Brief von Stadtrat a.D. Bernhard Mihm an den Bundespräsidenten Dr. theol. Joachim Gauck

 

Sehr geehrter Herr Bundespräsident!

 

Sie waren so aufmerksam, dem Katholikentag die Ehre Ihres Besuchs zu gewähren. Dafür gebührt Ihnen Dank. Im 200. Geburtsjahr Ludwig Windthorsts gehen die Gedanken des geschichtsbewussten Zeitgenossen zurück in die Jahre des Kulturkampfes, in dem sich dieser „größte Parlamentarier in der Geschichte der deutschen Parlamentsgeschichte“  (Golo Mann) zu bewähren hatte. Es ist gut, dass solche Verhältnisse überwunden sind. Sind sie wirklich überwunden? Leben sie nicht vielmehr in verändertem Gewande wieder auf? Eine Passage in Ihrer Mannheimer Rede lässt das leider besorgen.

Sie äußerten nämlich Ihren Wunsch, als evangelischer Christ bei der katholischen  Eucharistiefeier zur hl. Kommunion zugelassen zu werden. Das mag in der Tat Ihr evangelisches Anliegen sein. Aber sie hatten als Bundespräsident das Wort genommen und in genau dieser Eigenschaft stand es Ihnen nicht zu, sich in eine sakramententheologische, sakramentenrechtliche und sakramentenpastorale Frage einzumischen. Und genau solche Einmischung weckt ungute Erinnerungen. Eine solche Einmischung war umso heikler, als es sich um eine Angelegenheit handelt, in der manche selbsternannte katholische Großsprechen meinen, die Lehr- und Hirtenautorität des Papstes in Frage stellen zu können. Auch das illustriert das Illegitime Ihrer ausgesprochenen Aussage.

Ich weiß, dass Sie Ihre genannte Redepassage mit der Bemerkung eingeleitet haben, es handele sich um persönliches Anliegen. Nun haben Sie in Ihrem hohen Amt gewiss zahllose Möglichkeiten, Ihr persönliches Anliegen angemessen anzubringen. Das beim Besuch des Katholikentages in öffentlicher Rede zu tun, war aber nicht angemessen.

Ich bitte um Verständnis für diesen Zwischenruf. Zu ihm sah ich mich aber gezwungen, weil leider die offiziellen Repräsentanten des Katholikentages es nicht vermochten, die entstandene Irritation unmittelbar und vor Ort und öffentlich wirksam auszuräumen.

Ich gestatte mir, Kopien des Schreibens dem Hochwürdigsten Herrn Apostolischen Nuntius, den Hochwürdigsten  Herren Vorsitzenden der Deutschen und der Bayerischen Bischofskonferenzen und dem Generalsekretär des Zentralkomitees der deutschen Katholiken zuzuleiten.

 

In vorzüglicher Hochachtung

 

Bernhard Mihm

Stadtrat a.D.

 

Mai 2012