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Der deutsche Synodale Irrweg (4)

Skandalisierungen verfälschen die Dimensionen der Missbräuche

Von Hubert Hecker.

Mit und nach der MHG-Studie wurden die sexuellen Übergriffe von katholischen Geistlichen zu einem „Missbrauchsskandal“ erklärt. Alle großen Print- und TV-Medien gebrauchten diesen Ausdruck, der MDR sprach im Januar 2020 gar von „zehn Jahren Missbrauchsskandal“. Auch die kirchlichen Mainstream-Medien waren sich einig: Die MHG-Studie hat einen Missbrauchsskandal „aufgedeckt“ – oder angestoßen? Oder vielleicht erst herbeigeschrieben?

Was im Medienzeitalter im Prozess des Skandalisierens passiert, geschah im Mittelalter auf dem öffentlichen Zentralplatz und hieß „Geschrei“. Am Ende waren einer oder mehrere verschriene Personen am Pranger gestellt und dem Geifer des Volkszorns ausgesetzt. Die Triebkräfte für damalige Volksaufläufe sind schwer zu ermitteln. Dagegen hat man die heutigen „Mechanismen der Skandalisierung“[1] recht gut erforscht. Angewandt auf die MHG-Studie ergeben sich daraus wichtige Einblicke.

2011 beauftragte das Bundesbildungsministerium den Kriminologen Prof. Pfeiffer zu einer Repräsentativstudie zu sexueller Gewalt an Minderjährigen in der Gesellschaft. Unter 11.500 befragten Personen zwischen 16 und 40 Jahren war nur eine Person Missbrauchsopfer eines Geistlichen, also ein Promille. Die geringe Quote drückt den drastischen Rückgang der Missbrauchszahlen in der katholischen Kirche seit den 90er Jahren aus. Mit diesem Ergebnis war dem damaligen Missbrauchsgeschrei gegen die Kirche eigentlich der Boden entzogen und auf andere Gruppen wie Lehrer (die 8,6 Prozent der Opfer verantworteten), Trainer, Heimerzieher und Personen im sozialen Nahbereich von Kindern gelenkt.[2]

Die mediale Ernüchterung war groß, die Studie verschwand aus der Medienpräsenz. Interessierte Kreise suchten daraufhin nach neuen Wegen, um das Empörungspotential über sexuellen Missbrauch wieder ganz auf die Kirche fokussieren zu können. Das gelang mit der MHG-Studie.

Nicht Fakten, sondern Emotionalisierungen heizten die mediale Empörung an

Wie kam es dazu, dass eine nüchterne statistische Studie über den Zeitraum von 70 Jahren erneut einen Skandalisierungsprozess anstoßen konnte? Dazu trugen drei Bedingungen bei:

Erstens die mediale Empörungsbereitschaft bei echten oder vermeintlichen Missständen in der Kirche. (Bei Enthüllungen von ähnlichen Missständen in weltlichen Bereichen reagierten die Medien nicht skandalisierend: Die Meldung vom Juli 2019, dass nach einer Studie der Uni Ulm im Sportbereich 200.000 Opfer sexuellen Missbrauchs existieren, „doppelt so viele Fälle wie in der katholischen Kirche“[3], behandelten die übrigen Medien wie die Randnotiz von einem umgefallenen Sack Reis in China.)

Zweitens stellten die Autoren ihrer Studie zehn Seiten weitgehend spekulative Thesen voran, mit denen sie selbst die Skandalisierung ihrer statistischen Befunde einleiteten. Solche emotionalisierten Wertungs- und Reizwörter wie Risikofaktor Zölibat, klerikaler Amtsmissbrauch, restriktive katholische Sexualmoral, spezifische Homophobie, autoritär-hierarchisches System etc. wirkten als Saat antikirchlicher Stimmungsmache auf dem Boden der oben erwähnten Empörungsbereitschaft der Medien, einschließlich der meisten kirchlichen.

 Drittens versuchten die Forscher in dem statistischen Hauptteil ihrer Studie mit verschiedenen Ansätzen die aktuell relativ niedrige Quote von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche (siehe oben) in die Höhe zu treiben, um zu spektakulären Ergebnissen zu kommen. Dieser Komplex soll im Folgenden aufgezeigt werden:

Fallzahlen in die Höhe getrieben

 ▪ Die US-amerikanische John Jay-Studie (2011) bestätigte den signifikanten Rückgang von Missbrauchszahlen seit 1990: Die Opferbelastungszahlen in der Allgemeinbevölkerung reduzierten sich in den zehn Jahren vor 2001 um 45 Prozent auf 135 (!) betroffene Kinder pro 100.000 Einwohner, in der Kirche um 56 Prozent auf 5 (!) Kinder.[4] Die MHG-Studie unterschlug diesen deutlichen Rückgang mit der kontrafaktischen Vermittlung, die Opferzahlen seien bis in die Gegenwart ähnlich hoch.

 ▪ In der Pfeiffer-Studie war nur nach sexuellen Handlungen unter Bezug auf die Geschlechtsteile gefragt worden. Die MHG-Forscher dehnten die Fragen aus auf „unangemessene Körperberührungen“ – wie etwa über die Haare streichen, Arm und Kleidung berühren oder anzügliche Äußerungen. Mit dieser Ausweitung konnten die Missbrauchszahlen im kirchlichen Bereich in die Höhe getrieben werden. Denn dort „lagen die Zahlen weit häufiger als bei der Allgemeinbevölkerung im Bereich der weniger intensiven Begehungsformen als Penetration. [5]

▪ Für die anstehenden Präventionsmaßnahmen sowie Zurückdrängen und Ächten von sexuellem Missbrauch waren nur die Daten und Entwicklungen der letzten Dekaden wichtig, wie sie Pfeiffer ermittelt hatte. Die Ausweitung der Datenbasis der MHG-Studie auf die letzten 70 Jahre, insbesondere den Zeitraum von 1945 bis 1970, brachte absolut  keinen für die Gegenwart relevanten Erkenntnisgewinn, sondern war eher dem Interesse an hohen Zahlen geschuldet.

 ▪ Nach der Strafaktenanalyse im Teilprojekt 3 standen nur in 31 Prozent der Fälle am Ende Verurteilungen, in 21 Prozent Freisprüche oder Einstellungen der Verfahren mangels Tatverdacht. Auch aus den Daten einer Diözese ergab sich, dass nur 60 Prozent der Beschuldigungen wirklich bewiesen war - bei 6 Prozent staatsanwaltlich festgestellten Falschbeschuldigungen und 34 Prozent unbewiesenen Anschuldigungen durch Aussage-gegen-Aussage-Situationen. Hochgerechnet auf die Grundgesamtheit blieben dann von den 1670 beschuldigten Klerikern in 70 Jahren 1020 zweifelsfrei bewiesene Anschuldigungen übrig.[6] Jedenfalls trieben die MHG-Autoren auch in diesem Fall mit einem hohen Anteil nicht berechtigter oder zweifelhafter Beschuldigungen die Zahlen in die Höhe.

Weitere Skandalisierungsdimensionen

Bei der medialen Empörungskampagne von 2010 zu sexuellen Übergriffen im Bereich der Kirche wurden vielfach Misshandlungen (Schlagpädagogik) der 50er und 60er Jahre mit sexuellen Missbrauchsfällen kumuliert. In der MHG-Studie gibt es einen vergleichbaren Vorgang, indem man nicht strafbare, aber „unangemessene Körperberührungen“ (siehe oben) mit Serienvergewaltigungen zusammenzählt, ohne dass die substantiellen Unterschiede bei der Bewertung ausdrücklich klar gemacht werden – so der Mediziner Manfred Lütz.

In Interviews betonte Dreßing gelegentlich, er habe nur eine wissenschaftliche Studie vorgelegt. In anderen Beiträgen zeigte er sich dagegen „nervös“ und ungeduldig, weil seine umstrittenen und wissenschaftlich nicht gedeckten „Empfehlungen“ vier Monate nach Veröffentlichung immer noch nicht umgesetzt wären. Er machte Stimmung für weitreichende kirchliche „Strukturreformen“ gegen Klerikalismus, für homosexuelle Priester, die Abschaffung des Zölibats und den Zugang von Frauen zu Weiheämtern. Darüber hinaus stellte er die anmaßende Forderung an die deutschen Bischöfe, im nationalen Alleingang - auch gegen Papst und Weltkirche - diese Reformen durchzuziehen. Jedenfalls dürften sich die Bischöfe „nicht hinter Rom verstecken“. Es dürfe nicht sein, „dass der Langsamste das Tempo bestimmt“[7]. Er hält sogar die Diskussionen und Arbeitsgruppen des Synodalen Wegs für überflüssig und Ablenkungsmanöver. Stattdessen fordert er „auf der Basis des bereits Erkannten (durch die MHG-Studie) eine Priorisierung von konkreten Zielen und einen verbindlichen Zeitplan für ihre aktive Umsetzung“. Das sagte der MHG-Koordinator in einem stichwortgebenden Interview von Daniel Deckers. [8]

Dreßing sollte sich entscheiden, ob er unabhängiger Wissenschaftler oder lieber progressiver Kirchenpolitiker sein will. Beide Rollen gleichzeitig zu spielen geht nicht – außer man heißt Ansgar Wucherpfennig.

Jesuitische Skandalisierer

Der Leiter der Frankfurter Jesuiten-Hochschule St. Georgen hatte im November 2018 angesichts der vatikanischen Bedenken zu seiner Rektorenernennung eine Erklärung abgegeben. Darin legte er „als Jesuitenpater und Priester“ ein uneingeschränktes Treuebekenntnis zur katholischen Lehre ab. Gleichzeitig kündigte er an, dass er als „Wissenschaftler und Seelsorger“ die Lehre kritisierend verändern und in der Praxis auch missachten wollte – etwa mit den heimlichen Segnungen von Homosexuellenpaaren.

Im Sinne radikaler Veränderungsforderungen fand im Februar 2019 in Sankt Georgen eine Podiumsveranstaltung statt mit der skandalisierenden Schlagzeile: „Am Abgrund… und wie weiter? Die Kirche und der Missbrauch“. Für das Wintersemester 2019/20 setzte der Jesuiten-Rektor eine Ringvorlesung an unter dem Titel: „Die Kirche und der Skandal des sexuellen Missbrauches“. Wucherpfennig selbst trat mit der These auf: „Patriarchale Strukturen als Voraussetzungen sexualisierter Gewalt.“

Der Jesuitenpater müsste aus den Aufarbeitungsberichten seines eigenen Ordens wissen, dass die meisten jesuitischen Missbrauchstäter ganz und gar nicht patriarchal-autoritäre Typen waren, sondern sich „modern-lässig bewegten“ (wie Pater Wucherpfennig selbst), einen „betont locker-kameradschaftlichen Umgang pflegten“ (wie Pater Mertes mit seinen Schülern) oder sich „besonders fürsorglich um Kinder in schwierigen Verhältnissen kümmerten“.[9] Sie pflegten die Aura der linken Fortschrittlichkeit und kritisierten patriarchalische Strukturen (auch der Kirche) ebenso deutlich wie die Normen der katholischen Sexualmoral, um dann den „betroffenen Kindern und Jugendlichen ihre eigene sexuelle Übergriffigkeit als ein Akt sexueller Befreiung einzureden“ (Prof. Kröber). In diesem Duktus waren sie Anhänger der linken Reformpädagogik nach Art der Odenwaldschule, wo mindestens zwei der übergriffigen Jesuiten ihre Missbrauchslehre abgeleistet hatten. Wucherpfennigs Fokussierung auf „patriarchalische Strukturen“ ist ein links-ideologisches Vertuschungs- und Ablenkungsmanöver davon, dass seit dem Konzil (bzw. den 68ern) der Haupttyp des sexuellen Serientäters der antiautoritäre, sozial-kommunikative und postklerikale Geistliche ist. Dazu ausführliche Darstellungen im nächsten Teil der Serie.  



[1] Mechanismen der Skandalisierung. Warum man den Medien gerade dann nicht vertrauen kann, wenn es daraus ankommt, von Hans Mathias Kepplinger

[2] Christian Pfeiffer et al.: Repräsentativbefragungen sexueller Missbrauch 2011

[3] RP ONLINE vom 14. 7. 2019

[4] Zahlenverhältnisse aus der Leygraf-Studie S. 11

[5] Hans-Ludwig Kröber: Der Missbrauchsskandal dauert nicht an, in Herder Korrespondenz 12/2018

[6] Zahlen aus der Lütz-Analyse zum Teilprojekt 6

[7] Laut KNA-Bericht vom 14. 2. 2019

[8] FAZ vom 20. 5. 2019

[9] Ursula Raue: Bericht über Fälle sexuellen Missbrauchs an Schulen und anderen Einrichtungen des Jesuitenordens – 27. Mai 2010