Wo bleibst Du, Trost der ganzen Welt?       Dezember 2009

Immer weniger Christen wissen um den Inhalt des Weihnachtsfestes – so die Umfragen. Im öffentlichen Raum fördern Jahresendzeitfiguren wie Weihnachtsmann oder Werbeengel den Konsumrausch zum Wohle der Einzelhandelsbilanzen. Die Geschäftswelt hat mit dem Xmas-Fest eine Kaufreizsaison geschaffen, die mit dem christlichen Weihnachtsfest nur noch einige Äußerlichkeiten gemein hat. Das braucht man den Marketingleuten nicht zum Vorwurf machen.

Bei der Kirche liegt es im Argen, wenn den Katholiken der Sinn für Advent und die Botschaft von der Ankunft des Erlösers nicht mehr erklärt wird.

In den hessischen Lehrplänen für katholische Religionslehre sind Advent, Weihnachten und die Geburt des Erlösers kein Thema. Die vielen Engelauftritte im Kindheitsevangelium von Matthäus und Lukas sowie die Jungfrauengeburt seien den Schülern der Moderne nicht mehr vermittelbar – heißt es. Gelegentlich wird die weihnachtliche Hirtengeschichte – natürlich ohne das Engels-Gloria – mit dem sozialpädagogischen Lernziel behandelt, daß man sozial ausgegrenzte Gruppen wie die Hirten heute besser integrieren sollte.

Auch in den Gottesdiensten werden die Advents- und Weihnachtsmysterien vielfach zu Regeln der Alltagsbewältigung banalisiert – wie kürzlich beim Familiengottesdienst zum ersten Advent in der Pfarrkirche Sankt Martin Frickhofen . Zur Demonstration des Themas ‘vorweihnachtlicher Streß’ fuhr der Kaplan durch den Mittelgang einen Einkaufswagen. Dabei kommentierte er die Streßfaktoren wie Geschenke Kaufen, Karten-Schreiben, Weihnachtsbaum Aussuchen jeweils anschaulich. Anschließend stellten Kinder und Erwachsene ihre Überlegungen dar, wie man sich in Ruhe und Besinnung auf die Ankunft des Herrn vorbereiten könnte – so auch das Resümee des Kaplans.

Am Seitenaltar der Kirche war schon die Krippenszene aufgebaut mit dem adventlichen Thema: Johannes predigt am Jordan zu Umkehr, Buße und Vorbereitung auf den Heiland und Erlöser. Aber diese wirklich adventlichen Rufe und Rufer kommen heute in den Kirchen kaum zur Sprache. Sie sind halt nicht mehr „zeitgemäß“.

Die alten Adventslieder werden zwar aus Rücksicht auf das ältere Kirchenvolk noch gesungen, aber die wesentlichen Strophen des adventlichen Bangens werden oftmals ausgelassen:

„Wo bleibst Du, Trost der ganzen Welt, darauf sie all ihr Hoffnung stellt? Hier leiden wir die größte Not, vor Augen steht der ewig Tod. Ach komm, führ uns mit starker Hand vom Elend zu dem Vaterland.“

Auch die Limburger Jugendkirche ‚cross over’ bietet einen erlebnisorientiert entleerten Besinnungskurs an: „Waiting for: Komm runter … aus der Hektik der Wochen vor Weihnachten aussteigen und zur Ruhe zu kommen“.

Aber am Weihnachtsfest und in seinem Festkreis – da kommt doch die ganze Fülle der Erlösungsbotschaft zum Vorschein? - Nein, auch das Weihnachtsfest wird kirchlicherseits vielfach banalisiert.

Im Weihnachtsgruß an die Mitarbeiter des Pastoralen Raums Blasiusberg werden die Engel der biblischen Weihnachtsgeschichte aufgegriffen und ins Zeitgeistliche verweltlicht: „Engel sind Menschen wie Du und ich, die sich ehrenamtlich engagieren und einbringen mit ihren guten Taten.“

Die Erlösungshoffnung des Jesuiten Pater Friedrich Spee (+1635), daß Gott uns Menschen mit seinem Kommen aus dem Elend der Knechtschaft der Erbsünde befreit und ins himmlische Vaterland führt, wird durch eine dünne Immanenztheologie ersetzt:

Es gelte, die Geburt Jesu ins Heute zu übersetzen – so die Frankfurter Milieukirche für Meditation – und damit die „Menschlichkeit des Menschen“ voranzubringen.

Die Weihnachtsausgabe der Kirchenzeitung betont, daß sich Gottes Menschwerdung in seiner Solidarität mit unserer menschlichen Not zeigt, die zu überwinden Jesus Christus uns durch sein Leben und seine Lehre anleitet.

Der Bischof mahnt in seinem Weihnachtsgruß eine „neue Geschwisterlichkeit und Solidarität“ an.

Das Kommen des Erlösers der Welt wird zur Ankunft eines bedeutenden Impulsgebers für die Weltgeschichte banalisiert. Die Erlösung wird zur Aufgabe der Christen gemacht. Die Adveniat-Ankündigung fordert dazu auf, durch unsere Taten „Zeichen der Hoffnung und Solidarität zu setzten“. „Du veränderst die Welt“, singt der Chor des Kindernotbundes. Die Medien bangten kürzlich um die „Rettung der Welt“ bei der Klimakonferenz von Kopenhagen.

Das Paradies schaffen wir selber, denn „jede gute Tat ist ein Regentropfen, der aus Wüsten Gärten macht“- singt man in dem neuen geistlichen Lied.

Der deutsche Jesuit Pater Karl Rahner (+1984), hat die Verwandlung der weihnachtlichen Erlöserbotschaft in ein menschliches Erlösungsprojekt eingeleitet:

Für Pater Rahner sind die Menschwerdung Gottes und die Menschwerdung des Menschen nur zwei Seiten der Selbstentäußerung Gottes. Der Mensch habe von Anfang an das Streben, sich und die Welt zu transzendieren ins Göttliche. Aber erst das Kommen des Gottmenschen sei „der Anfang des endgültigen Gelungenseins der Menschwerdung“.

Das mit Weihnachten Gemeinte sei der Beginn der Bewegung der Selbsttranszendenz von Mensch und Welt in die absolute Nähe zum Geheimnis Gottes hin.

Sicherlich werden einige deutsche Bischöfe diese unsäglich verhegelte Weihnachtstheologie von Pater Rahner in ihren Weihnachtspredigten „ins Heute übersetzten“.