8. Mai 1945: Ein Tag der Befreiung – oder gar der „Erlösung“?                                                                              (8.5.2015)

Der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker sagte in seiner Rede am 8. Mai 1985 im Bundestag: „Der 8. Mai (1945) war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.“

Dieser Satz ist in den vergangenen dreißig Jahren mehr und mehr zu einem politischen Dogma geworden. Aber er ist falsch, jedenfalls in dieser pauschalen Form. Insbesondere bedeutet die Aussage „Er hat uns alle befreit…“ eine Entlastung der damals etwa vierzehn Millionen aktiven Nazis.

● Von Seiten der Alliierten ist eindeutig belegbar, dass sie nicht an eine Befreiung des deutschen Volkes von der Nazi-Herrschaft dachten. Im Potsdamer Kommuniqué vom August 1945 sprachen die Siegermächte den Deutschen die Schuld und Verantwortung der Nazi-Verbrechen zu, die das „deutsche Volk zu büßen“ hätte. Daraus ergibt sich, dass die Alliierten von der Verstrickung aller Deutschen in das Nazi-System ausgingen. Schon vorher hatten die Amerikaner ausdrücklich in der Besatzungsdirektive vom April 1945 festgelegt: „Deutschland wird nicht besetzt zum Zwecke seiner Befreiung, sondern als ein besiegter Feindstaat.“

● Die britischen Besatzer Nordwest-Deutschlands sahen das ähnlich. Die französische Regierung hatte eigene Vorstellung von ihrem Besatzungsgebiet. General Charles de Gaulle, damals Ministerpräsident der Provisorischen Regierung in Paris, erläuterte im Oktober vor französischen Besatzungsoffizieren seine Perspektiven: „Wir arbeiten darauf hin, dass in dem gesamte linksrheinische Gebiet, das der Natur nach mit Frankreich verbunden ist, Frankreich zu etablieren. Heißt das Annexion? Nein, aber wir streiten nicht um Worte….“

● Für die Völker Osteuropas bedeutete die Zeit vor und nach dem 8. Mai 1945 meistens auch keine Befreiung. Das Vorrücken der Roten Armee des Sowjet-Tyrannen Stalin ins Baltikum und die Balkanländer war begleitet von Plünderung, Schikanierung und Einschüchterung der Bevölkerung. Besonders schlimm war die sowjetische Terrorisierung der Völker, deren Regierungen oder Gruppen mit Hitlerdeutschland kollaboriert hatten – wie etwa Ungarn oder die baltischen Länder. Stalin selbst hatte seinen Soldaten signalisiert, dass sie die Mädchen und Frauen der besiegten Feindvölker als sexuelle Beute nehmen dürften. In Ungarn sowie den östlichen Gebieten Österreichs und Deutschlands sind daraufhin mehr als zwei Millionen Mädchen und Frauen von Sowjetsoldaten vergewaltigt worden.     

● Für die deutsche Bevölkerung in und aus den deutschen Provinzen östlich der Oder-Neiße-Linie, also Pommern, Danzig, Ostpreußen und Schlesien, war der 8. Mai 1945 auch kein Befreiungs-Datum. Schon auf der Jalta-Konferenz im Februar 1945 hatten die Westalliierten Stalins Plan zugestimmt, dass die Sowjetunion das durch den Hitler-Stalin-Pakt annektierte Ost-Polen behalten dürfe und dafür Polen die deutschen Ostgebiete in Besitz nehmen sollte. Zu diesem Zweck müssten die deutschen Ostprovinzen von Deutschen ethnisch gesäubert werden – „auf humane Weise“. Teilweise geschahen Flucht und Vertreibung schon im Krieg. Der 8. Mai 1945 wurde dann aber zum Stichtag für eine der größten Zwangsdeportationen der Geschichte mit über 10 Millionen Vertriebenen – auch aus der Tschecho-Slowakei und anderen Balkan-Staaten.

● In der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ), der späteren DDR, wurden die Exilkommunisten der Gruppe Ulbricht unter der Protektion der sowjetischen Militärverwaltung gezielt in politische Schlüsselpositionen eingesetzt. Walter Ulbricht hatte die Parole ausgegeben: „Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben.“ Das Ziel der antifaschistisch-sozialistischen Umgestaltung der SBZ war es, die NS-Diktatur durch die kommunistische Diktatur der Werktätigen abzulösen. Die NS-Parteiherrschaft wurde ersetzt durch die Herrschaft der SED-Partei, „die immer Recht hat“. Für diesen Beginn der Transformation der NS-Gewaltherrschaft in den SED-Unrechtsstaat kann man nur im zynischen Sinne von einer Befreiung sprechen.

● Die militärische Bedeutung des 8. Mai 1945 bestand in der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht und damit der automatischen Gefangennahme von noch einigen Hundertausenden deutscher Soldaten. Während des Zweiten Weltkrieges hatten die Westalliierten ca. neun Millionen deutsche Wehrmachtsangehörige zu prisoners of war (POW) gemacht. Während die Amerikaner bis zum Frühjahr 1945 sich bei der Behandlung der Gefangenen an die Genfer Konvention hielten (auch um keinen Anlass zu Repressionen gegen amerikanische Gefangenen in deutscher Hand zu geben), verschlechterten sich die Bedingungen mit der großen Zahl von Gefangennahmen zum Kriegsende hin dramatisch. Dafür stehen die stacheldrahtumzäunten Rheinwiesenlager. Nach der deutschen Kapitulation wurde der Status der deutschen Gefangenen in „entwaffnete Feindkräfte“ gewandelt. Die sollten von Wehrmachtbehörden verwaltet und versorgt werden – unter Aufsicht der alliierten Streitkräfte. Mit diesem Konstrukt, das aber nach der Kapitulation nicht funktionierte, konnte die Genfer Konvention umgangen werden. Nach den Forschungen des kanadischen Historikers James Bacque sind durch verhungern lassen und Krankheiten in den amerikanischen und französischen Lagern bis September 1945 ca. ein Million deutsche Gefangene umgekommen. Jedenfalls war der 8. Mai für die insgesamt zwölf Millionen überlebenden deutschen Soldaten in Gefangenenlagern in Ost und West kein Tag der Befreiung.

● Dagegen trifft der Begriff „Befreiung“ für die etwa 500.000 Gefangenen zu, die in dem Netz der 1.200 Haupt- und Nebenlager der nationalsozialistischen KZs festgehalten wurden. In ihnen waren aus rassistischen und politischen Gründen deutsche und ausländische Juden, Sinti und Roma sowie Dissidenten und Ausgestoßene aus Deutschland und allen von der Wehrmacht eroberten Gebieten zusammengepfercht und ein Großteil von ihnen von den Nazis ermordet worden. Die überlebenden Lagerinsassen wurden im Zuge des Vormarsches der alliierten Armeen befreit. Der jüdische Aktivist und ehemalige Häftling des Konzentrationslager Buna-Monowitz, Norbert Wollheim, sah allerdings die „Befreiung“ differenzierter. Er schrieb in einem Brief an einen Freund in der US-Armee: „Wir sind gerettet (aus den Fängen der NS-Schergen), aber wir sind nicht befreit.“ Wollheim meinte damit, dass die KZ-Überlebenden zwar vor der Ermordung durch die SS gerettet seien, aber (noch) nicht vor den tiefgreifenden körperlichen Nachwirkungen und den traumatischen Verfolgungserfahrungen des KZ-Systems befreit seien.

● Bei den letzten freien Wahlen 1932 hatten 11,7 bzw. 13,7 Millionen Deutsche die Hitler-Partei NSDAP gewählt. Die Zahl entspricht in etwa den aktiven Nationalsozialisten am Ende der Naziherrschaft, die entweder ein NS-Parteibuch besaßen (8 Mill.) oder als Mitglieder  in den NS-Massenorganisationen (ca. 6 Mill.) zu den aktiven Nazis hinzugezählt werden müssen. Dieser Anteil wird bestätigt durch die Fragebogenaktion 1946 in der amerikanischen Besatzungszone, nach der 27 Prozent der über 14jährigen Deutschen als NS-belastet eingestuft wurde. Wohl kaum kann der 8. Mai 1945 als politisches Ende der NS-Parteiherrschaft für die Millionen deutscher Nazis als Tag der Befreiung angesehen werden. Von Weizsäcker verschleiert in seiner Rede die Tätergruppe der aktiven Nazis, wenn er von dem „System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“ spricht, von dem der 8. Mai „uns alle befreit“ hätte. Denn die vielfältige NS-Gewalt wurde nicht von einem abstrakten „System“, sondern von Nazi-Tätern ausgeführt, die ihre Landsleute denunzierten, schikanierten, unterdrückten, ausplünderten, verurteilten, deportierten und ermordeten. Die Tätergruppe der Hoch-Belasteten wurde mit Recht von den Besatzungsmächten nach dem 8. Mai gefangengenommen,  interniert und vielfach vor Gericht gestellt. Die minderbelasteten Nazis wurden später vor den Entnazifizierungsbehörden zur Rechenschaft gezogen.

● Für die Mehrheit der Deutschen, die nicht in das nationalsozialistische Parteiherrschaft eingebunden  und die mehr oder weniger den Unterdrückungen der NS-Gewalt ausgeliefert waren, bedeutete das Ende vom totalitären NS-Staat tatsächlich die Befreiung vom nationalsozialistischen Joch. Unter der NS-Gewaltherrschaft hatten besonders die Katholiken zu leiden. Vor 1933 war ihr Anteil an den NSDAP-Wählern relativ gering gewesen und nach Hitlers Machtergreifung waren die Katholiken in Partei und Massenorganisationen unterrepräsentiert. Auch die Kirche und insbesondere der Klerus waren Opfer der vielfältigen Schikane und Unterdrückung des heidnischen NS-Staates gewesen. Etwa ein Drittel der katholischen Priester war im Laufe der NS-Herrschaft von Nazi-Behörden bedrückt und bedroht, verhört oder verhaftet worden. Für die meisten Katholiken und die Kirche war der 8. Mai ein Tag, der sie aus den Fesseln des nationalsozialistischen Unrechtsstaates befreite. Natürlich war auch für viele evangelische Christen und Pfarrer der 8. Mai ein Tag der Befreiung. Aber die Protestanten waren insgesamt deutlich weniger resistent gegenüber der nazistischen Ideologie. Das zeigte sich u. a. bei den Wahlergebnissen 1932. In acht vorwiegend von Evangelischen bewohnten Dörfern des Kreises Limburg war die NSDAP-Quote mit durchschnittlich 67 Prozent etwa doppelt so hoch wie im Reichsdurchschnitt. Die Quote der NS-Wähler in den katholischen Dörfern sowie der Kreisstadt Limburg lag um 15 Prozent unter dem Reichsdurchschnitt.  

● Diese historisch-kritische Analyse des Weizsäcker-Diktums wird bestätigt durch Andreas Wirsching, dem Direktor des Instituts für Zeitgeschichte. Bei einem Vortrag am 15. April 2015 in der Evangelischen Akademie zu Berlin sagte der Historiker laut Bericht der FAZ vom 20. 4. 2015: Mit der Rede vom 8. Mai 1985 habe von Weizsäcker die Opfer des NS-Regimes in den Erinnerungsdiskurs integriert, aber bei der Frage der Schuld seien seine Sentenzen weniger klar gewesen. Die Verantwortung für die NS-Verbrechen habe er auf wenige beschränkt. Von der Haltung der Eliten, von einer Konkretisierung der Täterschaft im Nationalsozialismus wollte von Weizsäcker nicht viel wissen. Er habe die Opferperspektive weitestgehend konkretisiert, dabei aber die Täterperspektive ebenso weitestgehend ausgeblendet.  

● Resümierend ist die Bezeichnung ‚Befreiung’ für das Weltkriegsende als eine ideologische Verbrämung einer disparaten historischen Wirklichkeit zu sehen. Was aber Bischof Algermissen kürzlich von sich gab, war eine noch weitere Verzerrung des Blicks auf das Kapitulationsdatum. Als Präsident des links-gestrickten Vereins ‚Pax Christi Deutschland’ zeichnet er verantwortlich für einen Aufruf mit dem Titel: „Tag der Erlösung mahnt eine neue Friedensordnung an“. Mit dem religiösen Begriff der Erlösung meint der Fuldaer Bischof tatsächlich das historische Datum des Kriegsendes vor 70 Jahren: „Der 8. Mai 1945 war ein Tag der Erlösung. An diesem Tag wurde Deutschland von der NS-Schreckensherrschaft befreit“ – heißt es einleitend im Textes.

Das Wort ‚Erlösung’ sagt für uns Christen seit 2000 Jahren das Heilshandeln Gottes an der erbsündigen Welt aus. Jesus Christus hat durch Kreuz und Auferstehung unsere Erlösung besiegelt. Er ist der (einzige) Erlöser, der der Menschheit Heilung und Frieden bringt, den die Welt nicht geben kann. Von daher ist es eine sakrilegische Beleidigung Gottes, sein erlösendes Heilshandeln mit den Taten säkularer Mächte gleichzusetzen. Man erkennt den Missbrauch religiöser Dimensionen für politische Strategien an den Folgerungen: Wenn der militärische Sieg über Hitlerdeutschland als ‚Erlösung’ gefeiert wird, müssten dann logischerweise die alliierten Kriegsführer nicht als Erlöser betrachtet werden -  der blutige Massenmörder Stalin etwa oder der Bomben-Schlächter Churchill? Oder: Leben wir seit 1945  in einer erlösten Weltordnung, in der nur noch die Hoffnung auf eine totale „Weltfriedensordnung“ aussteht?
Hubert Hecker