(23.8.2016)

Skandalgeschichten von Mädchenhändlern - Buchbesprechung (2)

Von den Dörfern des Westerwaldes aus zogen seit dem 2. Drittel des 19. Jahrhunderts Handelsleute in alle deutschen Länder und ins angrenzende Ausland. Das ist ein weiteres Schwerpunkt-Thema in dem historischen Roman von Annegret Held: „Armut ist ein brennend Hemd“.

Gleich im ersten Kapitel ihres Buches macht das Mädchen Fine, die Protagonistin des Romans, die Bekanntschaft mit einem reichen Handelsmann. Der hatte als armer Kiezen- oder Tragkorbträger aus dem Nachbarort die Landgängerei mit Westerwälder Geschirr begonnen. Inzwischen konnte er sich ein feines Pferdegespann leisten, mit dem er die salzglasierten Tonwaren an den Rhein und von dort weiter nach Holland zum Verkauf brachte. In Pottum / Scholmerbach, dem Handlungsort des Romans, nannte man ihn wegen seines zur Schau gestellten Reichtums den „Kiezenbaron“.

Westerwälder Handelsleute

Aus den Quellen ergibt sich, dass in einigen Orten des Westerwälder Kannebäckerlandes zeitweise ein Drittel der Bevölkerung im Geschirrhandel unterwegs war. 1834 gingen 800 Personen aus dem Amt Selters als Tonwarenhändler vorwiegend nach Holland. Aus dem benachbarten Amt Montabaur kamen noch mal 300 Landgänger hinzu. Auch aus den Dörfern des Unterwesterwaldes zogen damals Dutzende von Händlern über Land. Die Handelsleute brachten Wohlstand in die armen Dörfer. Vielfach gingen die Eheleute zusammen fort. Kleinkinder und Schulpflichtige wurden bei Verwandten oder Pflegefamilien untergebracht. Nach der Schulentlassung mit 14 Jahren wurden die Heranwachsenden auf die Handelstouren mitgenommen.

Im Roman wird es als eine schwere Entscheidung für die Handwerkerfamilie Fine und Konrad vermittelt, ihren zweitältesten Sohn Matthes dem Kiezenbaron mitzugeben auf den Handel nach England. Als er im November 1833 wieder nach Hause kam, brachte er seinen Eltern zehn Gulden mit. Im nächsten Frühjahr ging er wieder mit dem Kiezenbaron los, zugleich vertraute man den älteren Sohn Friedrich einem Wetterauer Händler mit Sensen und Dreschflegeln an.

Zehn Jahre später brachte der Spielmann August eine Drehleier von seiner Saison aus London mit. So eine Leier, erzählte er der erstaunten Dorfjugend, dey kann eine ganze Familie aus der Armetei ziehen. Eysch habe das selber gesehen. Mädchen haben gehippt und gedanzt und Drehleier gespielt. Wat haben dey in London ein Geld gemacht.

Fine und Konrad vertrauen schließlich ihr drittes Kind Bettchen einem Händler an. Für das Contract-Geld von 30 Gulden soll sie von März bis Oktober in London zu Diensten sein. Ein Jahr später sollen weitere Mädchen mit Bettchen in das Londoner Vergnügungsviertel gezogen sein. Dort wurden sie aufgetakelt und mussten jeden Abend bis spät in die Nacht hippen und danzen, die Drehleier spielen und sich von den Männern einiges gefallen lassen. In den folgenden Szenen des Romans wird die Eingewöhnung von Bettchen und ihrer Freundin Anna in die Vergnügungspraxis der Londoner Hafenbezirke beschrieben. Die Autorin schildert die Stimmung in den verrauchten und verruchten Tanz- und Trinkhallen. An deren Toren warb man mit: Dance with GERMAN HURDY GURDY GIRLS.

In einem Artikel der Nassauischen Neuen Presse vom 12. 10. 2015 wird die Autorin Annegret Held  mit den Worten zitiert: Die hübschen Töchter zu verkaufen, um das eigene Überleben zu sichern, sei damals lukrativ gewesen und nicht ungewöhnlich. Held verwies dazu auf ihre umfangreichen Recherchen.

Diese These ist für den Westerwald nicht zutreffend – jedenfalls bei kritischer Sichtung der Quellen. Um 1850 setzte ein Sensationsschriftsteller mit Namen Braun Geschichten in die Welt, nach denen deutsche Händler-Mädchen im Ausland vielfach in Zuhälterei und Prostitution verwickelt gewesen wären. Der Sozialforscher Johann Plenge ging um 1890 diesen Behauptungen nach, indem er Bürgermeister und ehemalige Handelskinder aus dem Westerwald befragte. Danach konnte er nur verschwindend wenige Einzelfälle von Prostitution eruieren – und die wären eher auf freiwilliger Basis oder gar von Seiten der Eltern initiiert worden. Ein eigentlicher Mädchenhandel ist aber nach Aussage aller zuverlässiger Auskunftspersonen (…) niemals vorhanden gewesen – so Johann Plenge.

Mädchenhändler in der Wetterau, nicht im Westerwald

Nicht im Westerwald, aber in der Wetterau im Großherzogtum Hessen-Darmstadt blühte um die Mitte des 19. Jahrhunderts der Menschenhandel mit jungen Mädchen. Das berichtete schon 1834 das Intelligenzblatt für Oberhessen, also der Region nördlich von Frankfurt: Die Wetterauer Fliegenwedelhändler hätten in England gemerkt, dass dort die frischen jungen Mädchen den Engländern besonders gefielen. Daraufhin zogen sie jährlich mit zahlreichen Mädchen in den reichen Inselstaat, wo sie gemeinen Wollüstlingen Preis gegeben wurden und als Gefallene mit geringem Lohne wieder zurückkamen.  Ein Ortspfarrer von Espa schilderte 1866 in seiner Erzählung Hurdy Gurdy die Ausweitung des Wetterauer Mädchenhandels bis nach Kalifornien und Australien. Auch die Ortschronik vom benachbarten Hochweisel führte aus, dass die von Geschäftemachern für drei Jahre engagierten Mädchen in den kalifornischen Goldgräberstädten in Tanzsalons mit Bordell-Hinterkammern singen und auch mit „adamitischen Tänzen“ aufwarten mussten.

Schon 1844 suchte die Nassauische Landesregierung ähnliche Tendenzen im Herzogtum im Keim zu ersticken. Insbesondere sollten Bewohner des Großherzogtums Hessen ausgewiesen  werden, wenn sie ledige Weibspersonen und Knaben anwerben wollten, um solche Jugendliche zu unerlaubtem Erwerb durch Betteln und unsittliche Lebensweise zu verleiten. Gleichwohl mag es vereinzelt vorgekommen sein, dass die Wetterauer Mädchenhändler bei ihrem Zug nach England auch einzelne Westerwälder Mädchen mitnahmen. Das könnte insbesondere in der Zeit um die 48er Revolution passiert sein, als die Erlasse der Landesregierung bei den örtlichen Bürgermeistern nicht mehr beachtet wurden. Unter diesen Gesichtspunkten dürfte der im Roman erwähnte Contract vom März 1849 zwischen dem Friedberger Mädchenhändler Peter Sänger und der Witwe Marga Müller über ihre Stieftochter Anna für den Westerwald eher eine Ausnahme oder gar ein Einzelfall gewesen sein.

In den Westerwalddörfern war sowieso schon Ende der 40er Jahre das Misstrauen gegen die fremden Händler aus der Wetterau gewachsen – so die Einschätzung von Johann Plenge. Nach der 48er Revolution dominierten weitgehend einheimische Händlersippen aus Westernohe, Irmtraut und Langendernbach den Landgänger-Handel. Plenge berichtet, dass um 1857 etwa 100 Handelsunternehmer aus den Dörfern der Ämter Hadamar und Rennerod  mit  250/300 vorwiegend Jungen auf den ehrbaren Handel gingen. Bei den erfahrenen Händlern erhielten die jungen Leute gewissermaßen eine Ausbildung, um nach einigen Jahren auf eigene Rechnung und Planung Handel zu betreiben. Diese Praxis wurde in den Westerwälder Händlerdörfern bis etwa 1900 beibehalten. Wenn man die Zahl von 1857 auf einen Zeitraum von fünfzig Jahren hochrechnet, dann dürften mehrere Tausend Jugendliche bei Wanderhändlern in die Lehre gegangen sein. Unter diesem Gesichtspunkt nehmen sich die wenigen ‚Drehleier-Mädchen’ als winzige Größe aus. Der Mädchenverkauf an zwielichtige Menschenhändler war alles andere als typisch oder gar verbreitet in der Region nördlich der Lahn. Jedenfalls hat die breite Auswalzung des Themas Mädchenhandel keine historische Basis für einen Westerwaldroman.

In Helds Roman und noch stärker bei der Bewerbung ihres Buches wird der Mädchenhandel im Westerwald dagegen als grassierend hingestellt. Die SWR-Buchvorstellung spricht von den Westerwälder Hurdy Gurdy Girls in den Spelunken und Bordellen Londons und dass viele der Westerwälder Kinder von dort nach Übersee gereist seien. Die links-fixierte taz hebt die angebliche Prostitution der Westerwälderinnen sogar in die Überschrift ihrer Buchbesprechung mit dem Titel: Armut, Schnaps und Prostitution. Die Schriftstellerin freut sich darüber wie bekloppt – und deutet damit wohl an, weshalb sie diesen untypischen Aspekt der Westerwälder Lebenswelt im 19. Jahrhundert so breit ausmalend in den Vordergrund stellt: Sex sells! Der Boom der historischen Romane von der Gattung „ Die Wanderhure“ hat es gezeigt.

In diesem Zusammenhang muss auch noch ein weiteres Legendenkonstrukt der Autorin kritisiert werden. Sie legt in ihrem Roman die These zugrunde, dass die Armut Westerwälder Familien dazu getrieben hätte, ihre Töchter den Menschenhändlern anzuvertrauen. Wie gezeigt, war jedoch das Phänomen des Mädchenhandels vor allem in der Wetterau verbreitet. Dieser fruchtbare Landstrich nördlich von Frankfurt galt aber damals als eine vergleichsweise reiche Region. Der materialistische Begründungszusammenhang Armut – Prostitution, auf den die marxistische taz natürlich anspringt, ist offensichtlich so nicht zutreffend.   

Im SWR-Film zieht Frau Held eine gedankliche Linie von den damaligen Handelskindern, die gelogen, betrogen und gestohlen und sich prostituiert hätten, zu den heutigen Migrantenmassen als Hungerflüchtlinge. Der Vergleich passt aber schon deshalb nicht, weil die saisonalen Wanderhändler des Westerwaldes eben nicht ihre Heimat verloren hatten wie die Kriegs- und Krisen-Flüchtlinge heute.  Bei ihrer Fokussierung auf den Mädchenhandel wäre es naheliegender, auf die deutsche Prostitutionsindustrie und ihre Sogkraft hinzuweisen. Die laschen deutschen Gesetze erlauben und ermöglichen es den modernen Menschenhändlern, Hunderttausende junge Frauen aus den post-kommunistischen Ländern wie Ukraine oder Bulgarien in den sexuellen Sklavendienst der Bordell-Bosse zu locken.

Hubert Hecker