(24.12.2017)

Die kirchliche Selbstsäkularisierung des Weihnachtsfestes

In der Weihnachtsausgabe der FAZ war ein Artikel überschrieben mit: „Der Trend ist eindeutig: Deutschland säkularisiert sich auf Ostniveau, auch wenn es zu Weihnachten anders wirkt.“ Anders scheint, müsste man genauer sagen. Denn zu keinem der christlichen Hochfeste ist die Säkularisierung deutlicher festzustellen als „zum Fest“, wie es heute heißt. Weihnachtsmärkte, Glühwein und Gebäck, Weihnachtsmann, Lichterbäume, Geschenke kaufen und tauschen, Weihnachtsgrüße mit „frohe Weihnachten“ etc. Die meisten Zeitgenossen nehmen diese „weihnachtlichen Stimmungsmacher“ gerne an. Aber sie wissen nicht mehr, dass und was sie mit der Ursprungsgeschichte von Weihnachten zu tun haben.

Aber  zu den Weihnachtsgottesdiensten sind die sonntäglich weitgehend leeren Kirchen wieder einigermaßen voll! Stimmt. Es bleibt jedoch die Frage, ob die Menschen im Lichterglanz und Liederklang der Christmette anderes wahrnehmen als den Höhepunkt der weihnachtlichen Stimmung, die in der vorweihnachtlichen Geschäftlichkeit aufgebaut wurde.

Aber führt das Weihnachtsevangelium den Kirchbesuchern nicht doch die Kerngeschichte von Weihnachten vor Augen? Auch richtig. Jedoch wird mit der Predigt dann wieder vielfach das Weihnachtsevangelium verkürzt und verfälscht.

Die Theologen haben das Feld vorbereitet durch ihre historisch-kritischen Rationalisierung der Kindheitsgeschichten Jesu: Mit dem Verkündigungsengel Gabriel seien persische Mythen in die Bibel eingedrungen, die göttliche Zeugung eines Kindes ägyptisches Motiv, die Jungfrauengeburt ein orientalischer Wandermythos, den auch der Koran übernommen hat. Die Luther-Botschafterin Margot Käsmann gab kürzlich das Resümee dieser säkularisierten Bibel in weltlicher Sprache bekannt: Jungfrauengeburt ist Legende, Jesus wurde von Josef gezeugt und wäre damit ein normaler  Mensch gewesen wie du und ich.

So deutlich sagen es katholische Prediger nicht, aber sinngemäß. Wirklich? Es werden doch eifrig biblische Sprüche zitiert wie: „Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt.“ Oder: „Gott zeigt in der Geburt Jesu seine Menschenfreundlichkeit.“ Ja, die Menschheit Jesu wird herausgestellt – und gleichzeitig die Gottheit Christi unterschlagen.

Eine beliebte Aussage in modernen Predigten ist: Wir feiern zu Weihnachten, dass Gott Mensch geworden ist. Das ist biblisch begründet. Es wird aber vielfach in dem Sinne gedeutet, als wenn im Menschen Jesu seine Göttlichkeit aufgehoben, aufgegeben wäre. Eine andere Fehlinterpretation ist die Rahner’sche Verallgemeinerungsversion, nach der die Inkarnation Christi nur der Anfang der Vergöttlichung aller Menschen wäre.

Die Betonung der Menschheit Jesu ist im wörtlichen Sinne nur die halbe Wahrheit. In dem Doppelnamen ‚Jesus / Christus’ ist seine Doppelnatur ausgesprochen: wahrer Mensch und wahrer Gott, wie wir es im Credo bekennen.

Bischof Georg Bätzing von Limburg hat seine Weihnachtsgedanken zu Papier gebracht. Von den 120 Zeilen befassen sich sechs mit der eigentlichen Weihnachtsgeschichte, aber auch die nur als menschlich-historische Erzählung vom „Geburtsfest Jesu“, des „Kindes von Bethlehem“. Doch was soll an der Geburt eines jüdischen Kindes im fernen Bethlehem vor 2000 zu feiern sein, wenn nur seine Menschlichkeit herausgestellt wird? Die Erlösung der Menschheit kann nicht von einem ausgehen, der nur Mensch ist. Auf diese Weise wird die Weihnachtsgeschichte banalisiert, die Weihnachtsbotschaft vom Erscheinen des Erlösers unterschlagen, dem Weihnachtsfest die religiöse Basis entzogen, also säkularisiert.

Die Bibel dagegen berichtet uns die ganze Wahrheit: ‚Der aus Gott geborene Logos wurde Fleisch - und wir schauten die Herrlichkeit des eingeborenen Sohns vom Vater’ (Joh 1,14). Jesus - der Sohn Gottes, der Davids-Herrscher - über das ewige Reich (Lk 1,26ff).

Woher kommt eigentlich die besondere Weihnachtsfreude, ausgedrückt im Wunsch zu ‚frohen oder fröhlichen Weihnachten’? Darüber klären die Engel in der lukanischen Geburtsgeschichte auf: „Seht, ich verkünde euch eine große Freude: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter und Erlöser geboren, der Messias und Herr.“

Im Spätmittelalter wurde das Jesuskind oftmals in herrscherlicher und segnender Pose gemalt, um sein Wesen als göttliches Menschenkind auszudrücken. Skulpturen aus dieser Zeit – wie derzeit im Frankfurter Liebighaus gezeigt – stellen ein königliches Kind dar. Barockmaler zeichneten die Krippenszene so, dass von dem Christuskind ein übernatürliches Licht ausging. Dieses Strahlen erleuchtet den Stall – und später die Dunkelheit der ganzen Welt.

In den alten Weihnachtsliedern ist die Weihnachtsbotschaft text- und bibeltreu nachgebildet. Deshalb ist darin die messianische Weihnachtsfreude nachzuspüren, dass in diesem armen, hilflosen, menschlichen Kind der göttliche Erlöser erschienen ist. Das sei am Beispiel des „Adeste fideles“ aufgezeigt: ‚Nun freut euch, ihr Gläubigen, denn Christus, der Heiland, stieg zu uns hernieder. Der Abglanz des Vaters, Herr der Herren alle, ist heute erschienen in unserm Fleisch. In Armut auf Stroh liegt das Kindlein, das uns alle errettet.’

Die lutherische Landeskirche Braunschweig verschickt in diesem Jahr als offizielle Weihnachtskarte ein Motivbild, in dem die Krippenszene in den Müllschlucker eines Müllwagens eingefügt ist. Die  Szene der ‚hl. Familie im Dreck’ soll die „Wohlstandsbürger“ aufrüttelnd daran erinnern, dass noch heute „viele Menschen auf Müllkippen nach Verwertbarem suchen oder als Sklaven in Rohstoffminen schuften“.

Damit wird die biblische Weihnachtsgeschichte zu einem drastischen Protestmotiv gegen gesellschaftliche Zustände instrumentalisiert. Ähnliches hatte man im Gefolge der 68er gehört. Damals wurde Religionslehrer-Referendaren empfohlen, bei der Behandlung der Weihnachtsgeschichte die Hirten als damalige gesellschaftliche Randgruppe in den Mittelpunkt zu stellen, um bei den Schülern Solidarität mit heutigen Randgruppen zu erzeugen.

Das war eine grobe Verfälschung der Geschichte aus dem Lukas-Evangelium. Denn dort sind die Hirten als Vertreter der „Armen Israels“ ausgewählt, als erste die Botschaft zu erfahren, dass der lange erwartete Messias und Erlöser geboren ist. Entsprechend war ihre Reaktion: Sie lobten und priesen Gott für alles, was sie im Krippenstall gesehen und von den Engeln gehört hatten. Im Matthäus-Evangelium sind es drei fremde Könige als Vertreter der Heiden, die dem Kind als König aller Könige huldigen und es anbeten.

Aus diesem biblischen Geist ist der Refrain im Adeste-fidelis-Lied gestaltet: „Kommt, lasset uns anbeten!“ Dreimal wird diese Aufforderung wiederholt – mit dem Schluss, „den König und Herrn“ zu verehren. Durch dieses Lied, gehört bei der Weihnachtsmesse 1886 in Notre Dame de Paris,  war der junge areligiöse Paul Claudel so erschüttert, dass er sich für sein Leben bekehrte.

Die modernisierten Bibel-Geschichten vom Geburtsfest Jesu , der aufgeklärte Jargon von Christi Menschenfreundlichkeit, die Bilder vom menschlichen Bruder Jesu, von dem alles Göttliche wegretuschiert wird, die erschüttern oder bekehren heute niemanden mehr. Sie berühren die Menschen auch nicht besonders. Die vermenschlichte Banalisierung der biblischen Weihnachtsgeschichte wird die Säkularisierung des Weihnachtsfestes auch für die Kerngemeinde der Katholiken noch weiter vorantreiben. 

Allen Leser dieser Zeilen wünsche ich die von den Engeln verkündete Freude, dass uns heute der Heiland und Erlöser geboren ist, welcher ist Christus der Herr.

Hubert Hecker