Vor 80 Jahren:

Ein Frankfurter Pfarrer gegen Nazi-Rassismus und Antisemitismus  (10.04.2013)

 

Der katholische Priester Alois Eckert, Pfarrer der St. Bernardus-Gemeinde im Frankfurter Nordend, schrieb in der ‚Rhein-Mainischen Volkszeitung’ vom 4. April 1933 einen Artikel gegen den rassistischen Ansatz der Nazis.

Anlass für diesen Beitrag war der Aufruf der Nationalsozialisten von Ende März ’33, am 1. April alle jüdischen Geschäfte zu boykottieren. Vor den Läden von jüdischen Inhabern standen am Boykott-Tag uniformierte SA-Leute, die mit drohendem Gehabe Käufer vom Betreten der Geschäfte abhalten sollten. Sie trugen teilweise Schilder mit Aufschriften wie: „Deutsche! Kauft nicht bei Juden“.

Dabei waren alle jüdischen Geschäftsinhaber deutsche Staatsbürger von Geburt an. Die Vorfahren lebten vielfach seit Jahrhunderten in Deutschland. Der Boykottaufruf war die erste Maßnahme der NS-Regierung, die jüdischen Deutschen nach rassischen Kriterien als Kollektiv zu stigmatisieren und auszugrenzen.

Alle Menschen sind gleich – vor Gott und nach der Schöpfungsordnung

Gegen diesen rassistischen Ansatz der Nationalsozialisten wehrt sich der Frankfurter Pfarrer. Er argumentiert auf der Basis der christlichen Ethik:
„Kein Mensch darf einfach wegen seiner Rasse minderen Rechtes sein und wegen seiner Zugehörigkeit zu einer Rasse diffamiert werden.“ Nach der Lehre des Christentums sei die Zugehörigkeit zu einer Rasse eine göttliche Gegebenheit - der Schöpfungsordnung, wie wir heute sagen.

Weiter führt der katholische Geistliche aus: „Auch für den menschlichen, nicht nur für den christlichen Wert eines Menschen gilt das Wort des Paulus: „Da heißt es nicht mehr Heide oder Jude, Beschnittener und Unbeschnittener, Barbar und Szythe. Das ist christliche Ethik. Eine nur von der Rasse her begründete menschliche Wertdifferenz kennt sie nicht.“

Es gibt in jeder Rasse Gute und Schlechte

Von diesem christlichen Wertefundament aus verwirft Pfarrer Eckert den  Rassismus der Nationalsozialisten. Er lehnt deren antisemitische Klischees ab, nach denen „in unchristlicher und ungerechter Vereinfachung des heutigen Judenproblems“ gesagt wird: „Sie sind Juden, also sind sie Schädlinge am deutschen Volkskörper, also müssen sie eliminiert oder ins Judenghetto zurückgedrängt werden.“

„Jude ist nicht gleich Jude, so wenig wie Deutscher gleich Deutscher und Slawe gleich Slawe ist. Es gibt in jeder Rasse Gute und Schlechte.“ Wenn die Verantwortlichen für die Wirtschaftsnot gesucht würden oder für destruktive Tendenzen im Kulturleben, dann müsse das mit anderen Methoden geschehen, differenziert und auf keinen Fall mit kollektiver Verurteilung. Das sollte geschehen „im Namen der christlichen Gerechtigkeit. Auch in einer anderen sittlichen Haltung.“

Gegen die Kollektivschuld der jüdischen Rasse und die Hybris der germanischen

Im Hinblick auf die antisemitische Haltung der Hitler-Regierung im allgemeinen und dem Boykott gegen die jüdischen Geschäfte im besonderen urteilt Pfarrer Eckert: „Hier geschieht deutsches Unrecht. Und Unrecht trifft auf die Dauer immer den schwerer, der es tut, als den, der es leidet.“

Zum Schluss seines Beitrags geht der katholische Geistliche auf die sogenannte „deutsche Nachkriegsnot“ ein, womit Inflation, Wirtschaftskrise und die Bedrückungen aus dem Versailler Vertrags gemeint waren. Auch wenn „jüdische Moral“ daran beteiligt wäre, könnten Schuld und Verhältnisse „weder von der jüdischen Rasse aus definiert, noch einfach von der germanischen Rasse her überwunden werden. Hier liegt vielmehr primär eine Aufgabe der christlichen Ethik. Und mir scheint, daß diese Aufgabe weiter reicht als nur bis zu den Juden.“

Katholische Rhein-Main-Klerus-Front gegen die Nazis

Diese öffentliche Kritik am nationalsozialistischen Rassismus vom Standpunkt christlicher Ethik war kein einmaliges Auftreten des klarsichtigen Priesters. 1934 gründete der engagierte Frankfurter Pfarrer die „Rhein-Main-Klerus-Front“, um mit anderen Frankfurter Geistlichen das Vorgehen gegenüber den Nazis abzusprechen. An 9. November 1935 verweigerte Eckert und andere Pfarrer die von den Nationalsozialisten geforderte Beflaggung der Pfarrkirche anlässlich der Überführung des „Gefallenen der Bewegung“ beim Hitlerputsch. Daraufhin wurde er vors Gericht gezerrt und bis 1937 ohne Urteil in Haft gehalten.

Die öffentliche Kritik am rassistischen Programm der Nazis durch den katholischen Stadtpfarrer Anfang April 1933 war auch noch in anderer Hinsicht bemerkenswert: Nur einen Monat später hielt ein protestantischer Geistlicher, der Pfarrer der Dreifaltigkeitsgemeinde und ehrenamtliche Hochschulpfarrer Otto Fricke die „Feuerrede“ zur Bücherverbrennung auf dem Römerberg. Das Mitglied der ‚Deutschen Christen’ und vom Nationalsozialismus Begeisterte hetzte mit einer flammenden Rassismus-Rede gegen „undeutsche“ Bücher und ihre Schreiber. Fricke wechselte allerdings ein Jahr später zur ‚Bekennenden Kirche’.

Der später zum Geistlichen Rat ernannte Alois Eckert hatte von 1950-1965 das Amt des Stadtpfarrers von Frankfurt inne.