Die schmutzige Rufmordkampagne gegen Papst Pius XII.    (10.10.2013)

Pius XII. rettete vor und während des Krieges durch seine antirassistischen Aufrufe, diplomatischen Interventionen und Initiativen zum Kirchenasyl mehr Juden das Leben als alle westlichen Staatsmänner und zivile Organisationen zusammen. Viele jüdische Persönlichkeiten und Institutionen dankten dem großen Papst für seine Taten der Nächstenliebe und Menschlichkeit – bis ein preußisch-protestantischer Linksideologe 1963 Pius XII. mit Dreck zu bewerfen begann. Seither hat sich eine verbiesterte Front der Kirchenfeinde von Kommunisten bis orthodoxe Juden dem Theatergrollen von Hochhuths ‚Stellvertreter’ angeschlossen.

Hohes Ansehen von Pius XII. in Kirche und Welt

Als Papst Pius XII. vor 55 Jahren am 9. Oktober 1958 verschied, starb er im Rufe der Heiligkeit. Den Seligsprechungsprozess leitete Papst Paul VI. schon sieben Jahre nach seinem Tod ein – für die damalige Zeit ungewöhnlich früh. Der Konzilspapst war als Pro-Staatssekretär Giovanni Battista Montini zugleich Beauftragter des Pius-Papstes für humanitäre Hilfe während der Kriegszeit und daher mit dem Pontifex sehr vertraut.

Aber auch bei nicht-katholischen Politikern stand der Pontifex in außerordentlich hohem Ansehen, was die zahlreichen Dankschreiben und Ehrungen zu Lebzeiten sowie Beileidsbekundungen aus aller Welt zu seinem Tode zeigten. Leonard Bernstein sagte in jenen Tagen zu Beginn eines Konzerts mit den New Yorker Philharmonikern: „Ich bitte um eine Minute des Schweigens zum Tode eines wahrhaft großen Mannes: Papst Pius XII.“

Die einsame Stimme des Papstes gegen Hitlerismus und Rassismus…

Das höchste Lob stammte aus dem Beileidstelegramm von Golda Meir, damals Außenministerin des Staates Israel: „Als unser Volk im Jahrzehnt des Naziterrors ein fürchterliches Martyrium erlitt, hat sich die Stimme des Papstes erhoben, um die Henker zu verurteilen und um Mitgefühl für die Opfer zum Ausdruck zu bringen. Unsere Epoche ist durch diese Stimme bereichert worden, die sich im Namen der großen sittlichen Werte über dem Tumult und den täglichen Konflikt erhob.“
In einer weiteren Äußerung sagte die israelische Politikerin: „Als alle Staatsoberhäupter zu den Verbrechen Hitlers geschwiegen haben, ihn teilweise sogar vor dem Krieg noch hofierten, war es die einsame Stimme von Papst Pius XII., der in der Stunde der Not und der Verfolgung für unser Volk die Stimme erhoben hat.“

…als andere westliche Staatsmänner noch Hitler hofierten

Golda Meir stellt der „einsamen“ Protest-Stimme des Papstes zu der NS-Judenverfolgung das entsprechende Schweigen der Staatenlenker entgegen. Sie beklagte auch das Hofieren gegenüber Hitler von Seiten westlicher Politiker bis zum Kriegsbeginn.

Über das Schweigen des damaligen US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt zu der NS-Judenverfolgung und –Vernichtung haben wir letzte Woche berichtet. Auch an das Hofieren englischer Politiker für Hitler ist zu erinnern: Der britische Ex-Premier Lloyd George sagte 1936: „Ich habe den berühmten deutschen Führer gesehen. Er ist der George Washington von Deutschland.“  Und Winston Churchill erklärte vor dem Krieg: „So einen Mann wie Hitler würde Großbritannien gebrauchen.“

Desinteresse westlicher Regierungen am Schicksal der Juden

Golda Meir hatte in den Vorkriegsjahren einschlägige Erfahrungen mit westlichen Politikern gemacht. Als jüdisches Delegationsmitglied auf  der Flüchtlingskonferenz im französischen Evian im Juli 1938 hatte sie die bittere Erfahrung gemacht, wie reserviert bis judenfeindlich die Regierungen der westlichen Staaten auf das Verfolgungsschicksal der deutschen Juden reagiert hatten.

Zu jenem Zeitpunkt lag schon eineinhalb Jahre vorher die klare Verurteilung der NS-Ideologie durch die anti-rassistische Enzyklika „Mit brennender Sorge“ vor, an der der spätere Papst als päpstlicher Staatssekretär entscheidend mitgewirkt hatte (vgl. den Artikel vom 14. 3. auf dieser Seite).

Die aufbegehrende Stimme des Papstes im Schweigen eines Kontinents

Nachdem Mons. Eugenio Pacelli 1939 zum Papst gewählt worden war, klagte er mehrfach in öffentlichen Stellungnahmen den Nazi-Henkerstaat an. Die New York Times schrieb zu der päpstlichen Weihnachtsansprache im Jahre 1941: „Die Stimme von Pius XII. ist eine einsame Stimme im Schweigen und in der Dunkelheit Europas. Er ist so ziemlich der einzige Regierende auf dem europäischen Kontinent, der es überhaupt wagt, seine Stimme zu erheben (…) und sich dem Hitlerismus in die Quere zu stellen.“
Ähnlich kommentierte die New Yorker Zeitung im Jahr 1942: „In dieser Weihnacht ist der Papst mehr denn je die einsame aufbegehrende Stimme im Schweigen eines Kontinents.“

Im Vatikan sitzt ein erbitterter Feind des Nationalsozialismus

Obwohl die päpstlichen Weihnachtsansprachen mit Rücksicht auf die politische Neutralität des Vatikan-Staates mit diplomatischer Zurückhaltung formuliert waren, wurden sie von Freund und Feind als klaren Protest gegen die rassistische NS-Verfolgungspolitik verstanden. Der Deutsche Sicherheitsdienst erkannte in der Weihnachtsansprache eine „einzige Attacke gegen alles, für das wir einstehen. Der Papst sagt, dass Gott alle Völker und Rassen gleichwertig ansieht. Hier spricht er deutlich zugunsten der Juden. Er beschuldigt uns, Ungerechtigkeiten gegenüber den Juden zu begehen.“
Die Einschätzung des Reichssicherheitshauptamtes im Januar 1943: „Im Vatikan sitzt ein erbitterter Feind des Nationalsozialismus, der sogar Partei für die Juden ergreift.“

Diplomatische Interventionen des Vatikans zur Rettung von Juden

Neben diesen öffentlichen Aufrufen wirkte der Vatikan vor allem auch mit politisch-diplomatischen Mitteln. „Unsere Schubladen waren voll von Protestschreiben aus dem Vatikan“, bestätigte Reichsaußenminister von Ribbentrop während des Nürnberger Prozesses. Es waren 55 Protestnoten an das Auswärtige Amt. Der Papst schickte auch seinen Berliner Nuntius zu Hitler nach Berchtesgaden, um für die Juden zu intervenieren.

Ab März 1942 erreichte der Vatikan mit vier Protestnoten an die kollaborierende slowakischen Regierung einen Teil-Stopp der Juden-Deportationen.

Im September protestierte der Papst bei der Vichy-Regierung gegen die Deportation der Juden aus dem nicht-besetzten Teil Frankreichs.

Ebenfalls aufgrund der energischen Vatikan-Proteste wurde die Auslieferung der rumänischen Juden an Deutschland gestoppt. Der Papst schickte hohe Geldbeträge an die nach Transnistrien Verbannten.

Im Juni 1944 intervenierte Papst Pius XII. mit einem persönlichen Telegramm an Staatschef Admiral Horthy, als die Deportation der ungarischen Juden beginnen sollte.

Dankschreiben an den Papst von jüdischen Persönlichkeiten

Die vielfältigen päpstlichen Interventionen wurden noch während des Krieges von zahlreichen jüdischen Persönlichkeiten gewürdigt. Chaim Weizmann, der spätere Staatspräsident von Israel, schrieb 1943 über Pius XII.: „Der Heilige Stuhl bietet seine mächtige Hilfe überall an, wo es ihm möglich ist, das Los  meiner verfolgten Religionsgenossen zu lindern.“

Rabbi Maurice Perlzweig notierte 1944 in einem Schreiben an Mons. Amleto Cicognani, Apostolischer Delegat in Washington: „Die wiederholten Interventionen des Heiligen Vaters zugunsten der Jüdischen Gemeinschaft in Europa haben bei Juden überall auf der Welt die tiefsten Gefühle der Wertschätzung und Dankbarkeit hervorgerufen.“

Der NS-Gefangene im Vatikan hilft den bedrängten Juden

Die dritte Form der Hilfe und Unterstützung für die Verfolgungsopfer des NS-Rassismus bestand in der praktischen Bereitstellung der kirchlichen Infrastruktur.

Nachdem Hitlers Militär- und SS-Abteilungen im Herbst 1943 die Macht in Italien übernommen hatten, wurde die Lage für die römischen Juden bedrohlich. Aber auch der Papst selbst wurde ein Gefangener im Vatikan, dessen Entführung und Internierung Hitler geplant hatte. In dieser prekären Lage organisierten die SS-Stellen eine Judenrazzia, die der Vatikan mit diplomatischen Interventionen nicht verhindern konnte.

Pius XII. gibt Weisung zum Kirchenasyl für die NS-bedrohten Juden

Einige Tage danach ordnete Papst Pius XII. kraft seines Amtes als Oberhaupt der Kirche ein allgemeines Kirchenasyl für alle untergetauchten und flüchtigen Juden in Rom und im gesamten besetzten Italien an. In den vatikanischen Einrichtungen einschließlich von Castel Gandolfo, in kirchlichen Seminaren und einfachen Pfarrhäusern sowie in den Klöstern von mehr als 150 Ordensniederlassungen wurden daraufhin Tausende von Juden versteckt, versorgt, mit Papieren ausgestattet oder an sichere Orte gebracht. 

Diese päpstliche Hilfs- und Asylaktionen wurden mit allen kirchlichen Stellen in den NS-besetzten oder beeinflussten Ländern Europas kommuniziert. Dazu sei auf einen Brief der Leiterin des bischöflichen Hilfswerks beim Berliner Ordinariat an den „Stellvertreter“-Regisseur Erwin Piscator verwiesen. Frau Margarete Sommer stellte im März 1963 klar, dass – entgegen der Behauptung Hochhuths – alle Berliner Aktionen zur Rettung, Bewahrung und Schutz rassisch Verfolgter mit ausdrücklicher Billigung und nach Weisung von Pius XII. durchgeführt worden seien.

Der Papst rettete zehntausende Juden vor der NS-Verfolgung

Nach dem Kriegsende erhielt Papst Pius XII. zahlreiche Dankschreiben von prominenten jüdischen Persönlichkeiten für „die Rettung von zehntausenden Juden vor der nationalsozialistischen Verfolgung in vielen Ländern“ – so der Generalsekretär des Jüdischen Weltkongresses, ähnlich der israelische Oberrabiner Isaak Herzog oder der zweite Ministerpräsident Israels, Mosche Scharett sowie Chaim Weizmann, der erste Präsident Israels. Auch der spätere Nazijäger Serge Klarsfeld würdigte die päpstlichen Hilfsmaßnahmen. Schließlich ist auf ein Buch des jüdischen Diplomaten und Theologen Pinchas Lapide zu verweisen, der nach längeren Länder-Recherchen zu dem Ergebnis kam, dass Papst Pius XII. mit seinen verschiedenen Initiativen zwischen 700.000 und 850.000 Juden in Europa vor dem NS-Verfolgungstod gerettet habe.

Ein überzeugendes Plädoyer von Israel (Eugenio) Zolli für den Pius-Papst

Das bewegendste Zeugnis für Pius XII. kam von Israel Zolli, dem Oberrabbiner in Rom während des 2. Weltkriegs. Zolli hatte die vom Papst eingeleiteten Hilfs- und Asylaktionen aus nächster Nähe erfahren – am eigenen Leib und in den Berichten seiner Glaubensgenossen. Kein Seligsprechungspostulator könnte überzeugender sein Plädoyer für die heroische Tugend und Tatkraft eines christlichen Heiligen ausdrücken, als es Zolli in seinen Tagebüchern tat: „Kein Held der Geschichte hat ein tapferes und stärker bekämpftes Heer angeführt als Pius XII. im Namen der christlichen Nächstenliebe. Das außergewöhnliche Werk der Kirche für die Juden Roms ist nur ein Beispiel der ungeheuren Hilfe, die von Pius XII. und den Katholiken in aller Welt mit einem Geiste unvergleichlicher Menschlichkeit und christlicher Liebe geleistet wurde.“ Zolli ließ sich 1945 taufen und nahm aus Dankbarkeit gegenüber dem Papst dessen Vornamen Eugenio an.

Forschungen zu den komplexen Zeitbedingungen

Die zahlreichen Zeugnisse Einzelner wurden später ergänzt durch eine historisch-wissenschaftliche Erörterung des Handelns von Papst und Kirche im Kontext seiner Zeit. Dabei fragte man, in welcher Weise die drei beschriebenen Handlungsfelder: öffentliche Stellungnahme, diplomatische Interventionen und praktische Hilfsmaßnahmen im Zusammenhang standen. Außerdem untersuchten die Historiker die Entscheidungsfolgen unter dem komplexen Bedingungen der Kriegsparteien.

Angesichts der späteren Anwürfe von dem Theaterschriftsteller Rolf Hochhuth, dass Papst Pius XII. ein „Verbrecher“ gewesen sei, weil er nicht lautstark und ohne Rücksicht auf andere Handlungsfelder die Judenverfolgung verurteilt hätte, kommt der Frage eine besondere Bedeutung zu, welche Reaktionen und Folgen die direkten Öffentlichkeitsproteste des Papstes während des Krieges zeitigten:

Öffentliche Anprangerungen verschlimmerten  NS-Verfolgungen

Nach Hitlers Überfall auf Polen prangerte Pius XII. in seiner ersten Enzyklika „Summi pontificatus“ die kriegsverbrecherischen Nazi-Gräueltaten an der Zivilbevölkerung an. Radio Vatikan berichtete von den Massakern – bis die polnischen Bischöfe baten, die Berichterstattung zu beenden; denn auf jede Ausstrahlung folgten schlimmere Vergeltungsmaßnahmen der Nazis.

Als in Holland die Deportationen der Juden begannen, sollten die Konvertiten verschont werden. Erst als die katholischen Bischöfe mit einem Hirtenbrief gegen die bevorstehende Deportationen energisch protestierten, wurden auch die Konvertiten verhaftet und verschleppt – als eine gezielte „Gegenmaßnahme gegen den bischöflichen Hirtenbrief“, wie die Nazis verlauten ließen.

Eine ähnlich prekäre Lage entstand, als die Nazis mit der Deportation der römischen Juden begannen. Damals flehte der Oberrabbiner von Rom, Israel Zolli, den Papst an, die Deportationen nicht öffentlich anzuprangern, weil das „unsere Lage nur verschlimmern“ würde.

Allergrößter Ernst beim Abwägen von öffentlichen Protesten

Der Papst selbst sprach mehrfach über sein Abwägen zu den Folgen eines möglichen öffentlichen Protestes – etwa vor dem Kardinalskollegium am 2. Juni 1943: „Jede diplomatische Intervention, jede öffentliche Anspielung muss mit allergrößtem Ernst erwogen und gewichtet werden – im Interesse der Leidenden, damit ihre Lage nicht noch unerträglicher gemacht wird“.
In einem Brief an den Berliner Bischof von Preysing beschrieb der Papst den ernsthaften Abwägungsprozess, „ob und bis zu welchem Grad die Gefahr von Vergeltungsmaßnahmen und Druckmitteln im Falle bischöflicher Kundgebungen es ratsam erscheinen lassen, zur Vermeidung noch größeren Übels Zurückhaltung zu üben. “

Speziell zum Schicksal der Juden erklärt Pius XII. im Oktober 1942: „Ein öffentlicher Protest meinerseits hätte nicht nur keinem geholfen, sondern vielmehr rasenden Zorn gegenüber den Juden heraufbeschworen und die Gräueltaten nur noch um ein Vielfaches vermehrt.“ Diese Erwägungen des Papstes überlieferte Pater Scavizzi, nachdem er als Geheimkurier ein Schreiben des Krakauer Erzbischof Sapieha über den Schrecken der nationalsozialistischen Besatzuung in Polen Pius XII, überbracht hatte.

Der Heilige Vater wählte den besseren Weg

Diese abwägenden Überlegungen des Papstes wurde auch von nicht-kirchlichen Diplomaten und Beobachtern bestätigt: Der US-Diplomat Harold Tittmann sollte eigentlich im Auftrag von US-Präsident Roosevelt den Papst zu einer lautstarken Stellungnahme gegen die Nazis bewegen. In seinem Tagebuch dagegen beschrieb er die persönliche Überzeugung, „dass der Heilige Vater den besseren Weg gewählt hat, als er sich entschied, nicht offen zu sprechen und dadurch viele Leben zu retten“. Noch drastischer drückte es ein exzellenter Kenner der Nazi-Verhältnisse aus, Robert Kempner, der US-Anklagevertreter beim Nürnberger Kriegsverbrecherprozess: „Jeder Propagandaversuch der katholischen Kirche gegen Hitlers Reich wäre nicht nur provozierter Selbstmord gewesen, sondern hätte die Ermordung einer großen Zahl von Juden und Priestern ausgelöst.“

Konsens, dass Pius XII. richtig gehandelt hatte

In dieser Einschätzung waren sich die meisten Politiker und Historiker, Juden und Nicht-Juden der westlichen Welt nach dem Krieg einig, dass der Papst in den drei Handlungsfeldern der Kirche in verantwortungsbewusster Folgenaschätzung moralisch richtig und zugleich couragiert gehandelt habe. Auf diesen Konsens der Einsichten gründete das hohe moralische Ansehen von Papst und Kirche in den 50er Jahren. Dass die Kirche gewissermaßen das moralische Rückgrat der westlichen Welt darstellte, war insbesondere den Sowjets ein Dorn im Auge, aber auch die Linken in Westeuropa und speziell in Deutschland suchten Mitteln und Wegen, den Ruf der Kirche zu schädigen.  

Der KGB organisierte eine Zersetzungskampagne gegen Papst und Kirche

Der ehemalige rumänische Securitate-General Paceba berichtete am 25. Januar 2007 in der amerikanischen Zeitschrift ‚National Review’ von einer Zersetzungskampagne des sowjetischen Geheimdienstes gegen Papst und Kirche. Die Aktion „SEAT 12“ hatte in den 50er Jahren das Ziel, „die moralische Autorität des Vatikans in der westlichen Welt zu untergraben“. Dabei erwähnte der übergelaufene Geheimdienstler  auch, dass der KGB den deutschen Schriftsteller Rolf Hochhuth gesteuert und instrumentalisiert hätte. Was der Stückeschreiber später als  Quellen aus den päpstlichen Archiven vorführte, waren offenbar Materialien und Interpretationen gegen Pius XII. von kommunistischer Seite. Hochhuth hatte natürlich auch eigene Motive, in preußisch-deutscher Luther-Tradition aus protestantischem Ressentiment gegen „Papst und Papisten“ dem Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche vors Bein zu treten.

Theatergrollen aus linkem  Ressentiment gegen Rom

Als Nicht-Historiker hatte Hochhuth nicht die Kompetenz, das Handeln des Papstes in das historisch-politische Gefüge seiner Zeit einzuordnen oder im Kontext der vatikanischen Handlungsfelder zu recherchieren sowie die Bezüge, Wechselwirkungen und Folgen päpstlicher Entscheidungen auszuwerten.

Die moralisch-politische Verurteilung von Pius XII., die der Stückeschreiber theatralisch als Resümee seines thematischen Lesefleißes präsentierte, war in Wirklichkeit Hochhuths Vorurteil von Anfang an. Denn die zentrale Anklage des „Stellvertreters“ resultierte allein daraus, „was Hochhuth gegen den zwölften Pius auf dem Herzen hatte“, wie der SPIEGEL damals mit-fühlend formulierte.

Leitmotiv des Autors

Alle Auftritte und Dialoge, Szenen  und Monologe des Stückes dienen offenbar nur der szenischen Umrahmung und Hinführung von Hochhuths Bannstrahl: der angeblich schweigende Papst sei ein „Verbrecher“ gewesen. Diese Linie des Stückeschreibers zieht sich wie ein Leitmotiv durch sein Werk: Aus Regieanweisungen und durch Textaussagen ergibt sich, dass der Papst als (un-)moralischer Eisblockmensch erscheinen soll – durch seine „Kälte“, seiner „lächelnden aristokratischen Kälte“, mit seinem „kalten, lächelnden Gesicht“, mit der „Kälte und Härte seines Gesichts“ oder gar der „eisigen Glut seiner Augen“.

Bei jedem Szenenauftritt des „Stellvertreters“ sollte Pius XII. dem Theaterpublikum als gnadenloser Heuchler präsentiert werden, etwa wenn der Theater-Papst seine ethischen Überlegungen „zum Leiden vieler Unglücklicher“ unterbricht, um das Abstoßen von Aktien zu erwägen oder wenn er die Deportation der römischen Juden als „taktlos“ und „ungezogen“ bezeichnet. Abstoßend herzlos soll der Publikumseindruck vom Papst sein, der aus machiavellistischen  Gründen einen Aufruf gegen die Nazis verweigern würde. Zum Schluss soll der Papst als ein teuflisch Durchtriebener dastehen, vom Autor angeschwärzt wie der Anti-Christ im Sinne Luthers.

Publikumsmanipulationen

Schließlich hat Hochhuth auch die Szenenfolge so arrangiert, dass der Bühnen-Papst den Zuschauern als egoistisches Monstrum erscheinen soll: Entgegen der historischen Wirklichkeit erweckt Hochhuth in mehreren Szenen den Eindruck, dass alle Freunde und auch die Nazi-Feinde des Papstes einen lautstarken Protest gegen die römische Judendeportation erwarten. Als das Kirchenoberhaupt sich dann gegen einen nutzlosen Appell ausspricht, soll diese Entscheidung für das Publikum umso verwerflicher erscheinen – zumal der Autor dem Papst kirchenegoistischen Staatsräson unterstellt. Selbstverständlich verschweigt Hochhuth alle entlastenden Hinweise - etwa, dass Pius XII. in diesem Fall mit seinem Verzicht auf öffentlichen Protest die effektive Hilfs- und Asylaktion der Kirche zur Rettung von tausenden römischen Juden nicht gefährden wollte.

Erwartete Hochhuth einen kirchlichen Show-Effekt wie im Mittelalter?

Aus einer Interview-Äußerung Hochhuths am 1. 11. 2010 mit der ‚Welt’ geht hervor, dass dem Papst-Ankläger anscheinend die negativen Folgen eines päpstlichen Protests egal waren – nämlich die Lebensgefährdung von tausenden in Kirchen und Klöstern versteckten und somit geretteten Juden. Bei einem öffentlichen Protest gegen die SS-Aktion hätten die Nazi-Stellen nach allen Erfahrungen mit einer harten Kirchen-Razzia reagiert und damit zusätzlich tausende Juden todsicher deportiert.

Hochhuth zitierte zustimmend die Aussagen des Theaterkritikers Friedrich Heer: „Wäre es zu einem Zusammenstoß zwischen der deutschen Besatzungsmacht und Pius XII. wegen des Abtransports der Juden gekommen, hätte er damit die Kirche auf einen seit dem Mittelalter nicht gekannten Höhepunkt gebracht. Die ganze Welt hätte dem Vatikan zu Füßen gelegen.“
Der Stückeschreiber vermisst also einen gewaltigen Showeffekt, durch den sich Papst und Kirche hätten profilieren können – letztlich eine Aktion kirchenegoistischer promotion. Ein solches Handeln hätte das Leben Zigtausender Unschuldiger gefährdet und die Vereitelung der von der Kirche durchgeführten Asyl- und Rettungsaktionen bedeutet. Wahrscheinlich hätten in diesem Fall die gleichen Leute, die dem Papstverleumder zuklatschten, dann behauptet, dass der Papst um des Prestiges der Kirche willen unzählige Menschenleben geopfert hätte.

Pius’ XII. frühe Verurteilung Hitlers wird unterschlagen

Neben dieser zentralen Papst- baut Hochhuth noch einige weitere Geschichtsverfälschung in sein werk ein. Der Autor unterstellt, dass die bekannte Wertschätzung Pius XII. für Deutschland und Deutsche automatisch eine Sympathie für die Nazis und ihre Schandtaten beinhaltet hätte. Von diesem Vorurteil her verschweigt Hochhuth die zahlreichen Proteste des Papstes gegen die Ideologie und Verbrechen der Nazis – auch schon als päpstlicher Staatssekretär. Nach der Lektüre von Hitlers „Mein Kampf“ fasste  Mons. Eugenio Pacelli sein Erschrecken zusammen: „Der Mann geht über Leichen.“ Dem französischen Botschafter beim Heiligen Stuhl vertraute er an: „Ich fürchte Hitler noch mehr als Stalin.“

Der Papst verurteilte Hitlers Angriffskrieg gegen die russischen Völker

Die letztere Äußerung des Pius-Papstes verweist auf die Falschheit einer zweiten Geschichtsverdrehung hin. Der Theaterkritiker Friedrich Heer meinte im Zusammenhang mit dem ‚Stellvertreter’,  dass Pius XII. „unbewusst weit stärker als bewusst in Hitlers Krieg gegen Russland eine mögliche Befreiung vom Kommunismus sah“. Hochhuth hatte schon dem Theaterpapst das Wort in den Mund geschoben: „Hitler allein verteidigt jetzt Europa. Der Westen sollte ihm Pardon gewähren, solange er im Osten nützlich ist.“ Das sind böswillige Unterstellungen aus kirchenfeindlicher Phantasie. In Wirklichkeit hatte Papst Pius XII. dem US-amerikanischen Präsidenten Roosevelt eine Note zukommen lassen, in der er – streng nach der kirchlichen Lehre vom gerechtfertigten Krieg – den Angriffskrieg Hitlers auf die Völker der Sowjetunion verurteilte und die Zusammenarbeit des Westens mit Stalin als legitimes Defensiv-Bündnis herausstellte.

Erweiterung der Kampagne mit dem Antisemitismus-Vorwurf

Eine dritte Verdächtigungsspur legte Hochhuth mit Antisemitismus-Überlegungen. Im Anhang des Stückes zitierte der Schreiber die These, dass der angeblich „mittelalterliche Antisemitismus der katholischen Kirche einer der Gründe für das Schweigen Pius XII.“ gewesen sei. Der SPIEGEL und andere Zeitungen walzten diese doppelt unhaltbare Antisemitismus-These aus – als Erweiterung der Rufmordkampagne gegen den Pius-Papst. 

Vernichtende Kritik von Rezensenten und Intendanten

Auch in künstlerischer Hinsicht wurde Hochhuths ‚Stellvertreter’ vielfach als misslungen eingestuft, ein „allzu breites, allzu plakatives Tendenzstück“, was selbst der kirchenfeindliche SPIEGEL zugeben musste: „Idealistisches Pathos mischt sich mit sentimentaler Kolportage, der Text ist durchwachsen mit naturalistischen Banalitäten und pseudo-poetischen Stilblüten.“ Marcel Reich-Ranitzki urteilte knapp und bündig: „Leider kann der junge Mann kein Deutsch.“ Der Bochumer Intendant Hans Schalla ergänzte: „Die Verse sind schlecht und völlig sinnlos. Das Stück ist künstlerisch nicht geglückt.“ Andere Theaterkritiker stellten fest: Hochhuths Figuren wirken grob klischeehaft: Der KZ-Arzt hätte mit der Reitgerte gegen den Stiefel zu schlagen und der Kurienkardinal tantenhaft gemütlich und trinkfroh zu sein. Die Charakterisierung des Papstes erscheint reichlich simpel. Das Original-Werk ist mit acht Stunden Dauer gar nicht bühnenspielbar. Das Stück quält sich mit Szenen voll Geschwätzigkeiten breit und breiig durch die Geschichte. Dem pflichtete der Münchener Schauspieldirektor August Everding bei: „Im ganzen scheint mir das Thema formal nicht bewältigt. Was noch schwerer wiegt: Hochhuths dokumentarische Belege überzeugen nicht.“

Wieso – fragt man sich heute – ist das Stück damals nicht gleich im Abfalleimer der Literaturgeschichte verschwunden? Hochhuths Nachfolgestücke wie „Churchill“ und „Wessis in Weimar“ zeigten doch auch die gnadenlose Unfähigkeit des selbsterklärten Schriftstellers und sind deshalb bei Kritikern und Publikum durchgefallen.

Bündnis zwischen Kommunisten und kirchenfeindlichen Liberalen

Treibende Kraft für die Hochstilisierung, Aufführung und Verbreitung dieses Schundromans war ein stillschweigendes Bündnis zwischen kirchenfeindlichen Linken und Liberalen. Nachdem sie sich in den 50er Jahren in den Hinterstuben der Gesellschaft umtreiben mussten, sahen sie Anfang der Sechziger ihre Zeit gekommen, endlich mit Papst und Kirche abzurechnen. Auch in der Kirche selbst gab es Kräfte, die den Pius-Papst gerne vors Bein treten wollten.

Der Marxist Erwin Piscator brachte als erster das Stück im Berliner Theater am Kurfürstendamm heraus. Andere Großstadttheater folgten. Piscator und der Rowolt-Verlag hatten der Öffentlichkeit das Werk als ein historisch-moralisches Enthüllungsstück verkauft. Linksliberale Medien ließen sich willig auf diese Schleimspur setzen und verstärkten mit ihren höhnischen Kommentaren das Interesse des kirchenfeindlichen Segments der damaligen Gesellschaft.

Die Kirche jammerte, aber kämpfte nicht gegen Unwahrheit und Verleumdung

Die Kirche und ihre Publizisten waren in den 50er Jahre schläfrig geworden in der Ansicht, dass Kulturkampf und kirchenfeindliche Kampagnen der Vergangenheit angehören würden. Papst Johannes XXIII. hatte die Parole ausgegeben, dass man im Dialog mit allen Kräften dieser Welt zu einem fairen Ausgleich kommen würde. Aber wie wollte man unter der Fahne des „aggiornamento“ über Hochhuths antipäpstlicher Attacke „ins Gespräch kommen“? Alle Kirchenfeinde hatte man im Konzil wegtheologisiert. Indem man den Ansatz einer „kämpfenden Kirche“ fallen ließ, fehlten der Kirche die couragierten und intelligenten Kämpfernaturen wie im Bismarckschen Kulturkampf, die Hochhuth und seinen Claqueuren hätten Paroli bieten können. Die wenigen starken Worte und aufflackernde Empörungsgesten damals reichten nicht, Ducken und Ignorieren sowieso nicht.  

Die 68er verschärften die Gehässigkeiten gegen Religion und Kirche

Mit den 68ern wurde die Front der Kirchenfeinde breiter. Die neo-marxistische Religionskritik machte die Kirchenfeinde noch aggressiver. Hochhuths These vom angeblichen Versagen des Papstes wurde auf die ganze Kirche und Kirchengeschichte ausgeweitet. Vorläufiger Tiefpunkt des neuen Kulturkampfes gegen Papst und Kirche war das Buch von John Cornwell: „Hitler’s Pope“, das in seiner Gehässigkeit noch über Hochhuth hinausgeht.

Hochhuths ‚Stellvertreter’ wurde bis in die 80er Jahre weltweit in 80 Städten aufgeführt, danach flachte das Interesse an dem Stück ab. 2001/02 drehte der griechisch-französische Filmregisseur Constantin Costa-Gavras auf der Grundlage des ‚Stellvertreters’ den Film „Amen“. Das Filmplakat, auf dem Kreuz und Hakenkreuz ineinander übergingen, zeigte die böswillige Verleumdungsabsicht dieses Streifens.

Kritik an den jahrzehntelangen Diffamierungen des Pius-Papstes

Es war der französisch-jüdische Philosoph Bernard-Henri Levy, der die historischen und politischen Dimensionen des päpstlichen Handelns gegenüber den jahrzehntelangen Diffamierung zurechtrückte, als er in seinem Beitrag in der FAZ vom 28. 1. 2010 an die Würdigung von Golda Meir erinnerte: „Der Papst hat seine Stimme erhoben, um die Henker zu verurteilen. Die ganze Welt schwieg über die Shoa, und da will man nahezu die gesamte Verantwortung für dieses Schweigen auf die Schultern des Souveräns legen, der weder Kanonen noch Flugzeuge zur Verfügung hatte; der sich zweitens bemühte, seine Informationen mit denen zu teilen, die solche Waffen hatten, und drittens der in Rom und anderswo eine große Zahl derer zu retten vermochte, für die er die moralische Verantwortung trug.“

Grobschlächtige Papst-beschimpfung von einem Rabbiner

Von jüdischer Seite war der Zuspruch zu Hochhuths ‚Stellvertreter’ nach der Uraufführung 1963 zunächst in der Öffentlichkeit eher zurückhaltend. In Tel Aviv wollte man in den ersten Jahren keine Aufführung genehmigen. Nur Vize-Präsident Nussbaum vom Jüdischen Weltkongress’ machte sich von Anfang an stark für das antipäpstliche Stück. Später stimmten immer mehr jüdische Persönlichkeiten und Institutionen in die Agitation gegen Pius XII. ein

Besonders grobschlächtig waren die antipäpstlichen Anschuldigungen des Israel Meir Lau, Oberrabbiner für die aschkanasischen Juden in Israel seit 1993. Der kochte in einem SPIEGEL-Interview von 1998 alle Vorurteile seit Hochhuths ‚Stellvertreter’ wieder auf: Er unterstellte, dass der Pacelli-Papst „als ein großer Freund der Deutschen“ mit den Nazis sympathisiert hätte. Oder: „Für ihn (Pius XII.) waren die Bolschewiken in Moskau der eigentliche Feind.“ Das hatte schon Hochhuth falschbehauptet und daraus Sympathie des Papstes für Hitlers Angriffskrieg gegen die Sowjetunion gefolgert. Meir Lau wischt die historisch gesicherten Tatsachen einfach weg, dass Pius XII. mit seinen Direktiven hunderttausenden von Juden das Leben gerettet hat und behauptet: „Das Gegenteil ist der Fall.“

Dem Papst wird eine faire historisch-politische Bewertung verweigert

Wie schon bei Hochhuth setzt sich Lau über alle seriösen historisch-politischen Forschungen hinweg, nach denen die Bewertung des päpstlich-vatikanischen Handelns zugeordnet werden muss zu den drei internen Handlungsfeldern mit Berücksichtigung der Folgewirkungen unter den Bedingungen der anderen internationalen Handlungsakteuren. Ein einigermaßen faires historisches Urteil wird erst bei Würdigung der vernetzten Umstände möglich, wie das auch bei der Bewertung von anderen historischen Entscheidungsträgern üblich ist. Was bei der Erörterung zur Haltung des US-amerikanischne Präsidenten Roosevelt zum Holocaust Standard ist, eine multiperspektivische Betrachtung seines Handelns, das wird dem Pius-Papst vielfach verweigert.

Ideologische Motive und spekulative Erwartungsmaßstäbe

Es sind offensichtlich ideologische Motive im Spiel, wenn der linke Protestant und der orthodoxe Oberrabbiner die entscheidungsrelevanten historischen Umstände ausblenden und ihr negatives Urteil auf nur eine Handlungsoption stützen – den öffentlichen Protest. Dazu kommt die rein spekulative Erwartungsthese, die Nazis wären durch Aufrufe beeindruckt worden – und hätten nicht mit noch schlimmeren Gegenmaßnahmen reagiert, was einige kirchliche Erfahrungen in diesem Punkt realistischerweise nahe legten.

Rabbiner Meir Lau geht über Hochhuths maßlose „Verbrecher“-Anklage gegen den Pius-Papst noch hinaus: Jemand, der nach Laus Ansicht nicht genug getan hätte, um Leben zu retten, sei schuldig, „an diesem schrecklichen Blutbad“ (der Nazis) teilgenommen zu haben. Der Papst stehe „in einem Meer von Blut unschuldiger Menschen“.

Geschichtsfälschungen auch von Yad Vashem

Dieses völlig inakzeptable Urteil des Oberrabbiners  könnte man noch als Ergebnis von persönlicher Verbitterung aufgrund seiner Holocausterfahrungen mit seiner Familie einordnen. Dagegen müssen strengere Maßstäbe von Objektivität und transparenten Untersuchungsmethoden  an die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem gelegt werden.

Der zentrale israelische Gedenkort hatte jahrzehntlang den Besuchern einen Text über Pius XII. präsentiert, der den Papst verleumdete. Yad Vashem verbreitete schwarze Legenden über historisch geklärte Tatsachen: Papst Pius XII. habe nie gegen Rassismus und Antisemitismus Stellung bezogen, habe nie gegen die Nazis protestiert und sei untätig geblieben, als die Nazis die Razzia in Rom durchführten.

Der Bildtext von Yad Vashem wurde auch von jüdischer Seite kritisiert. Einer der berühmtesten Holocaust-Forscher, Sir Martin Gilbert, ein Jude, hatte die Gedenkstätten-Direktion schon vor Jahren darauf hingewiesen, dass jeder einzelne Satz dieses Textes zu Pius XII. eine Geschichtsfälschung sei. Die Direktoren von Yad Vashem redeten sich mehrfach damit heraus, solange das Vatikanische Archiv noch nicht vollständig geöffnet sei, könne man sich noch kein abschließendes Urteil bilden. Das heißt im Umkehrschluss: Das Verleumdungsurteil wollte man ohne historisch-wissenschaftliche Basis dem Publikum präsentieren.

Pius XII. verdient den Ehrentitel ‚Gerechter unter den Völkern’

Zu den weiteren Forschungen  jüdischer Historiker zu Pius XII. ist Rabbi David Dalin zu erwähnen, Professor für Geschichte und Politische Wissenschaft. In seinem Buch „The Myth of Hitler’s Pope“ fügt er seinen Metastudien zu verschiedenen Papst-Forschern eigene Recherchen hinzu. Er kommt zu dem Ergebnis, dass die katholische Kirche auf Direktiven des Papstes hin mehr Juden rettete als jede andere religiöse oder säkulare Organisation. Bemerkenswert ist Dalins Vorschlag, Pius XII. den Ehrentitel „Rechtschaffener unter den Völkern“ posthum zuzuerkennen. Nach dem Talmud-Spruch, dass demjenigen, der ein Menschenleben rettet, diese Tat als Rettung der ganzen Menschheit angerechnet würde, hätte der Papst diese Ehrung verdient. Denn mehr als irgendeine führende Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts habe Papst Pius XII. das Talmud-Diktum zu seiner Zeit erfüllt, als das Schicksal des europäischen Judentums auf dem Spiel stand.

Eine ganze Generation wurde zum Hass gegen den Papst erzogen

Ein weiterer jüdischer Förderer der Papstforschungen ist Garry Krupp. Der New Yorker Jude wuchs nach eignen Worten wie viele seiner Generation im selbstverständlichen Hass gegen Pius XII. auf, der als angeblicher Antisemit gleichgültig gegenüber dem Schicksal der Juden in der NS-Zeit gewesen wäre. Als er sich irgendwann sein „Hassobjekt“ genauer anschaute, war er erstaunt über die gegenteiligen Tatsachen und erschrocken über die Diffamierungen gegen den Papst. Mit einem Forscherteam seiner Stiftung „Pave the Way Foundation“ will er dem verleumdeten Papst „Wahrheit und Gerechtigkeit“ widerfahren lassen. Bei der Auswertung von 75.000 Originaldokumenten aus dem Vatikan-Archiv haben die Krupp-Forscher schon einige neue Erkenntnisse gewonnen – z. b. dass Pius XII. gleich nach seinem Amtsantritt 1939 sich darum bemühte, bei südamerikanischen Regierungen 200.000 Visa für ausreisewillige Juden aus Deutschland zu erreichen.

Yad Vashem revidierte halbherzig den Verleumdungstext

Im Jahre 2009 veranstaltete Yad Vashem ein internatonales Wissenschafts-Symposion zur Rolle von Papst Pius XII. während der NS-Zeit. Aufgrund der Tagungsergebnisse beschloss die Gedenkstätten-Direktion am 1. 7. 2012, den verleumderischen Bildtext gegen Pius XII. zu revidieren. Komplett gestrichen wurde unter anderem die historische Lüge, der Papst habe gegen die Ermordung der Juden „weder schriftlich noch mündlich protestiert“. Erstmals wurde auf die anti-rassistische Weihnachtsbotschaft des Papstes von 1942 hingewiesen. Logischerweise kann daher auch nicht mehr pauschal vom ‚Schweigen des Papstes’ gesprochen werden.  Man erwähnt auch die diplomatischen Initiativen sowie die „beträchtliche Anzahl von geheimen Rettungsaktionen auf verschiedenen Ebenen der Kirche“, die von Seiten des Papstes „Ermutigung“ erfahren hätten.  

Es bleibt aber die Anklage gegen eine päpstliche „Entscheidung“, die Nazi-Judenmorde nicht öffentlich verurteilt zu haben. Die Anschuldigung wird sogar noch verschärft als „moralisches Versagen“.  Andererseits wird diese Bewertung auch relativiert, indem das beklagte Handeln des Papstes und seine Folgen nicht mehr als historische Tatsache hingestellt werden (wie im früheren Text), sondern als eine Behauptung von Historikern, denen konträre Forschungsergebnisse gegenübergestellt werden.

Nach Aufbau und Inhalt, Gewichtungen und Auslassungen bleibt der Text immer noch beleidigend und nicht fair gegenüber dem Papst. Völlig inakzeptabel ist die Text-These von Yad Vashem, die Rettungsaktionen durch Kirchenasyl für die römischen und italienischen Juden seien nicht auf Initiative des Papstes auf den Weg gebracht worden, sondern wären nur nachträglich durch Pius XII. ermutigte worden. Der anfangs zitierte Brief von Margarete Sommer bezeugt, dass diese Rettungsaktionen selbst im rom-fernen Berlin „auf Weisung des Papstes“ geschahen.

Ideologisch-moralisches statt wissenschaftliches Vorgehen

Befremdlich für einen Text, der dem Anspruch nach auf historisch-wissenschaftlicher Basis beruhen soll, bleibt auch der moralisierende Ansatz. Selbstverständlich kann ein Forscher eine historische Entscheidung kritisieren, indem er nach Prüfung der Entscheidungsgründe und –folgen mit transparenten Kriterien Widersprüche oder mangelnde Effizienz aufzeigt. Es ist aber kein seriöses oder wissenschaftliches Vorgehen, nach dem Maßstab von spekulativen Erwartungen Pius XII. „moralisches Versagen“ vorzuwerfen, wenn er sich nach reiflicher Überlegung und mit guten Gründen dafür entschieden hatte, nicht mit einem öffentlichen Aufruf (und dem sicherlich erfolgten „Lob der zivilisierten Welt“, wie er selbst anführte) die europaweiten Hilfs- und Rettungsaktionen an Juden zu gefährden.

Trotzdem ein Ansatz zum Paradigmenwechsel

Trotz dieser verbleibenden Vorurteile im Einzelnen und offensichtlichen Beleidigungen zu Pius XII. ist die Textrevision gleichwohl  als Ansatz zu einem Paradigmenwechsel anzusehen. Das gilt insbesondere bezüglich der ‚Schweigen’-Aussage, die von einer historischen Tatsachen-Behauptung zu einer These herabgestuft wurde.

Es wird sicherlich noch ein Historiker-Treffen brauchen, bis Papst Pius XII. vollständig rehabilitiert und ihm die zustehende Ehrung  „Gerechter unter den Völkern“ zugesprochen wird – wie schon zahlreichen Kirchenleuten, die auf Geheiß des Papstes handelten - etwa dem Bischof von Assisi:

Israels Staatspräsident Shimon Peres hatte Anfang Mai 2013 bei einem Besuch in Assisi dem Bistum, der Stadtgemeinde und dem Franziskanerorden seinen Dank ausgesprochen für die Rettung von zahlreichen Juden vor den Nazi-Häschern während der Besatzungszeit 1943/44. Koordiniert worden war die Rettungsaktion von Ortsbischof Placido Nicolini und seinem Sekretär Aldo Brunacci. Angeregt durch ein Rundschreiben von Papst Pius XII. vom 16. September 1943 hatte der Bischof von Assisi gehandelt – wie viele andere Bischöfe und Ordensobere auch. Bischof und Sekretär ließen Hunderte von Juden in den Konventen der Umgebung verstecken oder ermöglichten ihnen die Flucht. Nicolini und Brunacci wurden dafür später von Israel als "Gerechte der Völker" geehrt.

Hoffnung auf Aufweichung der Vorurteilsverstockung

Man kann nur hoffen, dass durch solche offenen und ehrlichen Gesten jüdischer Repräsentanten der Weg bereitet wird für eine faire Beurteilung von Pius XII. sowie die Vorurteilsverstockung anderer Juden aufgeweicht wird:

Der römische Oberrabbiner Riccardo Di Segni protestierte schon zwei Tage nach der Veröffentlichung  gegen die  Text-Revision von Yad Vaschem, ohne sich etwa mit dem Tagungsband des Yad Vashem-Symposions zu beschäftigen. Der Nachfolger des Israel Zolli meinte, er bleibe bei seiner Haltung zu Pius XII. – also bei seinen Vorurteilen.

Keine Bereitschaft zur Bewegung beim Zentralrat der Juden in Deutschland

Auch die in Deutschland organisierten Juden scheinen sich nicht in Richtung einer objektiven und fairen Würdigung von Pius XII. zu bewegen. In den beiden Zeitungen ‚Jüdische Allgemeine’ und ‚Jüdische Zeitung’ waren bis vor kurzem Artikel platziert, die in den untersten Kübel griffen, um den Pius-Papst mit Dreck zu bewerfen. Es wurde sogar Deschner bemüht, um eine angebliche Kollaboration von Papst und Hitler zu belegen. Selbst vor Falsch-Behauptungen schreckte man nicht zurück – etwa die der „uneingeschränkten Zustimmung des Papstes zu Hitlers Vernichtungskrieg“. Selbstverständlich wird Hochhuths Diffamierungsstück ‚Der Stellvertreter’ über den grünen Klee gelobt.

Auch der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, versteift sich auf die umstrittene ‚Schweigen’-These von Hochhuth: Pius XII. bleibe für die Juden „der Papst, der zu lange und zu laut schwieg angesichts der Schreie der Shoa“.

Dieter Graumann verstrickt sich in Widersprüche

Für „die Juden“ kann Herr Graumann sicherlich nicht sprechen, denn viele unterstützen nicht mehr den Diffamierungsansatz Hochhuths.
Wenn der Papst „zu lange“ geschwiegen hätte, dann bescheinigt ihm der Zentralratspräsident indirekt, dass er ja dann doch laut protestierte.
Anderseits soll der Papst nicht nur „laut“, sondern „zu laut - geschwiegen“ haben. Anscheinend ist Herrn Graumann jedes Attribut - sogar ein gegensätzliches - recht, nur um die unhaltbare ‚Schweigen’-These aus Hochhuths ‚Stellvertreter’ doch zu halten.

Darüber hinaus scheint Gaumann mit seinem Ausdruck eine Aufklärungsausstellung über den Pius-Papst lächerlich machen zu wollen. In der Ausstellung 2010 in Potsdam konnte man zwei Reden Pius XII. hören, in denen er gegen die rassistische Verfolgung der Nazis öffentlich und laut protestierte, was bekanntlich Hochhuth mit seiner These vom Schweigen des Papstes bestritten hat. Daher war diese Ausstellungsabteilung überschrieben mit der Bemerkung, die Hochhuths zentrale Theater-Behauptung entlarvte: „Hier hören sie das (angebliche) Schweigen des Papstes.“

Kramer und Graumann grollen grantig gegen Rom

Es deutet vieles darauf hin, dass sich Herr Graumann und sein Sprecher Stephan Kramer weigern, die historisch-wissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte zum Pius-Papst zur Kenntnis zu nehmen, um bei ihren Vorurteilen zu bleiben. Jedenfalls ist das auch aus ihren heftigen Worten zu schließen, die sie mehrfach in Richtung Rom schleuderten angesichts des Fortgangs des Seligsprechungsprozesses zu Papst Pius XII.