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Der deutsche Synodale Irrweg (5)

Mit dem Kampfbegriff „Klerikalismus“ soll die verbreitete Missbrauchspraxis post-klerikalistischer Priester vertuscht werden

Von Hubert Hecker

Zusammenfassung: Die Aufgabenstellungen von drei Foren des Synodalen Wegs basieren auf der These, dass die meisten Missbräuche von Geistlichen im klerikalen Kontext begangen worden seien. Die MHG-Studie behauptet diesen Zusammenhang als "klerikalistische" Machtausübung. Aber die dafür präsentierten Zahlen belegen das Gegenteil: Die Mehrzahl der Übergriffe in den letzten Jahrzehnten wurden von charismatischen Jugendpriestern und post-klerikalen Geistlichen Begangen. Das wird an sechs Biographien von teils prominenten Serientätern erläutert, Entlarvend dabei sind die Vertuschungsmanöver der zuständigen Bischöfe bzw. von Papst Franziskus.

Die These, dass der sogenannte Klerikalismus bei Priestern missbrauchsbegünstigend sei, stellte erstmals 2003 der englische Kanonist Tom Doyle auf. Bei Papst Franziskus war es schon eine fixe Behauptung, als er in Reaktion auf den Pennsylvania-Report im Herbst 2018 schrieb: Die Haltung des Klerikalismus sei die Hauptursache für sexuelle Übergriffe von Geistlichen. Seither haben sich zahlreiche links-liberale Theologen und Kirchenpolitiker über Klerikalismus ereifert, um ihn als Nährboden für Missbrauch insbesondere der konservativen Geistlichkeit unterzuschieben.

Die Theorie vom Klerikalismus spielte auch für die Arbeitsaufträge des Synodalen Wegs eine wichtige Rolle. Für drei der vier Synodalforen wurde die Kritik an angeblich missbrauchsfördernden klerikalistischen Strukturen als Basisannahme gesetzt: Deshalb müsste der Status der geweihten Priester dekonstruiert und dabei insbesondere der Zölibat infrage gestellt werden. Die klerikale „Macht“ der Priester und Bischöfe soll nach dem Muster der staatlichen Gewaltenteilung aufgespalten werden. Und schließlich sei mit der Beauftragung von Frauen in Führungspositionen und Weiheämter die „männerbündische Abgeschlossenheit des Klerus“ aufzubrechen.

Auf diesem Hintergrund ist es dringlich, genauer auf die These der MHG-Studie einzugehen, nach der „Klerikalismus“ als spezifischer kirchlicher Strukturfaktor missbrauchsfördernd behauptet wird. Unter dem entsprechenden Stichwort bei den der Studie vorangestellten Empfehlungen heißt es:

„Sexueller Missbrauch ist vor allem auch Missbrauch von Macht. In diesem Zusammenhang wird für sexuellen Missbrauch im Kontext der katholischen Kirche der Begriff des Klerikalismus als eine wichtige Ursache und ein spezifisches Strukturmerkmal genannt (Doyle, 2003). Klerikalismus meint ein hierarchisch-autoritäres System, das auf Seiten des Priesters zu einer Haltung führen kann, nicht geweihte Personen in Interaktionen zu dominieren, weil er qua Amt und Weihe eine übergeordnete Position innehat. Sexueller Missbrauch ist ein extremer Auswuchs dieser Dominanz. …“ (MHG-Studie S. 13).

Demnach wäre Missbrauch dann als klerikalistisch zu charakterisieren, wenn ein Priester seine speziellen Vollmachten und Aufgaben, die ihm aus der sakramentalen Priesterweihe erwachsen, zu sexuellen Übergriffen an Minderjährigen einsetzt. Ein solcher schändlicher Missbrauch des Priestertums wird heute in der Regel mit der kirchenrechtlichen Höchststrafe der Laisierung sanktioniert.

Die bisherigen Äußerungen zum Thema vermitteln den Eindruck, dass die meisten Missbrauchstaten im klerikalistischen Kontext verübt worden wären. Gegenüber diesem vagen Verdacht macht die MHG-Studie datenfundierte Angaben zu dem Komplex, so dass klerikalistischer Missbrauch quantitativ eingegrenzt werden kann.

Die MHG-Studie verfälscht bei der Interpretation ihre eigenen Daten …

Im Teilprojekt 6 werten die Autoren der Studie Daten aus den Personalakten aus mit der Fragestellung, in welchen Kontexten die Missbrauchstaten erfolgten.[i] Danach geschahen deutlich über 50 Prozent der sexuellen Übergriffe bei privaten Treffen, in der Wohnung oder dem Haushalt der beschuldigten Geistlichen (49,6) oder im Urlaub. 18,6 Prozent der Missbräuche geschahen im Kontext der Beichte oder anderer sakraler Handlungen. Die übrigen Fälle verteilten sich im unteren Prozentbereich auf Unterricht, Fortbildung, Ferienlager, Heime und Internate, Ausflüge etc., also eher nicht-klerikalistische Kontexte.

Für die Zuordnung zu klerikalistischen Missbrauchstaten kommt nur die 18,6 Prozent der Übergriffe bei sakralen Handlungen infrage. Neben der Beichte ist es vor allem die Messfeier, die als Sakramentenspendung dem Priester vorbehalten ist. Der klerikalistische Kontext ist somit bei weniger als einem Fünftel der sexuellen Missbräuche nachweisbar. Da die Beichtpraxis nach dem Konzil massiv zurückging, müsste die angegebene Zahl für die letzten Jahrzehnte noch weiter nach unten angesetzt werden.

Diese datenbasierte Aussage wird von den MHG-Autoren in einer schmalen Passage zu einer „überwiegenden Zahl“ von klerikalistischen Missbrauchstaten verfälschend aufgebauscht. Die Analyse der siebenzeiligen Kommentierung, auf Seite 283 mit „Diskussion“ überschrieben, fördert die folgende Verdrehungsinterpretation zutage:

▪ Zunächst werden die kontextualisierten Taten mit „Tatanbahnungen“ gleichgesetzt, wovon in der statistischen Erhebung keine Rede ist.
▪ Sodann wird darüber spekuliert, dass die tatsächlichen Übergriffe während dienstlicher und sakraler Kontakte „angebahnt worden sein könnten“.
▪ Somit könnte „eine möglicherweise nicht geringe Zahl von Taten bei privaten Treffen“ ebenfalls dem sakralen Kontext zugeordnet werden.
▪ Nach diesen drei spekulativen Interpretationsstationen kommen die Autoren zu der Schlussbehauptung, „dass die überwiegende Zahl der Missbrauchstaten“ unter Ausnutzung der geistlich-sakralen Autorität „erfolgt“ sei.

Mit den Argumentationsschritten von „könnte“ und „möglicherweise“ zu einer Tatsachenbehauptung, bei der die Datenbasis von 18,6 Prozent auf über 50 Prozent hochgeschraubt wird, bewegen sich die Autoren auf dem Niveau von Taschenspielertricks. Für diese Passage gilt, was Manfred Lütz über die Zusammenfassungen der MHG-Studie sagte: „Man kann sich eigentlich nicht vorstellen, dass irgendein Wissenschaftler so etwas schreibt.“ [ii]

… um die Erwartungen der bischöflichen Auftraggeber zu erfüllen

Aber warum ließen sich die MHG-Autoren zu solchen leicht erkennbaren Fehlinterpretationen verleiten? Die deutschen Bischöfe hatten als ein Hauptziel der Studie bestimmt, dass „missbrauchsbegünstigende Strukturen“ in der Kirche identifiziert werden sollten. In diesem Fall wiesen die Daten zu den Umständen der Missbrauchstaten weniger auf systemische Faktoren hin: über 50 Prozent der Übergriffe im privaten Kontext der Geistlichen, nur 18,6 Prozent im Zusammenhang mit sakralen Handlungen. Also klatschten die Autoren an die Datenpräsentation noch einen sinnverdrehenden Kommentar mit den Stichworten, die die Auftraggeber hören wollten. Diesen Eindruck macht die verunglückte Kommentierung.

Als Resümee bleibst festzuhalten: Dass die überwiegende Zahl an sexuellen Missbrauchshandlungen von Geistlichen im klerikalistischen Kontext begangen sein sollte, ist eine erkennbare Falschbehauptung der MHG-Studie. Indem die Aufgabenstellungen von drei Foren des Synodalen Wegs auf der Falschthese basieren, sind diese Arbeitsgruppen auf den synodalen Holzweg geschickt worden. Eine Prävention, die schwerpunktmäßig auf die Bekämpfung des so genannten Klerikalismus‘ setzt, würde Anspruch und Ziel verfehlen.

Werkimmanente Widersprüche zur Klerikalismusthese

Die Erklärungsrelevanz von Klerikalismus wird auch werkimmanent durch die Ausführungen in anderen Teilen der Studie infrage gestellt. Im fünften Teilprojekt zu Missbrauchsstudien in anderen Institutionen heißt es: Die in der Literatur untersuchten Taten zeigen in den meisten Merkmalen keinen Unterschied zwischen katholischen und anderen Institutionen.[iii] Auch die Einteilung der beschuldigten Kleriker in drei Grundkategorien „lassen sich in bereits publizierte Typologien von sexuellen Missbrauchstätern außerhalb des kirchlichen Kontextes zuordnen“.[iv] Nach diesen Aussagen der MHG-Studie haben spezifische Strukturmerkmale der Kirche keinen besonderen Erklärungswert für sexuelle Übergriffe.

Das zweite Teilprojekt befasst sich mit der Kontaktaufnahme der Beschuldigten zu den späteren Missbrauchsopfern. Die entsprechenden statistischen Daten sind auch als Informationen zur Anbahnung von Missbrauchstaten zu lesen: „49,1 Prozent der Betroffenen charakterisierten die Beziehung zum späteren Beschuldigten als durch gegenseitiges Vertrauen gekennzeichnet, 40,2 Prozent als besondere Vertrauensbeziehung.“[v] Die Betroffenen schilderten das Verhältnis zu den Geistlichen als „hilfreiche, unterstützende und vertrauensvolle Beziehung“.[vi] Die Limburger Projektdokumentation macht dazu ergänzende Angaben von der „Anziehungskraft charismatischer Priester, die sich für Kinder oder Jugendliche engagierten, sie ernst nahmen, mit ihnen Zeit verbrachten, ihnen neue Erfahrungswelten eröffneten und sie emotionale Zuwendung und persönliche Aufmerksamkeit erfahren ließen.“[vii] Die meisten Fälle der Anbahnung von sexuellen Übergriffen erfolgten demnach über die nicht-klerikalistische Schiene der persönlichen Vertrauensbildung. Die entsprechende Zahl von 49,1 Prozent korrespondiert mit dem Anteil von Missbrauchshandlungen bei privaten Treffen von 49,6 Prozent (siehe oben).

Im Folgenden werden sechs Biografien von charismatischen Jugendpriestern und Serientätern skizziert. Sie repräsentieren jene Missbrauchstäter, die bei 49 Prozent der Betroffenen zur Anbahnung des Missbrauchs ein Vertrauensverhältnis aufbauten. In dem Bereich ist die „überwiegende Zahl“ von übergriffigen Klerikern zu finden, die die MHG-Studie fälschlich bei klerikalistisch eingestellten Geistlichen vermutet. Auf dieser falschen Schiene haben drei Synodal-Foren ihre Arbeit begonnen. Sie sollten ihre Weichen neu stellen, indem sie ihre fehlgeleitete Fixierung auf Klerikalismus aufgeben und sich stattdessen intensiv mit den Anbahnungs- und Vergewohltätigungsmethoden der modernen Missbrauchspriester beschäftigen, wie das in den folgenden Ausführungen aufgezeigt ist.

Ein Kaplan nutzt die progressive Jugendarbeit zur Missbrauchsanbahnung

Der FAZ-Journalist Daniel Deckers berichtete vor zwei Jahren von einem deutsche Theologiestudenten, der Ende der 70er Jahre „regelmäßig homosexuelle Kontakte auf Bahnhofstoiletten gesucht“ hatte.[viii] Bei seiner ersten Kaplanstelle entdeckte er sein sexuelles Interesse an pubertierenden Jungen. Ein Psychiater sollte später die Diagnose „homosexuell-ephebophile Präferenz“ stellen.

Der junge Kaplan kommt mit seiner Jugendarbeit bestens an, er spricht die Sprache der Leute, auch der kleinen und kümmert sich insbesondere um Jungen der Unterschicht. Am Ende der ersten Kaplanszeit und danach in einer anderen Pfarrei beginnt er mit seinen Missbrauchshandlungen. Der Einstieg in seine pädophilen Aktivitäten ist meistens Alkoholgebrauch. Bei Elternbeschwerden über „unsittliche Beziehungen“ von drei Minderjährigen „stehen wechselseitige Berührungen, Schlafen im Bett des Kaplans, Geldgeschenke und pornografische Bilder in Rede“.

Der übergriffige Geistliche muss sich in einer entfernten Stadt eines anderen Bistums einer psychotherapeutischen Behandlung unterziehen. Nach der zweifelhaften Diagnose „unreife (Homo-) Sexualität“ des überführten Mehrfachtäters muss er an einer analytischen Gruppentherapie „zur emotionalen Nachreifung“ teilnehmen. Diese und weitere Therapien bricht er ab, denn bei dem Mann sei eine eigene Therapiemotivation nie vorhanden gewesen, berichtete der Psychiater. Gleichzeitig wird der Kaplan im neuen Bistum wieder in der Seelsorge mit Jugendarbeit eingesetzt und vergeht sich noch während der Therapiezeit wieder an Pubertierenden. Erneut in eine andere Pfarrei versetzt, kommt es 1985 zum gerichtlichen Strafverfahren mit der Anklage, neun Jungen im Alter von 13 bis 16 Jahren missbraucht zu haben. Dem Täter wird eine „krankhafte seelische Störung in Form einer Pädophilie im Sinne einer perversen Fehlhaltung in Verbindung mit chronischem Alkoholismus“ attestiert. Bei verminderter Schuldfähigkeit wird er zu 18 Monaten Haft verurteilt – auf fünf Jahre zur Bewährung ausgesetzt.

Nach einem Jahr in der Altenheimseelsorge wird der verurteilte Missbrauchstäter wieder ohne Einschränkungen in der Gemeindearbeit eingesetzt. Er ist dort „wegen seines kommunikativen und lockeren Umgangs mit Kindern und Jugendlichen äußerst beliebt und gerne gesehen, auch in vielen Familien“. Gemeindemitglieder und Kirchenvorstand setzen sich für einen längeren Verbleib des Gemeindepfarrers ein. Der Weihbischof zeigt sich in seinem Visitationsbericht zufrieden „mit der äußerst erfolgreichen Arbeit des Pfarrers“. Der Geistliche geht inzwischen geschickter bei seinen Missbrauchsanbahnungen vor. Es gibt Gerüchte, aber keine Ermittlungen. Erst nach vielen Jahren melden sich damals missbrauchte Jungen bei der Münchener Staatsanwaltschaft, doch alle diesbezüglichen Verfahrungen mussten wegen Verjährung eingestellt werden.

Psychiater und Ordinariatsräte lassen sich verleiten

Nachdem die Deutsche Bischofskonferenz 2002 erstmals Leitlinien zum Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs herausgegeben hatte, wurde der Geistliche 25 Jahre nach den ersten Untaten aus der Gemeindeseelsorge herausgenommen. Hatte vormals die kirchlichen Stellen leichtsinnig psychiatrische Empfehlungen in den Wind geschlagen, war es diesmal ein anerkannter forensischer Psychiater, der für den „Altfall“ einen Gemeindeeinsatz ohne Einschränkungen empfahl. Doch der Bischof seines Heimatbistums drängt auf ein neues Gutachten und meldet den Fall nach Rom. Es kommt zu einer kanonischen Voruntersuchung mit dem Ziel, den Kleriker aus dem Priesterstand zu entlassen. Über einen Zeitraum von mehr als zwei Jahrzehnte hatte er 23 minderjährige Jungen missbraucht. Eine Beschuldigung zu einem sexuellen Übergriff im Zusammenhang einer Beichte konnte nicht verifiziert werden.

In der Nachbetrachtung des Falles ergeben sich folgende Einsichten:
Die beteiligten Psychiater ließen sich täuschen durch geschickte Ausreden des notorischen Kinderschänders. Sie stellten falsche Diagnosen und verordneten ungeeignete Therapien wie „emotionale Nachreifung“. (Zu dieser Art von Fehldeutungen gehören auch die Kristallkugeldiagnosen des Münchener Generalvikars Beer zum Missbrauch als Übersprungs-handlung.)

Die größere Schuld besteht aber bei den Ordinariatsverantwortlichen, die mit ihren Entscheidungen zur Wiedereinsetzung in die Pfarreiarbeit die Liste und Leiden der Opfer verlängert haben. Die bischöflichen Entscheider wurden dazu verleitet durch die exzellente Gemeindearbeit des Pfarrers: Zeigte nicht der lockere und kommunikative Umgang des Geistlichen mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen seine seelsorglich-soziale Kompetenz? War er nicht mit seinem Kümmern um Unterschichtkinder an die Ränder der Gemeinde gegangen? Hatte er nicht als Hirte den Geruch der Schafe angenommen, wie sich später Papst Franziskus den idealen Pfarrer vorstellte. Doch genau diese nicht-klerikalistische Haltung nutzte er vielfach zu Missbrauchskontakten. Auf dem Hintergrund wäre es sinnvoll, statt der nichtbelegten Klerikalismustheorie zu folgen, genauer die sozial-kommunikativen Methoden der Vertrauensanbahnung als Weg zu sexuellen Übergriffen zu erforschen.

Bei der nächsten Biographie im Rahmen eines Missbrauchskomplexes geht es um das Aloisiuskolleg in Bonn-Bad Godesberg, eine der Eliten-Internatsschulen des Jesuitenordens. Sie steht nicht im Aufsichtsbereich der Deutschen Bischofskonferenz. „Seit den fünfziger Jahren hatten mindestens 18 Geistliche und fünf weltliche Mitarbeiter systematisch Kinder und Jugendliche geschlagen, gedemütigt und zu sexuellen Handlungen gezwungen.“ Das schrieb der FAZ-Redakteur Reiner Burger vor einiger Zeit.[ix] Er zitiert den derzeitigen Rektor Martin Löwenstein mit den Worten, nach der Odenwaldschule sei „das Aloisiuskolleg die am heftigsten vom sexuellen Missbrauch betroffene Schule“ in Deutschland.

Seit 1946 war es der bei Eltern hoch angesehene P. Wilhelm Wallmeyer, der „regelmäßig Unterstufenschüler vergewaltigte“. Die Jesuitenleitung vertuschte den ruchbar gewordenen Fall „erbarmungslos konsequent“ mit Versetzung und Nicht-Information der Umgebung, so dass dem Pater in seinem Tiroler Domizil erneut pubertierende Ferienschüler zugeführt wurden.

Der ephebophile Internatsleiter im offenen Bademantel

Nach 1968 war Ludger Stüper der Haupttäter. Der junge Pater hatte während seines Referendariats bei einem Praktikum in der Odenwaldschule die Verbindung von moderner liberaler Pädagogik und Missbrauchsanbahnung studieren können. Als charmanter Charismatiker, braungebrannt und gut aussehend wie Sean Connery, hatte er die Bewunderung von Eltern und Ordensleitung bei der pädagogischen Modernisierung des Kollegs in Pädagogik, Freizeitgestaltung, musische Erziehung und sexueller Liberalisierung. Als Internatsleiter und späterer Rektor arrangierte er alle Sektoren „moderner“ Internatsschulerziehung so, dass er seine pädophilen Bedürfnisse an pubertierenden Jungen befriedigen konnte. Er führte das tägliche Gemeinschaftsduschen im Internatskeller ein und war stets im offenen Bademantel dabei. Gegenüber Scham und Prüderie setzte der den „Zwang zur Nacktheit“ durch – auch bei skandinavischen FKK-Ferien mit seinen Lieblingsschülern. Seine vielfach gezeigten homoerotischen Gegenlicht-Aktaufnahmen von mädchenhaften Knaben verkaufte er als Höhepunkte der Ästhetik. Sie waren Teil einer „Erziehung durch Kultur“, wie er großspurig sein Pädagogikprogramm nannte. Im nicht-öffentlichen Bereich ging Stüper härter zur Sache. Regelmäßig holte er sich Schüler aus dem Schlafsaal zum Oralsex oder schlug angeblichen Missetätern mit der Hand aufs entblößte Gesäß.

Der Missbrauchsrektor suhlte sich in links-liberalen Zeitgeistströmungen

Es ist offensichtlich, dass auch hier die Klerikalismusthese nichts zur Missbrauchsaufklärung im Aloisiuskolleg beitragen kann. Pater Stüber nutzte gerade nicht seine geistliche Amtsautorität als Priester, um sich die Jungen gefügig zu machen. Er schob pädagogische, ästhetische, hygienische und liberal-moralische Zeitgeistströmungen vor, um seine homosexuellen Bedürfnisse zu befriedigen. Auf diesem Konzept beruhte sein hohes Ansehen in Orden und Öffentlichkeit sowie bei den Eltern. Zugleich schirmte er sich mit seinem Modernitätsprogramm gegen Kritik ab. In diesem Vorgehen unterschied er sich nicht wesentlich von dem homosexuellen Direktor der Odenwaldschule, Gernot Becker.

Die bisherigen Untersuchungen zum Aloisiuskolleg, die den zeitgeistigen Kontext der sexuellen Übergriffe ausklammern, empfinden die Opfer des Jesuitenmissbrauchs als unzureichende Engführung. Deshalb fordert der Vorsitzende des „Eckigen Tisch Bonns“ eine ähnliche Studie wie die über die Odenwaldschule, bei der die dortigen „Verbrechen in den institutionellen, zeithistorischen und kulturpolitischen Zusammenhang eingeordnet“ werden.

Was die Vertuschung der jahrzehntelangen Missbräuche angeht sowie die schleppende Aufklärung seit 2010, da spielen ordensklerikale Haltungen durchaus eine Rolle. Pater Löwenstein als derzeitiger Rektor macht den „jesuitischen Hochmut“ dafür verantwortlich sowie die fehlende gegenseitig Kritikbereitschaft. Da hätte Pater Mertes, der sich als Lautsprecher der Klerikalismuskritik an Weltpriestern hervortut, ein weites Feld, um seinen und den Orden des Papstes wieder auf die ursprünglichen Tugenden von Dienst und Demut sowie geistliche Autorität hinzuführen. Und der Jesuiten-Dozent Wucherpfennig, der sich stark macht für Segnungen von gleichgeschlechtlichen Paaren, sollte mal darüber nachdenken, wieso seine homosexuellen Ordensbrüder so anfällig wurden für ephebophilen Missbrauch.

Ein pädokrimineller Priesterring in Pittsburgh …

Kann der pädokriminelle Horror des Aloisiuskollegs noch gesteigert werden? Nach dem Pennsylvania-Report von 2018 ging es in US-amerikanischen Diözesen teilweise noch schlimmer zu. Der Bericht der staatlichen Ermittlungsjury beschreibt detailliert und namentlich die sexuellen Übergriffe in den sechs Bistümern von Pennsylvania. Es wird von einem Missbrauchs- und Kinderpornografie-Ring berichtet. Darin spielte der Priester George Zirwas eine Schlüsselrolle. Der FAZ-Autor Matthias Rüb zitiert aus dem Report die Aussage eines 15jährigen Jungen, der zunächst im Pfarrhaus von drei kichernden Padres als Nacktmodell zugerichtet wurde.[x] Danach machten die Priester den Jungen und weitere männliche Jugendliche einzeln oder gemeinschaftlich mit Drogen und Alkohol gefügig, missbrauchten, vergewaltigten sie und traktierten sie auch mit Peitschen und Ketten. Alle sexuellen Gewalttaten an den Jungen hielt man auf Film- und Fotoaufnahmen fest. Der pädokriminelle Ring verübte seine Verbrechen während sechs Jahre bis 1988. Drei der Täter wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt. Ziwas konnte sich herauswinden. Er drohte dem damaligen Erzbischof von Pittsburgh, Donald Wuerl, mit Denunziation anderer Priester, ließ sich nach Miami versetzten und bekam eine Gehaltserhöhung - wohl als Schweigegeld.

…mit tödlichem Ende im Homo-Milieu von Havanna

Seine Übersiedlung nach Havanna bereitete er mit der politischen Forderung nach Aufhebung des amerikanischen Embargos gegen Kuba vor. Es spricht alles dafür, dass der kubanische Geheimdienst der Diözese Pittsburgh dabei half, „einen homosexuellen und notorisch pädophilen Priester in aller Stille nach Havanna zu entsorgen“. Dort lebte der Priester Zirwas drei Jahre lang offen in einer homosexuellen Partnerschaft mit einem jungen Kubaner. Er hatte weiterhin enge Beziehungen zu gleichgesinnten Klerikern seiner Heimatdiözese. Außerdem brachte er amerikanische Sextouristen mit kubanischen Prostituierten beiderlei Geschlechts zusammen. Zirwas war offenbar eng mit der Stricherszene in Havanna verknüpft. Er vergnügte sich eines Nachts mit einem jungen Callboy, als sein Lebenspartner in der Nachtschicht in einem Hospital arbeitete. Der Stricher tötete ihn mit einer starken Betäubungsspritze.

… und kaschiert als Glaubensseelsorge für die Ärmsten der Armen

Die Reaktion von Papst Franziskus auf den Pennsylvania-Report mit seinem ‚Brief an das Volk Gottes‘ war in mehrfacher Hinsicht unangemessen und verfehlt mit seinen Thesen:
- Die Hauptursache des Missbrauchs in der Kirche sei der Klerikalismus.
- Das Volk Gottes sollte durch Fasten und Beten bei der Überwindung des Missbrauchs mithelfen.
- Die vertuschenden Bischöfe wurden nicht zur Verantwortung gemahnt.

Den im Report 200 Mal erwähnten Erzbischof Wuerl ernannte Franziskus später sogar zum Hauptredner beim weltkirchlichen Familienkongress in Dublin. Dabei war der damalige Oberhirte von Pittsburgh im Vertuschen versiert. Bei der Beerdigung von Zirwas fand er warme Worte für den gefallenen Geistlichen: Zirwas sei ein guter Mensch gewesen, der die Botschaft der Erlösung durch den Glauben an Jesus Christus gepredigt habe. In der Zeit, als Kardinal Ratzinger als Chef der Glaubenskongregation schon Hunderte von Priestern laisiert hatte, verkündete Wuerl: „Wer einmal als Priester geweiht wird, bliebt für immer ein Priester.“ Offiziell ließ der Erzbischof verlauten, Zirwas habe sich in Havanna als Seelsorger für die Ärmsten der Armen betätigt.

Der spätere Kardinal Donald Wuerl hat sich bis zur Veröffentlichung des Pennsylvania-Reports stets als radikaler Aufklärer gegen Kindesmissbrauch aufgespielt – wie sein Förderer Kardinal McCarrick. Das gehörte wohl zu der Vertuschungsstrategie des Homo-Netzwerkes in der US-amerikanischen Kirche: Im Wissen um die pädokriminellen Verbrechen die Missbrauchskleriker als gute und besonders gläubige Priester hinzustellen und das exzessive Ausleben der homosexuellen Neigungen des Geistlichen mit dem Armutsjargon zu kaschieren.

Alle drei vorgestellten Missbrauchspriester präsentierten sich als moderne, liberale, kommunikative und sozial engagierte Männer – gewissermaßen als Gegenmodell zu den gescholtenen klerikal-konservativen Geistlichen. Das offene Freizeithemd statt römischem Klerikerkragen ist das Markenzeichen der modernen kirchlichen Streetworker, die auch Papst Franziskus in seinen Reden propagiert und einzelne prominente Modellpriester als Vorbilder hinstellt.

Ein vorbildlicher Priesterpädagoge, der seine geliebten Kinder mit in sein Bett nimmt?

Der italienische Priester Don Lorenzo Milani, von großbürgerlicher toskanischer Herkunft, entwickelte ab 1954 in dem Bergdorf Barbiana eine liberale Reformschule. Die Anstalt war eine Art linke Laborschule für Unterschichtkinder. Milanis pädagogisches Konzept bestand in dem Traum von einem absolut gleichgestellten Lehrer-Schüler-Verhältnis: Der Lehrer als Freund und Lernbegleiter, der ausschließlich die Eigenwilligkeit und Selbstverwirklichung der Schüler fördern soll. Damit hatte er schon einige Jahre vor den 68ern den linken Antiautoritarismus erfunden.

Nach dem frühen Tod von Don Milani 1967 entwickelte sein „Schüler“ Rudolfo Fiesoli die Reformschule „kleine Festung“, die italienische Variante der Odenwaldschule. Unter dem Applaus der linksliberalen Elite wurde hier 40 Jahre lang das alternative Erziehungsmodell von Don Milani umgesetzt, nur noch „besser und größer“. Die dort propagierte und praktizierte sexuellen Befreiung diente als Rahmenbedingung, unter der Fiesoli und seine Kollegen jahrzehntelang ihre Schüler missbrauchten und vergewaltigten. Der Schulleiter wurde dafür 2015 zu 17 Jahre Haft verurteilt.

Die Saat für diese Missbrauchspädagogik hatte der Priester Don Milani gelegt. Bereits zu Lebzeiten wurde der Priesterpädagoge homopädophiler Praktiken beschuldigt. In seinen Briefen fanden sich solche Bekenntnisse wie: Seine Seele sei weniger durch zu wenig Liebe in Gefahr als dadurch, dass „ich zuviel liebe (das heißt, sie mir auch mit ins Bett nehme“. Oder: „Wer könnte die Kinder bis auf den Knochen lieben, ohne damit zu enden, ihn ihnen auch in den Arsch zu stecken, wenn nicht ein Lehrer, der mit ihnen auch Gott liebt und die Hölle fürchtet.“ Mit unflätiger Sprache beschimpfte er alles Kirchliche und Christdemokratische damals als „Scheiße“.

Anlässlich der Mailänder Buchmesse im Mai 2017 lobte Papst Franziskus die neu herausgegebenen Schriften Don Milanis überschwänglich. Im folgenden Monat besuchte er dessen Grab und Gedächtnisstätte in Barbiana. Er stellte ihn dabei als vorbildlichen Priester auf den Sockel.

Der angesehene italienische Priester Don Mauro Inzoli hatte in den 90er Jahren als Führungsmitglied von communio e liberazione eine landesweite „Tafel“-Organisation mitgegründet, die Lebensmittel von Firmen einsammelt, um sie an Bedürftige zu verteilen. Gleichzeitig zu seinem sozialen Engagement erlaubte sich der charismatische Pfarrer und Rektor eines Gymnasiums einen aufwendigen Lebensstil, der ihm den Spitznamen „Don Mercedes“ einbrachte.

Seit den 90er Jahren missbrauchte der Lehrer und Geistliche Dutzende von Jugendlichen im Alter von 12 bis 16 Jahren. Noch unter Papst Benedikt wurde der Kleriker mit der kirchlichen Höchststrafe Entlassung aus dem Priesterstand sanktioniert. Den Einspruch des Pfarrers lehnte die zuständige Glaubenskongregation ab, aber Papst Franziskus hob 2014 die Laisierung nach Fürsprache von kardinalen Freunden des ephebophilen Priesters auf. Bei der Verkündigung der Strafaufhebung berief sich der Bischof ausdrücklich auf die Barmherzigkeitsphilosophie von Bergoglio: Keine Sünde sei so schrecklich, dass man ihr nicht mit Barmherzigkeit begegnen könne. 2016 verurteilte die italienische Justiz Don Mercedes wegen 20fachem Missbrauchs (nahezu 80 Beschuldigungen waren verjährt) zu knapp fünf Jahren Haft für eben die Fälle, für die er vorher schon kirchlich bestraft worden war. Papst Franziskus war für seine Barmherzigkeit gegenüber dem Kinderschänder blamiert und musste seine Strafaufhebung wieder rückgängig machen. Dabei vertuschte er seine Inkonsequenz mit der Falsch-Behauptung, Don Mauro wäre rückfällig geworden.

Noch als Erzbischof von Buenos Aires hatte sich Jorge Mario Bergoglio mit viel Geld und Energie für eine 2000seitige Rechtfertigungsschrift zu dem verurteilten Serientäter Cesar Grassi eingesetzt. Darin wurden die bedrängten Opfer und Zeugen beschimpft, während Bergoglio eine Gesprächsbitte der Missbrauchsopfern ignorierte. Grassi war ein telegener „Straßenpriester“, der ein Konglomerat von Heimen und Fürsorgeanstalten für verwaiste und verwahrloste Kinder aufgebaut hatte. Einige der anvertrauten Jungen missbrauchte er.

In den drei beschriebenen Fällen scheint ein Handlungsmuster von Papst Franziskus auf: Wenn die Missbrauchspriester liberal-progressiv und sozial engagiert sind, dann versucht er deren sexuellen Übergriffe zu relativieren oder als marginal zu ignorieren. Dagegen schürt er mit seiner Klerikalismusanklage den Generalverdacht der Missbrauchsbegünstigung gegen geweihte Geistliche, die ihr Priestertum mit Sakramenten- und Heilsseelsorge ernst nehmen. Ähnlich machen es die DBK-Bischöfe unter dem Missbrauch der Missbrauchsstudie: Mit dem Kampfbegriff „Klerikalismus“ soll die verbreitete Missbrauchspraxis post-klerikalistischer Priester vertuscht werden.



[i] MHG-Forschungsbericht: Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz vom 24. 9. 2018, Deutsche Bischofskonferenz, S. 283

[ii] Manfred Lütz: „Leider total misslungen!“ in: kath.net vom 25. 9. 2018

[iii] MHG-Studie, 5. Teilprojekt, S. 236

[iv] Ebenda, Zusammenfassung, S. 12

[v] Ebenda, 2. Teilprojekt, S. 85

[vi] Ebenda S. 71

[vii] Limburger Projektdokumentation: Betroffene hören – Missbrauch verhindern. Konsequenzen aus der MHG-Studie vom 13. 6. 2020, S. 300

[viii] Daniel Deckers: Schuld und Sühne, FAZ vom 15. 9. 2018

[ix] Rainer Burger: Vergangenheit, die nicht vergeht, FAZ vom 25. 4. 2019

[x] Matthias Rüb: Erkennungsmerkmal Kruzifix an Goldkette, FAZ vom 20. 8. 2018