„Für alle“ oder „für viele“?
Der Streit um die Wandlungsworte ist fundamental für die Kirche
 (November 2010)

Der Präfekt der päpstlichen Kongregation für Gottesdienst und Sakramentenordnung, Franzis Kardinal Arinze, hat am 17. 10. 2006 an alle Bischofskonferenzen ein Schreiben gerichtet, nach dem der lateinische Ausdruck der Wandlungsworte „pro multis“ in den landessprachlichen Messbüchern entsprechend und adäquat mit „für viele“ oder „für die Vielen“ übersetzt werden soll.

Es muss also in der hl. Messe heißen: ‚Das ist mein Leib, … das ist mein Blut des neuen und ewigen Bundes, das für Euch und für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden’.

Die Begründung für diese Formulierung, die die päpstliche Kongregation und kürzlich auch Bischof Gerhard Ludwig Müller gegeben hat, ergibt sich aus folgender Unterscheidung:

Christus hatte die Absicht,  alle Menschen zu retten, er hat allen das Heilsangebot gegeben, als menschgewordener Gottessohn konnte er alle Menschen erlösen (Heilssuffizienz) und schließlich hat er auch für alle Sünden ausreichend Sühne geleistet Satisfaktion).

Aber die Erlösung der Menschen geschieht nicht – so Kardinal Arinze – „auf eine mechanische Art und Weise oder ohne die Einwilligung und Teilnahme des Einzelnen“.

Die Annahme des Erlösungs- und Heilsangebotes Christi liegt in der freien Entscheidung des Menschen. Man kann niemanden zur Erlösung zwingen. Deshalb kommen nicht alle Menschen in den Himmel, wie die Evangelisten an vielen Stellen von Jesu Predigten bezeugen.

Das Heilsangebot der Sündenvergebung ergeht an alle, aber nur dem reuigen und bekennenden Sünder wird die Vergebung und das Heil des neuen und ewigen Bundes zuteil.

Es sind tatsächlich nur „die Vielen“, die auf das Heilsangebot Christi eingehen, für die das Heilswerk Christ wirksam wird.

Bei der Wandlung in der hl. Messe geht es um diese tatsächliche Heilswirksamkeit der Leib- und Bluthingabe Christi zur Vergebung der Sünden.

Kardinal Arinze im Namen des Papstes die Bischofskonferenzen gebeten, mit Katechesen über diese theologischen Unterscheidungen die neuen, richtigen Übersetzungen vorzubereiten.

Die deutschen Bischöfe haben diese Katechesen bisher nicht gehalten und ihre Priester nicht dazu angewiesen - offenbar schon im Bewusstsein und Willen, die päpstliche Weisung abzulehnen.

Bei der Fuldaer Herbstkonferenz hat Erzbischof Zollitsch in lügnerischer Weise verkündet, dass die bisherige Übersetzung von „pro multis“ mit den deutschen Worten „für alle“ einer „textgetreuen Übersetzung“ entspräche, „wie sie in der Vatikanischen Instruktion gefordert wird“.

Das hat offenbar die Mehrheit der deutschen Bischöfe gegen den ursprünglichen Vorschlag der vorbereitenden Kommission unter dem Vorsitz von Kardinal Joachim Meisner durchgesetzt.

Auch die weiteren Begründungen der Bischofskonferenz sind verräterisch: Es wird behauptet, die falsche und irreführende Übersetzung „für alle“ sei ein „guter deutscher Text“, dagegen seien die richtigen Worte „für viele“ eine „verfremdete Neufassung“.

Das Argument: Priester und Gläubige hätten sich seit vier Jahrzehnten an die Worte und die liturgische Praxis gewöhnt, wurde vor vierzig Jahren bei der Einführung des novus ordo brutal weggewischt – jetzt soll es den Irrtum rechtfertigen für wieder einige Jahrzehnte.

Entlarvend ist die Behauptung, es gebe keine inhaltliche Notwendigkeit für die Änderung der irreführenden Übersetzung.

Mit der DBK-These, man wolle den Priestern und Gemeinden keine „fundamental neue Übersetzung“ zumuten, gibt man zu, dass mit „für alle“ etwas fundamental anderes ausgedrückt wird als mit „pro multis“.

Was ist der Hintergrund für die hartnäckige Renitenz einer Mehrheit der deutschen Bischöfe gegen die päpstliche Anweisung, die Wandlungsworte entsprechend der ipsissima vox Christi zu übersetzen?

Der tiefere Grund für die falsche Übersetzung – „für alle“ – liegt in der modernistischen Theologie der Allerlösungslehre, also in dem Irrglauben, dass alle Menschen oder zumindest alle Christen automatisch erlöst würden und in den Himmel kämen, auch wenn sie mit ihrem eignen Wollen und Wirken nichts dazu beitrügen.

Bischof Gerhard Ludwig Müller formuliert die gängige Allerlösungslehre so, als gebe die Botschaft von der universalen Erlösung in Christus auch unabhängig vom Glauben und einem Leben in der Nachfolge  Christi schon die Garantie, dass jeder das Heilsziel, nämlich das ewige Leben im Himmel auch erreichen würde.

Dagegen schreibt der Regensburger Bischof, dass „die Versöhnung aller in Christus durch sein Blut nur wirksam wird im tätigen Glauben und in der hingebenden Liebe an ihn“ – vgl. Röm 3,28, 5,5 und Gal 5,6.

Nachdem man die Leute nun über Jahrzehnte hinweg getäuscht hat, indem man ihnen erzählte, alle kämen in den Himmel und es gäbe keine Hölle oder, wenn es sie gebe, sei sie bestimmt leer, ist es natürlich peinlich, wenn in der zentralen Liturgie auf einmal wieder die Frage aufkäme, warum nicht alle automatisch erlöst werden und in den Himmel kommen sollen.

Dann sähe man sich zu der bisher verweigerten  Katechese gezwungen, dass es zwischen Christi Heilsangebot „für alle“ und der tatsächlichen Heilswirklichkeit nur „für viele“ einen „fundamentalen“ Unterschied gibt, der für die Gottesbeziehung und Kirchenbegründung entscheidend ist:

Denn wenn Gott die Menschen erlöste und in den Himmel nähme - völlig unabhängig von ihren Taten und Reaktionen auf sein Heilsangebot, dann wäre er ein völlig gleichgültiger Gott, dem ein gutes oder schlechtes Leben, gute oder böse Taten gleich-gultig und damit egal wären.

Das wäre kein liebender Gott, dessen Liebe darin besteht, die Menschen zum Guten und damit zum Heil und Himmel zu führen. Eben deshalb muss er für das böse Tun und Unterlassen Buße und Beichte verlangen. Der rechtzeitigen Umkehr dient auch die Drohung mit dem ewigen Feuer, von dem Jesus im Evangelium etwa 20 Mal spricht.

Bei der Allerlösungslehre dagegen ist die jeweilige Lebensführung der Menschen, auch Buße und Beichte, Sakramentenempfang und kirchliches Leben für Gott und den Heilweg und das Himmelsziel völlig irrelevant.

Aus dieser modernistischen Lehre, die die Gnade über alles stellt und das menschliche Mitwirken am Heil als unnötig und irrelevant degradiert, folgt schließlich das gleiche Lebensprinzip wie aus dem atheistischen Nihilismus der Gottesbestreitung:

Wenn Gott der Allliebende und Allgnädige wäre, der über alles Gute und alles Böse im Menschenleben gleich-gültig hinwegwegsieht, dann würde gelten: alles ist erlaubt.

Wenn Gott als bedingungslos Gnädiger und Liebender keinen Unterschied zwischen guten und bösen Taten und Menschen machen würde, auch niemanden verurteilte, sondern „jeden annimmt, wie er ist“, dann löst sich alles Moralische auf ins grauen Einerlei des „alles Erlaubten“.

Aber nicht nur Gott wird durch die Allerlösungslehre irrelevant, sondern auch die Kirche selbst.

Den Masterplan einer modernistischen Musterpredigt findet man in der Interpretation zur Geschichte vom verlorenen Sohn.

Die Reue und Selbsterniedrigung des verlorenen Sohn wäre nach dieser Predigtlehre ganz und gar überflüssig gewesen, jedenfalls nicht notwendig gewesen für die liebevolle Aufnahme des Sohnes von seinem Vater.

Der Sohn hätte sich nur falsche Vorstellungen von dem Leid und dem Zorn des Vaters über das Sündenleben des Sohnes gemacht, der Vater hätte ihn auch ohne Reue und Wiedergutmachungswillen aufgenommen.

So wird in der gängigen Kanzelrede die biblische Geschichte umgedeutet.

Als unmittelbare Folgerung für das kirchlich sakramentale Leben bedeutet diese Fehlinterpretation, dass auf  diese Weise von der Kanzel die Beichte, die Reue, Wiedergutmachung und jede Sühne als überflüssig gepredigt wird.

Und so zieht der aufmerksame Hörer den Schluss: Beichte überflüssig, das Sakrament der Versöhnung mit Gott sei nur etwas für Leute, die ein falsches Bild von Gott hätten.

Aber nicht nur die Beichtstühle wurden und werden durch diese Gnadentheologie leergepredigt – und die Leerung der Kirchen ist die direkte Folge solche Predigten, denn die sonntägliche andächtige Teilnahme an der hl. Messe wäre bei dem bedingungslos liebenden und allerlösenden Gott eigentlich überflüssig.