Gedanken zum Ende des alten Bundes nach dem Prozessbericht des                                             (12.8.2015)

Johannes 19, 6-13

In der Kirche wird die Frage des Endes bzw. des Weiterbestandes des alten Bundes mit dem Volk Israel  nach der Kreuzigung Christi heute in der Zeit des Pontifikates von Papst Franziskus kontrovers diskutiert.

In der Lehrtradition der Kirche heißt es  im Konzil von Florenz : " Die hochheilige römische Kirche ... glaubt , bekennt und lehrt stark , dass die Substanz des Alten Testaments, das mosaische Gesetz, das in Zeremonien aufgeteilt ist, heilige Riten, Opfer und Sakramente, die eingerichtet wurden, um auf etwas, was NOCH NICHT eingetreten war, zu zeigen (diese Bedeutung hatte es), auch wenn sie eigen waren für den Gottesdienst dieser Zeit, nach der Ankunft unseres Herrn, hat diese Funktion aufgehört und es erfolgte der Beginn der Sakramente des Neuen Testaments . " [5]
Dagegen schreibt Papst Franziskus im " Gaudii Evangelium » n. 247: " Ein ganz besonderer Blick wendet sich dem jüdischen Volk zu, dessen Bund mit Gott ja nie widerrufen wurde. "!!! (6)

Ein Hinweis zur möglichen Beantwortung der kontroversen Lehrdiskussion ist im Prozessbericht des Johannes zu finden.(2) Die Leidensberichte der Evangelisten sind sehr nüchtern geschrieben. Sie protokollieren das Geschehen eher, als sie  den Leidenden und die Zeichen seines Leidens beschreiben. Sie entsprechen formal dem römischen Kanzlei- und Protokollstil und dokumentieren das Geschehene. Sie überlassen aber die Beurteilung dem Leser. Dieses gilt insbesondere für den johanneischen Prozessbericht, aus dem  nachfolgend in Griechisch und Deutsch zitiert wird. (2)

Die Texte der Einheitsübersetzung wurden zum Teil vom Verfasser z.T. wörtlicher übersetzt.

 

13 Ὁ οὖν Πιλᾶτος ἀκούσας τῶν λόγων τούτων ἤγαγεν ἔξω τὸν Ἰησοῦν καὶ ἐκάθισεν ἐπὶ βήματος εἰς τόπον λεγόμενον Λιθόστρωτον, Ἑβραϊστὶ δὲ Γαββαθα.

13 Als Pilatus diese Worte hörte, ließ er Jesus hinausführen. Er selbst setzte sich auf den Richterstuhl, an die Stelle, die man "Steinpflaster" nannte, auf Hebräisch: "Gabbata"

14 ἦν δὲ παρασκευὴ τοῦ πάσχα, ὥρα ἦν ὡς ἕκτη. καὶ λέγει τοῖς Ἰουδαίοις, Ἴδε ὁ βασιλεὺς ὑμῶν.

 

14 Es war um die Mittagszeit, am Tag vor dem Passahfest, an dem alle mit Vorbereitungen beschäftigt waren. Er (Pilatus) sagte zu den Juden: "Seht das ist euer König!"

15 ἐκραύγασαν οὖν ἐκεῖνοι, Ἆρον ἆρον, σταύρωσον αὐτόν.

 λέγει αὐτοῖς ὁ Πιλᾶτος, Τὸν βασιλέα ὑμῶν σταυρώσω;

 ἀπεκρίθησαν οἱ ἀρχιερεῖς

, Οὐκ ἔχομεν βασιλέα εἰ μὴ Καίσαρα

15 "Weg mit ihm!", brüllten sie. "Ans Kreuz mit ihm!"

"Soll ich wirklich euren König kreuzigen lassen?", fragte Pilatus noch einmal.

Die Hohenpriester antworteten: "Wir haben keinen König, nur den Kaiser!"

 

16 τότε οὖν παρέδωκεν αὐτὸν αὐτοῖς ἵνα σταυρωθῇ

16 Da übergab er (Pilatus) ihn ihnen, zur Kreuzigung.

 

Die Antwort der Grundsatzfrage liegt in Johannes 19, 16. Dort heißt es: die Hohen Priester „riefen wir haben keinen König als den Kaiser.“  Diese Anerkennung des Kaisers als höchste Autorität durch die Hohen Priester  vor Pilatus muss unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet werden:

1.    Der offizielle Titel des Kaisers Tiberius war „filius divi Augusti“. Die Anerkennung dieses Titels war den Juden unmöglich, da sie dem Gebot Jahwe´s widersprochen hätte  „Du sollst keine Fremden Götter neben mir haben.“

2.    Daraus folgt: Die Hohen Priester erkannten mit der Aussage in Johannes 19, 16 auch die Divinifizierung der römischen Kaiser an. Bei diesen grundsätzlichen Überlegungen muss zusätzlich berücksichtigt werden, dass bereits der Name  „Augustus“  nicht ein Eigennahme, sondern ein Ehrennahme war und übersetzt  der Erhabene oder Anbetungswürdige bedeutet.(1)

3.    Konkret übergingen die Hohen Priester durch die Anerkennung des filius divi augusti das Gebot Jahwe´s „Du sollst keine Fremden Götter neben mir haben.“ und kündigten so den Bund mit Gott auf.

4.    Pilatus hatte nie gehofft diese höchste Anerkennung seines Herrn durch einen Juden zu erhalten. Deswegen steht auch im johanneischen Text „da gab Pilatus nach“. Pilatus sprach  nach dem Prozessbericht kein Urteil, sondern gab den Befehl zur Kreuzigung.  Der Tod Christi war ein Deal des Pilatus mit den Hohen Priestern. Beide erreichten ihr Ziel, Pilatus die volle Anerkennung des römischen Kaisers als weltliche und religiöse Autorität, und  die Hohen Priester die Ermordung Jesu Christi.

Die Tragik besteht darin, dass die Hohen Priester der Anerkennung des Sohnes des toten Gottes den gaben Vorzug vor der Anerkennung des Sohnes des lebendigen Gottes. Diese antithetische Beziehung hier Filius Dei und  dort Filius Divi . ist bereits aus der Antwort des Petrus in  Matth. 16,16 bekannt „Du bist Christus der Sohn des lebendigen Gottes“. Petrus betont eigens „Du bist der Sohn des lebendigen Gottes“, weil oben in unmittelbarer Nähe auf dem Berg in Cäsaräa Philippi der Sohn des toten Gottes verehrt wurde.  Es ist jene Stadt in  der Herodes  20 v. Chr. einen Tempel für den divinificierten Augustus und die Göttin Roma bauen ließ. Hier wurde auch dem  filius divi Augusti geopfert.(5)    

Nach diesen Überlegungen endete der alte Bund Gottes mit dem israelischen Volk durch die Anerkennung des römischen Kaisers als filius divi Augusti. Die Juden kündigten den Heilsweg des jüdischen Volkes mit Jahwe  einseitig durch die Hohen Priester auf. Der Tod Jesu am Kreuze eröffnete den neuen Heilsweg.

Quellen:

1.     Langenscheidts Taschenwörterbuch von H. Menge 1950 : augustus = hochheilig, ehrwürdig, erhaben, ehrfurchtsvoll

2.     Nestle – Alland: Das Neue Testament  Griechisch-Deutsch.

3.     Walter Bauer: Das Wörterbuch zum Neuen Testament 6. Aufl. de Gruyter

4.     Evangelii gaudium : Apostolisches Schreiben über die Verkündigung des Evangeliums in der Welt von heute ( 24. November 2013)

5.     Carsten Peter Tiede: Jesus und Tiberius zwei Söhne Gottes, Luchterhand 2004

6.     nullapossiamocontrolaverita.blogspot.it, Quelle: Radio Spada

 

Der Verfasser ist der Redaktion bekannt. Zuschriften bitte an: Katholikenkreis@gmx.de