Ein sakraler Kirchenraum wird als Galerie und Milieukirche für moderne Kunst missbraucht        (17.06.2013)

Das Programm der Frankfurter KunstKulturKirche wirkt sich desorientierend auf Kirche und Katholiken aus

Eine Pfarreikirche als Schatzraum für sakrale Architektur und Ausstattung

Die Pfarrei ‚Allerheiligen’ ist eine von fünf Gemeinden in Pastoralen Raum Frankfurt Mitte. In der Allerheiligenkirche sind auch die spanischsprechende Katholiken beheimatet.
Das Kirchengebäude mit dem campanileartigen Turm wurde 1952 errichtet. Die Kirchenfront ist durchgehend mit braunen und gelben Kalksandsteinbändern gestaltet. Über den drei Eingangsportalen sind sieben Heilige in monumentalen Tiefenreliefs dargestellt:
Kaiser Heinrich II, Hildegard von Bingen, Bonifatius, die thronende Maria mit dem Jesuskind in der Mitte, Lubentius, Elisabeth von Thüringen und Georg mit dem Drachen.
Der Innenraum der parabelförmigen Kirche ist mit wenig Inventar ausgestattet, das Räumliche steht klar im Vordergrund. Die Grundrissform der Parabel ist eine behutsame Weiterentwicklung des traditionellen Langhausbaues mit Chor-Apsis. Im Brennpunkt der Parabel steht der Hochaltar, aus Lahn-Marmor gefertigt. Er ist erhöht und von vier schlanken Stahlbetonsäulen flankiert. Sie tragen eine sich nach oben öffnende Glas-Stahlbetonkuppel, die den Altar unmittelbar in einen Lichtkegel rückt. Mit dieser Konstruktion werden zwei altchristliche Symbol-Ideen aufgenommen: Der erhöhte Altar wird durch einen Baldachin hervorgehoben als Ort, an dem die Epiphanie Gottes geschieht. Mit dem Lichtkegel wird zugleich sinnfällig gemacht, dass Christus, das Licht der Welt, über das eucharistische Geschehen auf dem Altar immer wieder in die Finsternis der Welt hineinleuchtet.

An Ausstattungen ist das Kreuz über dem Altar zu erwähnen, eine kunsthandwerkliche Arbeit eines Frankfurter Goldschmiedes. Der silberne Tabernakel – inzwischen zur Seite gerückt – zeigt die Abendmahlsszene. Die Schutzmantel-Madonna mit ausgebreiteten Händen stammt von einer Frankfurter Künstlerin. Auf der Westseite befindet sich durch ein Gitterwerk getrennt die Seiten- bzw. Werktagskapelle mit dem Nebenaltar. Über diesem hängt ein Altarbild: die Pieta inmitten von Heiligen, 1947 von Georg Poppe geschaffen. Der Auftraggeber,  Pfr. Kirchgässner, interpretierte die Skulptur so:

In der Pieta liegt ein Bezug zum Messopfer vor und  Maria ist ein „Typus ecclesiae“. Die Heiligengruppe ist ein  Hinweis auf die Kirche als Gemeinschaft der Heiligen. Vier männliche und vier weibliche Gestalten sind durch die vier Lebensalter vertreten, vier Märtyrer und vier Professoren, jede Gestalt trägt ein Symbol in den Händen. Das Brot weist auf die Caritas, der Bischofsstab auf das Hirtenamt, [...] die Fahne auf den Kampf, den jeder Christ bestehen muss, das Lamm auf das wehrlose Dulden. Außerdem sah Pfr. Kirchgässner  einen besonderen Bezug zur damaligen  Notzeit, die Pfarrei und Katholiken durchlebt hatten: Michael, der Engel der Deutschen, der Schutzengel der heiligen Kirche,  Hedwig, die Polin und Schlesierin, Landesmutter, Patronin der Flüchtlinge (weinend mit der Hand über den Augen), Georg, der Diözesanpatron….

Eine ‚Milieukirche’ mit hypermodernen Installationen

Seit einigen Jahren hat man die Pfarrkirche ‚Allerheiligen’ dazu auserwählt bzw. verdammt, eine „KunstKulturKirche“ in sich aufzunehmen. Wie das? Die Kirche war seit der Frühzeit immer schon eine Hauptträgerin von Kunst und Kultur. Auch die Ausstattung der Allerheiligenkirche sowie die kirchliche Liturgie sind von Kunst und Kultur geprägt – wie oben dargestellt, aber eine Kunst und Kultur, die die biblische Offenbarung und das göttliche Einwirken in die Welt sichtbar macht, die das Wirken Christi und sein Fortleben in der Kirche zum Thema hat, die den Gläubigen sinnfällig Orientierung gibt auf dem Weg zum Heil.

Was aber hier einer traditionellen Pfarrei und ihren Kirchgängern aufgedrückt wird, ist das glatte Gegenteil einer christlich inspirierten und inspirierenden Kunst und Kultur. In diese sogenannte „Milieukirche“ werden hypermoderne Werkinstallationen und atonale Klangformationen eingebracht, die nicht nur vom klassischen Kunst- und Kulturempfinden her umstritten sind, sondern auch der christlichen Botschaft und ihren gewachsenen Ausdrucksformen ins Gesicht schlagen – z. B. die „Rauminstallation Bling Bling“, bei der eine „blühende Dornenhecke aus Stacheldraht und dem Stoff deutscher Polizeiuniformen“ um eine der Altarsäulen gewunden wurden (Mai bis Juli 2012). Im April hatten in zweieinhalb Stunden „a:tonale Texte und Töne“ die Ohren der Zuhörer traktiert. Im August gab es für 10 Euro Eintritt in der Kirche eine „Soloperformance“ mit dem Thema: „into the wild“.


Installation Bling Bling: Stacheldraht und Polizei

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Stacheldraht um eine Altarsäule gewunden


Widersprüche und Gegensätze - unaufhebbar

Das Projekt der KunstKulturKirche steht in vielfachen Widersprüchen zum pfarrlichen, personellen und sakralen Kontext seines Implantationsortes:
• Der sakrale Liturgie- und Kirchenraum wird als Galerieort für weltliche Kunstausstellungen missbraucht.
• Die hypermodernen Installationen haben weder Bezug zur christlichen Kunst- und Kultur-Tradition allgemein noch zur Architektur und Kunstausstattung der Allerheiligenkirche im Besonderen.
• Modernistische und a-tonalen Klang-Experimente bilden einen krassen Bruch gegenüber der christlich-abendländischen Musiktradition und werden auf der Klassik-Folie bzw. von normalen Zeitgenossen eher als dissonante Kakophonie erfahren.
• Die spanisch- und deutschsprechenden Gottesdienstbesucher werden im Kirchenraum ständig mit wechselnden Installationen konfrontiert, die nicht zu dem Gottesdienstraum, der Liturgie, der biblischen Verkündigung und der katholischen Lehre passen und somit nicht einmal im Ansatz den Glauben der Katholiken unterstützen oder fördern.
• Die meisten Messbesucher werden die gestelzten Ausstellungswerke nicht einmal in ihrem säkularen Eigensinn verstehen, erst recht nicht einen Bezug zu Glaube und Kirche herstellen können.
• Insbesondere beim Vollzug der hl. Messe wird die Kunstverunstaltung des Altarraums z. B.  mit Stacheldrahtverhau und Uniformfetzen als Provokation und Widerspruch zu der Epiphanie von Christi Erlösungsopfer auf dem Altar  empfunden.
• Die – gemessen an der Zahl der Frankfurter Katholiken – kleine soziologische Milieugruppe der an dieser Kunst Interessierten, die zur Ausstellungseröffnung, Führungen und Vorträgen kommen, haben wenig oder nichts  mit der Pfarrei und den Pfarr-Katholiken zu tun.
• Die ausstellungsbegleitenden  Führungen und Vorträgen zeigen, dass die Werkinstallationen eher auf ein Bildungsprogramm für die angesprochenen Milieukatholiken zielen – z. B. zu ‚Bling Bling’: „Dekonstruktion von Herrschaftssymbolen – ein Akt der Humanität“.
• Warum werden solche säkular-politische Objekte wie Stacheldrahtverhau mit Polizeiuniform-Stofffetzen nicht im Pfarrsaal ausgestellt, wo man dann auch gelehrt über die Dekonstruktion – zu Deutsch: ‚Abbau’ - von z. B. Stacheldrahtrollen auf Mauerkronen von Polizeigefängnissen  als Humanitätsakt streiten kann?
• Warum um alles in der Welt wird ein geweihter Sakralraum, der für Gottesdienst und Liturgie gedacht, geformt und ausgestattet ist, als Experimentierfeld, Kunstforum und Galerieraum für weitgehend säkulare Projekte missbraucht?

Trash-Kunst-Agitatoren mit gesellschaftlich-politischer Relevanz

Von den bisherigen sieben Werkinstallationen gehen zwei in Richtung politisch-gesellschaftliche Agitation. Neben dem beschriebenen Polizei-Stacheldraht-Projekt  verunstaltete gleich die erste Ausstellung in der Allerheiligenkirche im Sommer 2010 den Kirchenraum mit Trivial-Objekten, großformatigen Bettelplakaten in Chinesisch, Deutsch und anderen Sprachen. Eine Obdachlosenpuppe lag schlafend an der Kirchenwand. Damit wurde wieder mal die 68er Randgruppen-Strategie in Szene gesetzt, mit der in diffusen Vorwürfen gegen die bürgerliche Gesellschaft Stimmung gemacht wurde. Die Trash-Kunst-Agitatoren können sich dabei in der Aura des Gutmenschentums sonnen und zugleich mit solchen „gesellschaftlich relevanten“ Müll-Ausstellungen gutes Geld verdienen, wenn – wie die Künstlerwita ausweist - der angebliche Künstlers Albrecht Wild seine Objekte schon in 20 Galerien ausstellte und mit einer Handvoll Preisen beklatscht wurde. Aber warum muss mit so einer politisch-gesellschaftliche Agitationsinstallation ein sakraler Kirchenraum verunstaltet werden, indem man ihn zur Bühne für Trash-Kunst umfunktioniert?

Kirchenbühne frei – auch für sinnfreie Kunst – l’art pour l’art

Vier weitere Kirchenraumprojekte waren ohne gesellschaftlichen und kirchlichen Bezug, also l’art pour l’art. Davon waren zwei Installationen Material- und Raumkonstrukte – wie die Ausstellung „sternmorgenstern: and from the distance“ vom Herbst 2012. Bei dieser Art von Gitterkonstrukt soll „eine wandelbare Konstruktion durch konstruktive Muster und Strukturen zu neuer Raumbildung animiert“ – so die Erklärung des sinnfreien Projektes.
Bei der Rauminstallation "the light within" vom Winter 2011/2012 wurden 12 bis 18 Meter lange Glasgewebebahnen in der Allerheiligenkirche verspannt. In der Einführung heißt es: „Das einfallende Licht der Kuppel wird durch das Material reflektiert. Die unterschiedlichen Lichtstimmungen des Tages bestimmen die Atmosphäre im Raum.“
Man erinnere sich: Der Kirchenbau-Architekt hatte über der erhöhten Altarinsel eine Baldachin-Lichtkuppel eingebracht. Mit der Lichtkegelwirkung auf den Altar sollte sinnfällig gemacht werden, dass Christus, das Licht der Welt, über das eucharistische Geschehen auf dem Altar immer wieder in die Finsternis der Welt hineinleuchtet.
60 Jahre später wird von den Kunstkirchenmachern diese religiös-liturgische Funktion der Altar-Lichtkuppel zu einem Raum- und Stimmungseffekt umfunktioniert – eben l’art pour l’art. Der sakral bestimmte und gestimmte Kirchenraum wird zu einem Experimentierstudio oder einer Großgalerie. 


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Glasfaserbahnen: ‚the light within

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Gitterkonstruktion: ‚and from the distance’

 


Kreuze und Heiligenstatuen stören moderne Künstler. Deshalb werden sie verdeckt.

Zwei weitere Ausstellungsobjekte waren graphischer bzw. fotographischer Natur. Im Frühjahr 2011 wurden drei fotografische Installationen aufgebaut: lost and found (I), über Evas Universum (II) und Fischkästen (III). „Allen drei Werkgruppen ist gemein, dass sie das, was sie sehen, als Ergebnis eines Zudeckens mit Licht präsentieren. Teil der Ausstellungskonzeption ist auch die Verhüllung aller sonstigen Ausstattungsstücke in dem liturgisch genutzten Raum der kath. Pfarrkirche Allerheiligen. Es entsteht so ein monochromer Raum, der den Rahmen für die sehr reduzierte Ästhetik der Bilder von Jürgen Wittke bietet“ – so der Ausstellungsbeitext. Auch hier bleibt die Installation innerhalb ästhetischer Darstellungs- und Sehperspektiven, also l’art pour l’art, ohne irgendeinen Bezug zum liturgischen Kirchenraumkontext. In diesem Fall wird sogar die sakrale Kirchenraumausstattung als störend für die Kunstinstallation angesehen und deshalb abgedeckt. Es ist eine Unverschämtheit und Irreführung der Katholiken, wenn die Frankfurter Kunstkirchenmacher dieses Ausblenden der kunststörenden sakralen Kirchenausstattung mit der liturgischen Verhüllung von Kreuzen in der Fastenzeit bis Karfreitag vergleicht und sogar identifiziert:
„Dies ist als ein Teil des „Fastens der Augen“ zu verstehen und steht in der Intention von „lost and found“, den Besucher der Kirche auf einen Mangel hinzuweisen und auf sich selbst, auf das, was beim Wahrnehmen geschieht, zurückzuwerfen.“

Auch die im  gezeigten Graphikobjekte: „Impressionen von seraphim im Raum“ bleiben in ästhetischen Kategorien stecken: „Das Werkmaterial der Kölner Künstlerin Christa Henn sind Röntgenbilder, die sie zu ausdruckstarken, teils überdimensional großen Formen zusammenführt und damit auf die Ausstrahlung der jeweiligen Räume reagiert. An der Stirnwand und den Seitenwänden der Kirche, hoch über den Köpfen der versammelten Gemeinde, vollzieht sich ein abwechslungsreiches Spiel von Hell und Dunkel, eine aus Fläche und Sammlung ergebende Dynamik, die konzentrierte Darstellung von Körperpartien im Gegensatz zu Flächen bloß farbigem Fotomaterials.“

Was um Gottes Willen haben großformatige Streifenbögen aus Röntgenbildern in einer Kirche zu suchen?


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Streifenbögen aus Röntgenbildern an der Kirchenwand


Das Ergebnis nach diesem Rundgang durch den kirchlichen Galerieraum ist: Ein sakraler Kirchenraum wird als Galerie für moderne Kunst missbraucht und damit seiner sakralen Identität und kirchlichen Sinnerfüllung beraubt.

Joachim Glatz ist Kunsthistoriker und als Landskonservator Rheinlandpfalz auch in der Generaldirektion Kulturelles Erbe tätig. In der Rubrik „Woran glauben Sie? Woran hängt Ihr Herz?“ antwortete Glatz der Limburger Kirchenzeitung ‚Der Sonntag’ vom 28. 4. 2013. Sein Beitrag kann als scharfe Kritik an der modernistisch missbrauchten Frankfurter Kunst-Milieukirche gelesen werden:

„Kirchliche Kunst und Architektur (…) sind wesentliche Teile des kulturellen Fundaments unserer Gesellschaft. Kirchen sind nicht nur Gotteshäuser, sondern auch Bezugs- und Identifikationspunkte, Erinnerungsorte geben Orientierung. (…) Kirchen sind wichtige Zeugnisse und Zeichen für Kontinuität, Tradition, also für ganz wesentliche Elemente christlichen Glaubens. Sakralräume geben mir deshalb in besonderer Weise immer wieder Kraft und Zuversicht.“