Verletzungen                           (10.10.2014)

Sunt lacrimae rerum et mentem mortalia tangut.

Es fließen Tränen über den Lauf der Dinge und Menschenlos rührt die Gemüter. Vergil: Aeneis 1. Buch.

Es ist noch nicht allzu lange her, da hätte man das, was heute in der Kirche  geschieht,  selbst in den schwärzesten Träumen nicht für möglich gehalten. Fastnachtsmessen, in denen die unblutige Vergegenwärtigung des Kreuzesopfers mit nickenden Narrenkappen begangen wird, offener Aufruhr gegen die gottgesetzten Grundlagen christlicher Moral und die hierarchische Gestalt der Kirche als des mystischen Leibes Christi: die Liste der Unsäglichkeiten, die wir erdulden müssen, lässt sich bekanntlich endlos verlängern. Doch in dieser Ruinenlandschaft, in der sich der angebliche ‚konziliare Aufbruch‘ als permanenter Abbruch und Auszug manifestiert, gibt es noch Ereignisse, die selbst heute noch den Kummer gewöhnten Beobachter der kirchlichen Szene erschrecken lassen.

Dazu gehört die beispiellose, unter dem bundesweiten Beifall der Medien veranstaltete Treibjagd gegen den aus dem Amt gedrängten „konservativen“, d.h. tief gläubigen Limburger Bischofs Franz-Peter Tebartz-van Elst, die mit dem Exodus des emeritierten Oberhirten nach Regensburg offenbar immer noch kein Ende gefunden hat. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ vom 9. September genierte sich nicht, die Umzugswagen abzulichten, die die Möbel des vertriebenen Bischofs aus Limburg abtransportierten, was man angesichts der Tatsache, dass gerade diese Zeitung ihren führenden Anteil an der monatelangen Enthüllungskampagne hatte, die freilich bar jeder Enthüllung blieb, nur als geschmacklose Ironie bezeichnen kann. Schlimmer noch ist, dass sich der Apostolische Administrator der Diözese, Weihbischof Manfred Grothe schon im Mai zu der wenig mitbrüderlichen Bemerkung veranlasst sah: „wir können ihn nicht einfach so vor die Tür setzen“, während sein Vertreter Generalvikar Wolfgang Rösch  noch unverhohlener darauf hinwies, dass man dem geschaßten Oberhirten  alsbald die Tür gewiesen hat: so als habe man es mit einem Verfemten oder mit einer ansteckenden Krankheit zu tun ! Tebartz-van Elst, so Rösch, wisse „um unsere klare Bitte, dass er seine Wohnung so schnell wie möglich verlassen möge“.

Um das Maß voll zu machen, hat man jetzt gar eine ‚Hotline‘ nach Limburg eingerichtet, über die sich „betroffene“ Kleriker und kirchliche Mitarbeiter aussprechen können. die in der Zeit, als Tebartz-van Elst Bischof war, angeblich „Verletzungen“ erfahren haben.  Immer, wenn unsere Basis-Katholiken, welche die Kirche vollends demokratisieren und die altbekannten Reizthemen durchsetzen wollen, auf Widerstand stoßen, reagieren sie mit ‚schmerzlicher Betroffenheit‘, ja ‚tief verletzt‘. Aber jetzt können sie sich jedenfalls über eine ‚Hotline‘ aussprechen: eine Einrichtung, die man bei der Treibjagd gegen die Bischöfe Dyba, Haas und Krenn  noch nicht gekannt hat, die ebenso entschieden und standfest gegen die Kirchenrebellen vorgegangen sind wie der unglückliche Bischof von Limburg.

Walter Hoeres