Bethlehem und die Liebe zum Menschen.

Eine Weihnachtskrippe am Frankfurter Hauptbahnhof (B-Ebene)                       (09.12.2013)

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Fragt man sich, welches Gleichnis Jesu am tiefsten in die Vorstellung und das Herz der Menschen eingedrungen ist, so könnte die Antwort lauten: das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter. Ob verbindlich oder unverbindlich, das ist eine andere Frage. Dieser weltbekannte, wenngleich namenlose Held der Nächstenliebe – eine Art Vorläufer aller Heiligen – berührt das Herz der Menschen heute nicht minder als in der Vergangenheit. Nicht angeschlagen, sondern zusammengeschlagen – halbtot – lag ein „Erbfeind“ im Graben. Damit bleibt das ebenfalls namenlose Opfer ein Sinnbild vieler Menschen, insbesondere der Dritten Welt.

 

Es mag sein, dass der Samariter und der „Graben -mensch“  nur wenige Worte miteinander gewechselt haben, war doch der schwer Verwundete wahrscheinlich kaum in der Lage, zu reden. Dem stillen Dialog der beiden tat das keinen Abbruch. Der Dialog bedarf nicht notwendigerweise der Worte – ähnlich wie die Liebe. Rettende, und selbstlose Liebe hat ihre eigene wortlose Sprache. Rettender und Geretteter sprachen beide die Sprache des Herzens: der Solidarität, der Nähe, der Menschlichkeit. Die Menschlichkeit lässt sich wohl nirgends besser mit Händen greifen als in der selbstlosen Hochherzigkeit.

 

Nirgends ereignet sich die Begegnung zweier Menschen tiefgründiger als in der Liebe.

Ob es größeren Edelmut gibt als in der das eigene Selbst vergessenden liebenden Hingabe?

 

Die heilige Elisabeth von Thüringen und die hl. Hedwig, ebenso Bruder Albert waren aus dem selben Holz geschnitzt wie der Samariter: aus dem Holz des Evangeliums. Den Kranken, Schwachen, Armen, Unbedeutenden und Namenlosen galt ihre Freundschaft. Die Obdachlosen, Benachteiligten, kleinen Leute ohne Rang und Namen waren ihnen ein Herzensanliegen – soweit sie vermochten, „entäußerten“ sie sich selbst. Was bedeutete da schon die „hohe Geburt“ und „edle Abstammung“? Oder auch Ruhm und Glorie der Kunst wie bei Bruder Albert, der vielleicht am glaubhaftesten „den franziskanischen Geist verkörperte“ (Konstanty Michalski) am Ende des 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts. Er gehörte zu denen, die verstehen, dass es nicht ohne weiteres möglich ist, leibliche Bedürfnisse von geistigen zu trennen, gibt es doch keinen Leib ohne Geist – und umgekehrt. Hat man es vordergründig mit dem menschlichen Leib zu tun – sei es heilend, sei es arbeitender weise oder in der Freizeit, beim Sport oder Spiel, sei es im Rahmen der Geschlechtlichkeit oder der Hygiene... niemals ist die personale Würde des Anderen zu vergessen. Auch die eigene nicht. Wirkliche Liebe ist niemals blind – für diese Würde, gleichgültig ob es um die Belange des Leibes oder die des Geistes geht. Daher umfängt sie stets den ganzen Menschen, in dessen Tiefe.

 

Liebe verschließt nicht die Augen für das menschliche Verlangen der Anderen nach Sinn und Leidüberwindung, nach Erfüllung und Unsterblichkeit, nach selbstloser Liebe – die erwartete, aber ebenso die zu schenkende; ferner nach schöpferischem elan vital und nach Hoffnung – unter der Sonne, aber auch jenseits des Todes, nach Seinsfülle und Gott. Für eine so geartete Liebe gilt nicht das traurige Wort einer polnischen Schriftstellerin: „Die Liebe wird nicht geliebt“.

 

Mit der Geburt Jesu in Bethlehem erfolgt auch die Geburtstunde der erneuten und vertieften Kultur der Nächsten – und Gottesliebe. Ebenso die Kultur des Dialogs. Ob der Barmherzige Samariter je Bethlehem gesehen hat, wissen wir nicht. Dass er aber dem geistigen Bethlehem entstammte, kann nicht bezweifelt werden.

 

Witold Broniewski