Realismus oder Schwarzmalerei ?

Leserbrief an „Die Tagespost“. Oktober 2012

 

     Ich glaube nicht, daß man die realistische Schilderung der katastrophalen Lage, in der sich die Kirche zur Zeit in Europa und Nordamerika befindet, als „Schwarzmalerei traditionalistischer Unglückspropheten“ bezeichnen kann (vgl. DT vom 13. Oktober S. 2:  „Pilgerreise durch die Wüste“). Es läßt sich doch gar nicht leugnen, daß das kirchliche  Leben nach dem Konzil einen totalen Zusammenbruch erlitten hat mit dem Ergebnis, daß immer mehr Kirchen und Klöster geschlossen oder „umgewidmet“ werden und die Priester in den sich  ausweitenden pastoralen Großräumen ihrer Aufgabe, Seelsorger und vor allem auch Tröster  zu sein,  nicht mehr genügen können.  Kein Mensch kann  bestreiten, daß die Zahl der Gottesdienstbesucher seit der Liturgiereform rapide gesunken ist und sich nunmehr auf einem erbärmlich niedrigen Niveau eingependelt hat. Die hl. Beichte ist, wie dies Prof. Georg May mit Recht genannt hat, zum „verlorenen Sakrament“ geworden, so daß man sich mit der allergrößten Sorge fragen muß, ob tatsächlich alle, die zur hl. Kommunion gehen, dazu disponiert sind. Wie ich selbst immer wieder erfahre, ist von Glaubenswissen bei der jüngeren Generation kaum mehr die Rede  und ohnehin kann man - wenn  die zahlreichen, gleichlautenden Umfragen zutreffen -   nicht mehr davon ausgehen, daß der durchschnittliche Katholik und Gottesdienstbesucher vorbehaltlos dem Credo zustimmt oder auch nur seinen wichtigsten Aussagen ! Die meisten, einstmals selbstverständlichen Frömmigkeitsformen wie Sakramentsandachten, Herz-Jesu und Marienverehrung sind auf weiten Strecken völlig zum Erliegen gekommen und  dieser Niedergang wird  nicht dadurch aufgehalten, daß es gelegentlich lobenswerte Aktionen wie „Nightfever“ oder den Einsatz der „Generation Benedikt“ gibt. Denn einzelne Schwalben machen bekanntlich noch keinen Sommer.

    Natürlich ist es unter diesen Umständen erfreulich, daß der Heilige Vater das „Jahr des Glaubens“ ausgerufen hat. Aber das Problem ist doch, daß die  wenigen, noch verbliebenen Priesteramtskandidaten großenteils eine Ausbildung erfahren, die man ebenfalls nur als katastrophal bezeichnen kann. Darüber hat die DT selber dankenswerterweise ausführlich in ihrer Ausgabe vom 30. Mai 2009 berichtet. Hier kommt Kardinal Brandmüller zum Ergebnis, daß eine nicht geringe Zahl von Neutestamentlern davon überzeugt sei, daß Joseph der Vater Jesu und das leere Grab des Ostermorgens ein Interpretament sei. „Und nach der wesenhaften Gottessohnschaft Jesu Christi befragt, würden nicht wenige ausweichende Antworten geben“, so Brandmüller.  Noch bestürzender ist das, was Prof. Klaus Berger in der gleichen Ausgabe über die historisch-kritische Exegese sagt, der unsere Kandidaten

 ausgesetzt sind. Man wird seine begründeten Zweifel daran haben müssen, daß das Jahr des Glaubens an dieser Misere der Unterweisung und der ihr folgenden   Verkündigung etwas ändern kann. 

    Und was die sorgsame Lektüre der Konzilstexte betrifft, die der eingangs genannte Artikel empfiehlt, so zeigt doch gerade sie den fundamentalen Bruch mit der vorhergehenden Tradition und ich meine, den sollte man endlich ehrlich zugeben statt diejenigen, die diesen Bruch  beim Namen nennen, als „Traditionalisten“ zu brandmarken. Niemals vor dem Konzil hat sich die Kirche für die Religionsfreiheit ausgesprochen, niemals zuvor hat sie es versäumt, den Protestantismus als verderbliche und die Einheit, die in der kath. Kirche nach Aussage aller vorkonziliaren Päpste längst verwirklicht ist, bedrohende Häresie zu verurteilen.  Immer hat sie daran erinnert, daß der Taufbefehl Christi für alle gilt und die anderen Religionen verderbliche Irrtümer enthalten, die man unmöglich chemisch rein von den angeblichen Elementen der Wahrheit trennen kann, die man neuerdings in ihnen preist.

 Gewiß sollen wir als Christen die zweite göttliche Tugend der Hoffnung pflegen, aber es wäre ein selber katastrophales Mißverständnis, sie mit jenem frohgemuten Optimismus zu verwechseln, den man heute so oft in kirchlichen Kreisen trotz der miserablen Lage vorfindet. Nur eine ungeschminkte realistische Lagebeurteilung kann uns weiterhelfen.

Prof. Dr. Walter Hoeres, 60431 Frankfurt am Main