Die Deutsche Bischofskonferenz: Verfangen in den 60-er Jahren!

 

Die Deutsche Bischofskonferenz hat einen auf zwei Jahre angelegten „strukturierten Dialog“ zu Glaubensfragen und gesellschaftlichen Themen angekündigt.

Was unter dem Adjektiv „strukturiert“ zu verstehen ist, wird deutlich, wenn man liest, wesentlicher „Dialogpartner“ solle das „Zentralkomitee der deutschen Katholiken“ sein.

Was ist also zu erwarten?

Ich fürchte, ein gegenseitiges Sich-Aufmuntern von kirchensteuerbesoldeten Apparatschiks auf der einen Seite und jenen sich gern in Szene setzenden „Gremienkatholiken“, die man zwar häufig als Unterzeichner von Resolutionen erlebt, weniger aber als Beter und Büßer. Letzteres überlässt man gern jenen stillen im Lande, über die man in elitärer Arroganz hinweggeht mit der Bemerkung, die hätten sich ja nicht „dialogfähig“ gemacht.

Dieser Dialogprozess, so die Deutsche Bischofskonferenz, soll durch eine „neue“ Aneignung der Konzilsdokumente, insbesondere „Gaudium et spes“ begleitet werden. Dass man ausgerechnet das zeitgebundenste aller Konzilsdokumente, die Erklärung „Gaudium et spes“, seinerzeit von meinen jesuitischen Lehrern auch gern „Gaudium und Spesen“ genannt, besonders hervorhebt, lässt erneut besorgt aufhorchen. Denn in einer Situation, die vom massiven Verdunsten des Glaubens gekennzeichnet ist, hätte man erwartet, dass zur Vertiefung des II. Vaticanums einer der dogmatischen Texte in den Mittelpunkt gestellt würde, zum Beispiel die wichtigste aller Konzilskonstitutionen „Lumen gentium“ mit ihrer an der Tradition orientierten Lehre über die Kirche. Dort hätten die Dialogpartner dann auch einiges über den „religiös gegründeten Gehorsam“ lesen können, die wir den Bischöfen und in besondere Weise dem Papst schulden. Der Hirtenaufgabe unserer Bischöfe hätte eine solche Einschärfung bei den genannten Adressen der Dialogstrukturen in der Tat gut getan und sie vielleicht aus ihrer derzeitigen Rolle als präsidiale Figuren einer aufgeblähten Kirchenbürokratie befreien können.

 

Von den wenigen dogmatischen Äußerungen wie in „Lumen gentium“ abgesehen, versteht sich das II. Vaticanum als „pastorales“ Konzil. Pastoral ist aber im Gegensatz zur „absolut ungeschichtlichen Wahrheit“ (so der Münchener Philosoph Reinhardt Lauth) immer situationsgebunden. Das pastoralste aller Konzilsdokumente ist aber „Gaudium et spes“. Dieser das Verhältnis zwischen Kirche und Welt behandelnde Text hat bereits auf dem Bamberger Katholikentag 1966 einen bedeutenden Kritiker gefunden: den damaligen Theologieprofessor Joseph Ratzinger, unseren jetzt regierenden Heiligen Vater!

„Wie Thomas den Aristoteles getauft habe, so müsse die moderne Geistigkeit getauft, dem Christlichen dienstbar gemacht werden; wie das Mittelalter die weltlichen Energien jener Zeit christlich genutzt habe, so müsse ähnliches auch heute geschehen“, derart verdichtete Ratzinger damals die Aussagen von „Gaudium et spes“. Freilich, so der jetzige Papst, sei auf dem Konzil die Auseinandersetzung um den Optimismus des Glaubens einerseits und dem Fortschritts- Optimismus  der damaligen Zeit „nicht bis zur eigentlicher Tiefe der Fragestellungen vorangetrieben worden“, sondern in der Auseinandersetzung zwischen dem „vordergründlichen“ Gegensatz zwischen kurialer Tradition und moderner Theologie stecken geblieben. Und wörtlich: „Diese Vereinfachung ist zu einem Hauptgrund geistiger Verwirrung geworden, sie führt nicht selten zu einem Missverständnis des Konzils und bedeutet doch zugleich auch den fruchtbaren Auftrag zu einem energischen Ringen um die christliche Spiritualität in der Welt von heute“.
Dies ist nicht der Ort, den tiefgründigen theologischen Überlegungen Ratzingers detailliert nachzugehen. Aber im Ergebnis warnt er vor zu viel Optimismus im Blick auf Welt und Zeit. Und davor, die eigene Gestrigkeit: mit der Unabänderlichkeit des Glaubens zu verwechseln. „Gestrigkeit“: dieses Wort bezieht sich nicht nur auf Positionen aus alter Zeit. Gestrigkeit kann auch in Verharren in gar nicht so weit zurückliegenden Jahren bedeuten. Etwa im Optimismus von Aufbaujahren vor der semitotalitären Umwälzung  von 1968, in einem Optimismus, der den von Ratzinger 1966 immer wieder betonten, im Geschehen am Kreuz liegenden „Skandal“ zu vergessen, den christlicher Glaube allemal ausmacht.

“Gaudium et spes“ wird heutzutage immer nur im Lichte der weiterführenden Erkenntnisse gelesen werden können, die uns der jetzt regierende Theologen-Papst geschenkt hat. Und das heißt nicht „Aneignung“ dieses Textes, sondern, Fortschreibung, Vertiefung, Revision. Warum aber hat uns das die Deutsche Bischofskonferenz nicht in jenem Atemzug gesagt, in dem sie „Gaudium et spes“ zur Leitkultur des angekündigten Dialoges erhoben hat?

Auch Bischöfe sind Menschen. Sie sind von ihrer Zeit geprägt und von der Denkwelt ihrer Ausbilder. Die aber standen in Deutschland noch immer unter dem Einfluss jener Jugendbewegung, von der Joseph Ratzinger in seinem bereits mehrfach herangezogenen Bamberger Vortrag sagte, man habe es „satt“ gehabt, „ob des Christenseins als zurückgeblieben und weltfremd verlacht zu werden“. Dem Skandal des Kreuzes konnte man nicht entrinnen mit jenem Bestreben. Man konnte es damals nicht, und man wird es euch fürderhin nicht können.

Seltsam: Der diesen Kommentar unterschreibt, ist Politiker und hatte sein Leben lang die Aufgabe, Welt zu gestalten. Und die Adressaten sind Bischöfe; ihre Sorge muss es sein, das Heiligtum zu hüten, das zwar in dieser Welt, aber nicht von ihr ist. Auch diese Paradoxie müssen wir aushalten: Ich, der dies schreibt und jene, die es lesen.

Paderborn, 18.10.2010
                                                                                                                      Bernhard Mihm  Stadtrat a.D.