Selbstverwirklichung als Selbstzweck der Jugendkirchen

Seit der Würzburger Synode in den Jahren 1971 bis 1975 will die kirchliche Jugendarbeit den Jugendlichen zur sogenannten Selbstverwirklichung verhelfen. Das sagt zum Beispiel das Synoden-Dokument „Ziele und Aufgaben kirchlicher Jugendarbeit“. Im Bistum Limburg wurde diese Theorie in den „Thesen zur Jugendarbeit“ aus dem Jahr 1999 fortgeschrieben und in den drei Jugendkirchen der Diözese verwirklicht.

Diese Jugendkirchen bezeichnen ihr verweltlichtes Eventprogramm als sogenannt niederschwellige Hinführung fernstehender Jugendlicher zur Kirche und zu den Gottesdiensten. Das findet vierzehntägig als Sitzkirche statt. Die Kniebänke wurden aus den Gotteshäusern entfernt.

Offenbar ist Selbstverwirklichung nur auf dem Sitzfleisch möglich. Kniebeugen deutet dagegen auf eine fremdbestimmte Demut, die sich unter die Gebote eines anderen stellt. Selbstverwirklichung glaubt dagegen, daß der Mensch nur seine von Natur aus guten Anlagen zur Entfaltung bringen muß, um gut zu sein. Deshalb kennt die Jugendkirche kein Sündenbekenntnis, keine Beichte und keine Bußübungen – wozu auch?

Auch die Anbetung Gottes wollen die Jugendkirchenmacher nicht, weil das nicht zur Selbstverwirklichung beiträgt. In einer fünfzigseitigen Zeitung zum Weltjugendtag in Köln erwähnte die diözesane Jugendabteilung in Limburg den Leitspruch des Jugendtages kein einziges mal. Er lautete: „Wir sind gekommen, um anzubeten!“

Man geht davon aus, daß die Feier der kirchlichen Liturgie dem Anspruch nach Selbstverwirklichung entgegenstrebt. Deshalb werden die Jugendgottesdienste zu einem erlebnispädagogischen Event mit mehr oder weniger gesellschaftlicher Relevanz umfunktioniert. Der Sitzkreis ist dafür die ideale Form. Er zeigt an, daß man sich nicht auf Gott hin orientiert, sondern um sich selbst kreist – zur Selbstverwirklichung.

Wie bei jeder Gruppenstunde müssen Thema, Lernziel, Medien und Methoden der Jugendgottesdienste gut vorbereitet sein. In der Regel will man einen sozial bedeutsamen Lerneffekt mit persönlicher Relevanz zur Selbstverwirklichung.

Die bisherige auf Gott hingeordnete Liturgie verkommt in den Jugendkirchen zu einer sozialpädagogischen Inszenierung mit Lernritualen: Eine fetzige Einleitung in der Motivationsphase, Themenansprache mit Medienpower, eine Mitmachphase zum Ausfüllen von Zetteln oder Partnerspielen, Vertiefung mit Texten, manchmal auch aus der Bibel. Das hält man für eine „jugendgemäße Form“ des liturgischen Wortgottesdienstteils.

Der Jugendgottesdienstleiter geht danach zum Altar und bittet die Anwesenden, eine Stehkreiskirche zu bilden.

In der Frankfurter Jugendkirche Jona gibt es drei Altäre. Der Hochaltar ist ein reines Dekorationsstück – eine museale Erinnerung an vergangene Zeiten. Auf dem Chorstufenabsatz steht der Volksaltar der 60er Jahre. Er ist für das Gemeindevolk von St. Bonifatius bestimmt- sofern es denn kommt. Für die Jugendlichen hat man hinten in der Kirche einen eigenen Altartisch errichtet – den Jungvolkaltar.

Natürlich verwendet der Jugendpfarrer für die Gebete seiner Messe selbsterfundene Texte. Der Grund: Den fremdsprachenversierten Jugendlichen sei die fremde Sprache der kirchlichen Texte nicht verständlich.

Die Jugendkirchen sind inzwischen zu zeitgeistigen Parallelgesellschaften im Rahmen der Konzilskirche geworden.

Das Ziel, fernstehende Jugendliche an die Kirche heranzuführen, erfüllen sie nicht: Die Jugendlichen werden weder an die katholische Liturgie noch an die Gemeinde herangeführt. Die Erfahrung lehrt: Spätestens beim Herauswachsen aus Jugendkultur und Jugendkirche bleiben die Jugendlichen weg.

Können die Bischöfe so ein teures und von der Kirche wegführendes Experiment nicht stoppen? Für die drei Limburger Jugendkirchen werden fünfzehn Hauptamtliche und gleichviel Sekretärinnen und Hilfskräfte bezahlt. Dieses Personal stellt inzwischen eine geballte Arbeitsplatzlobby dar, die sich gegen jede Beschneidung heftig wehren wird.

Außerdem verstehen sich die Jugendkirchen als Speerspitze der altliberalen Bewegung, welche die gesamte Kirche nach dem Muster von Milieukirchen ummodeln will.

Bisher haben viele Bischöfe ihren Jugendpfarrern und Jugendabteilungen einen fast unendlichen Freiraum gelassen und sie im Glauben gehalten, die Avantgarde der Kirche zu sein. Inzwischen wird es kein Oberhirte mehr wagen, die Jugendkirchen zur Raison zu rufen.