Jahresendzeitkitsch

Zur Förderung der adventlichen Stimmung empfiehlt die Limburger Kirchenzeitung „Der Sonntag“ ein „Kochbuch mit Lutherrezepten“. Von Hubert Hecker.

Die US-Werbeindustrie hat mit dem Weihnachtsmann eine
belanglose Ikone der Konsumwelt kreiert.

Seit etwa zehn Jahren machen auch die Deutschen mit. Sie hängen sich kitschige Weihnachtsmann-Plastikpuppen ans Haus, die an Dachrinnen hochkraxeln oder auf Seilleitern fensterln.

Sogar in katholischen Gegenden hat der Heilige Nikolaus angesichts des Eindringens der Konsumfigur ‘Weihnachtsmann’ kaum noch Chancen.

Die Entwicklung bleibt hier allerdings nicht stehen. Kirchenfeindliche Toleranz-Atheisten sind bereits dabei, die Namen der christlichen Feste auszumerzen.

In der englischen Stadt Oxford hat die Stadtverwaltung „Christmas“ bereits durch die Bezeichnung „Winter Light Festival“ ersetzt. Die atheistischen DDR-Behörden hatten schon früher für Engel und Nikoläuse den Begriff „Jahresendzeitfiguren“ dekretiert.

Dem blassen Zeitgeist-Christentum fehlt die Kraft, die Uminterpretierung von Advents- und Weihnachtszeit im öffentlichen Raum zu beeinflussen.

Nicht einmal gegen
blasphemische Verdrehungen von Advents- und Weihnachtssymbole vermag es sich noch aufzuraffen.

Die Kirche ist an diesem Zustand nicht unschuldig. Denn sie hat an der Auflösung des Christentums kräftig mitgearbeitet.

Von Kanzeln, Kirchenzeitungen und Katecheten hört man über die Bedeutung des Advents wenig.

Die Ankündigungen des Heilands durch die Propheten, der Ruf zur Umkehr, das hoffende Bangen des auserwählten Volkes auf den Messias, die Sehnsucht der Christen nach Erlösung aus der erbsündlichen Menschennatur – all das ist in der gegenwärtigen kirchlichen Verkündigung kaum ein Thema.

Man vergleiche dazu die Kraft der alten Kirchenlieder:

„Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt, darauf sie all ihr Hoffnung stellt? Hier leiden wir die größte Not, vor Augen steht der ew’ge Tod. Ach komm, führ uns mit starker Hand vom Elend zu dem Vaterland.“ – so der deutsche Jesuitendichter Friedrich von Spee (+1635).

Wie heruntergekommen die kirchliche Besinnung auf den Advent ist, zeigt ein Blick in den identen Mantelteil der Kirchenzeitungen von zehn nord- und ostdeutschen Bistümern.

Von der Adventsbotschaft sind noch einige harmlose Tipps zur Lebenshilfe übriggeblieben:

Die „ruhige Regelmäßigkeit“ – so ist der adventliche Hauptartikel überschrieben – „Meditation und geistige Entspannung verändern die Struktur des menschlichen Gehirns positiv.“

Ein „Kochbuch mit Lutherrezepten“ könnte ebenfalls zur adventlichen Stimmung beitragen – empfiehlt die Kirchenzeitung auf Seite 6.

Wer Probleme mit „Liebe, Sexualität und Schwangerschaft“ hat, wird neuerdings bei ‘Donum vitae’ online beraten – direkt unter dem Lutherkochbuch.

Den Hauptartikel des Limburger Teils der Kirchenzeitung über eine Fahrt von Jugendliche nach Taizé ist tiefsinnig überschrieben mit: „Einfach nur abschalten“.

Zu einer Ausstellung von Weihnachtskrippen im Frankfurter Kirchenladen heißt es: „Krippen sollen auch provozieren.“

Als Lesetipp wird „Luthers Leben in Wort und Bild“ empfohlen, darunter die Kolumne „Ein evangelischer Heiliger“ – aus einem Vortrag des evangelischen Ratsvorsitzenden „Bischof Wolfgang Huber“.

Nicht besser steht es um das Weihnachtsfest. Auch davon wissen katholische Schüler praktisch nichts.

Das Kind in der Krippe kennen sie gerade noch – aber ob sie wüßten, daß die flankierenden Figuren „Maria“ und „Joseph“ heißen – oder daß das Kind in der Krippe der Heiland, Herr und Erlöser ist?

Vor einigen Jahren wurde bei einer schulischen Vorführstunde eines Referendars in einer hessischen Stadt die Hirtengeschichte behandelt.

Dabei empfahl die Ausbildnerin, die Hirten beim Lerntransfer als damalige „Randgruppe“ auf heutige zu übertragen.

Die Weihnachtsgeschichte sollte somit als – billige – Hinführung zu Sozialarbeit gelesen werden.

Wenn dazu noch eine provokative Krippenausstellung oder die Jubiläums-Performance: „mariamaria – a tribute to our mother“ aus der Frankfurter Pfarrei ‘Mutter vom guten Rat’ kommt, ist der Brei fertig.

Er wird von einer Kirche angerührt, die an ihre eigene Botschaft selber nicht mehr recht glaubt und deshalb einstimmt in die geistliche Bedürfnislosigkeit der satten und dem Zorn Gottes ausgelieferten Welt der Reichen.