( 11.10.2016)

Krasse Fehlbeschreibung politischer Verhältnisse: die tumben Hinterwäldler aus dem Westerwald - Buchbesprechung (3)

Ein  weiterer Schwerpunkt des Buches ‚Armut ist ein brennend Hemd’ von Annegret Held bildet der Komplex 48er Revolution auf dem Lande. Darin stellt die Autorin alle Vorurteile über die Landbevölkerung zusammen, die damals von Seiten eingebildeter Städter im Umlauf waren. Die Westerwälder Männer beschreibt sie als desinteressiert am Weltgeschehen und allem Neuen dickköpfig abgeneigt  – so z. B. bei der Einführung von Obstwiesen in den Dörfern. Der Herzog hätte mit Gendarmen jedes Dorf zum Obstanbau zwingen müssen.  In Wirklichkeit betrieben die Schullehrer mit großem Eifer Ortsbaumschulen. Sie führten die Schüler in die Baumpflege ein. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts war für Westerwälder der Gartenobstanbau eine Selbstverständlichkeit. Das hätte Frau Held in den örtlichen Schulchroniken nachlesen können.  

Weiterhin stellt die Romanautorin ihre Vorfahren als dumm und hinterwäldlerisch hin, wenn sie behauptet: Die Westerwälder hätten die herzoglichen Edikte, selbst wenn sie sie gelesen hätten, sowieso nicht begriffen.

Nach dieser Einführung war nichts anderes zu erwarten, als dass die Dörfler im Romanort Scholmerbach auch nicht die berühmten ‚Neun Forderungen der Nassauer’ verstanden hätten. Die waren auf der Versammlung der 30.000 am 3. März 1848 an den Herzog gestellt worden. Auch aus den Westerwaldorten zogen damals junge Männer in die Landeshauptstadt und waren bei der Revolutionsversammlung  vor dem Wiesbadener Stadtschloss anwesend. Sie brachten die Ideen und nassauischen Revolutionsforderungen in die Dörfer zurück.

Im Roman werden zwei Wiesbaden-Rückkehrer als Voll-Pfosten hingestellt. Sie hätten bei ihrer Ankunft in Scholmerbach immerzu nur  „Freiheit!“ geschrieen. Dann hätten sie als erste Freiheitstat den Gemeindeochsen von der Kette losgebunden. Die Botschaft dieser erfundenen Anekdote ist wohl, dass die Westerwälder selbst politisch-dumme Hornochsen wären.

Auch den anderen Dörflern spricht die Autorin politischen Verstand ab. Sie wären aus den Forderungen des mitgebrachten Flugblatts nicht klug geworden. Denn die würde ein normaler Mensch nicht verstehen  können – etwa: Sofortige Einberufung eines deutschen Parlaments!. Ein Scholmerbacher hätte das so kommentiert: Beim Parlament müsste man sich überlegen, wieviel Kavallerie und Artillerie da niekommt.

Die ‚Neun Forderungen der Nassauer’ bekräftigten zum einen die Grundrechte wie Presse-, Vereinigungs- und Religionsfreiheit. Zum andern standen landespolitischen Reformen auf der Agenda. Schließlich forderte man, dass ein gesamtdeutsches Parlament die damalige Kleinstaaterei in einen freiheitlichen Nationalstaat überführen sollte.

Diese letztere Forderung sollte das beherrschende Thema im Jahre 1848 werden. Auch im Westerwald bestand daran lebhaftes Interesse, was die Autorin unterschlägt. Am 24. April 1848 waren die Westerwälder Männer in Urwahlen  zur ersten Deutschen Nationalversammlung aufgerufen. Die Wahlmänner der Unterwesterwald-Wahlkreise wählten dann auf einer Versammlung in Montabaur als ihren Parlamentsvertreter Maximilian von Gagern, den Bruder des späteren Paulskirchenpräsidenten. Zum Beginn der Nationalversammlung am 18. Mai brannten Freudenfeuer auf den Berghöhen von Westerwald und Taunus, berichten Schulchronisten. Auch zu den Beratungen und Entscheidungen der Paulskirchenversammlung zeigte die Landbevölkerung Interesse, was sich an den zahlreichen Eingaben aus vielen Westerwaldorten ergibt. Die Berichte der  neue Tageszeitung „Nassauischer Zuschauer“ aus Hadamar über die Beratungen der Nationalversammlung wurden in allen Dörfern des Unterwesterwaldes bis nach Rennerod gelesen.

 

Die Westerwälder Frauen hatte die Autorin bis dato als lebensklug, schlagfertig und gelegentlich aufsässig gezeichnet. Doch angesichts der 48er Revolution werden sie so beschrieben, als wenn sie ihren gesunden Verstand verloren hätten: Unter Pressfreiheit hätte die Scholmerbacher Rosa die Freiheit von Steuerpressung verstanden. Eine andere sinnierte: Eysch hat gedacht, dey hätten Fressfreiheit gesagt, die bräuchten mir.

Auch die Protagonistin Finchen, der früher eine kritische Skepsis gegenüber dem Gottesglauben bescheinigt wurde, wird in eine bigotte Fürstenverehrerin verwandelt: Sie hätte angefangen, das Bildnis des Herzogs Adolph anzubeten. Ihr politisches Verhältnis zur Obrigkeit reduziert die Romanautorin auf eine ästhetische Bewunderung der männlichen Attribute des Landesvaters: …dass der Herzog so schön aussah mit den roten Backen und dem stranatzen Schnurrbart.

Die Autorin stellt die Westerwälder als tumbe Hinterwäldler hin. Bei ihrer abfälligen Vorurteils-Perspektive bekommt sie gar nicht mit, wie intelligent und zielstrebig die Landleute damals die revolutionäre Dynamik beeinflussten: Eine oder zwei Wochen nach dem Revolutionstag in Wiesbaden setzten sie in fast allen Orten des Westerwaldes die herzoglichen Schultheißen ab. Frau Held schildert diesen Vorgang zwar auch, aber als einen Akt der unbedarften Gefühlsduselei: Schultheiß, dou hast ausgeschissen!!! Ausgeschissen!! -  schrieen alle Leute aufgeregt. Dat muss gefeiert werden. Prustend und johlend hätten sie den Aktenschrank des abgesetzten Schultheiß’ zu Paulinchens Hannes gebracht, weil den jeder gout leiden könnte: Hannes, dou machst jetzt den Bürgermeister. 

In Wirklichkeit war die flächendeckende Schultheißenabsetzung im Westerwald ein hochpolitischer Umsturzakt. Denn die auf Lebenszeit  eingesetzten Ortsaufseher waren – ähnlich wie die Amtsförster - nur dem Herzog verantwortlich und konnten sich daher wie Vögte aufführen. Als bürokratische Willkürherrschaft bezeichnete damals ein Zeitungsartikel die zentralistische Staatsverwaltung  von der Regierung über die Amtsverwalter bis zu den örtlichen Schultheißen. Mit deren Absetzung waren somit die unteren Vollzugsorgane der bürokratischen Beamten-Hierarchie gekappt. Das war ein Anschlag auf das herzogliche Herrschaftssystem.

Der nächste revolutionäre Schritt der Ortsbürger war die ordentliche und formale Wahl eines Bürgermeisters durch alle Männer der Gemeinde. Die Wahlversammlung fand gewöhnlich im größten Saal des Ortes statt - der Kirche. Diese politische Selbstorganisation der Landleute zur freien, gleichen und allgemeinen Wahl ist umso höher zu werten, als es solche Volksabstimmungen ihm Herzogtum Nassau vorher noch auf keiner Ebene gegeben hatte. Die Landleute wurden dadurch sogar zum Vorreiter für die Städter sowie des gesamten Herzogtums. Dort führte man erst sechs Wochen später Parlamentswahlen durch. Mit den selbstorganisierten Bürgermeisterwahlen im Westerwald begann somit die Demokratie in Nassau. Zugleich wurde mit der Ablösung der Schultheißenverfassung der Prozess der kommunalen Selbstverwaltung eingeleitet. Fortan bestimmte der gewählte Gemeinderat mit dem Bürgermeister an der Spitze allein über den Gemeindewald, etwa was an Baumeinschlägen, Holzverteilung und Waldfrüchtenutzung zu regeln war. Auch die Entscheidungen über Bauten, Straßen und Felder fällten die Gemeinden nun selbst.

Von all dem weiß Frau Held nichts zu berichten. Für diese Kenntnisse hätte sie nicht einmal zum Staatsarchiv nach Wiesbaden fahren brauchen. Denn die Informationen von den gewählten Bürgermeistern stehen seit 160 Jahren in den örtlichen Schulchroniken, die bis heute an den Grundschulen des Westerwaldes aufbewahrt werden.

Die Schulchronisten berichten auch, dass die Dörfler das leidige Problem des Wildfraßes auf den Feldern eigenständig lösten, indem sie schon im Frühjahr 1848 alle Hasen und Rehe abschossen. Nach  diesen Ereignissen und diversen Eingaben der Landgemeinden reagierte die neue Märzregierung in Wiesbaden mit der Erarbeitung eines neuen bürgerlichen Jagdgesetzes. Damit wurden die alten, feudalen Jagdvorrechte der Adligen abgelöst durch ein kommunales Jagdrecht – ein weiterer Erfolg der Revolution auf dem Lande: Die Gemeinde übt auf ihrer Gemarkung das Jagdrecht aus durch Verpachtung zum Wohle der Gemeinde-Casse. Auch bei diesem Thema traut die Autorin den Landleuten keine sinnvolle Handlungsstrategie zu,  sondern nur eine übermächtige Wut, aus der die Förster mit Steinen  beworfen und fortgejagd worden wären.

Angesichts der politisch intelligenten und zielstrebigen Aktionen der Wäller Leute zur demokratischen Selbstverwaltung in den damaligen nassauischen Dörfern läuft es auf eine Beleidigung der Westerwälder Männer und Frauen hinaus, wenn sie von der Autorin als gefühlsbesoffene Hinterwäldler ohne politischen Sinn und Verstand hingestellt werden. 

Wie bei den politischen Ereignissen so sollten auch die historisch-ökonomischen Rahmenbedingungen einigermaßen richtig dargestellt werden, wenn sie schon im Roman erwähnt werden. Auch zu diesen Themen - Leibeigenschaft, Zehntabgaben und Steuern - geht in Helds Buch ziemlich viel durcheinander: Die persönliche Leibeigenschaft wurde vom Fürstentum Nassau schon 1806 ersatzlos aufgehoben, nicht von Napoleon und auch nicht mit Ablöseleistungen.  Drei Jahre später verfügte die nassauische Regierung die Streichung aller 960 lokal-feudalen Sonderabgaben und Dienste an adlige Häuser und Gutshöfe. An deren Stelle setzte man eine einheitliche Einkommenssteuer. Für die kleinen Handwerker und Bauern in den Westerwalddörfern blieb der jährliche Steuerbetrag aber niedrig, meistens im Kreuzerbereich oder höchstens ein oder zwei Gulden jährlich. Von daher ist es reichlich überzogen, was die Autorin Finchen in den Mund legt: Dey tun uns ganz schön pressen mit der Steuer UND dem Zehnten dazu, dey Fresssäcke da oben!

Im Gegensatz zur Steuer betraf die Zehntabgabe weder den Staat, noch alle Ackerlandbesitzer, denn sie war eine privatrechtliche Hypothek auf etwa ein Drittel aller Grundstücke. Ein Großteil des verpachteten Domänenlandes war zehntpflichtig, da der Herzog sich 1803 die säkularisierten Kirchengüter unter den Nagel gerissen hatte. Im Sommer 1848 kursierten im Westerwald Petitionen zur Zehntablösung. Im Amt Rennerod unterzeichneten Bewohner aller Dörfer – also auch aus Pottum / Scholmerbach - eine Eingabe zur ersatzlosen Streichung der Zehntabgabe.

Bischof und Pfarrer unterstützten die 48 Revolution

Mehrfach legt die Autorin dem örtlichen Pfarrer Vinzenz die Predigtworte in den Mund, dass die Kirche den (protestantischen) Fürsten von Nassau als von Gott eingesetzt sehe und daher von den Gläubigen bedingungslosen Gehorsam gegenüber Herzog Adolph verlange. Der Pfarrer habe den 48er Aufruhr gegen die gottgewollte Ordnung verdammt. Das Gegenteil dürfte richtig sein:

Ähnlich wie gegenüber der Landbevölkerung übte die herzogliche Regierung eine bürokratische Willkürherrschaft über die katholische Kirche im Bistum Limburg aus. Der damalige Bischof Peter Joseph Blum hatte seit seinem Amtsantritt 1842 dem staatskirchlichen Regiment des Herzogs den Kampf angesagt. Er machte seine vielen Beschwerden auch den Landpfarrern publik. Die protestantisch dominierte herzogliche Regierung gängelte und bevormundete, schikanierte und zensierte die katholischen Geistlichen auf allen Ebenen, gewissermaßen in einer Vorstufe zu Bismarcks späterem Kulturkampf gegen die Kirche.

Der Bischof sah sich durch die Nassauer Märzforderungen nach voller verfassungsmäßiger Religionsfreiheit bestärkt. Auch die weiteren Grundrechtsforderungen nach Presse- und Koalitionsfreiheit sowie die Landes- und Nationalwahlen wurden von  Bischof und Domkapitel unterstützt - und genutzt: Im Sommer 1848 empfahlen sie den Pfarrern die Werbung für die neu gegründete Tageszeitung Nassauischer Zuschauer sowie die Gründung von Pius-, Elisabethen- und Lesevereinen in den Pfarrgemeinden. Das Domkapitel legte in einem Schreiben  vom 30. März den Bistumspfarrern nahe, die örtlichen Bürgerwehren  zu unterstützen. Die Einrichtung der selbstorganisierten Ordnungskräfte hatte in den Märzforderungen an erster Stelle gestanden. In manchen Dörfern wehte vom Kirchturm die schwarz-rot-goldene Fahne der nassauischen Revolution. 

Eine Romanschriftstellerin hat zwar die dichterische Freiheit, in fiktiven Szenen die üblichen Vorurteile gegenüber der Kirche und Landbevölkerung aufzuwärmen. Dann aber sollte sie nicht durchs Land touren mit dem Slogan, sie habe das Buch recherchenbasiert geschrieben.

Geschichtsschreibung des Alltags hat Martin Walser einmal historisierende Literatur genannt. Das gilt natürlich nur, wenn in den Erzählungen die wirkliche Geschichte dichterisch gestaltet wird. Das ist im vorliegenden Buch nicht der Fall. Als Vergleichsmaßstab könnte Edgar Reitz’ Erzählchronik „Heimat“ stehen. Darin ist das Hunsrückdorf „Schabbach“ ein literarischer Ort, in dem Region und Menschen einer bestimmten Zeit ‚verdichtet’ Gestalt annehmen. In Helds Buch dagegen hat man als Westerwälder vielfach das Gefühl, im falschen Film zu sitzen:

Da werden zu der Kartoffelkrise von 1845 irische Elends-Szenen beschworen, als wenn die Menschen hier Dreck gefressen hätten und wie die Fliegen gestorben wären. Zum Thema Handelskinder überträgt die Autorin das damals in der Region Wetterau verbreitete Anwerben von Hurdy-Gurdy-Mädchen einfach auf den Westerwald. Bei der Darstellung der Volksfrömmigkeit und Kirchenpraxis zeigen sich im Roman eklatante Vorurteils-Schemata sowie Projektionen aus der heutigen Zeit ins 19. Jahrhundert. Besonders krass ist die Fehl-Beschreibung bei der 48er Revolution, wenn die Westerwälder als tumbe Dörfler hingestellt werden, die nur gefühlsmäßig und ohne politischen Verstand agierten. Durch diesen abschätzigen Blick auf die Wäller Leute entgehen der Autorin (und den Lesern) die hochpolitischen Dimensionen und Konsequenzen der damaligen Revolution auf dem Lande. Der historische Roman von Frau Held ist in weiten Teilen nicht authentisch bezogen auf den Westerwald.      

Hubert Hecker