Wir eben wollen katholisch bleiben!          (November 2010)

Eine Antwort an den Frankfurter Stadtdekan Johannes zu Eltz

Von Stadtrat a.D. und Stadtverordnetenvorsteher a.D. Bernhard Mihm

 

Frankfurts neuer Stadtdekan Johannes zu Eltz ist ein bemerkenswerter Mann. Vor Jahren trat er in Wiesbaden als tapferer Verteidiger des eucharistischen Herrn und damit der katholischen Überzeugung von der realen Präsenz des Gottmenschen Jesus Christus im Allerheiligsten Altarsakrament hervor.

Dafür schulden wir ihm auf Dauer Respekt und Dank. So herzlich dieser Dank ist, so herzhaft muss der Einspruch sein, den seine Aussagen in einem zusammen mit der evangelischen Pröpstin Gabriele Scherle der F.A.Z. am 15.11.2010 gegeben Interview provozieren. Aus der Fülle des von ihm dort Gesagten greife ich drei Dicta auf.

Zur Ökumene heißt es: „Mein Langzeitprojekt ist die theologisch begründete Delegitimierung evangelischer Kirchlichkeit durch die Integration reformatorischer Elemente in die katholische Kirche. Zum Beispiel ist das „Priestertum aller Gläubigen“ so katholisch wie es evangelisch ist. (...) Die zentrale Gestalt der Kirche ist der Laie, der zum Gebrauch seiner Gaben gekommen ist, nicht der geweihte Priester, der ihm dabei behilflich sein soll. Zu meinen, bei uns würden die Hierarchen auf dem Schild durchs Dorf getragen, ist ein Missverständnis, das überwunden werden muss. (...) Mein Vorschlag, dass die katholische Kirche den Rahmen zur Verfügung stellt, damit Sie (die evangelische Gesprächspartnerin) in Ruhe protestantisch sein können.“ An dieser Stelle verdient Eltz insofern Dank , als er in deckungsfreier Offenheit ausspricht, was Sinn und Zweck all der Neuerungen ist, die man hierzulande unter (missbräuchlicher) Berufung auf das II. Vatikanische Konzil den Gläubigen zumutet: die Protestantisierung der Katholischen Kirche!

Bei Eltz wird brutalstmöglich begründet, was es mit der Abwertung des Priesterbildes auf sich hat, der Unterordnung des Pfarrers unter Räte und Seelsorgeteams, der Wucherung des Gremienkatholizismus, dem Hochjubeln laikaler „Seelsorgerinnen und Seelsorger“. Wenn der Frankfurter Stadtdekan weniger Zeilen nach der hier zitierten Stelleseiner evangelischen Partnerin sagt, „Ihre Kirche braucht die priesterlichen Dienste auch – in der Verwaltung der Sakramente und der Verkündigung des Wortes Gottes“, dann will er damit nicht etwa ein Defizit in den protestantischen Gemeinschaften hinweisen, dass sogar innerhalb des Protestantismus von den hochkirchlichen Gesinnten konstatiert worden ist, sondern setzt er den dort Ordinierten mit dem geweihten Priester gleich und ebnet allgemein ecclesiologisch essentielle Unterschiedlichkeiten ein.

Wir aber wollen katholisch bleiben!

Uns schmerzen nicht nur die Entleerungen, die evangelische Christen zu tragen haben, und wir sind glücklich über die Fülle der Heilsangebote in der katholischen Kirche.

 

Zur sinkenden Zahl der Gottesdienstbesucher weiß Eltz zu bemerken: „Dass meine Kirche Gläubigen nicht mehr mit Sündenstrafen droht, wenn sie ihrer Sonntagspflicht nicht nachkommen, ist ein Fortschritt. Wahr ist aber auch, dass die Eucharistie lebensnotwendig ist. Wer das erkannt hat, kommt freiwillig zum Gottesdienst. Hinter diese Freiwilligkeit können und wollen wir nicht zurück.“ Immerhin bekennt Eltz die fundamentale Wichtigkeit der sonntäglichen Meßfeier.  Er verleugnet aber die moralische Schlussfolgerung, die unsere Kirche nach wie vor daraus zieht: „Deshalb sind die Gläubigen verpflichtet, an den gebotenen  Feiertagen an der Eucharistiefeier teil zu nehmen, sofern sie nicht durch einen gewichtigen Grund (...) entschuldigt oder durch ihren Pfarrer dispensiert sind. Wer diese Pflicht absichtlich versäumt, begeht eine schwere Sünde“ (Katechismus der katholischen Kirche Nr. 2181). Das ist unverändert nahrhaftes katholisches Vollkornbrot und nicht jenes leicht kaubare, aber halt verfälschte Backwerk, das wir leider bei Eltz‘ Äußerung vorfinden.

 

Beim politischen Thema der Ausländerintegration angelandet, lässt sich der Stadtdekan wie folgt vernehmen:“ Ich möchte die Leitkultur nicht christlich attribuieren, weil eigentlich das Grundgesetz unsere Leitkultur hergibt.“ Eltz folgt damit einem in liberalistischen und linken Kreisen  verbreiteten Minimalismus, der meint ein gutes Zusammenleben von Menschen in der Vielfalt  seiner Erscheinungen könne zureichend durch eine Staatsverfassung gewährleistet werden. Einerseits wäre eine rechtsstaatlich- demokratische Verfassung damit überfordert, andererseits führte es direkt in den Totalitarismus, wollten Staat und Politik diese Aufgabe exclusiv für sich in Anspruch nehmen. „Kultur“ als Inbegriff aller Bedingungen für ein menschenwürdiges Zusammenleben- so hatte sie einmal der an der Hochschule St.  Georgen lehrende Jesuit Johannes Michael Hollenbach definiert- ist eben mehr als Staat und Politik! Sie umfasst mindestens auch jene von dem Staatsrechtler Ernst-Wolfgang Bockenförde herausgestellten Voraussetzungen, von denen ein Staat lebt, ohne sie selbst bestimmen oder schaffen zu können. Dazu gehören Ethik und Lebensart. Das alles zusammen ist „Leitkultur“. Bei allem Schwinden von Religiosität hierzulande, aber unter dem Bedenken der Figur des „anonymen Christen“ im Sinne von Karl Rahner, wie anders als „christlich“ könnte sie für Deutschland qualifiziert werden?

Eltz selbst sieht ja, dass der von ihm angeforderte Verfassungspatriotismus „schnell blutleer, wenn man den Beitrag des Christentums zur Verfassung leugnet“ und dass „die Wirksamkeit des Grundgesetzes von der Präsenz überzeugter Christen und des Glaubens in der Gesellschaft abhängig ist.“ Was also soll seine polemische Ablehnung einer „zusätzlichen christlichen Leitkultur, versehen mit einer aggressiven Zuspitzung gegen Muslime?“

Wo in dieser Stunde der Geschichte Aggressivität wirkt, beim Islam oder beim Christentum, ist jeder zweiten Nachrichtensendung zu entnehmen. Davor sollte auch ein katholischer Stadtdekan nicht den Kopf in den Sand stecken. Mit Aggressivität hätte es auch nichts, aber gar nichts zu tun, besänne er sich selbstbewusst auf das „auf’s Ganze gehende Selbstverständnis“ der katholischen Kirche, von dem er in verwandtem Kontext selbst spricht. Das bewahrte ihn als beauftragten Hirten ebenso wie die ihm anvertraute Herde vor dürrem Gras und giftigen Pflanzen auf der Weide Frankfurt am Main.