(30.5.2018)

Zum Programm der zukünftigen „Kirchenentwicklung“ im Bistum Limburg

Auf der Dezernentenkonferenz am 22. 8. 2017 hat Bischof Georg Bätzing sein Konzept von „Kirchenentwicklung“ im Bistum Limburg skizziert. Dieser neue „Basis-Prozess“ soll in nächster Zeit alle Ebenen und Institutionen der Diözese durchdringen. Dafür seien „kirchenbildende Prozesse“ notwendig, die „zum Wesen der Kirche“ gehörten und der Kirche  eine neue „Sozialgestalt“ gäben. Die alten Strukturen seien überholt und mitunter entleert, ergänzte der Bischof auf dem Don Bosco-Tag Ende Januar 2018. Deshalb brauche es eine resolute Zukunftsbewegung. „Der grundlegende Perspektivwechsel hin zum Menschen müsse sich in der Kirche vom Selbsterhalt zur Selbstlosigkeit vollziehen“ (Der Sonntag 11. 2. 2018).

Eine Kirchenrevolution oder doch nur Strukturreform mit neuen geistlichen Impulsen?

Wenn man diese Ausführungen hört, scheint uns eine Kirchenrevolution bevorzustehen. Dabei würde nicht nur die äußere Sozialgestalt der bisher vertrauten Kirche umgestülpt, sondern auch das kirchliche Selbstverständnis: Der Kirche bisher wird das Selbstbild vorgehalten, sich nur um den Selbsterhalt gekümmert zu haben. Dagegen müsse sich ein totaler „Kulturwandel“ zu einer selbstlosen Kirche vollziehen. Damit scheint eine Art kirchliche Kulturrevolution eingeläutet. Andererseits stellte der Bischof vor den Religionslehrern und Erzieherinnen auf dem Don Bosco-Tag fest, dass sich für die  sogenannten „Kirchorte Kita und Schule“ gar nichts ändern müsste. Er ermutigte die Pädagogen zum ‚Weiterso’ und riet zu mehr Gelassenheit in ihrem Tun.

Was soll denn nun gelten?

▪ Widersprüche und Verwirrung kommen unter anderem dadurch zustande, dass in dem neuen Strategiepapier für die bistumsweite Umstellung vom Pfarrei- oder Gemeindeprinzip auf großräumige Pastoraleinheiten die Begriffe „Kirchenentwicklung“ oder sogar „Kirchenbildung“ gebraucht werden. Im Fastenhirtenbrief des Bischofs vom März 2017 hieß es noch, „dass eine Strukturreform nicht mit Kirchenentwicklung verwechselt werden darf“. Das eine sei der „Rahmen“ oder die geänderte „Struktur als Voraussetzung“ für das andere: das Wachsen der „Kirche vor Ort“. Diese Unterscheidung zwischen  (äußeren) Rahmenbedingungen und der lebendigen Kirche ist substantiell.

Denn die von Jesus Christus gestiftete Kirche bleibt unter der Führung des Hl. Geistes auch bei dem Prozess zu den „Pfarreien neuen Typs“ mit sich identisch. Denn sie gründet sich auf Person Jesu Christi in Treue zu seiner Lehre. Aber es ändern sich Organisations- und Kommunikationsformen, Anforderungen an Mobilität und Partizipation, also soziologische Größen.

▪ Selbstverständlich sollen die  äußeren Strukturveränderungen geleitet und begleitet werden von geistlich-pastoralen Impulsen zur kirchlichen Dienstbarkeit. Doch damit wird der Kirche nichts Neues zugemutet oder ein Kulturwandel notwendig. Bisher schon gilt die ‚Diakonie’, also was als Dienste oder dienende Kirche bezeichnet und praktiziert wird, als eine tragende Säule der Kirche. Das soll auch in den neuen Großpfarreien so bleiben oder sogar intensiviert werden, indem man stärker nach den Bedürfnissen der Menschen fragt. In dem Bischofspapier  wird dagegen diese Selbstverständlichkeit als totale kirchliche Kehrtwende vom „Selbsterhalt zur Selbstlosigkeit“ ausgegeben.

Eine solche radikale altruistische Wende,  ausschließlich nur für andere dazusein, entspricht aber weder der christlichen Ethik (… den Nächsten lieben wie dich selbst) noch ist sie mit der katholischen Kirchenlehre vereinbar: Bei ihrem Wesenskern ist die Kirche auf Selbsterhalt sogar verpflichtet – etwa in ihrem Auftrag von Jesus Christus zur Heilssorge durch Verkündigung und Sakramentenspendung.

Missionarische Kirche oder Intensivierung von Katechese?

▪ Etwas anders als bei dem diakonischen Charakter der Kirche verhält es sich bei ihrem missionarischen Auftrag. In vielen kirchlichen Verlautbarungen wird gefordert, ‚missionarisch’ Kirche zu sein. Diesen Anspruch erhebt der Bischof nun zu einem „kirchenbildenden Prozess“. Die Gemeindechristen sollen sich fragen, wie sie „Menschen neu mit der Botschaft von Jesus Christus in Berührung bringen“ – so im Fastenhirtenbrief 2017. Im Strategiepapier wird der Bischof deutlicher mit der missionarischen Sendung, „Menschen von heute durch Verkündigung und Zeugnis auf den Weg zu Bekehrung und Glaube“ zu führen. Doch wie sollen die „Gemeindechristen“ Verkündigung betreiben, wenn bei ihnen der Grundwasserspiegel des christlichen Glaubenswissens ins Bodenlose gesunken ist, wie Bischof Algermissen kürzlich feststellte? Wie können „Getaufte und Gefirmte mit Menschen von heute über die Frohe Botschaft von Jesus Christus sprechen“ – so der Bischof im Fastenhirtenbrief 2018 -, wenn sie dafür nicht das Rüstzeug haben? Bevor solche Sendungsaufträge an die Christen gegeben werden, müsste die Glaubensbasis der Kerngemeinde gestärkt und vertieft werden, sonst wird auf Sand gebaut.

Ein besonders problematischer Bereich ist die Katechese für Heranwachsende. Seit dem Konzil gelingt es immer weniger, den katholisch getauften Kindern und Jugendlichen durch Familie, Gemeindekatechese und Religionsunterricht den Glauben nachhaltig zu vermitteln. Das wird in den Großpfarreien noch schwieriger werden. Wenn aber schon die innere Mission weitgehend scheitert, hat die missionarische Ausstrahlung erst recht wenig Chance.

Daher ist die innerkirchliche Reflexion dringend, warum die bisherige Gemeindekatechese bei jungen Katholiken nicht fruchtet oder beim Religionsunterricht einschließlich der Erstkatechese auch nach 13 Jahren „nichts hängen bleibt“, wie Bischof Bode vor einigen Jahren feststellte. Aus einer solchen selbstkritischen Analyse könnten vielleicht Kurskorrekturen und neue Formate für Katechese und Reli-Unterricht in den Großpfarreien hervorgehen. Beim Gelingen dieser Glaubensstärkung im Inneren wird die missionarische Wirkung nach außen folgen können.

Mit der Abwertung des Bisherigen auf eine eschatologische Wende hoffen?

▪ Mit großen Worten wird ein alter Hut neu aufgehübscht: Das Konzil hatte die vieldeutige Wendung ausgegeben, die „Zeichen der Zeit“ im Lichte des Evangeliums zu deuten. Im Bistum Limburg soll nun die „Grundhaltung“ der modernen Zeichendeutung einen „partizipativ angelegten Gesamtprozess zur Kirchenentwicklung auf allen Ebenen anstoßen“, zugleich „subsidiär und dezentral“. Der Ausdruck vom Deuten der Zeichen der Zeit hat sich als eine beliebig füllbare Worthülse erwiesen. Diese Wendung ist wegen ihrer wolkigen Vieldeutigkeit für die kirchliche Erneuerung vor Ort ziemlich unbrauchbar.

▪ Ein neues Wort wird mit „charismenorientiert“ eingeführt. Im Fastenhirtenbrief war das mit der Frage angedeutet: „Wo sind die Gaben, die Gottes belebender Geist uns schenkt?“ Im neuen Hirtenbrief heißt die entsprechende Formulierung: „Der Geist Gottes schenkt ja auch heute Begabungen, durch die Menschen zusammengeführt werden.“ Die offene Wahrnehmung für „spezifische Fähigkeiten“ in der Christengemeinde ist sicher wichtig. Aber wo sollen auf der Basis der vielfach angeführten „Taufwürde“ die Charismen wachsen, wenn bei den meisten Christen der Glaubensinhalt weitgehend verdunstet ist, wie Kardinal Woelki es in einer Predigt ausführte?

Ein Berliner Charismentheoretiker hat die Parole ausgegeben: Jede Gemeinde oder Gruppe getaufter Christen hat die geistlichen Gaben und Talente in ihren Reihen, die sie braucht. Wenn das zuträfe, könnte jede gruppenspezifische Kirchenentwicklung sich am Schopf ihrer eigenen Charismen ins Licht lebendiger Gemeindebildung hochziehen. 

▪ In den diversen Papieren zur neuen Kirchenbildung wird das bisherige Kirchenbild weitgehend negativ hingestellt - als „auf den zunehmenden Mangel“ starrend und „nur auf Abbruch fixiert“ – so der Bischof im jüngsten Hirtenwort. Von „überholten und entleerten Strukturen“ wird gesprochen. Wir sollten „ehrlich akzeptieren, dass vieles von dem, was wir gewohnt waren und was wir schätzen, zu Ende geht“. Als Drohung wirkt die Ankündigung von Domkapitular Günther Geis, wir müssten Altes und Vertrautes zurücklassen, was er als „Nostalgie und religiöse Folklore“ identifizierte (NNP 13. 9. 17).

Für das im Prozess der Großpfarreien vor uns Liegende werden dagegen Kaskaden von positiven Perspektiven zelebriert: Da „wächst etwas Neues“. Bei neuer Horizonterweiterung würde die ‚Kirche leben, sie würde wachsen, sich entwickeln und sich wandeln’. Mit dem Propheten Jesaia 43,14ff werden wir sogar auf eine eschatologische Wende eingestimmt: „Denkt nicht mehr an das, was früher war. Auf das Vergangene sollt ihr nicht mehr achten.“ Für die weitere Ausgestaltung der Großraumgemeinden wird dann sogar die messianische Wende in Anspruch genommen: „So spricht der Herr, euer Erlöser: ‚Seht her, nun mache ich etwas Neues’“.

Dieser religiöse Enthusiasmus für die große bevorstehenden Wende zu neuem Kirchenwachstum löst doch eher Skepsis aus, wenn man sich den kirchlichen Schrumpfungsprozess der letzten Jahre vor Augen führt. Nüchterne Bestandsaufnahme, realistische Zielbestimmungen und die eigentliche Arbeitsenergie in die Überlegungen zu Mitteln und Wegen zu stecken  scheint sinnvoller zu sein.

An anderer Stelle werden ‚Visionen’ aufgezeigt, von den ‚Chancen des Neuanfangs’ gesprochen und andere Optimismen verbreitet. Es wird auf gelungene Experimente von Netzwerkgemeinden in Bolivien und Polynesien verwiesen. Sind diese Mutmacherparolen und fernen Beispiele wirklich hilfreich für die kirchlichen Veränderungsprozesse in unserem Bistum?

▪ Diese Dialektik von ‚neu versus alt’, der Austausch von Altem durch Neues ist ein Konstrukt vom grünen Schreibtisch und nicht realitätsgerecht. Dem Bisherigen wird Unrecht getan:
- Dass ‚Altes, Gewohntes, Geschätztes’ grundsätzlich wegfallen soll, ist weder einsichtig noch nachvollziehbar.
- Die pauschale Abwertung des Bisherigen als überholt, nicht mehr zeitgemäß, nostalgische Folklore, von daher überflüssig und hinderlich ist weder sensibel noch sinnvoll.
- Der vermittelte Eindruck, dass aus dem Abbruch oder Abschied von Altem neue Christlichkeit und Kirchlichkeit wachsen würde, wenn nur die ‚Offenheit’ und ‚Perspektive’ für das Neue da wäre, ist unglaubwürdig und nicht zielführend.

War die Kirchenentwicklung bis dato fehlgeleitet? Ist alles Bisherige in der Kirche abzuwerfender Ballast? Wird Neues wachsen einfach durch Perspektivwechsel?

Ein Bericht von der Basis setzt ganz andere Akzente – wie in der Märzbeilage des „Sonntags“ über die neue Großpfarrei Rheingau „Heilig Kreuz“. Die bisherigen Stärken und Besonderheiten der 13 Kirchorte werden nicht als überholt abgewertet, sondern als „lebendige Traditionen“ – so das Motto der Beilage – ausdrücklich geschätzt und gefördert: „Traditionen werden an vielen Orten gepflegt oder wiederbelebt.“ Als Beispiele werden genannt: Die Wiedererrichtung eines Missionskreuzes mit jährlichem Gottesdienst, die Auslegung von Blumenteppichen an Fronleichnamsaltären, die Neueinführung von ‚Tagen des Gebets’ in allen Kirchorten mit Wiederbelebung der Tradition des Umgangs beim Abschlussgottesdienst, die Wiedereinführung der Johannesweinsegnung u. a. 

Den programmatischen Erklärungen mangelt es dagegen an Ausgewogenheit zwischen lebendigen Traditionen und neuen Erfordernissen.

In der Eucharistiefeier die Mitte der Kirche finden …

▪ In der „Pfarrei neuen Typs“ mit einem ‚Erfahrungsnetzwerk der Kirchenentwicklung’ werden die Katholiken „ihre gemeinsame Mitte und Kraft in der Eucharistiefeier am Sonntag finden“. Im Fastenhirtenbrief 2017 appelliert der Bischof eindringlich an die christliche Basishaltung, die „Heilige Messe am Sonntag hochzuschätzen“. Denn mehr als durch alle Pläne und Aktivitäten würden wir „durch den Tod und die Auferstehung Jesu Christi zu seiner Kirche geformt und untereinander geeint“. Es ist zu ergänzen: Aus der Eucharistiefeier erwächst den mitbetenden Christen auch die Kraft und der Mut, ihre Sendung und Aufgabe in der Welt zu erfüllen. 

Wenn es also darum geht, die Ortskirche im Glauben zu festigen und „wachsen“ zu lassen (so der Titel des Bischofspapiers), dann ist die Eucharistiefeier die entscheidende Kraftquelle der „Kirchenbildung“. Gerade auch bei der Einrichtung neuer Strukturen müsste die Eucharistie im Mittelpunkt der Überlegungen stehen: Wie kann das geistlich-gläubige Verständnis für die hl. Messe bei den teilnehmenden Katholiken vertieft werden? (Vielleicht anknüpfend an die aktuelle Katechesenreihe von Papst Franziskus zur Eucharistiefeier) Was kann getan werden, um Kinder und Jugendliche sowie Fernstehende an die Messe als Herzstück und Kristallisationspunkt des Glaubens heranzuführen?

… denn die Kirche ist erbauet auf Jesus Christ allein

In dem neuen bischöflichen Strukturpapier zur Kirchenentwicklung sowie im Fastenhirtenbrief 2018 ist von dieser eucharistischen Kirchenmitte mit keinem Wort mehr die Rede. Dem Weisungstext fehlt damit die geistliche Mitte, das Fundament der Kirchenbildung, das nur Jesus Christus sein kann – entsprechend dem alt-neuen Kirchenlied: „Die Kirche ist erbauet auf Jesus Christ allein. Wenn sie auf ihn nur schauet, wird sie im Frieden sein. Herr, dich preisen wir, auf dich bauen wir. Lass fest auf diesem Grund uns steh’n zu aller Stund.“

Hubert Hecker