(4.4.2017)

Von kluger und törichter Gotteslehre

Der neue Dekan des Bezirks Limburg, Pfarrer Andreas Fuchs aus Hadamar, macht in seinem „Gruß zum Sonntag“ das Evangelium vom „Dieb in der Nacht“ zum Thema. Angesichts von aktuellen Einbruchsserien fragen sich Hausbesitzer: Wie bereiten wir uns vor, um gerichtet zu sein gegenüber überraschenden Besuch von ungebetener Seite? Um diese Überlegungen geht es auch bei dem bekannten  Gleichnis aus dem Matthäus-Evangelium. Jesus überträgt diese Bildgeschichte auf die Bereitschaft, jederzeit auf das plötzliche Kommen des Herrn am Ende der Zeiten vorbereitet zu sein. Pfarrer Fuchs weitet die Begegnung mit dem Herrn auch auf das Ende unseres Lebens aus, wenn etwa eine Todesanzeige von plötzlichem und unerwartetem Sterben spricht. Der geistliche Ratgeber schließt mit der Anregung: „Vor der Begegnung mit dem Herrn brauchen wir uns nicht zu fürchten, er kommt uns liebend entgegen. Nutzen wir die Fastenzeit zur Vorbereitung ‚unseres Hauses’.“

Irgendwas an dieser Aussage macht stutzig. Vor möglichen Einbrüchen sollte man sich vorbreiten und schützen. Aber auch vor einer liebenden Begegnung? Die könnte man doch eher freudig erwarten und begrüßen. Gleichnis und die Übertragung vom Pfarrer passen nicht zueinander. Gilt das für die Bibel auch schon?

 In den  Kapiteln 24 und 25 des Matthäusevangeliums werden drei Gleichnisse vorgestellt als Mahnung für das Kommen Christi zum Gericht Gottes: Die Geschichte vom Dieb in der Nacht, von den törichten und klugen Jungfrauen sowie von den Talenten. Die beiden ersten Gleichnisse betonen das überraschende Kommen des Herrn und deshalb die stete Lebensvorbereitung darauf. Die dritte Lehrgeschichte sagt etwas über das zu erwartende Gericht aus: Der Herr wird Rechenschaft fordern zu unserem Tun und Lassen im Leben. Er wird darüber richten, was wir Gutes getan und Böses unterlassen haben. Und dieses Unterscheiden wird Folgen haben – zum ewigen Leben oder zum Zustand der Finsternis und Pein.

Man darf diese Schilderung der formellen Gerichtsszene Gottes durchaus ebenfalls als bildliche Ausschmückung ansehen – wenn man den Kerngedanken der Rechenschaftspflicht vor Gott beibehält. Denn im Unterschied zum weltlichen Gericht schaut Gott nicht nur auf die menschlichen Untaten, sondern auch auf die guten Werke. Und der göttliche Richter handelt im Abwägen zwischen Gut und Böse nicht als kleinlicher Rechenmeister, sondern als heil- und wohlwollender Gott. Deshalb wurde der Welten- und Menschenrichter in der christlichen Ikonografie immer mit den beiden Attributen ‚Schwert’ für Gerechtigkeit und ‚Lilie’ für die göttliche Barmherzigkeit dargestellt. Es muss auch nicht ein förmlicher Richterspruch angenommen werden. Ebenso ist die Vorstellung treffend, dass dem Menschen in der Begegnung mit dem Licht der  Vollkommenheit und Liebe Gottes seine Sündigkeit schmerzlich eingebrannt bleibt. Man sieht: Das göttliche Gericht ist dem menschlichen analog, aber in einigen Punkten deutlich unterschieden. Was aber bei dem Gottesgericht nicht weginterpretiert werden kann, sind die Verantwortungs- oder Rechenschaftsfolgen. Mit dem Lebensabschluss ist der Zeitpunkt gekommen, an dem die guten oder bösen Taten bzw. Unterlassungen entsprechende Folgerungen nach sich ziehen. Mörder und Opfer, Dieb und Geschädigter werden unterschiedliche Urteile zu erwarten haben. Auch auf die Differenz von Lohn und Strafe, die Jesus in den Evangelien vielmals anspricht, kann nicht verzichtet werden. Wenn Gott die Menschen mit Würde und Freiheit und Sittlichkeit  ausstattet, dann muss er – sie ernstnehmend – von ihnen auch Verantwortungskonsequenzen fordern. Vom menschlichen Gerechtigkeitsempfinden wäre es unverständlich, wenn Gott in seiner Liebe Mutter Teresa und Heinrich Himmler in gleicher Weise an sich ziehen würde, wie die modernistische Allerlösungslehre meint.

Wenn Pfarrer Fuchs meint, vor der (Gerichts-) Begegnung mit dem Herrn brauchten wir uns grundsätzlich „nicht zu fürchten“, weil Gott ausschließlich „liebend“ sei, dann nimmt er weder die biblische Gerichtsrede ernst noch die sittliche Verantwortung des Menschen.

Hubert Hecker