Mit Marketing-Methoden die Kirche modernistisch weichklopfen       (11.06.2013)

 

Die neue Sinus-Studie bestätigt nichts als die  medial verfestigten Vorurteile gegen die Kirche. Mit ihr soll Druck auf die Kirche ausgeübt werden für eine Anpassung der kirchlichen Glaubens- und Sittenlehre an den Zeitgeist.

 

Marktforschung im Dienste der Kirche?

Die Diözesanversammlung im Bistum Limburg beschäftigte sich auf ihrer letzten Sitzung im Mai mit den Resultaten der Sinus-Studie vom Frühjahr. Ziele und Methoden der sündhaft teuren Milieustudie wurden laut Bericht der Kirchenzeitung „Der Sonntag“ nicht problematisiert, die Ergebnisse völlig unkritisch akzeptiert.

Modell, Muster und Methode von Milieu-Untersuchungen stammen aus der Marktforschung. Im Auftrag von Industrie und Handel werden dabei die Lebenswelten und Einstellungen von sozial-kulturellen Großgruppen, eben die Milieus, detailliert durchforscht, um sie anschließend passgenau mit den entsprechenden Produkten zu beliefern. Neben den milieuorientierten Angeboten soll diese Durchleuchtung von Lebensweltgruppen auch eine zielgenaue und kundenkreisspezifische Warenwerbung nach Form und Ansprache ermöglichen.

 

Modernistische Marketing-Methoden für die Kirche?

Ist dieser Sozialforschungsansatz zur Steigerung von Warenverkaufseffizienz für die kirchliche Verkündigung geeignet? Man muss schon modernistische Tomaten auf den Augen haben, um in der Kirche einen marktanalogen Angebotsladen zu sehen, der mit solchen Marketing-Methoden aufzumöbeln wäre.

Die Kirche ist kein Verkaufskonzern. Ihre Verkündigung vom heilbringenden Gottessohn und seiner Erlösungsbotschaft ist nicht in Form von Produktangeboten und Werbesprüchen zu fassen. Die Kirche ist auch kein Verein, der zur Förderung der Mitgliederinteressen da ist. Ihr Lehr- und Verkündigungsauftrag ist der Kirche von Jesus Christus aufgegeben, die Lehrweisungen und sittlichen Regeln sind ihr von der biblischen Offenbarung vorgegeben. Von daher ist der Ansatz der Milieustudie für die Kirche konträr und destruktiv, wenn die kirchliche Verkündigung an die säkularen Wertvorstellungen, zeitgeistigen Bedürfnisse und die milieuorientierten Interessen angepasst werden soll.

 

Die Sinus-Studie macht Druck auf die kirchliche Glaubens- und Sittenlehre

Der Einwand, dass es bei den Folgerungen aus der Milieustudie doch nur um die bessere Korrelierung von Lebenserfahrungen und Zugängen einerseits sowie kirchlichen Ausdrucks- und Angebotsformen andererseits gehe, ist nicht zutreffend. Im Gegenteil. In der Sinus-Studie werden ständig Darstellungsform und Verkündigungsinhalt der Kirche vermischt. Als ein inhaltliches Ergebnis wird herausgestellt, dass die Kirche wesentliche Positionen ihrer Sitten- und Glaubenslehre ändern und anpassen müsse, um „im 21. Jahrhundert anzukommen“.

 

Orientierung am homo generalis

Bei der Behandlung des Themas in der Diözesanversammlung ergab sich laut Kirchenzeitung, dass dabei sogar die vielgepriesene Milieudiffernzierung nivelliert wurde. Was soll denn das für einen Erkenntniswert haben, wenn man sich bei den geforderten kirchlichen Innovationen am „modernen Menschen“ orientieren soll oder gar „am Menschen“ ganz allgemein?

Die  Präsidiumserklärung zum Tagungsthema ergießt sich ebenfalls in Allgemeinformulierungen wie „Zugänge zu unseren Mitmenschen finden“ oder „auf die Menschen zugehen“ sowie „unsere Botschaft nach außen tragen“.

In der Diözesanversammlung wurden so umwerfende Fragen gestellt wie: „Kann sich der moderne Mensch hier in unserer kirchlichen Immobilie (sic!) wohlfühlen?“ oder: „Sprechen die Schaukästen in dieser Aufmachung die Menschen überhaupt an?“

 

Der Gremienkatholizismus stochert im Nebel des Zeitgeistes

Schließlich korrespondiert die taglange Suche der 75 Synodalen nach allgemeinmenschlichen „Andockmöglichkeiten“ kirchlicher Selbstdarstellung mit den hochabstrakten Formeln, mit denen der deutsche Gremienkatholizismus seit Jahrzehnten im Nebel des Zeitgeistes herumstochert: Alle Glieder der Kirche müssten „die Zeichen der Zeit deuten“ sowie nach einem „gemeinsamen Weg suchen“, um den christlichen Heilsauftrag „entsprechend den Anforderungen unserer Zeit“ zu erfüllen. Mit dem Zusammenschnitt solchen papierenen Textbausteinen lässt sich der deutsche Sitz- und Tagungskatholizismus seit 40 Jahren gemächlich vom mainstream treiben.

Zurück zum Gehalt der Sinus-Studie: An sachlichen Ergebnissen bringt der neue Untersuchungsbericht über die Haltung der Katholiken zur Kirche und Glaubenslehre nichts, was nicht schon durch die Allensbach-Demoskopie bekannt wäre: Die Mehrzahl der kirchlich distanzierten Katholiken steht distanziert der Kirche und den katholischen Glaubens- und Sittenregeln gegenüber.

 

Ratschläger für kirchliche Weltanpassungsreformen

Neu ist allein die Aufbereitung der Daten zu griffigen Formeln, die von den Ratschlägern für kirchliche Weltanpassungsreformen  als Druckmittel gegen den glaubenstreuen Kern der katholischen Kirche instrumentalisiert werden.

Der Projektleiter der Studie, Georg Frericks, nannte es die „Haupterkenntnis (...), dass durch alle Milieus hindurch eine kritische Sicht auf die katholische Kirche vorherrschend ist und dass alle Milieus das Gefühl haben, dass die Kirche nicht in der Zeit heute angekommen ist“

Verdeckte Interessen für eine kirchliche Bedürfnisanstalt

Hinter solchen schwammigen Formulierungen wie „in der Zeit heute ankommen“ stehen verdeckte Interessen. Die Anpassungsreformer sehen in der Kirche eine offene Weltanschauungsgemeinschaft, in der die jeweils neuen Bedürfnisse und Lebensformen der pluralistischen Wünsch-Dir-was-Gesellschaft die Richtung angeben, in die sich die Kirche mit ihren Angeboten und Regelungen bewegen soll.

In der Sprache der Studie heißt das dann, dass die Kirche alle „Kirchenregeln und Dogmen“, die nicht „lebensdienlich“ wären, abschaffen – pardon: „anpassen“ sollte. Die Kirche müsste sich zu einer milieudifferenzierten und bedürfnisorientierten Dienstleistungsinstitution für je unterschiedliche Sinn- und Lebensentwürfe entwickeln.

 

Nicht die von Jesus Christus gestiftete und beauftragte Kirche

Thematisch seien sich die Mehrzahl der (kirchendistanzierten) Katholiken einig, dass die Kirche ihre Haltung zu Sexualität, Verhütungsmitteln, Abtreibung, Homosexualität, Ehescheidung, Zölibat und Frauenpriestertum ändern müsse, um wieder „lebensdienlich“ wirken zu können.

Es dürfte klar sein, dass die von Jesus Christus gestiftete und beauftragte sowie vom Hl. Geist geleitete Kirche, die auf der biblischen Basis die Christen auffordern, hinführen und begleiten soll auf dem schmalen Weg zum ewigen Leben, dieses Anpassungsparadigma nach den Wünschen der Welt und das Bedürfnisprogramm nach dem Belieben der kirchendistanzierten Christen strikt zurückweisen muss.

 

Widerspiegelung der kirchenfeindlichen Medien

Trotzdem enthält die Sinus-Studie einen gewissen Erkenntniswert, wenn man die Befragungsergebnisse als Widerspieglung der medialen Beeinflussung durch die kirchendistanzierte bis christenfeindliche Presse sieht.

Es ist auffallend, dass sich die befragten Katholiken quer durch alle Milieus an den Haltungen und Regeln stoßen, die von den Medien stereotyp als anstößige Haltungen und Regeln der Kirche aufgebauscht werden.

 

In ganz Hessen weniger kirchliche Missbrauchsfälle als an einer einzigen weltlichen Schule

Als Beispiel mögen die relativ wenigen Fälle von Missbrauch in der Kirche dienen. Kürzlich gaben die drei Diözesen in Hessen, also Mainz, Limburg und Fulda, bekannt, dass insgesamt 64 Anträge zur Entschädigung von kirchlichen Missbrauchfällen seit dem 2. Weltkrieg eingegangen sind und mit Geldzahlungen und Therapieangeboten berücksichtigt wurden. Diese Zahl macht den marginalen Anteil der Missbrauchsfälle im kirchlichen Bereich deutlich, insofern in den etwa tausend Kirchengemeinden in ganz Hessen genau die Hälfte der Missbrauchsfälle zur Entschädigung kommen, die an einer einzigen weltlichen Schule im Odenwald innerhalb von 20 Jahren zu beklagen war.

 

Mediale Vertuschung von Missbrauch in weltlichen Einrichtungen

Auch die angeblich „ungenügende Aufklärung“ der Missbrauchsfälle durch die Kirche - eine Vorgabe-Formulierung der Sinus-Studie - ist ein medial verfestigtes Vorurteilsmuster, das überdies die Verlogenheit der Massenmedien impliziert: In den Jahren nach 2000, als die Kirche mit neuen Richtlinien zur Missbrauchsaufklärung voranging, waren es die Massenmedien, die mit ihrem Schweigen zu dem seit 1999 bekannten Massenmissbrauch von Schülern der Odenwaldschule die Vertuschungsmechanismen aller weltlichen Beteiligungsgruppen deckte.

 

Trommelfeuer der Medien gegen die Kirche

Gegen die Kirche  erhob sich bekanntlich im ersten Halbjahr 2010 ein mediales Trommelfeuer von Aufbauschung, Verallgemeinerungen und Empörung über Missbräuche im kirchlichen Bereicht. Die Medienkampagne stand  in keinem Verhältnis zu der Zahl der tatsächlichen Missbrauchsfälle.

Das angezielte Ergebnis dieser journalistischen Kampagnenwelle zeigte sich bei einer Allensbach-Umfrage im Juni 2010, als 47 Prozent der Deutschen die grotesk falsche (Medien-) Ansicht vertrat, dass „Kindesmissbrauch unter katholischen Priestern weit verbreitet“ sei.

 

Die Medien verfestigen Vorurteile gegen die Kirche

Der antikirchliche Reflex-Journalismus, der jeden kirchlichen Mangel zu einer Tribunalisierung nutzt, wird auch auf dem Hintergrund erklärlich, dass mehr als drei Viertel aller Journalisten Präferenzen zur SPD und den Grünen haben -.

Verallgemeinernd kann man festhalten, dass die Sinus-Studie belegt, wie breit und tief die von den Massenmedien propagierten Vorurteile und antikirchliche Hetze sich in den Köpfen der Katholiken festgesetzt haben:
Nach einer Allensbach-Befragung von 2010 kritisierten 85 Prozent der Katholiken die kirchliche Lehre zur Empfängnisverhütung, 80 Prozent den Zölibat, 79 Prozent die Haltung der Kirche zur Sexualität, 68 Prozent den Umgang mit Homosexuellen in der Kirche.

 

Die Sinus-Studie hat die medial vermittelten Vorurteile abgerufen

Es sind also keineswegs originäre Ansichten und Bedürfnisse der Katholiken, die in den  Befragungsergebnisse der Sinus-Studie zum Ausdruck kommen. Sondern die Sinus-Befrager haben mit ihren Vorgabe-Formulierungen gezielt jene  Muster von Vorurteilen und Falschbewertungen abgerufen, die durch die Dauerbeschallung der Massenmedien in den Köpfen der Menschen verfestigt worden sind. (Nach einem solchen  Befragungsmuster würde man ebenfalls eine überwältigende Mehrheit für das historische Fehlurteil herauskitzeln können, dass angeblich Millionen Hexen im Mittelalter durch die Kirche verfolgt worden wären.)

 

Statt kirchenschädliche Studien medienkritische Projekte finanzieren!

Der Ansatz der Sinus-Studie ist also höchst kontraproduktiv für die Kirche und das entsprechende Geld zum Schaden der Kirche ausgegeben worden.

Statt die «massenmedial propagierten Phrasen und ohnehin vorhandenen Vorurteile zu verdoppelten», wie Pater Ockenfels in einer Stellungnahme festhielt, sollte das Geld für solche Studien besser für medienkritische Projekte ausgegeben werden – z. b. ein katholisches Internet-Portal, auf dem alle anti-kirchlichen Hetz- und Vorurteile der Medien gesammelt und widerlegt werden.