Rückblick auf das II. Vatikanische Konzil

 

Zusammenfassung des Referates von Prof. Dr. Walter Hoeres beim Arbeitskreis von Katholiken im Raum Frankfurt am Main am 15. 9. 2012

 

1.)        Literatur: Raphael W. Wiltgen SVD: Der Rhein fließt in den Tiber. Eine Geschichte des Zweiten Vatikanischen Konzils. Lins Verlag Feldkirch 1988. Der Verfasser schildert u.a.  eindringlich  die Fraktionsbildungen vor und während des Konzils, die schließlich dazu geführt haben, daß sich eine progressive Mehrheit durchsetzen konnte.  Brunero Gherardini (em. Theologieprofessor an der Lateran-Universität): Das Zweite Vatikanische Konzil. Ein ausstehender Diskurs. Carthusianus-Verlag. Mühlheim /Mosel 2010. Robert de Mattei: Das Zweite Vatikanische Konzil. Eine bislang ungeschriebene Geschichte. Edition Kirchliche Umschau 2011. Das ungemein spannend geschriebene Buch zeigt u.a. die würdelose Art und Weise, in der Wortführer der „konservativen“ Seite wie Kardinal Otttaviani zum Schweigen gebracht wurden.

2.)        Zwar heißt es im Kap. 2 der Dogmatischen Konstitution über die göttliche Offenbarung, man müsse die Überlieferung „treu bewahren“ und „Schrift und Tradition mit der gleichen Kindesgesinnung und Achtung annehmen und verehren“. Das klingt ermutigend, aber es hat sich schon während und nach dem Konzil herausgestellt, daß der Begriff „Tradition“ jeweils ganz verschieden gedeutet wird. So bekommen wir seit einiger Zeit zu hören, wir sollten die Texte des Konzils im Sinne einer „Hermeneutik der Tradition“ verstehen. Offen bleibt jedoch, wie man diese Forderung angesichts der offenkundigen und eingestandenen Brüche, die uns das Konzil gebracht hat, verstehen soll!

3.)        Um das Ökumenismus-Dekret: „Unitatis redintegratio“ und seine Einheitsideologie zu verstehen, müssen wir auf die Dogmatische Konstitution über die Kirche „Lumen gentium“ zurückgreifen, in der die Kirche als „Sakrament und Instrument der Einheit des ganzen Menschengeschlechtes“ vorgestellt wird. Das ist eine ganz neue, bis dahin unbekannte Formulierung, die den Eindruck erweckt, die Kirche habe die Aufgabe, einen Beitrag zur   Einheit der Menschheit zu leisten. Schon in dieser Formulierung klingt die bei Johannes Paul II. dann gebräuchlich werdende Rede an, wir seien als Kirche  mit der Menschheit unterwegs als Pilger zur Wahrheit. Demgegenüber   i s t  die Kirche als Hort der göttlichen Offenbarung bereits im Besitz der Wahrheit, die sie als Licht und Stadt auf dem Berge der glaubenslosen Menschheit zu verkünden hat.

Die Widersprüche im Ökumenismus - Dekret sind mit Händen zu greifen und setzen sich in der nachkonziliaren Praxis fort. In § 11 heißt es: „Die Art und Weise der Formulierung des Glaubens darf kein Hindernis sein für den Dialog mit den getrennten Brüdern“.  Im nächsten Satz wird jedoch verlangt: “Die gesamte Lehre muß klar vorgelegt werden.“ Seitdem kommen wir aus den Widersprüchen nicht mehr heraus. Auf der einen Seite betont das Lehramt mit Recht, daß die evangelischen Gemeinschaften keine Kirchen sind, da ihnen wesentliche Merkmale des Kirche-Seins fehlen. Auf der anderen Seite aber wird vor dem Rückfall in die alte Rückkehr-Ökumene gewarnt. Es soll auf keinen Fall der Eindruck entstehen, die Wiedervereinigung der getrennten Chrisen könne sich nur so vollziehen, daß die getrennten Brüder ohne „wenn“ und „aber“ in die katholische Kirche zurückkehren. Genau das aber ist die unzweideutige Forderung aller vorkonziliaren Päpste und mit ihnen der ganzen katholischen Tradition und zwar mit der ausdrücklichen Begründung, daß die von Christus geforderte Einheit bereits vorhanden ist und zwar in der katholischen Kirche, die auf dem Felsen Petri gründet.

Die zwischen Hektik und Beharrung schwankende Unklarheit der durch das Ökumenismus -Dekret angestoßenen Bemühungen zeigt sich vor allem in der Augsburger Rechtfertigungserklärung, die u.a.  von Kardinal Scheffczyk in der Zeitschrift „Theologisches“ scharf kritisiert worden ist. Natürlich sagen auch die Protestanten, daß wir durch Christi Erlösungstat am Kreuz gerechtfertigt worden sind. Weil sie aber den katholischen, ontologisch zu verstehenden Gnadenbegriff  nicht kennen, haben sie eine gänzlich andere Auffassung dessen, was die „Rechtfertigung“ in uns bewirkt oder nicht bewirkt. Es ist deshalb kein Zufall, daß diese Erklärung zu einer ganzen Flut von Protesten und Gegenerklärungen gerade seitens der prominenten evangelischen Theologen geführt hat.

Offensichtlich ist auch, daß die ökumenische Anbiederung nach dem Konzil eine gigantische Protestantisierung des katholischen Lebens bewirkt hat. Die Sakramentsandachten sind fast völlig verschwunden, die Verehrung des hl. Herzens Jesu und  der allerseligsten Jungfrau ist massiv reduziert, ja häufig kaum mehr zu finden, Fronleichnamsprozessionen werden entgegen ihrem Wesen und Begriff von katholischen Prälaten und evangelischen Präsides angeführt. Der Opfercharakter der hl. Messe wurde in der Liturgiereform so sehr verdünnt, daß sie sich nunmehr bedenklich der evangelischen Abendmahlsfeier annähert. Die Beichte ist fast ausgestorben und konnte deshalb mit Recht von dem Mainzer Kanonisten Georg May als „verlorenes Sakrament“ bezeichnet werden.

    4.)      Das Konzilsdekret über die nicht-christlichen Religionen Nostra aetate“ 

beteuert, daß in ihnen Strahlen der göttlichen Wahrheit vorhanden seien und wir daher allen Grund hätten, ihnen mit Ehrfurcht und in brüderlicher Gesinnung zu begegnen. Der Irrtum liegt hier in der additistischen Auffassung der Wahrheit, wie sie u.a. Dr. Wolfgang Schüler in zahlreichen Schriften gegeißelt hat. Denn es liegt auf der Hand, daß die sogenannten Elemente der Wahrheit, die wir in den anderen Religionen finden, nach dem Grundsatz, daß erst das Ganze die Wahrheit (oder die Unwahrheit) ist, unlösbar mit irrigen Elementen amalgamiert sind.  Das gilt übrigens mutatis mutandis auch vom Protestantismus.

Vom Hinduismus sagt das Dekret, die Menschen erforschten in ihm das göttliche Geheimnis in seinen Tiefen und „bringen es in einem unerschöpflichen Reichtum von Mythen und tiefgreifenden philosophischen Versuchen zum Ausdruck. Sie suchen in der Weise des aszetischen Lebens oder durch tiefe Betrachtung oder auch, indem sie mit Liebe und Vertrauen Zuflucht zu Gott nehmen, Befreiung von der Enge und Beschränktheit unserer Situation.“

Man braucht kein Indologe zu sein, um das irritierende Gemisch von Dämonen- und Götzenverehrung zu imaginieren, das uns hier empfehlend vorgestellt wird!  Auch dienen Betrachtung und Aszese, von denen die Rede ist, in keiner Weise  der Begegnung mit Christus, sondern haben ganz im Gegenteil das Aufgehen im Nirwana zum Ziel.

Daß auch hier das Wort gilt: „an ihren Früchten sollt Ihr sie erkennen!“, zeigt sich an den interreligiösen Treffen in Assisi, bei denen im Sinne de Greuels an heiliger Stätte eine Buddha-Statuette auf den Tabernakel plaziert wurde. Es bedarf keines theologischen Scharfsinnes, um zu beurteilen,  w i e  diese Treffen gewirkt haben. Sie haben dem einzigartigen Anspruch Christi, daß er allein der Weg und die Wahrheit ist, vor den Augen einer säkularen Weltöffentlichkeit einen tödlichen Schlag versetzt. Gerade in diesem Falle stellt sich mit besonderer Eindringlichkeit die Frage, wie man sich die angebliche „Hermeneutik der Tradition“ vorstellen soll. Hat doch noch Pius XI. in der Enzyklika „Mortalium animos“ vom Jahre 1928 die Teilnahme an solchen interreligiösen Treffen unter schwerer Gewissenspflicht verboten und zwar eben deswegen, weil sie den Sinn für die Einzigkeit der Kirche als göttlicher Stiftung verdunkeln können.

 

         5.)  Es wird allgemein zugegeben, daß die Erklärung über die Religionsfreiheit:

„Dignitatis humanae“ einen signifikanten Bruch mit der Lehrtradition der Kirche bedeutet. Gewiß hat man stets betont, daß niemand zum Glauben gezwungen werden darf. Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere ist das Königtum Christi über die Gesellschaft, das für einen gläubigen Katholiken eine Selbstverständlichkeit sein solle: auch wenn es sich unter den Bedingungen unserer säklaren Epoche nicht realisieren läßt. „Dignitatis humanae“ zeigt erneut, daß man nicht mehr in der Lage ist, die   polaren Spannungen, aus denen die Wirklichkeit besteht, in einem umfassenden und daher wahrhaft katholischen Bewußtsein zusammenzudenken. Christus ist das ewige Wort Gottes und der Erstgeborene vor aller Schöpfung und doch auch zugleich der leidende Gottesknecht. Der Papst ist der Statthalter Christi und Stellvertreter Gottes auf Erden und doch auch zugleich servus servorum Dei. Und so ist der gebieterische Anspruch Gottes, Herr der Schöpfung und der menschlichen Gesellschaft zu sein und zu bleiben, durchaus mit der Personwürde des Menschen zu vereinbaren, welche die Konziserklärung einseitig fokussiert.

 

   6.)       Es ist oft genug darauf hingewiesen worden, daß die Pastoralkonstitution:

 „Gaudium et spes“ einen Fortschrittsglauben atmet, der mit überliefertem

 katholischen Gedankengut nichts zu tun hat, sondern in der Aufklärung des 18. Jahrhunderts geboren wurde.  Zwei Dinge werden hier euphorisch in den Mittelpunkt gestellt. Zunächst die Einheit der Menschheit, die dank der modernen Technik und Kommunikationsmittel immer dichter wird. In Wahrheit dürfte es nichts Bedrohliches geben als die Aussicht,  daß das Bewußtsein und die Vielfalt der Kulturen immer mehr durch das Fernsehen und die anderen Medien nivelliert werden und ein kollektiver oder globalisierter Einheitsmensch zustande kommt, der sich mit allen anderen in einer moderaten Weltanschauung trifft, der alle Ecken und Kanten fehlen und in der sich alle einig sind im Bestreben nach immer noch größeren zivilisatorischem Fortschritt und Wohlbehagen. Im Zusammenhang damit steht das zweite „Gut“, das in „Gaudium et spes“ geradezu hymnisch gefeiert wird: ein verwaschener Humanismus, der in der Tradition der Kirche ebenfalls nicht die geringste Stütze hat. So lesen wir hier in § 12: „Es ist fast einmütige Auffassung der Gläubigen und der Nichtgläubigen (!), daß alles auf Erden auf den Menschen als sein Ziel und seinen Gipfel hinzuordnen ist.“ .Demgegenüber lesen wir im alten, im grünen Katechismus seligen. Angedenkens als Antwort auf die Frage: „wozu sind wir auf Erden?“: „Wir sind auf Erden, um Gott zu erkennen, ihn zu lieben, ihm zu dienen und einst ewig bei ihm zu wohnen.“

Auch „Gaudium er spes“ hatte seine Folgewirkungen, die bis in die vielen Genitiv-Theologien der „Befreiung“, der „Zukunft“, der „gerechten Gesellschaft“ andauern. Anläßlich der Mondlandung im Jahre 1969 sang Papst Paul VI. ein Gloria auf den Menschen: „Ehre sei dem Menschen, König der Erde und jetzt auch Fürsten des Universums“. Und von seinem Nachfolger bekamen wir es immer wieder zu hören: „Die Wahrheit der Kirche ist der Mensch !“.

 

September 2012