römisch-katholischen Kirche, wie sie im Weltkatechismus zusammengefasst sind. Denn das lässt sich schon nach einer flüchtigen Durchsicht feststellen: diese miese Stimmungsmache gegen die katholische Kirche einerseits und die Verklärung bzw. Heroisierung von Reformator und Reformation andererseits stellt aus theologisch-kirchlicher Sicht ein vielleicht noch größeres Ärgernis dar.

Es gibt also viel zu tun bezüglich der Schulreligionsbücher. Packen Sie es an?

Mit freundlichen Grüßen

 

 

Anlage


Textaussagen aus dem „frei gestalteten“ Quellentext der Religionsbuchausgabe „Wege des Glaubens 7/8“ von 1981 und 1988

● In den Kirchen sahen wir oft viele Menschen. Aber sie knieten vor allem vor den Heiligenbildern und Reliquienschreinen

● Großen Scharen beteiligten sich auch an Wallfahrten

● Zur heiligen Messe kamen nur ganz wenige, fast keiner ging zur Kommunion

● In einem Tabernakel entdeckten wir, dass die heiligen Hostien verschimmelt waren

● Die Leute sind fromm, aber sie glauben mehr an seltsame Wundergeschichten, an den Teufel und Hexen als an unseren Herrn Jesus Christus

● Viele sagen: Daran sind die Priester schuld, von denen mehr als genug herumlaufen

● Die meisten von ihnen sind verheiratet

 

● Viele haben keine regelmäßigen Einkünfte und leben von dem wenigen Geld, das ihnen die Leute für das Lesen der Messe geben

● Fast alle sind schlecht ausgebildet für ihren Beruf. Ich habe einige getroffen, die weder das Vaterunser noch das Glaubensbekenntnis richtig kannten

● Anders sieht es bei den höheren Geistlichen aus, vor allem bei den Bischöfen

● Sie wohnen in vornehmen Häusern und Schlössern, haben viele Knechte und Mägde und leben in Saus und Braus

● Die meisten von ihnen sind zugleich Landesfürsten, denen die kleinen Leute einen großen Teil ihrer Ernte abliefern mussten

● Um die vielen Priester und den Glauben ihrer Leute kümmerten sie sich nur wenig

● Sie gehen lieber auf die Jagd und machen Politik

● Noch schlimmer soll es in Rom aussehen.

 

● Einer unserer Brüder war neulich dort. Er berichtete davon, dass sich der Papst und seine Kardinäle fast nur um weltliche Dinge kümmern

● Sie bauen große Paläste und prunkvolle Kirchen, halten einen Hofstaat wie Fürsten und Könige

● Sie brauchen immer mehr Geld. Darum denken sie sich immer neue Abgaben aus, die von den Gläubigen entrichtet werden müssen

● Für Geld kann man in Rom alles haben, z. B. einen Bischofssitz oder den Titel eines Kardinals


Textaussagen aus dem frei gestalteten Autorentext der aktuellen Religionsbuchausgabe „Wege des Glaubens 7/8“ von 2001

● Die Leute verehrten blutende Jesusbilder, sammelten Reliquien von Heiligen

 

● (Die Leute) suchten Abenteuer auf langen Wallfahrten

● Die Sakramente wurden nicht würdig gespendet und empfangen. Nur wenige gingen zur Kommunion.

● Es kam vor, dass die Hostien im Tabernakel verschimmelten

● Der Glaube an Gott und an Jesus Christus trat in den Hintergrund. Stattdessen beherrschte der Glaube an den Teufel, an kuriose Wunder, an Hexen die Szene

● Es gab viel zu viele Priester. Überall lungerten sie herum

● ..zu viele Priester, von denen nicht gerade wenige mit Frauen zusammenwohnen, obwohl sie ehelos („zölibatär“) leben sollten

● Sie lebten von dem bisschen Geld, das ihnen die Leute für das Lesen der Messe gaben

 

● Selbst Ordensleute waren so schlecht ausgebildet, dass sie kaum das Vaterunser und das Glaubensbekenntnis auswendig kannten

● Beim höheren Klerus war die Sache anders

 

● Sie wohnten in schönen Schlössern, hatten viel Dienstpersonal und machten sich mit ihren Freunden und Freundinnen ein lustiges Leben

● Äbte und Bischöfe waren zugleich weltliche Herrscher. Das Geld (für ihr lustiges Leben) trieben sie von ihren Untertanen ein

● Um die Seelsorge kümmerten sie sich kaum

 

● Sie gingen auf die Jagd, sammelten kostbare Kunstwerke und veranstalteten rauschende Feste

● Noch schlimmer sah es zu Beginn des 16. Jahrhunderts in Rom bei den Päpsten aus

● Sie kümmerten sich nur wenig um die Kirche, machten als Herren des Kirchenstaates Politik

 

● Sie führten Kriege und bauten sich herrliche Paläste. Sie waren so mächtig wie weltliche Fürsten

● Sie brauchten viel Geld für ihre neuartigen Bauten, für ihr aufwendiges Leben, für ihre Frauen und Kinder

 

● Für Geld konnte man von ihnen alles haben