Arbeitskreis von Katholiken im Raum Frankfurt

Hubert Hecker

65599 Dornburg                                                                              Dornburg, 10. 10. 2009

                                                                                                                                                                    

 

 

 

An den

Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz

Herrn Erzbischof

Dr. Robert Zollitsch

Kaiserstrasse 161
53113 Bonn

 

 

Schulreligionsbuch gegen Konzilsaussagen

 

Sehr geehrter Herr Erzbischof!

Bei der vertiefenden Frage, warum der  katholische Schulbuchautor Werner Trutwin in seinem Religionsbuch „Wege des Glaubens“ allein der katholischen Kirche die Schuld an den Kirchenspaltungen des frühen 16. Jahrhunderts aufbürdet, andererseits Martin Luther in die Aura eines neuen Evangelisten und Kirchenlehrer erhebt sowie die evangelische Kirchengemeinschaft als die wahre Kirche hochstilisiert, stößt man schnell auf die Thematik „ökumenische Bewegung“, mit der Werner Trutwin das Kapitel „Die Reformation – Umbruch und Aufbruch“ abschließt.

Der Schulbuchautor spricht zwar auch kurz die dogmatischen Klärungen und Kirchenreformen des Konzils von Trient an, wertet sie aber als ängstliche Abwehrmaßnahmen der Kirche ab, indem er als Schlussbewertung zu dem Kapitelchen schreibt: Das Konzil habe „den katholischen Glauben zwar gesichert, aber es war mehr auf Bewahrung als auf Erneuerung der Kirche aus“. Die eigentliche Bewältigung der reformatorischen Kirchen-Vergangenheit sowie die seit Jahrhunderten notwendige‚Erneuerung der Kirche’ sieht der Autor in der gegenwärtigen Ökumene, die katholischerseits auf der Basis des II. Vatikanischen Konzils eingeläutet wurde.

In dem Abschnitt „Miteinander auf dem Weg“ zur Ökumene ist auch der motivationale und intentionale Schlüssel für die katastrophalen Fehlleistungen des gesamten Kapitels der Reformation zu suchen.

Werner Trutwin behauptet auf Seite 161 seines Buches, dass die katholische Kirche im 2. Vatikanischen Konzil „ihre Mitschuld an der Kirchenspaltung anerkannt“ hätte. In Wirklichkeit hatte das Konzil im „Dekret über den Ökumenismus“ davon gesprochen, dass die „Trennung recht großer Gemeinschaften von der vollen Gemeinschaft der katholischen Kirche oft nicht ohne Schuld der Menschen auf beiden Seiten“ geschah.

Der Schulbuchautor braucht diese Verdrehung der Konzilsaussage von der Schuld einzelner Kirchenmitglieder auf die Schuld der Institution Kirche hin, um seiner Verfälschung der historischen Darstellung im 16. Jahrhundert eine Scheinlegitimation zu geben. Über die Kirche des frühen 16. Jahrhunderts hatte Trutwin das Schuldurteil gesprochen, dass der gesamte Klerus in seinen Gliederungen verderbt und somit schuldig an der reformatorischen Kirchenspaltung gewesen wäre.

Auch das Schuldbekenntnis von Papst Johannes Paul II. vom 12. März 2000 verdreht  Herr Trutwin, um es dann für seine Zwecke zu instrumentalisieren. Während der Papst davon sprach, dass „die Gläubigen“ dem Willen Christi nach Einheit nicht immer entsprochen und sich gegeneinander bekämpft hätten, macht Trutwin daraus ein päpstliches Bekenntnis „der Schuld der Kirche gegen die Einheit der Kirche“.

Des Weiteren hätte das 2. Vatikanische Konzil „andere christliche Gemeinschaft nun auch ‚Kirchen’ genannt“. Auch in diesem Fall verfälsch der Schulbuchautor die Konzilsaussagen. Das Ökumenismusdekret erkennt ausdrücklich die Patriarchalkirchen und Teilkirchen des Orients als Schwesterkirchen an, weil sie bei der apostolischen und Ämter-Sukzession, dem Sakramentsverständnis und der Liturgie im gleichen Erbstrom stehen wie die römisch-katholische Kirche (Teil I, Nr. 14 – 18).

Von diesen Schwesterkirchen unterschieden werden die so genannten  „von uns getrennten kirchlichen Gemeinschaften“, die aus der Reformation hervorgegangen sind (Teil II, Nr. 19 – 24). Der Schulbuchautor dagegen macht aus diesen „konfessionellen Gemeinschaften“ oder „Gemeinschaften der Christen“, wie sie das Ökumenismusdekret Nr. 13 nennt, die „Kirchen der Reformation“, also die „reformierte Kirche“ Calvins und die „evangelische Kirche“ Luthers. Mit solchen Aussagen steht das Religionsbuch „Wege des Glaubens“ nicht auf dem Boden des Konzils.

Indem Herr Trutwin alle christlichen Gemeinschaften als ‚Kirchen’ begrifflich gleichsetzt, werden die ekklesiologischen Differenzen verwischt und wichtige theologische Kategorien unter den ökumenischen Teppich gekehrt. Die Schüler erfahren aus dem Trutwinbuch nicht, dass sich die katholische Kirche sakramental versteht, d. h. einerseits als sichtbare Institution – menschlich und auch sündig –, aber auch als mystischer Leib Christ, heilig und heilbringend unter der Leitung des Heiligen Geistes. Ebenfalls wird den Schülern das protestantische Kirchenverständnis vorenthalten, wonach ‚Kirche’ theologisch gesehen allein die unsichtbare Gemeinschaft der Glaubenden wäre, während die kirchliche Organisation als rein weltliche Institution anzusehen sei.

Im Ökumenismusdekret anerkennt das Konzil, dass alle gültig Getauften als Christen in das Volk Gottes eingegliedert sind, dass neben der Taufe auch weitere Heilsmittel und –güter außerhalb der sichtbaren Kirche existieren können wie das geschriebene Wort Gottes, ein geistliches Leben in Glaube, Hoffnung und Liebe und andere innere Gaben des Heiligen Geistes. Auf diese Heilskategorien soll sich der ökumenische Dialog beziehen und gefördert werden. Aber „nur durch die katholische Kirche Christ, die das allgemeine Hilfsmittel des Heiles ist, kann man Zutritt zu der ganzen Fülle der Heilsmittel haben. Denn einzig dem Apostelkollegium, an dessen Spitze Petrus steht, hat der Herr, so glauben wir, alle Güter des Neuen Bundes anvertraut, um den einen Leib Christi auf Erden zu konstituieren, welchem alle völlig eingegliedert werden müssen, die schon auf irgendeine Weise zum Volk Gottes gehören (Nr. 3). Das letzte Ziel des ökumenischen Dialogs kann also  nur sein, dass die nicht-katholischen Christen und Konfessionen eingeladen und bestimmt sind, in die eine apostolische Kirche mit Petrus an der Spitze eingegliedert zu werden. Diesen Konzilsanspruch bestreitet Herr Trutwin, eine Rückkehr der anderen Konfessionen zur katholischen Kirche lehnt er ab.

Der Schulbuchautor ebnet alle ekklesiologische Differenzen ein und macht aus allen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften historisch-soziologische Größen. Auf der anderen Seite sollten die verschiedenen kirchlichen Organisationsformen, Lebenswelten und Grundgefühle der Gläubigen in ihrer Unterschiedlichkeit anerkannt und somit kein Hindernis auf dem Weg zur Einheit sein: „Ökumenische Vielfalt darf nicht länger als Mangel, sie muss als Reichtum angesehen werden.“ Offensichtlich ist Herr Trutwin der Meinung, dass die unterschiedlichen Lehrinhalte und Formen der Kirchengemeinschaften als gleichwertig anerkannt werden müssten und man sie deshalb auch (als) gleichgültig ansehen sollte. Der katholische Schulbuchautor sieht schon jetzt die Einheit der Kirchen mehr oder weniger verwirklicht, indem er eine „Kirchengemeinschaft“ propagiert, die „Einheit in versöhnter Verschiedenheit lebt“. Diese lockere Einheit könnte als die „eine christliche Kirche in der pluralen Vielfalt ihrer Gemeinschaften ein Beispiel für die Menschheit werden“.

Herr Trutwin entpuppt sich in diesen Ausführungen als Anhänger der pluralistischen Theologie, die im Jahre 2000 der damalige Präfekt der Glaubenskongregation, Joseph Kardinal Ratzinger, in der Schrift „Dominus Jesus“ als unkatholisch kritisiert und dagegen die Konzillehre gestellt hatte, nach der die von Christus gestiftete Kirche allein in der katholischen Kirche verwirklicht ist („subsistit“, vgl. die Dogmatische Konstitution über die Kirche ‚Lumen Gentium’ Nr. 8). 

Der Schulbuchautor vertritt dagegen - wie die pluralistische Theologie - die Ansicht, dass die Christen verschiedener Konfessionen sich mit der Kircheneinheit in toleranter Beliebigkeit vorläufig zufrieden geben sollten. Deshalb werden die schmerzlichen Spaltungen auch als „Reichtum der Vielfalt“ umdefiniert. Denn mit und durch diese vielfältigen Unterschiede der einzelnen Kirchen existiere schon die „eine Kirche Christi“ - gewissermaßen als geistliche Überkirche. In diesem Sinne dürften die Selbstbezeichnungen der „größten Kirchen der Christenheit“ wie „katholisch“ (=allumfassend), „orthodox“ (= rechtgläubig) oder „evangelisch“ (= evangeliengemäß) nicht exklusiv verstanden werden: „Katholizität, Orthodoxie und Orientierung am Evangelium sind nicht Eigenschaften einer einzelnen Kirche, sondern unaufgebbare Eigenschaften der einen Kirche Christi“ (S. 161).

In dem Schulbuch „Wege des Glaubens“ wird den katholischen Schüler/innen ein Kirchenbild vermittelt, das weit von dem römisch-katholischen Kirchenverständnis auf der Basis der Konzilslehren entfernt ist.

Mit freundlichen Grüßen