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An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen … (vgl. Mt 7,15-20)

An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen … (vgl. Mt 7,15-20)
Zur berechtigten Kritik am Zweiten Vatikanischen Konzil


Hubert Windisch

Quelle:Lifesite vom 17. Juli 2020: Hubert Windisch, By their fruits you will know them… (cf Mt7:15-20): On the justified criticism of the Second Vatican council

* Wenn ich in den letzten Jahren meiner Lehrtätigkeit (bis 2012) bei Vorlesungen das Konzil erwähnte, kam es immer häufiger vor, dass einer der wacheren Studenten, die mit dem Begriff „Konzil“ etwas anfangen konnten, fragte: Welches Konzil meinen Sie? Anfangs irritierten mich solche Zwischenfragen. Wie konnte jemand auf die Idee kommen, ich könnte ein anderes Konzil als das II. Vatikanische Konzil meinen? Doch ich verstand notgedrungen, dass diese Zwischenfragen berechtigt waren. Sie zeigten eine ganz unkomplizierte Relativierung des II. Vatikanischen Konzils durch die jüngere Generation an – und zwar in zweifacher Hinsicht. Zum einen in zeitlicher Hinsicht: Die Fragesteller waren in der Regel nach 1980 geboren, so dass das II. Vatikanische Konzil für sie weit weg war. Es war für sie einfach ein Stück Kirchengeschichte. Damit machten die fragenden jungen Studenten zwar unbewußt, aber  heilsam  darauf  aufmerksam, dass  die  Kirchengeschichte  nicht  erst  mit  dem  II. Vatikanischen Konzil beginnt.

Zum anderen erfolgte eine Relativierung des II. Vatikanischen Konzils auch in inhaltlicher Hinsicht. Das II. Vatikanische Konzil fügt sich ja in die Reihe von vielen Konzilien ein und ist im Zusammenhang mit ihnen zu sehen und zu verstehen – vor allem mit den vier großen Ökumenischen Konzilien der ersten Jahrhunderte (Nicäa 325, Konstantinopel I 381, Ephesus 431, Chalcedon 451), deren christologische Themen so aktuell sind wie eh und je. Die Aussagen des II. Vatikanischen Konzils sind aber auch erst in Rückbindung und Auseinandersetzung mit dem Tridentinum und dem I. Vatikanischen Konzil in ihrer Relevanz auszuloten. Eingebunden in die Tradition der Kirche ist das II. Vatikanische Konzil daher zunächst einmal das letzte Ökumenische Konzil der katholischen Kirche, gewiß versehen mit einer eigenen Botschaft und einem besonderen Auftrag an die Christenheit, jedoch in Relation stehend zum größeren Ganzen der Kirche auf ihrem Weg durch die Jahrtausende.

* Vor diesem Hintergrund nun haben Erzbischof Carlo Maria Viganò und Weihbischof Athanasius Schneider jüngst eine Debatte (vor allem in bezug auf die Erklärungen „Nostra Aetate“ und „Dignitatis Humanae“ des II. Vatikanischen Konzils) angestoßen, die dazu anregen möchte, die Wirkungsgeschichte des II. Vatikanischen Konzils in bezug auf Glauben und Leben der katholischen Kirche kritisch zu evaluieren. Lehrmäßige und lebenspraktische schlechte Früchte in der Kirche von über fünf Jahrzehnten dieser Wirkungsgeschichte geben nämlich Anlaß zur Befürchtung, daß in den Texten des II. Vatikanischen Konzils nicht nur gutes Wurzelwerk vorhanden ist. Leider wurden schon früh warnende Stimmen, die diesbezüglich darauf aufmerksam machten, nicht wahrgenommen oder, wenn wahrgenommen, nicht ernstgenommen; so z. B. Dietrich von Hildebrand und „Das Trojanische Pferd in der Stadt Gottes“, Hans Urs von Balthasar mit „Cordula und der Ernstfall“, Martin  Mosebach  mit  seiner  „Häresie der Formlosigkeit“ oder Roberto de Mattei’s „Das Zweite Vatikanische Konzil“. Es scheinen im II. Vatikanischen Konzil also durchaus Brüche mit der lehramtlichen Tradition vorhanden zu sein, die nicht durch das Bemühen einer sog. Hermeneutik der Kontinuität übertüncht werden können (ähnlich wie beim Nachsynodalen Apostolischen Schreiben „Amoris Laetitia“).

* Es wird zu Recht behauptet, das II. Vatikanische Konzil sei trotz vieler schöner und tiefer doktrineller Aussagen (z. B. in „Sacrosanctum Concilium“, „Dei Verbum“, „Lumen Gentium“ oder auch in den Nr. 47 – 52 von „Gaudium et Spes“ über Ehe und Familie) kein doktrinelles, sondern ein pastorales Konzil gewesen. Das stimmt insofern, als auf dem II. Vatikanischen Konzil keine Dogmen verkündet oder Anathemata ausgesprochen wurden, sondern die Kirche sich in die damalige Zeit hinein neu zu positionieren versuchte. Damit trifft sich die pastorale Intention des Konzils mit dem grundsätzlichen Verständnis kirchlicher Pastoral, die immer wesentlich ein Zeitgeschehen in der jeweiligen Welt ist. Gerne wurde bei dieser pastoralen Zeitgestaltung der Kirche in den letzten Jahrzehnten der sog. „Geist des Konzils“ bemüht, der aber oftmals nur zur Rechtfertigung für eine selektive Wahrnehmung und einen selektiven Gebrauch der Texte des II. Vatikanischen Konzils herhalten mußte. Dabei übersah man geflissentlich, daß sich der pastorale Auftrag der Kirche in der Welt auf fester dogmatischer Basis in Anknüpfung und Widerspruch zu vollziehen hat bzw. Weltzuwendung der Kirche immer zugleich, um einen provozierenden Gedanken von Papst Benedikt XVI. aus seiner Rede im Freiburger Konzerthaus vom 25. September 2011 aufzugreifen, Entweltlichung sein muß. Madeleine Delbrel, die Heilige der christlichen Weltzuwendung, soll diesen Zusammenhang einmal pointiert in das Wort gefasst haben: Wir müssen als Christen den Menschen in gewisser Weise fremd bleiben, um ihnen ganz nahe zu sein.

* Wenn also immer wieder kolportiert wird, Johannes XXIII. habe mit der Einberufung des II. Vatikanischen Konzils die Fenster der Kirche bzw. des Vatikans weit geöffnet, um nach der pianischen Ära für Frischluft zu sorgen, darf man nicht darüber hinwegsehen, daß bei geöffneten Fenstern auch schlechte Luft von außen nach innen dringen kann. Viel katholisches Tafelsilber ist in der Tat in den letzten Jahrzehnten aus den geöffneten Fenstern der Kirche geworfen worden. Man denke nur an die teils auch amtlichen Verlautbarungen zu Ehe und Sexualität, die eher einer Trendsegnung als katholischen Einstellungen gleichen, oder an die nicht so seltenen liturgischen Wildwüchse. Hier greift der Hinweis von Karl Barth auf eine bleibende kirchliche Gefahr: In einer seiner Spätschriften („Das christliche Leben“) beschreibt er eine „Kirche im Defekt“, eine Kirche des Boulevards, die sich, stotternd und schielend, an die Zeitläufte verkauft. Man hört förmlich die bissige Bemerkung von Kurt Tucholsky, die er schon 1930 in seinem berühmten Braut- und Sportunterricht gegenüber der evangelischen Kirche machte: „Was an der Haltung beider Landeskirchen auffällt, ist ihre heraushängende Zunge. Atemlos jappend laufen sie hinter der Zeit her, auf daß ihnen niemand entwische. ‚Wir auch, wir auch!‘, nicht mehr, wie vor Jahrhunderten: ‚Wir.‘ … Diese Kirchen schaffen nichts, sie wandeln das von andern Geschaffene, das bei andern Entwickelte in Elemente um, die ihnen nutzbar sein können. … die Kirche hat nachgegeben; sie hat sich nicht gewandelt, sie ist gewandelt worden.“ Ziemlich ähnlich bietet sich im Augenblick auch die katholische Kirche den Zeitgenossen dar. Vor dem Hintergrund des erschütternden Viganò-Berichts vom August 2018 schreibt Hedwig von Beverfoerde (vgl. Tagespost vom 28. 8. 2018 „Der Rauch Satans“) desillusioniert und kirchlich tief enttäuscht: „Die Fassade der nachkonziliaren Kirche ist zusammengebrochen.“

* Dabei spielt als Grunddrift für diese Entwicklungen im theoretischen und praktischen Selbstverständnis der Kirche die eng mit Karl Rahner und seinem Schrifttum verbundene sog. anthropologische Wende in der Theologie seit den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts eine große Rolle. Ob ein Fehler in diesem theologischen Denkansatz oder in der eifrigen und oft auch dilettantischen Umsetzung in der pastoralen Praxis (vor allem in der Verkündigung und in der Liturgie) vorliegt, soll an dieser Stelle nicht näher beleuchtet werden. Jedenfalls läßt der seit damals einsetzende Verlust des kerygmatischen Kirchenbewußtseins auf Defizite schließen – gemäß dem alten Axiom „bonum ex integra causa, falsum ex defectu“. Die Tradition kam immer öfter auf die Anklagebank, denn das Neue als Neues hatte den Vorrang. Die Kirche hat sich seitdem mit ihrer Botschaft verstärkt vor der Welt bzw. den jeweiligen Zeitläuften zu rechtfertigen anstatt ihrem Auftrag nachzukommen, die Welt bzw. die jeweiligen Zeitläufte vor die Rechtfertigung Gottes in Jesus Christus zu bringen. Das „Extra nos“ unseres Heiles wurde zunehmend in ein „Intra nos“ aufgelöst (ganz deutlich bei Eugen Drewermann), was nach Fulbert Steffensky letztlich einer „Verhaustierung Gottes“ gleichkommt. So aber wird die Kirche in ihren Grundvollzügen „Martyria, Leiturgia, Diakonia“ flach und banal, was u. a. auch einer Disparatheit und einer damit gegebenen oft einseitigen Rezeption des II. Vatikanischen Konzils geschuldet ist. Letztlich wurde der Weg zu einer Selbstsäkularisierung der Kirche geebnet, auf die in radikaler Schärfe Harvey Cox schon 1965 mit seiner „Stadt ohne Gott?“ verwiesen hatte. Fridolin Stier, der ehemalige Alttestamentler aus Tübingen, ahnt und beklagt in seinem Tagebuch „Vielleicht ist irgendwo Tag“, daß sich eine derartige Theologie vielleicht sogar Theothanatologie nennen müßte. Folgt daraus eine Kirche ohne Gott – zumindest ohne christlichen Gott?

* Zwei Konsequenzen dieser theologischen Grundierung, die weithin die gegenwärtige Praxis der Kirche bestimmen, legen die Bejahung dieser Frage nahe: 1. Macht, was ihr wollt. Auch das Christentum ist ja nur eine unter vielen legitimen Religionen (vgl. das Video zur Gebetsmeinung von Papst Franziskus vom Januar 2016, wo am Schluß gleichberechtigt die Vertreter von Buddhismus, Judentum, Islam und Christentum nebeneinanderstehen und jeweils ihr religiöses Symbol in die Kreismitte halten: eine Buddhastatue, einen siebenarmigen Leuchter, eine islamische Gebetsschnur und – kein Kreuz, sondern ein kleines Jesuskrippenkind). Warum also keinen Imam in katholischen Gottesdiensten predigen lassen? 2. Was ihr macht, ist richtig. Es gibt keinen kritischen Bezugspunkt mehr extra nos, weder in doctrina noch in moralibus, schon gar nicht in pastoralibus. Das Ganze wird vielmehr, kirchlich legitimiert, zusammengehalten von dem, was man Gewissen nennt. Das traurige Ergebnis dieser Entwicklung gipfelt in der bedrückenden Erkenntnis, die viele führende Kirchenleute leider nicht haben oder nicht haben wollen, daß man Theologie und Kirche in der Welt von heute – entgegen den pastoralen Intentionen des II. Vatikanischen Konzils –  als Größen will, die man eigentlich nicht mehr braucht.


Hubert Windisch