Im Frankfurter Irrgarten esoterischer  Meditation         (14.12.2013)

Ist die Labyrinth-Begeisterung katholischer Jugendorganisationen und Meditationszentren ein Sinnbild für deren Methoden-Irrgarten? Von Hubert Hecker.

Für Samstag, den 14. Dezember, hat die sogenannte Meditationskirche ‚Heilig Kreuz’ in Frankfurt einen Kurs angesetzt zu  „Meditation und Gestaltung eines Adventslabyrinths“. Auf gewundenen Wegen sollen die Teilnehmer nach ihrer „Mitte“ suchen, um von dort wieder ins Leben „draußen“ zurückzukehren.

Seit der kirchlich entbunden Hochschullehrer Hubertus Halbfas vor 20 Jahren in seinen “Religionsbüchern“ Labyrinth-Bau und -Begehungen schon für Grundschulen anpries, ist der Labyrinth-Kult zu einem modischen Meditationsritual geworden. 

Die kirchliche Jugendpastoral schwört auf Labyrinthe

In Jugendkirchen und Firmkursen glaubt man an die katechetische Wirkkraft von labyrinthischen Durchgängen. Das Labyrinthgehen soll Kindern und Jugendlichen helfen, ihre eigene Lebensmitte zu finden sowie im Vertrauen auf vorgezeichnete Wege wieder ins Leben hinauszufinden.

Die meisten Kinder machen diese Spielchen gerne mit – und spielen schon mal Fangen in den labyrinthischen Gängen. Die Katecheten erzählen dann von dem tiefen Sinn des Labyrinths und bestehen auf dem hohen Gleichniswert fürs Leben.

Aber selbst nach mehreren penetranten Hinweisen von den Betreuern finden die Betreuten partout nicht, was sie bei den Durchgängen eigentlich finden und empfinden sollten: „die eigene Mitte oder so“.

Die leere Mitte als Zentrum des religionspädagogischen Nihilismus

Insofern scheint das Labyrinthgehen eher ein Gleichnis für die Irrungen und Wirrungen in den Konzepten kirchlicher Jugendarbeit zu sein. Wenn die jungen Menschen nämlich auf den verschlungenen Wegen in der Mitte des Labyrinths ankommen, stellen sie fest, daß die Mitte leer ist, ein Nichts.

Auch der Hinweis, dass die Jugendlichen – wie es auch für die Teilnehmer des Frankfurter Labyrinth-Tags formuliert ist – „ihre eigene Mitte“ finden sollen, führt nicht aus dem pädagogischen Nihilismus heraus. Wie sollen auch Kinder und Heranwachsende etwas „finden“ -  ihr eigenes Menschen-, Welt- und Gottesbild -, das noch gar nicht oder nur in Ansätzen herausgebildet ist?

Es wäre gerade die Aufgabe der kirchlichen Pädagogen – „Führer der Heranwachsenden“ -, die Jugend in die Praxis und Lehre der Kirche einzuführen, statt sie in einen Irrgarten zu schicken. Die Jugendlichen erwarten es auch von der Kirche, daß sie eine Richtung vorweist, moralische Leitlinien aufzeigt und in das christlich-religiöse Leben einweist.

Für dieses religionspädagogische oder auch pastorale Ziel ist die inhaltslose Labyrinth-Geherei offensichtlich nicht geeignet.

Der heidnische Ursprung der Labyrinthe

Aber gibt es nicht in zahlreichen historischen Kirchen Labyrinth-Darstellungen – auf den Böden von gotischen Domen und barocken Kirchen? Sind Labyrinthe nicht doch ein legitimer Teil der christlichen Tradition, den es wiederzuentdecken gelte?

In der Tat: Es ist ein spannender Vorgang, die christliche Aneignung und Veränderung der ursprünglich heidnischen Labyrinth-Rituale zu entdecken.

Das Labyrinth scheint ein archaisches Urbild zu sein, das bis in die Vorzeit vor 5000 Jahren und bei verschiedenen Kulturen weltweit zu finden ist.

In unserem europäischen Kulturkreis ist die alt-griechische Sage vom Minotaurus die bekannteste Labyrinth-Geschichte. Die mit Abstand meisten Labyrinth-Darstellungen finden sich dagegen in den skandinavischen Ländern. An begehbaren Labyrinthen im Freien findet man in Schweden über 200, in Finnland 141, in Rußland um die 60 und einige in Norwegen und Dänemark.

Skandinavische Labyrinth-Rituale bis ins 19. Jahrhundert

Die skandinavischen Labyrinthe sind Steinsetzungen in Form von unverzweigten Gangsystemen aus  faust- bis kopfgroßen Steinen. Die Durchmesser der Labyrinthe betragen zwischen fünf und 20 Meter. Die Steine liegen meist lose auf Feldern oder Rasen.

Der nordische Labyrinth-Name ist Trojaburg. Er leitet sich von dem gotischen Verb trajan ab, was soviel bedeutet wie drehen, winden, verfangen. Im Germanischen heißt das entsprechende Verb drelle, was in dem Stadtnamen Trelleburg eingegangen ist oder auch in dem deutschen Wort „Drall“ steckt.

Im 19. Jahrhundert berichteten Volksforscher von skandinavischen Jugendspielen um die Trojaburgen, „Jungfrudanser“, bei denen ein Mädchen im Mittelpunkt von jungen Männern geholt oder „befreit“ wurde.

Verschiedene skandinavische Sagen weisen die Trojaburgen als Platz für Kultdramen aus, in denen ein Held im Frühling den Winterdämon bekämpft, um die Sonnen-Jungfrau aus dem Labyrinth-Schloß zu befreien und so Fruchtbarkeit für das kommende Jahr zu sichern.

Bei den altgriechischen Mythen um die Befreiung oder Entführung einer Jungfrau, die mit den Namen Ariadne und Helena verbunden sind, liegen ebenfalls Verbindungen zur Vegetationsgöttin oder zur Erdgöttin zugrunde.

Ursprüngliche heidnische Fruchtbarkeitsrituale

Als Ergebnis seiner Arbeit resümiert der Labyrinth-Forscher John Kraft folgende Rekonstruktion:

Die Trojaburgen waren Arenen für religiöse Kultspiele im Frühling, bei denen der ‘Himmelsgott’ durch die Windungen vordrang, um die ‘Vegetationsgöttin’ im Zentrum des Labyrinths zu befreien. Daraufhin vereinigte er sich mit ihr in einer ‘Heiligen Hochzeit’, die der Gemeinschaft Fruchtbarkeit sichern sollte.

Der Zusammenhang von Labyrinth und Begattungsritus ist auch auf dem Weinkrug von Tragliatella in Etrurien aus der Zeit von 600 v. Chr. dargestellt. Auf dem äußeren Windungspfad der etruskischen Trojaburg-Darstellung ist die Inschrift TRVIA eingetragen – also eine Variation von Troja oder Trojaburg.

Wie konnte ein solches heidnisches Kultritual und die dazugehörige Kultarena verchristlicht werden?

Tatsächlich gibt es in mittelalterlichen Schriften und Kirchen diverse Labyrinthdarstellungen – die berühmteste ist das Bodenmosaik in der Kathedrale von Chartres. Die wenigen schriftlichen Erklärungen dazu deuten eine biblische und kirchliche Einbindung an: Auf den Labyrinthmustern wurden Ostergänge und andere Mysterienspiele abgehalten. Eine Deutung sieht im Labyrinth ein Gleichnis für den irdischen Pilgerweg ins himmlische Jerusalem.

Eines ist jedenfalls sicher: Im Zentrum des Labyrinths von Chartres haben die frommen Dombauer mit Sicherheit nicht die verlorene Lebens- oder Welt-Mitte darstellen wollen.

In der Mitte des Labyrinths ist das Kreuz hervorgehoben

Eine  Wandzeichnung in der altschwedischen Kirche von Sibbo – 20 km nördlich von Helsinki – zeigt eine interessante Spur zu einer christlichen Umdeutung der nordischen Trojaburgen im Mittelalter.

Als die gotische Feldsteinkirche um 1480 gebaut und ausgemalt wurde, lebten die christlichen Schweden schon über 200 Jahre im kolonisierten „Nyland“ in Südfinnland. Und sie pflegten offenbar immer noch die Bräuche der Trojaburgen – allerdings mit entscheidenden Umdeutungen:

Die zentrale Kreuzung zweier Labyrinth-Linien ist in der schwarzen Wandzeichnung mit roter Farbe hervorgehoben und somit als christliches Kreuz herausgestellt (siehe untenstehendes Foto). Man kann von dieser Darstellung auf eine Verchristlichung des vormals heidnischen Labyrinth-Rituals schließen: Nunmehr führte der Weg durch die Wendungen der Trojaburg zu Kreuz und Christus, der Mitte von Welt und Leben.

Das zweites wichtiges Deutungselement in der Labyrinth-Zeichnung von Sibbo ist die Darstellung einer Frauenperson im mittleren Bereich. Es kann sich bei dieser Frau nur um eine Umdeutung der Erd- oder Fruchtbarkeitsgöttin handeln, die in dem heidnischen Kultritual eine zentrale Rolle spielte.

In der Semiotik der christlichen Glaubenswelt des Mittelalters kann es sich bei der dargestellten Frauenperson nur um die Madonna handeln, die Jungfrau und Gottesmutter Maria. Für diese Deutung spricht auch, dass die Marienverehrung  im Frühlingsmonat Mai einen Höhepunkt hat – also in jener Jahreszeit, in der die nordischen Labyrinth-Riten zur Fruchtbarkeit gefeiert wurden.

Mit Maria auf dem Weg zu Christus, der Mitte unserer Welt und Kirche.

Papst Gregor der Große (+604) hatte seinen England-Missionaren empfohlen, heidnische Kult-Stätten und –Rituale beizubehalten, sie aber mit christlichen Motiven und Zielen zu überformen. In diesem Sinne könnte der schwedische Frühlingsbrauch der Trojaburg-Begehungen im Spätmittelalter weitergeführt worden sein, aber eben  mit einer christlichen Umdeutung - in diesem Fall zu einer marianischen Prozession mit der Maienkönigin.

Die herausragende Stellung der Frauenfigur in der Sibbo-Labyrinthzeichnung  könnte sogar darauf hingedeutet werden, dass man eine Marienstatue durch die Labyrinthwindungen trug. Im Zusammenhang mit dem farblich herausgehobenen Mittenkreuz würde das Motto einer solchen Maiprozession lauten: Mit Maria auf dem Weg zu Christus, der Mitte unserer Welt und Kirche.

Esoterische Labyrinth-Deutung in der Heilig-Kreuz-Kirche Frankfurt

Gegenüber dieser kirchlichen Tradition einer christlichen Füllung des heidnisch-archaischen Labyrinth-Symbols sind die heutigen labyrinthischen Rituale eher esoterische Irrwege.

In der Frankfurter Meditationskirche wird die Labyrinth-Begehung  dergestalt interpretiert, dass „Menschen auf gewundenen Wegen nach ihrer ‚Mitte’ suchen“. Man will also das Labyrinth-Symbol weder für ‚Christen’ ausdeuten und erst recht keine Interpretation im Sinne der katholischen Tradition einbringen. Das Ziel der „Meditation des Labyrinths“ in der Kirche ‚Heilig Kreuz’ sind nicht Kreuz und Christus als Mitte von Welt und Leben, sondern ausdrücklich die „eigene Mitte“ der teilnehmenden Akteure. Offensichtlich wird dem Suchen und Finden der eigenen Mitte eine besondere Heilsfunktion zugesprochen – etwa als  Selbst, als Leere oder mit sonstigen gnostischen Erwartungen.

Bei einer solchen esoterischen Labyrinth-Interpretation entbehren auch die weiteren Symbol-Elemente des Meditationskurses einer christlichen Deutung: Die 2.500 Lichter, mit denen man die Labyrinth-Gänge gestaltet, werden nicht als adventliche Licht-Wege gedeutet, die zu Christus, dem absoluten Licht der Welt führen. Der Zeitpunkt – 3. Advent – und die Bezeichnung als „Adventslabyrinth“ haben eher kosmetische als interpretatorische Bedeutung, erscheinen sogar irreführend. Denn man sucht und erwartet das Heil nicht im ankommenden Christus, sondern in der vorhandenen eigenen Mitte. Die Labyrinth-Lichter führen nicht – wie bei den zunehmenden Lichtern des Adventskranzes – zur Epiphanie des Erlösers, der das Licht in die Finsternis der Welt bringt. Wenn man aus der ‚eigenen Mitte’ Heil erwartet, dann zeigt das eher eine gewisse Nähe zum gnostischen New Age, indem geglaubt wird, dass man aus dem göttlichen Funken im  eigenen Selbst das all-erleuchtende Erkenntnis-Licht herausschlagen könnte.

 

 

 

Nachzeichnung der berühmten Trojaborg bei Visby an der Westküste der schwedischen Ostseeinsel Gotland.

Die Feldsteinkirche von Sibbo, erbaut um 1480 im damals schwedischen „Neuland“, 20 km nördlich von Helsinki.

Der um 1800 erbaute Glockenturm wirft seinen Schatten auf die Frontseite der Feldsteinkirche.

 


Südflügel der zweischiffigen Dorfkirche

Nordflügel der Kirche in Sibbo


 

Foto von der berühmten Trojaburg-Zeichnung an der Nordwand der Kirche. Das Mittenkreuz und die Frauenperson sind farblich hervorgehoben.

 

 

Nachzeichnung des Sibbo-Labyrinths mit der Frau im Mittelbereich. In keiner Abbildung der reichen Labyrinth-Literatur wird die originale Rotfärbung des Mittelkreuzes dargestellt

 

Die  Maarian Kirkko bei Turku; Bauzeit, Bauweise und Ausmalung ähnlich wie bei der Dorfkirche von Sibbo, aber größer dimensioniert:

Maarian kirkko.jpg

 

Turku war die alte Hauptstadt von Schwedisch-Finnland. In der Marienkirche  befinden sich drei weitere Labyrinth-Darstellungen aus dem 15. Jahrhundert:

 

 

Labyrinth-Darstellung aus dem 15. Jahrhundert in der Kirche von Gevninge nahe Roskilde / Dänemark. Der Bezug zu „Maria“ ist in diesem Fall ausdrücklich hergestellt: